Haben Sie Angst vor dem Volk?

«Wenn Sie beginnen, Waffen einzusammeln, dann heisst das, Sie haben Angst vor dem Volk», sagte die Luzerner SVP-Nationalrätin Yvette Estermann kürzlich in den Medien. (Bezeichnend wiedermal wie Yvette Estermann SVP-konfrom waffentragende Schweizer Männer mit «dem Volk» gleichsetzt, aber das nur am Rande) Und Ja, ich finde ein leises Gruseln vor «dem Volk» angesichts solcher Bilder durchaus angebracht:

(CVP-Nationalrat Jakob Büchler in der Sonntagszeitung)

Bis jetzt habe ich noch kein einziges überzeugendes Argument gehört oder gelesen, das für die Aufbewahrung der Armeewaffen in Privathaushalten spricht – aber jede Menge Argumente dagegen. Besonders überzeugende beispielsweise von Annabelle-Redakteurin Helen Aecherli in ihrem Artikel «Killerargumente»: «Während meiner Recherchen habe ich viele Frauen getroffen, die mit einer Ordonnanzwaffe, einer Sportwaffe, die oft mal eine Ordonnanzwaffe war, oder einer Jagdwaffe bedroht worden sind. Und zwar nicht von Ausländern, sondern von waschechten Schweizer Partnern. Aus Scham kam es in den wenigsten Fällen zu einer Anzeige.»

Als grosse Ausnahme unter den SVP-Politikern spricht sich auch This Jenny aus ebendiesen Gründen für die Initiative zum Schutz vor Waffengewalt aus: «Ich habe als Kind die Androhung von Waffengewalt erlebt.» Zwar nicht im eigenen Elternhaus, aber bei Freunden, wo This Jenny viel Zeit verbrachte. Zu sehen, wie Mutter und Kinder vom Vater mehrmals mit einer Ordonnanzwaffe bedroht wurden, habe ihn geprägt. «Wenn Kinder in einen Gewehrlauf schauen und Angst haben müssen, sind sie traumatisiert.»

Ich kann mir nicht verkneifen, an dieser Stelle den frommen Wunsch auszu-sprechen, dass irgendjemand Herrn Jenny mal eine psychiatrischen Klinik von innen zeigt, vielleicht ändert die persönliche Erfahrung dann auch seine Sicht auf das Thema «psychische Krankheiten». Scheint ja so ein SVP-Ding zu sein; sobald man selbst von irgendwas betroffen ist, z.B. schwer erkrankt oder gute Erfahrungen mit Komplementärmedizin gemacht hat, sieht man die Dinge 180 Grad anders. Aber keine Sekunde vorher. Und Erfahrungen von andern zählen nichts. Nur die eigenen.

Aber zurück zum Thema. Erwähnenswert scheint mir noch ein «Argument» von Herrn Freysinger; er sagt im 20 Minuten: «Ein pflichtbewusster Milizsoldat muss seine Waffe zur Hand haben, um sich im Ernstfall schützen zu können». Es ist immer wieder bezeichnend, wie wenig sich gerade diejenigen aus der «Zucht- und Ordnung-Partei« um demokratische beschlossene Gesetze scheren, wenn ihnen diese nicht in den Kram passen: Wer nämlich die abgegebene Taschenmunition nicht an die Armee zurückgibt, macht sich strafbar

Eine Armeewaffe ohne Taschenmunition (die seit dem Bundesratsbeschluss 2007 nicht mehr abgegeben wird) ist verteidigungstechnisch also in etwa so nützlich wie ein Baseballschläger.

Zwar ist es, soweit ich weiss (weiss es jemand genauer?), wohl kein Problem, sich einfach ganz legal Munition zu kaufen (Strafregisterauszug und Identitäts-ausweis genügt). Was dann damit aufs Schönste aufzeigt, warum der Verzicht auf die Abgabe von Taschenmunition alleine eben nur eine Alibiübung darstellt.

Gerdazu respektlos muten auch jene Kommentare an, die feststellen, «dass ja nur eine geringe Anzahl der Gewalttaten mit Armeewaffen verübt würden». Würden diejenigen gleich urteilen, wäre die 16 jährigen Francesca, die im November 2007 am Hönggerberg in Zürich ermordet wurde, die eigene Tochter gewesen?

Hönggerberg, 29. November 2007

Und nein, das «der Mörder war ein Freak, der nach heutigen Massstäben gar keine Waffe mehr tragen dürfte-Argument», zählt auch nicht. Denn sowohl der Kadermann der ZKB, der im Sommer 2004 zwei Familienväter und schliesslich sich selbst tötete, sowie der Ehemann und Mörder von Corinne Rey-Bellet wären vor ihrer Tat wohl kaum als «gefährlich» eingestuft worden.

Genausowenig wie wohl die meisten derjenigen Männer, die ihre Partnerinnen zu Hause mit der Armeewaffe bedrohen. So einfach ist das nicht mit dem schwarz oder weiss. Perfekter Ehemann und Vater oder potentieller Mörder. Die Linie dazwischen kann ganz dünn sein. Und es zählen nicht nur die Fälle, an deren Ende es tatsächlich zum Äussersten kommt, sondern auch all die versteckten Machtausübungen und Drohungen.

Ein Volk, von dem ein nicht unbeträchlicher Anteil der (vor allem) männlichen Mitglieder in eine Art kollektive Neurose zu verfallen droht, sollte man ihnen das offenbar untrennbar mit ihrem Selbstverständnis verbundene Recht entziehen, ihre Armeewaffe im Kleiderschrank aufzubewaren und damit ab und zu ein bisschen rumzuspielen oder posieren macht mir in der Tat ein bisschen Angst.

Ein Gedanke zu „Haben Sie Angst vor dem Volk?

  1. Danke für diesen Post – ich kann nur zustimmen.
    Munition wird bei jedem Obligatorischen verkauft (60 Rappen pro Patrone ist der aktuelle Preis, wenn ich mich nicht irre). Gekauft werden können so viele »Probeschüsse« wie man will, das einzige Fähigkeitszeugnis, das man braucht, ist ein Dienstbüchlein. Es ist aber nicht unüblich, dass das Obligatorische nicht von den Inhabern der Dienstbüchlein geschossen werden – d.h. de facto kann jeder Munition kaufen.
    Es wird nie überprüft, ob man die Munition auch verschossen hat – man könnte sie problemlos nach Hause nehmen.
    Zudem ist tausende (die genaue Zahl habe ich nicht im Kopf) der abgegebenen Munitionspackungen nie gefunden worden – werden also immer noch mit den Waffen im gleichen Haushalt gelagert.
    (Und wie verstörend der drohende Waffenentzug für die Kollektivneurotiker wirkt, kann man in den Kommentaren zu meinem Blogpost nachlesen: http://philippe-wampfler.com/2011/01/08/der-gipfel-der-idiotie-ein-blick-auf-die-argumente-zur-waffeninitiative/
    Ich würde davon aber abraten…)

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