Dick & ungepflegt = Kinderschänder

Peter Rothenbühler, der Redaktionsdirektor von Le Matin (der «Blick» der Romandie) war am 6.2.2011 Gast im Sonntalk von Tele Züri. Dort äusserte er sich auf die in letzter Zeit hundertfach gestellte Frage «Wie ist das möglich, dass die Missbräuche in den Behindertenheimen so lange nicht entdeckt wurden?» folgendermassen: «Ich werde jetzt etwas sagen, was mich sehr unbeliebt macht; wenn einer so stinkt wie der, einen so ungepflegten Bart trägt, so dick ist und so seltsame Ausweise hat, also in der ganzen Schweiz herumgezogen ist, dann muss ein Arbeitgeber kritischer sein (…).

In dem Sozialarbeitermillieu ist das offenbar normal, dass einer so daherkommt. (…) Und in diesen Institutionen hat das offenbar nicht gestört, weil das so dazugehört.» (Übersetzt aus dem Schweizerdeutschen, im Video ab 6.40).

Ähem. Warum es Rothenbühler für notwendig hält, gegen die weder mit besonders hohem sozialen Prestige ausgestatteten noch besonders fürstlich entlohnten BehindertenbetreuerInnen diese Breitseite zu landen ist schon etwas fragwürdig. Es wirkt ein bischen so, wie wenn er sagen wollte; «Ich und alle anderen «Gepflegten und Erfolgreichen» – wir hätten das gemerkt, bei uns wäre er sofort aufgefallen – und: Es könnte auf keinen Fall «einer von uns sein» – die Kinderschänder, die Vergewaltiger – das sind die anderen. Und dass Rothenberger selbst seinen Arbeitsplatz in den letzten 30 Jahren mindestens ebensohäufig gewechselt hat wie der beschuldigte Betreuer ist für einen Menschen Mann aus seinem Millieu eben ein Zeichen seines Erfolges.

Wir lernen:
Anzugträger wechselt häufig den Job = Hinweis auf Erfolg
Sozialarbeiter wechselt häufig den Job = Hinweis auf Kindsmissbrauch

Aha.

Ein bisschen Nachhilfe also hier für Herrn Rothenbühler: Die Täter sind nicht am ungepflegten Bart oder häufigem Stellenwechsel zu erkennen, sondern bedienen sich sehr subtiler Methoden und sind in jedem sozialen Millieu* zu finden. Täter (und weit seltener Täterinnen) planen in der Regel ihre Tat und haben ein ganzes Arsenal an Strategien, wie sie ein Kind aussuchen, sich ihm nähern, eine emotionale Bindung aufbauen und es sich gefügig machen können – in der Fachwelt wird das Ganze als Groomingprozess bezeichnet.

Wörtlich übersetzt bedeutet «grooming» vorbereiten. In der Fachliteratur bezieht er sich auf die Planungsphase des sexuellen Missbrauchs und umfasst folgende Bestandteile:

  • Vertrauen gewinnen
  • Bevorzugung des Kindes
  • Isolierung des Kindes
  • Bewirken von Geheimhaltung
  • schrittweise Grenzüberschreitung

Ein Auszug aus dem Beschrieb der sogannten Groomingstrategien durch die Fachstelle Limita (Prävention von sexueller Ausbeutung von Mädchen und Jungen) – Ausführlicher Beschrieb der Täterstategien ebenda.

Die Täter bauen also Beziehungen zu ihren Opfern auf, unternehmen mit ihnen Dinge, die ihnen Spass machen, schenken ihnen Aufmerksamkeit u.s.w. Frage: Wollen wir in Behinderteninstitutionen denn Betreuer, die keine Beziehungen zu den Betreuten aufbauen?

* Empfehlenswerte Lektüre: «Wer sind die Täter?» – Ein Auszug: «Täter im sexuellen Missbrauch sind Menschen wie du und ich», bringt es die Autorin Karin Jäckel auf den Punkt. Sie entstammen allen sozialen und gesellschaftlichen Schichten; es gibt sie in allen Berufsgruppen und Einkommensstufen. Sie sind nicht häufiger im psychiatrischen Sinne krank als der Bevölkerungsdurchschnitt und wirken auch nicht bereits auf den ersten Blick zwingend als Täter. Jäckel schreibt, sie habe es immer wieder erlebt, dass «gerade gutaussehende, gebildete, körperlich gepflegte und in ihrem Benehmen tadellose Männer Täter waren.»

Und weiter: «Der weitaus überwiegende Teil (80 – 98 Prozent) derer, die Mädchen und Jungen sexualisierte Gewalt antun, sind jedoch nicht „pädophil“. Sie sind nicht primär auf Kinder als Sexualpartner fixiert und ihre Motivation ist auch nicht in erster Linie eine sexuelle. Die Motivation dieses Großteils der Täter ist das Bedürfnis nach Macht, bzw. Kompensation.»

Anderer Blogartikel zum Thema: «Was wir nicht sehen wollen»

2 Gedanken zu „Dick & ungepflegt = Kinderschänder

  1. Es sind mehr als 30 Jahre her, dass ich zur Schule ging, wo ein Turnlehrer Mädchen während dem Unterricht sexuell belästigte, wo ich im Kinderheim war, wo ein Betreuer entlassen wurde, weil er sexuellen Kontakt mit einer Jugendlichen hatte, und wo ich in einem Ferienlager der VCJF war, wo der Lagerleiter immer im Zimmer auftauchte, wenn wir uns gerade anzogen.
    Man bekommt nicht nur mit, was da abgeht, sonder auch wie damit umgegangen wurde. Es wurden zwar in den konkreten Fällen, Leute entlassen, frühpensioniert und besorgte Eltern holten ihre Kinder aus dem Lager, aber keine Anzeigen, keine Strafverfolgung. Und anschliessend durfte nicht darüber gesprochen werden. Ich bin sicher man sieht vieles, aber was nicht sein darf, wird übersehen, wer etwas sagt, dem wird gesagt er sehe Gespenster und nicht zu vergessen all die Institutionen wollen ihren Ruf nicht gefährden. Und Täter dürfen nicht aus den eigenen Reihen kommen.
    Und das alles sagt auch etwas darüber aus, welchen Wert Kinder und Behinderte in unserer Gesellschaft haben.

  2. Die schlimmsten Täter sind die, die fein riechen und chic angezogen sind, also die, welche dank Oberflächlichkeit à la Rothenbühler kein Grund zur Hinterfragung geben.

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