Leser fragen Peter Schneider

Die Kategorie Leser fragen Peter Schneider in der der Psychoanalytiker  jede Woche Fragen zur Philosophie und Psychoanalyse des Alltagslebens beantwortet, ist wohl mit Abstand das lesenswerteste auf dem von Klickraten gesteuerten immer weiter in den Niveau- und Substanzlosen Niederungen des Boulevard versinkenden Tagesanzeiger/Newsnetz.

Die Antwort auf die Frage «Soll ich mein Kind ins Frühchinesich schicken?» ist mal wieder ein ganz wunderbares Kleinod – ein Auszug: «Dieselben Eltern, denen ihre Privatkrippe nicht frühenglisch und -chinesisch genug sein kann, überkommt das nackte Grauen angesichts der real existierenden Polyglottie, die in den öffentlichen Kindergärten herrscht. Wenn die SVP Sprachtests für Einwanderer und Mundart im Kindergarten fordert, dann geht es natürlich nicht darum, Manager wie Brady Dougan künftig schon an der Grenze abweisen zu können und die Kinder von Joseph Jimenez auf ein gepflegtes Baseldytsch zu verpflichten, sondern darum, die einheimischen Underdogs gegen die fremdländischen in Stellung zu bringen. Jene, die zum Beispiel auch nicht viel besser Englisch können als die Einwanderer Deutsch. Und darum davon träumen, dass, wenn man die deutschen Professoren endlich hinausgeekelt hat, vielleicht doch noch Walliserdeutsch endlich Weltwissenschaftssprache wird.»

Auch der Artikel zum Thema Spenden von kurz vor Weihnachten hält einiges an Überlegenswertem bereit:

(…)«Grosses Herz für kleine Kinder», titelte der «SonntagsBlick» zum letzten Kispi-Ball; «20 Minuten» wusste zu berichten, dass Xenia Tchoumitcheva für diesen Anlass immerhin «eigens von New York eingeflogen» sei.

(…)Ich gönne dem Spital jeden Franken, aber ich zucke doch zusammen, wenn ich höre, es habe diese Summe «dringend nötig». Vermutlich war das ja nur freundlich anerkennend dahergesagt. Aber allein die Vorstellung, der Betrieb eines öffentliches Spitals – in Zürich und nicht in Lambarene! – könnte auch nur zu einem kleinen Teil von der «Spendierlaune» der üblichen Verdächtigen aus Prominenz und Wirtschaft und Showbiz abhängig sein, müsste doch für politische Empörung sorgen. Tut es aber nicht. Offenbar findet man es inzwischen nicht mehr an und für sich skandalös, dass traditionelle Aufgaben der öffentlichen Hand mehr und mehr in die Hände privater Wohltätigkeit übergehen könnten.

(…)Über 16 000 IV-Renten sollen in den nächsten Jahren gestrichen werden. Werden für die Folgen dieser Aktion genügend Xenia Tchoumitchevas eingeflogen werden können?