Kultur des Wegschauens

Schlusssatz aus dem Tagi-Artikel über das Behindertenheim in Niderbipp, in dem schwerbehinderte Menschen misshandelt wurden: «Eine Nachbarin beobachtet die Szene. Man habe schon ab und zu gesehen, dass die Menschen im Haus Tobias geschlagen worden seien, sagt sie und fügt an: Vielleicht wäre es angebracht gewesen, früher zu intervenieren».

(…?)

Und wer denkt, die geschilderten Zustände im betreffenden Heim seien ein bedauerlicher Einzelfall, der lese den Bericht im Beobachter «ich bin dumm, ich gebärde»: Bis Ende der achtziger Jahre (!) wurden Gehörlose von Lehrern geschlagen und schikaniert – weil sie die Gebärdensprache benutzten.

Kürzlich irgendwo gelesen: «Wir sind die Neandertaler von morgen». Heute entschuldigt man sich beispielsweise dafür, wie man früher Verdingkinder behandelt hat. Und heute schauen wir wieder weg, weil sich ja dann einst spätere Generationen für unser Wegschauen und unser Fehlverhalten anderen (Schwächeren/Minderheiten) gegenüber entschuldigen können…? Wie praktisch.

3 Gedanken zu „Kultur des Wegschauens

  1. „Heute entschuldigt man sich beispielsweise dafür, wie man früher Verdingkinder behandelt hat.“

    Es ist eben einfach(er) sich für andere zu entschuldigen, wenn man selbst nicht direkt an den Untaten mitbeteiligt war und sich deshalb nicht persönlich verantworten muss. Deshalb wird ja die Aufklärung gewisser Taten solange auf die lange Bank geschoben, bis die Verantwortlichen aus dem Schussfeld sind.

  2. Dass die sich Determinierung von Randgruppen über Jahrzente ändert, ändert den sadistischen, politisch wie ökonomisch portierten Mechanismus leider nicht. Und wenn über die selben Jahrzenten bis heute die selben selbstberuhigenden Sprüche wie „Uns geht’s ja soooo gut in der Schweiz“ daher kommen als ob sie genetisch verankert wären, wird sich die Haltung des „Nicht Hinschauen wollens“ nicht ändern. Die Schweizer Bevölkerung sollte sich dringend über die Unangenehmen Tatsachen, die sie im Nichtwissen befürwortet klar werden. Der einzelne Schweizer Bürger kann morgen schon selbst betroffen sein.

  3. @NS

    „Der einzelne Schweizer Bürger kann morgen schon selbst betroffen sein.“

    Diese Feststellung ist richtig. Die heutige Politik, ganze Gruppen über die Pönalisierung zu diskriminieren, führt zu immer mehr, und immer grösseren Randgruppen. Heute ist wirklich keiner mehr sicher, sich nicht schon morgen oder übermorgen in einer oder mehreren (neu geschaffenen) Randgruppen zu befinden, das in irgend einer Weise bedrängt und abgezockt wird. Das wissen auch unsere Politiker, weshalb sie mit verklausulierten und irreführenden Communiques, so wie manipulierten Statistiken (das beste Beispiel ist ja die letzte Raucherstatistik, wo Burkhalter seinen „Erfolg gegen den blauen Dunst“ dem entfernen der grössten Rauchergruppe, also den über 64jährigen , aus der Statistik verdankt) laufend das Volk über den wahren Sachverhalt irreführt. [Teil des Kommentars gelöscht, weil themenfremd]

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