Kritik an der Kritik an IV-Gutachten

Die «Schweizer Versicherung» ist laut deren Eigendeklaration «eine monatliche Fachzeitschrift für Versicherungsfachleute,  Spezialisten der beruflichen Vorsorge und Vermögensanlage sowie Investitionsverantwortliche von Pensionskassen und an Personalverantwortliche in Unternehmen».

In der Ausgabe vom 30.12.2010 äussert sich David Weiss* arrogant bis herablassend zum Rechtsgutachten über die parteiische Gutachterpraxis der IV von Staatsrechtsprofessor Jörg Paul Müller:

«(…)Schliesslich müsste die medizinische Fehleinschätzung auch noch so verpackt werden, dass selbst fachkundige Mediziner die Manipulation nicht als solche entlarven können.»

Ich bin mir sicher, Herr Weiss weiss ganz genau, dass vor (Bundes-)Gericht den MEDAS/ABI-Gutachten regelmässig absoluter Beweiswert zugestanden, den Gutachten des behandelnden Arztes jedoch ebenso regelmässig «Voreinge-nommenheit» unterstellt wird. An welche Instanz soll sich also jemand genau wenden, um allfällige «Manipulationen» zu entlarven?

Und weiter:

«(…)Berechtigte und konstruktive Kritik, die dazu anregt, etablierte Abklärungsabläufe zu überdenken, ist in sich ständig verbessernden Organisationen willkommen. Das Parteigutachten leistet dazu keinen Beitrag und birgt die Gefahr in sich, einen Vertrauens- und Akzeptanzverlust der Gutachterstellen zu bewirken.»

Den Vertrauens- und Akzeptanzverlust der Gutachterstellen haben diese und deren Auftraggeberin die Invalidenversicherung sich aber mal ganz schön selbst zuzuschreiben. Insbesondere wenn Gutachterinstitute wie das ABI in Basel nachweislich über Jahre hinweg Gutachten zu Gunsten der IV abänderten, und trotzdem weiterhin Gutachteraufträge der IV bekommen.

Ganzer Artikel: «Unter Dauerbeschuss» (in absolut unzumutbarem Layout).

* David Weiss ist Jurist und Direktionsmitglied bei den Zürich Versicherungen und Lobbyist in der Berner Wandelhalle (Gästeausweis für das Bundeshaus durch SVP-Nationalrat Christian Miesch).

14 Gedanken zu „Kritik an der Kritik an IV-Gutachten

  1. Hier der Artikel von David Weiss: http://www.schweizerversicherung.ch/de/artikelanzeige/artikelanzeige.asp?pkBerichtNr=182612

    Nun, die Versicherungswirtschaft blüht unter anderem auch dank den um die 50 Lobysten aus der Versicherungsbranche in Bundesbern (ich zähle die Krankenkassenvertreter dazu) . Und mit den Prämien der Versicherungsnehmern kann man natürlich schon jeden Schreiberling zu Wort kommen lassen da man ja weiss, dass solche Heftchen zumindest im BSV gerne gelesen werden. Viel studieren brauchen die Bundesbeamten dabei nicht, denn kontroverse Meinungen die zum nachdenken anregen, werden in solchen Lobystenheftchen bekanntlich nicht abgedruckt. (Ich befürchte, dass ein Lobystenheftchen, von Behinderten herausgegeben, den Horizont dieser BSV-Beamten übersteigen dürfte).

  2. @ Cristiano Safado

    Was die Lobbyisten betrifft – ich habe den Artikel oben noch durch folgenden Zusatz ergänzt:
    David Weiss ist Jurist und Direktionsmitglied bei den Zürich Versicherungen und Lobbyist in der Berner Wandelhalle (Gästeausweis für das Bundeshaus durch SVP-Nationalrat Christian Miesch)

  3. Besten Dank für die offene und ehrliche Rückmeldung.
    In der Diskussion der Publikation wird die Frage des Beweiswertes von Gutachten des behandelnden Arztes aufgeworfen. Das EVG hat dazu in I 506/00 vom 13, Juni 2001, Erw. 2b) ausgeführt: „Es trifft zu, dass die behandelnden Aerzte grundsätzlich nicht mit der Erstattung von Gutachten betraut werden sollten. Denn der Behandlungsauftrag einerseits, der Gutachtensauftrag anderseits, sind wesensmässig zwei verschiedene Dinge, die miteinander in Konflikt geraten können. Die Pflichten eines Sachverständigen lassen sich nicht mit dem besonderen Vertrauensverhältnis, das dem Behandlungsvertrag mit dem Patienten eigentümlich ist, vereinbaren.“

  4. Im Standardwerk für die ärztlichen Gutachten hat der Arzt Fredenhagen sinngemäss ausgeführt, als behandelnder Arzt solle man in der Regel keine Gutachten abgeben. Gegenüber den eigenen Patienten sei man befangen und in der Beurteilung der eigenen Behandlungsergebnisse meistens auch nicht frei (vgl. Hermann Fredenhagen, Das ärztliche Gutachten, 4. Auflage, Seite 18).

  5. @ David Weiss
    Vielen Dank für Ihre Kommentare – Könnten Sie vielleicht auch erklären, mit welchen Mitteln Betroffene aus ihrer Sicht «allfällige Manipulationen» seitens des Gutachters beweisen können? Im Falle der IV fanden ja seitens des ABI tatsächlich Manipulationen im grossen Stile statt, wie auch das Bundesverwaltungsgericht schliesslich nach Jahren (!) dieser Praxis feststellte.
    https://ivinfo.wordpress.com/2010/09/29/abi-anderte-nachweislich-gutachten-ab-und-erhalt-weiter-auftrage-der-iv/

    (Und viele Betroffene können sich kein eigenes unabhängiges Gegengutachten leisten).

  6. @Mia In BGE 125 V 351, 352, Erw. 3a) gibt es einen Kriterienkatalog für Arztberichte: Umfassend für die streitigen Belange, beruht auf allseitigen Untersuchungen, berücksichtigt die geklagten Beschwerden, ist in Kenntnis der Vorakten erstellt worden, die Beurteilung der medizinischen Situation un der medizinischen Zusammenhänge muss einleuchtend sein, die Schlussfolgerungen begründet. Wo Unklarheiten bestehen, ggf. objektiv und sachlich bleiben, beim Auftraggeber Ergänzungsfragen stellen und um Erläuterung bitten.

  7. @David Weiss

    Behinderte haben kaum die Kraft oder die Mittel, diesem Fragenkatalog nachzugehen, den Sie hier korrekt zusammenfasst haben.

    Nehmen die Behinderten nach dem Erhalt des Gutachtens externe Hilfe an, so werden sie zum Abwarten auf die Verfügung veranlasst.

    Ein Jurist wird nicht vor der Vorverfügung aktiv werden können, weil eine detailliertes Eingehen auf das Gutachten viel zu viel Zeit beanspruchen würde, die Rechtschutzversicherung bezahlt keinen Franken um ein medizinisches Gutachten vor IV-Verfügung abzuklären, um dabei zu helfen Verfahrensmängel bei der MEDAS oder der IV aufzudecken.
    Um auf diese im professionellen Stil ausgefertigten Gutachten vorzugehen, ist gleichzeitig juristisches und medizinisches Wissen notwendig, entsprechend muss die Antwort verfasst werden.

    Die IV gewichtet ein MEDAS-Gutachten entsprechend dem Gewicht, welches diesen Instituten das Bundesgericht zugebilligt hat. Der Fragekatalog den Sie erwähnen muss also schon sehr gewichtige Indizien enthalten, dass die RAD-Ärzte eine Nachuntersuchung verlangen.

    Auf die Verfahren des Gutachtens kann aber gemäss geltendem Recht die Behörde nur zwischen Gutachten und Vorverfügung eingehen. Bei Erlass der Vorverfügung, kann der Betroffene aber nur noch auf den zusammenfassenden Verfügungstext der IV eingehen, somit gerät die MEDAS aus der ‚Schusslinie‘.

    Daraus folgert, dass immer mehr Fälle vor Gericht gegen die IV ausgetragen werden müssen. Egal ob der Explorand der Gutachter danach Recht erhält oder nicht, es verstreicht mindestens 1 Jahr bis die Gerichte entscheiden. Dieser Nachteil kann nicht mehr geheilt werden, so entsteht für den Vericherten auf jeden Fall ein Schaden, zum Beispiel muss er wegen Geldmangel zum Sozialamt, oder die ALK fordert Arbeitsbemühungen, die der Betroffene nicht zu erbringen in der Lage ist. Auf jeden Fall aber entsteht ein immaterieller Schaden, eine extreme psychische Belastung des Betroffenen. Die ist eine zentrales Argument des Staatsrechtsprofessor Jörg Paul Müller, ich gebe ihm hier uneingeschränkt Recht.

    Um Ihnen aufzuzeigen wie aufwändig eine sachgerchte Antwort auf ein MEDAS-Gutachten ist: Exemplarisch hier ein Detail aus einer Antwort an die IV (vor der Verfügung) gegen ein ABI-Gutachten: Das 25 Seiten starke Gutachten provozierte im Fall eines Exploranden, dem Symptomausweitung und regressives Verhalten vorgeworfen wurde, eine 65 Seiten starke Gegenexpertise, verfasst von einem Experten, der gleichzeitig mehrere akademische Titel besitzt. Der Explorand hätte diese Expertise niemals selbst ausfertigen können. Der Arbeitsaufand des Experten dazu: 300 Stunden, schon beinahe dem Verfassen einer Disertation entsprechend. Hätte der Explorand diese Arbeit bezahlen müssen, so hätte ihn dies 60’000 sFr. gekostet. Man muss also schon sehr gut begütert sein, sowie ein umfangreiches intaktes soziales Netzwerk verfügen, um die IV dazu zu bringen einen Fall zwischen Gutachten und Vefügung nachzubearbeiten.
    Aber nur in diesem Fall entsteht der MEDAS ein Aufwand, sich rechtfertigen zu müssen, allenfalls zu korrigieren.

    Was der Staatsrechtsprofessor Jörg Paul Müller noch nicht einmal aufgezeigt hat, die MEDAS erhalten durch die hohe Gewichtung durch das Bundesgericht einen Schutz, der ihnen zumeinst Kosten für Nachuntersuchungen oder Berichtigungen ihrer Thesen erspart. Umgekehrt muss der Betroffene u. U. Beleidigungen und Verleumdungen durch die Gutachter über sich ergehen lassen, ohne etwas dagegen tun zu können. Im letzeren Fall muss der Betroffene über sehr hohe Kenntnisse im Beriche des Strafrechts besitzen, da ansonsten die Termine ‚verjähren‘.

    Leider weiss ich, dass die MEDAS heute immer mehr im Graubereich zwischen Medizin und Strafrecht urteilen, sie ein gewisses Mass an Machtarroganz entwickelt haben, eine Arroganz für die sie offensichtlich kaum je bestraft werden. Die Analyse des MEDAS-Gutachtens im oben erwähnten Fall hat aufgezeigt, die Durchführung der Untersuchung war nicht auf den Fall zugeschnitten. Offensichtlich findet bei den MEDAS eine Kostenstraffung statt, die diese durch eine bestimmte Strukturierung der Gutachten kompensieren. Die Struktur der Gutachten ist eindeutig darauf ausgerichtet, der MEDAS gleichzeitig Kosten zu ersparen, und der IV Kostenvorteile zu erbringen. Die MEDAS verwenden vor allem soziale Hintergründe der Versicherten, um Theorien zu Tatsachen zu verdichten, die gegen die Exploranden sprechen. Solche Hinweise könen praktisch bei Jedem gefunden werden.

    Eine Untersuchung der SUVA hat gezeigt, dass etwa die Hälfte dieser Gutachten von mangelhafter Qualität sei.

    In Erfahrung glaube ich inzwischen auch, dass ein Anteil dieser Gutachten Hypothesen aus dem sozialen Bereich zu Tatsachen medizinischer Art verdichten, die in Wirklichkeit keiner genauen Überprüfung stand halten können, bei Beweiserhebung im Lichte des Strafrechts (nich das der Sozialversicherung) gar tendenziell strafrechtlich relevante Aussagen enthalten.

  8. @ Andres Müller, vielen Dank für Ihre ausführliche Darstellung der Medas-Problematik. Haben Sie vielleicht einen Link zur Hand zur erwähnten Untersuchung der SUVA über die mangelhafte Qualität der Gutachten?

  9. Diese Untersuchung wurde bereits 2006 veranlasst. Hier eine Zusammenfassung:
    http://www.saez.ch/pdf_d/2006/2006-23/2006-23-503.PDF

    Inzwischen dürfte die Qualität der Gutachten weiter abgenommen haben. Aus meiner Sicht ein Resultat der politischen Stimmungslage und der damit verbunden Aufwertung der MEDAS, die inzwischen den Status einer staatlich sanktionierten IV-Säuberungsmaschine erreicht haben. Die Gutachter können inzwischen Personen fast uneingeschränkt in ihrer Würde redzieren. Hierzu haben die Gutachter spezielle Formulierungen zu Verfügung, zum Beispiel ‚bewusstseinsnahe‘ Symptomausweitung. Solche Formulierungen gestatten es ihnen, sich in einer Grauzone zwischen Strafrecht und Medizin zu bewegen, ohne Folgen riskieren zu müssen.

    Selbst Spital-Ärzte erzittern heute vor dem Urteil der MEDAS-Gutachter, sich dagegen zu stellen heisst, u.U. seine Laufbahn zu gefährden. Dies betrifft vor allem Krankheiten deren Objektivierbarkeit schwierig ist, und wo die Folgen für die Betroffenen schwierig abzuschätzen sind. Werden in solchen Fällen Spitalärzte mit MEDAS-Gutachten konfrontiert, erfolgt zumeist ein gewisses ‚Abtauchen‘ gegenüber dem Patienten.

    Die MEDAS stellen sich im Trend der Zeit vorwiegend gegen die Betroffenen und scheuen sich nicht, selbst Spitalausttrittsberichte in ihrem Gutachten zu manipulieren und die Bedeutung von Sätzen in der Logik umzukehren.

    Selbst objektivierbare Krankheiten werden in ihrer Bedeutung für die Betroffenen bagatellisiert, das Ausmass der empfundenen Beschwerden so zu reduzieren versucht, dass Überwindbarkeit angenommen wird.

    Um dies zu erreichen werden Vorberichte nach für den Betroffenen unvorteilhaften Darstellungen ‚abgescannt‘, während für den Betroffenen sprachende Ausagen entweder ausgeblendet oder ihrer Bedeutung entleert werden.

    Zumindest habe ich dies selbst exemplarisch feststellen müssen.

  10. @all ich muss denen beipflichten die die Praktiken der MEDAS kritisieren auch kenne jemand der diese erfahrung gemacht hat und da fRage ich mich hatte es bürgeliche Ärzte darunter oder bestehen sie nur aus dem Bürgelichen Lager dann finde ich ist das Volksbetrug und ein Skandal dass der Fehler beider MEDAS vertuscht wird ist ja leider nichts neues stecken mit der Bürgelichen unter einer Decke

  11. Ein Patient übt harsche Kritik an den MEDAS Fachärzten und wirft ihnen vor:

    Die Atteste seien «nicht auf der Basis ausgewiesener Fakten» zustande gekommen sondern vermutlich auf Grund «Vorgaben der Zürich Versicherung». Den Mediziner, unterstellt er «diffuses Gemenge von Hypothesen, die nicht in einen Untersuchungsbefund gehören, und die auch nicht zutreffen» und die potenziell ehrenrührigen Vorwürfe (…) könne er bei dieser ungewöhnlichen Aktion auch nicht einordnen (…), er müsse zur Kenntnis nehmen, dass die MEDAS keine medizinischen Begründungen für die im Gutachten genannten Ergebnisse habe.»
    BLO£G:
    http://medasleaksnews.blogspot.com/p/forensik-medas-gutachten.html

  12. Wenn ich RAD, ABI und MEDAS höre, fallen mir immer die deutschen Kassenärzte und Fernkursmediziner ein. Herrlich die Einträge, wenn man genügend Zeit hat, danach zu googeln.

    Merke Dir: Lass keinen solchen Arzt an Dich heran, ohne dass Du vorgehend ein Zimmer bei Dignitas bestellt hast. Mehr als IV-Papierli ausfüllen können die nämlich nicht.

  13. PS: Es gibt noch solche die neben ihren med. Abklärungsstellen Beizen betreiben, z.B. in Basel. Sozusagen als sicheres Standbein, wenn mal etwas in die Hosen geht.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.