Forellen, Löwenzahn & Orchideen

Forellen sind sehr empfindliche Fische und gedeihen deshalb nur in wirklich sauberem Wasser. Im Seewasserwerk Lengg im Kanton Zürich werden sie deshalb zusätzlich zu modernsten Testanlagen zur Überprüfung der Wasser-qualität eingesetzt. Die Forellen können die chemisch-technischen Sensoren zwar nicht ersetzen, aber sie decken ein breites Spektrum von Substanzen ab und reagieren auch auf unerwartete Stoffe und dienen somit als eine Art «Bio- sensor». Die selbe Aufgabe erfüllen im zürcherischen Grundwasserwerk Hardhof Kleistkrebse, sogenannte Daphnien.

Ändern Fische oder Daphnien ihr Verhalten bzw. sterben sie, ist mit dem Wasser etwas nicht in Ordnung. Sowas gilt natürlich nicht nur im Wasserwerk, sondern auch in der freien Natur. Ist der Bach verschmutzt, sterben die Forellen.

Aus neoliberaler Sicht würde man sagen; geschieht den doofen Fischen und Krebsen doch recht – wenn die sich nicht behaupten können in einer etwas «schwierigeren» Umgebung, sollen sie doch sterben. Schliesslich gibt es genügend andere Fische, die auch in verschmutzem Gewässer ganz prima leben können (Naja, abgesehen davon, dass diese  – oder spätere Generationen – einfach ein bisschen krank werden und Missbildungen aufweisen…).

Nun gibt es nicht nur unter den Fischen sensiblere und robustere Zeitgenossen, sondern auch unter den Menschen. Immer wieder geisterte der Verdacht eines «Gendefektes» durch die Medien, der dafür verantwortlich sein sollte, dass manche Menschen eine erhöhte Stressempfindlichkeit und dadurch sozusagen eine «genetische Veranlagung für psychische Erkrankungen» aufweisen.

Dem ist aber nicht so. Zum einen stellte sich heraus, dass sensiblere Menschen nicht mit grundsätzlich anderen Genen zur Welt kommen als robustere, sondern dass einige ihrer Gene durch Umwelteinflüsse stärker beeinflussbar sind – und zwar nicht nur im Negativen sondern auch im Positiven. Die süddeutsche Zeitung schreibt dazu:

«Entwicklungspsychologen benutzen deshalb inzwischen eine Metapher aus der Botanik: „Die meisten Kinder sind wie Löwenzahn – sie schlagen überall Wurzeln, halten durch und überleben. Einige sind aber wie Orchideen: zerbrechlich und unbeständig, aber im Treibhaus blühen sie wunderbar auf.»

Der evolutionäre Hintergrund ist wohl, dass wir Erbanlagen haben, die sich flexibel der Welt anpassen, in der wir aufwachsen. Wenn es viel Stress gibt, hilft es, ängstlich und zurückhaltend zu sein; wenn alles dagegen bestens läuft, kann man sich ungefährdet exponieren.
Unkraut wie Löwenzahn gedeiht dagegen weitgehend überall. So kommt man weniger zu Schaden, profitiert aber auch weniger von positiven Umständen.

Die neuen Studien passen somit zu den Hypothesen jener Forscher, die generell nach den evolutionären Ursprüngen psychischer Störungen fragen. «Biologische Veranlagungen, die uns nur zum Nachteil gereichen, hätten dem selektiven Druck der Evolution dauerhaft nicht stand-halten können», vermutet der Würzburger Verhaltensforscher Lesch. „Wir wissen also, dass diese Risikomerkmale, die bei einem erheblichen Teil der Bevölkerung vorkommen, unter bestimmten Bedingungen auch ihre gute Seite haben können. So demonstrierten Studien, dass Menschen mit einer Veran-lagung für Depression geistig leistungsfähiger sind – sie können sich häufig besser konzentrieren, ihr Arbeitsgedächtnis arbeitet effizienter und sie entscheiden reflektierter und gewissenhafter.*

Es wäre dann glaube ich mal ratsam, die steigende Anzahl von Menschen mit psychischen Erkankungen analog der Forellen als eine Art «Biosensoren» für den Zustand der Gesellschaft in der wir leben zu sehen, und nicht als Defekt/Faulheit/Charakterschwäche der Betroffenen. Aber soweit sind wir offenbar noch lange nicht. Die Forellen, die sich «seltsam verhalten» oder mit dem Bauch nach oben im Fluss treiben, das sind (oder waren) halt einfach Verrückte, Schwächlinge, Weicheier, oh und natürlich Simulanten. Und die Wasserqualität, die ist natürlich ausgezeichnet.

*Artikel in der Süddeutschen: Teil 1 und Teil 2