Was Avenir Suisse verschweigt

Avenir Suisse titelt in ihrem Infomationsbulletin vom Januar 2011 auf Seite 2:
«Schluss mit Schwindel» und schreibt: «Invalide sollen keine Rente mehr bekommen, wenn sich für Ihre Beschwerden keine objektivierbare Ursache findet.» Und nötigt mich damit mal wieder in den Schallplatte-mit-Sprung- Modus zu verfallen… Nun denn… *seufz*

Nur schon pauschal das Wort Schwindel für alle nicht objektvierbaren Erkran-kungen zu benutzen, ist einfach eine bodenlose Frechheit und Verunglimpfung der Betroffenen und dient einem einzigen Grund: Den Weg zu ebnen, für den von Avenir Suisse schon seit langem intensiv propagierten Abbau des Sozial-staates.

Es folgt das übliche Blabala, von wegen Schleudertrauma-Epidemie, den psychischen Beschwerden für die es angeblich keine Ursache gebe und zu guter Letzt noch dies: «Wer keine Rente mehr erhalte, rutsche in die Sozialhilfe ab, lamentieren die Kritiker. Sie verschweigen: Die Sozialdienste missbrauchten zwei Jahrzehnte lang die IV, um Klienten abzuscheiben, deren Beschwerden nie eine Rente rechtfertigten.»

Wenn ich aufzählen wollen würde, was die Avenir Suisse bezüglich IV alles verschweigt (und auch der ganze neoliberale Wirtschaftskuchen drum herum absichtlich mitverschweigt) würde ich sehr sehr viel schreiben müssen:

  • Bis heute keine Evaluation über die Folgen der 5. IV-Revision durchgeführt wurde und keine Informationen darüber existieren, was mit all den Menschen geschehen ist, deren Renten eingespart wurden und wie erfolgreich die Eingliederungsmass-nahmen tatsächlich sind.
  • Es ist eine Tatsache, dass es immer mehr Menschen gibt, die schwerkrank bei der Sozialhilfe anklopfen – oder für die deren Ehepartner aufkommen müssen
  • Das Märchen von den angeblich schwer objektivierbaren psychischen Erkrankungen wurde schon lange durch eine vom BSV (!) in Auftrag gegebene Studie widerlegt. Dies hat das BSV aber ganz bewusst nie breit kommuniziert, um mit der laufenden IV-Revision das Wort objektivierbar (also durch einen Psychiater diagnostizierbar) einfach mal ganz elegant durch die Wendung «organisch feststellbar» zu ersetzen. Was faktisch alle psychischen Erkrankungen von IV-Leistungen aussschliesst.
  • Und über die permanente Verunglimpfung von IV-Bezügern brauche ich der Avenir Suisse erst recht nichts erzählen, damit kennen sie sich ja selbst gut genug aus. Bezeichnete doch beispielsweise Katja Gentinetta, die damalige Vizedirektorin von Avenir Suisse, bereits im Herbst 2009 in der NZZ die IV als «komfortable Dauerarbeitslosig-keitsversicherung» und befand die in einer Motion von Reto Wehrli geforderte Neuüberprüfung von bestehenden Renten als «zwingend». Gentinetta schrieb: «(…)und es ist zu hoffen, dass dies im Rahmen der geplanten 6. Revision der IV ohne Kompromiss und Abschwächung durchgesetzt wird.» Es handelt sich hierbei just um diejenige Motion, die den Grundstein zur unseeligen Schlussbestimmung der IV-Revision 6a gelegt hat: Notabene OHNE, dass die Bundesversammlung die betreffende Motion je angenommen hätte. Aber offenbar finden von Avenir Suisse unterstützte Anträge über andere Wege Eingang in die Gesetzgebung als über die Bundesversammlung.

Und die Frage, wo die wahren Betrüger sitzen, stelle ich auch nicht. Das erklärt sich durch die oben aufgelisteten Tatsachen mittlerweile von selbst. Weshalb man das alles (und noch viel viel mehr) verschweigt und vertuscht. Nicht nur bei der Avenir Suisse.

4 Gedanken zu „Was Avenir Suisse verschweigt

  1. Ich finde den Titel extrem unmenschlich. Es ist aber schon gut zu wissen wie die über uns denken.

    Es ist noch erstaunlich aber auch beängstigend welche Firmen und Privatpersonen bei der Avenir Suisse dabei sind. Wuste gar nicht das wir IV-Rentner so viele Gegner haben.

  2. In der neoliberalen Wirtschaftswelt, wo ein jeder seines Glückes Schmid ist und vor allem die Maximierung von Gewinn zählt, sind nicht maximal Leistungsfähige vor allem eins: lästige Störfaktoren, die die Theorie vom «Jeder kann alles erreichen, wenn er nur will» empfindlich stören.

    Und weil man die Wahrheit (dass es solche Menschen gibt, und immer geben wird) nicht akzeptieren will (denn sie passt nicht ins neoliberale Credo), verleugnet man sie. Ganz einfach. Funktionierte bisher auch problemlos, da sich die Betroffenen ja nicht wehren.

  3. Hallo Frau Baumann

    Ich heisse daniel und bin 47 Jahre alt.
    Ich wurde im Jahr 2001 IV bezüger, nach einem schweren Autounfall. Es begann mit schweren Herzklopfen, Schwindel und grossen Angstgefühlen.
    Diagnose: Postdraumatische Angstzustände. Ich war auch in der Klinik 2 Monate deswegen.

    Ich besuchte bis vor ein paar Monaten, fast wöchentlich meinen Psychiater und bekam auch und nehme immer noch meine Medis. Im Herbst 2010 kam ein Brief der IV ich sollte mich einer Adequaten intensiven psychiatrischen Behadlung unterziehen so wie auch meine Blutwerte Intensiv zu untersuchen und Ihnen das schriftlich zukommen lassen. Mein Hausarzt und mein Psychiater machten nicht mit und meinten. Sie lassen sich von der Iv nichts dirigieren. hmm Die Iv erwiederte das sei nicht Ihr Problem, das läge nur an mir, da ich mich zuwenig um neue Aerzte kümmere und ich sei verpflichtet Massnahmen zu ergreifen damit die Eingliederung und Genesung schneller vor sich geht. Nun, ich wurde immer nachlässiger weil mir der Antrieb fehlte und ich immer depressiver wurde. Interessierte aber niemand.
    Ich wurde aus dem solchigem Grund ( Vorsätzlich nicht eingehaltene Massnahmen) und die Aussage der IV-Psychiatrie; die Rente gestrichen per sofort, da ich nun aus der Sicht der IV Gesund bin.

    Nun muss ich stempeln gehen und innert 90 Arbeitstagen einen Job haben sonst werde ich ausgesteuert. Kann kaum mehr schlafen und Geld habe ich auch fast keins mehr. Das Sozialamt streicht mir alles, ich müsste mein Haus verkaufen und mein Auto. Zu allem Elend hat sich meine Frau entschieden sich von mir zu trennen, nach 27 Ehe- Jahren. Was solch nur machen..?

    LG Daniel

  4. Lieber Herr Gueller
    Sie sind leider kein Einzelfall, das Problem ist mir bekannt, die IV kann Renten streichen, wenn die von der IV vorgegebenen Therapievorschriften (zb. Medikamenteneinnahme) nicht eingehalten werden. Melden Sie sich doch bei der Pro Mente Sana, die haben ein Beratungstelefon und sollten sich mit dieser Problemstellung auskennen:
    0848 800 858 (Normaltarif)
    Mo, Di, Do 9-12 Uhr, Do 14-17 Uhr
    http://www.promentesana.ch

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