Das seltsame Verständnis von Pro Infirmis für Gleichstellung

In Deutschland sieht man die Sache folgendermassen: «Ein Behinderten-parkplatz ist eine spezielle Parkmöglichkeit für behinderte Menschen. Er ist eine (von vielen) Massnahmen zum Ausgleich von Nachteilen, die Behinderte haben». Die spezielle Parkkarte für Behindertenparkplätze erlaubt auch das Parkieren auf normalen Parkplätzen – und zwar umsonst.

In Aarau sieht man es folgendermassen: «Wer als Behinderter länger als 2,5 Stunden parkieren will (Parkzeitbegrenzung auf Behindertenparkplätzen in Aarau, in Deutschland sind es 24 Stunden), soll gefälligst die öffentlichen Parkplätze benutzen und dafür bezahlen. Dieser Meinung sind nicht nur das aargauische Stadtbauamt und die Stadtpolizei sondern auch der Sprecher von Pro Infirmis Mark Zumbühl, der von der Aargauer Zeitung folgendermassen zitiert wird: «Man kann als behinderter Mensch nicht erwarten, dass man nichts zahlt für einen Parkplatz. Das wäre nicht zu Ende gedachte Gleichstellung. Falls es aber die finanzielle Situation eines Rollstuhlfahrers nicht zulassen würde, einen Parkplatz zu bezahlen, müsste er bei einer zuständigen Stelle Erlass beantragen.»

Man könnte ja nun annehmen hoffen, dass es bei der Pro Infirmis auch den einen oder anderen Rollstuhlfahrer unter den Mitarbeitenden oder in der Geschäftsleitung gibt, der Herr Zumbühl mal erklären könnte, worin der tiefere Sinn von speziellen Behindertenparkplätzen liegt. Dass nämlich Rollstuhl-fahrerInnen zum Ein- und Aussteigen eine Türbreite Abstand zur Wand, zum Bordstein oder zum nächsten Auto benötigen und Behindertenparkplätze deshalb in der Regel breiter sind als reguläre Abstellplätze. Und dass Geh- behinderte oder Rollstuhlfahrer oftmals nicht einfach beliebig weite Distanzen zurücklegen können.

Ausserdem scheint es Herr Zumbühl offenbar auch nicht bekannt zu sein, dass der öffentliche Verkehr in der Schweiz noch alles andere als barrierefrei ist. Mobilitäts-Behinderte also nicht frei entscheiden können, ob sie nun lieber mit dem Bus oder dem Auto in die Stadt fahren möchten.

Und und zu guter Letzt vervollständigt der Hinweis, dass «Behinderte, die sich den Parkpatz eben nicht leisten können, doch bei den zuständigen Stellen um Erlasse bitten betteln sollen» mal wieder das von der pro Infirmis zur Spenden-generierung fleissig bewirtschaftete Bild der armen unselbständigen Behin-derten als Bittsteller und Almosenempfänger.

Hallo, Pro Infirmis? Diese parternalistische Haltung Behinderten gegenüber ist einfach nicht mehr angebracht. Wir sind nicht mehr im 19. sondern mittlerweile im 21. Jahrhundert. Einfach so als Hinweis, falls das irgendwie an den Büros der Pro Infirmis vorbeigegangen sein sollte…

Und eigentlich dachte ich, dass Behindertenorganisationen dazu da sind, sich für die Belange von Behinderten einzusetzen und nicht, sich gegen die Betroffenen zu wenden.

Oder hat da die Aargauer Zeitung in ihrem Artikel über den Rollstuhlfahrer Nicolas Hausammann und die Aargauer Behindertenparkplatzpolitik den Pro Infirmis-Sprecher Mark Zumbühl einfach nur falsch zitiert?

Wollen wir’s mal hoffen.

7 Gedanken zu „Das seltsame Verständnis von Pro Infirmis für Gleichstellung

  1. Meine Erfahrungen zur Anfangszeit meiner Erkrankung haben mir gelehrt, selbstständig und ohne Behindertenorganisationen und Fürsorge (letzteres geht nicht immer) auszukommn. Ich bin damit sehr gut gefahren!

    P.S.: „Diese parternalistische Haltung Behinderten gegenüber ist einfach nicht mehr angebracht.“ Diesen Satz sollten sich noch andere (Behinderten)Organisationen (inkl. BSV) hinter die Ohren schreiben!

  2. ….. menschen mit entsprechenden behinderungen brauchen angepasste möglichkeiten (breitere parkplätze, näher zu eingängen, etc.) um ihre autos parken zu können, dem stimme ich vollumfänglich zu, doch bin ich auch der ansicht, dass solche parkmöglichkeiten, so sie denn in einer umgebung sind wo parkieren kostenpflichtig ist, auch kostenpflichtig für den benutzer sein sollen…..
    ….. das ist für mich gleichstellung…..

  3. Diese sehr sehr schweizerische Vorstellung von Gleichstellung werde ich wohl nie verstehen: Gleichstellung ist vor allem dann, wenn Behinderte gleichviel bezahlen wie Gesunde. Und dass dieses Bild auch noch von Behindertenorganisationen hochgehalten wird, finde ich wirklich skandalös.
    Aber gleiche Möglichkeiten in Schule, Ausbildung, Beruf, Mobiliät, barrierefreier Zugang, barrierefreier Wohungsbau u.s.w. das ist alles irrelevant. Gleichstellung heisst: gleich viel bezahlen für viel weniger Möglichkeiten. Das ist echt ein völlig irrer Ansatz, wie er wirklich nur in der Schweiz aufrrecht erhalten werden kann.

    Ganz nach dem Motto: selbst schuld, wer behindert ist. Schliesslich müssen alle die Laufen können ja auch für den Parkplatz bezahlen, das wäre ja UNGERECHT, wenn die Behinderten einen VORTEIL hätten. Wer findet, er wäre lieber behindert als gesund, nur damit er gratis parken darf, hat echt ein Problem.
    Aber der Schweizer an sich findet ja auch, dass eine IV-Rente etwas beneidenswertes sei (weil er nämlich immer «vergisst» dass zum Bezug einer solchen auch noch eine Behinderung/Krankheit dazu gehört).
    Meine Güte, ein Volk, dass auf Behinderte und Kranke neidisch ist, hat echt nicht mehr alle Tassen im Schrank.

  4. ….. du willst, so gleube ich, mich missverstehen…..

    ….. ich sagte, dass die öffentliche hand möglichst alles unternehmen muss, dass behinderte gleiche chancen haben, dies soll aber nicht dazu führen, dass man sie dann aber von pflichten befreit…..
    ….. im speziellen fall gebührenpflichte parkplätze heisst dies nun mal, dass auch für behindertenparkplätze die volle gebühr zu entrichten ist, die öffentliche hand ist aber darum bestrebt, dass behindertengerechtes parken überhaupt möglich ist, dies durch entsprechnde signalisierung und durch entsprechende massnahmen…..

    ….. absolute chancengleichheit ist aber leider eine utopie, welche schon auch nicht zwischen nicht-behinderten menschen funktioniert, sprich leider entscheiden, auch in der schweiz, die finanziellen möglichkeiten oft auch über bildung und beruf…..

    ….. und, ja, man kann es als missstand sehen, dass bezüger von IV-renten eher bemitleidet werden, denn dass man sie versucht zu integrieren…..
    ….. ich bin mit ein paar stellenprozenten in der sozialarbeit tätig und habe leider aber sehr oft sehen müssen, dass es bezüger von IV-renten gibt, die sich nicht mehr integrieren wollen, ein kleiner teil zwar nur, aber diese werden nun mal von der öffentlichkeit wahrgenommen…..
    ….. kenne aber auch andere fälle, wo eine behinderung als chance gesehen wurde, wo nach unfall und reha erst recht durchgestartet wurde, gerade weil die entsprechende person mit behinderung andern nicht auf der tasche liegen wollte, konkret sah ich gerade letzte woche einen solchen fall, nach motorradunfall querschnittgelähmt, aber hat sich in zwei jahren eine kleine firma aufgebaut, die mittlerweile drei angesellte hat und dem betreiber geht’s heute finanziell besser, als es denn vor dem unfall als „normaler“ arbeiter hätte sein können…..

    ….. wie schon gesagt, chancengleichheit ist das was man aus ihr macht…..

  5. Also ich sehe das so:

    Wenn der gesamte öV in einem Gebiet barrierefrei ist (bislang ist das nur in der Stadt Bern der Fall), können meinetwegen Gebühren für Behindertenparkplätze erhoben werden (vorausgesetzt die umliegenden Parkplätze sind ebenfalls gebührenpflichtig). Allerdings finde ich, dass dabei berücksichtigt werden sollte, dass Gehbehinderte länger brauchen um ein- und auszusteigen und ihre Einkäufe (oder was auch immer) zu erledigen und dass daher die Parkzeit für Behindertenparkplätze etwas preiswerter sein sollte, sodass das wieder ausgeglichen wird.

    – Das wäre für mich Gleichstellung.

  6. @ David
    genau, wenn die ÖV barrierefrei sind (auch wenn natürlich Menschen mit bestimmten Behinderungen immer aufs Auto angewiesen sein werden) ist es meinetwegen auch ok. wenn die Parkplätze kosten.

    Mich stört das laute Rufen nach «gleichen Pflichten für Behinderte» bevor man überhaupt die gleichen (oder zumindest ähnliche) Rechte mal in Betracht zieht.

    Und das ist in der Schweiz (nicht nur bei dieser Detaildiskussion um Parkplätze) einfach nach wie vor so.

    @ Kopfchaos,
    Nein, Chancengleichheit ist NICHT einfach das, was man aus ihr macht…
    sie muss einem ersteinmal gewährt werden, um sie überhaupt nutzen zu können. Es ist beispielsweise eine Tatsache, dass die meisten Hochschulen in der Schweiz nicht hindernisfrei zugänglich sind für Studierende mit Behinderung. Das liegt ja wohl nicht an den Betroffenen, sondern an denjeingen, die sich nicht zugänglich machen (wollen):
    http://www.agile.ch/dossier-bildung&getDoc=905

    Kleine Erinnerung: die Frauen konnten so lange nicht in der Politik mitmischen, bevor es ihnen nicht von den Männern gewährt wurde!

  7. @Mia: Ja, das ist allerdings eine Tatsache. Das sieht man auch ganz gut am Konjunkturverlauf: Ist die Wirtschaft am Boden, wird sofort an den Behinderten gespart, weil die ja „auch ihren Teil mittragen sollen“. Gehts dann aber wieder bergauf und die Steuereinnahmen steigen, gehören die Behinderten unter Garantie nicht zu denen, die davon profitieren.

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