«Idealtyp des IV-Rentners ist der Spitzensportler im Rollstuhl»

Auszug aus dem Referat «Armut und psychische Befindlichkeit» von Dr. Walter Schmid*:

«(…)Angelpunkt zwischen psychischer Auffälligkeit und Armut ist schliesslich, wie bereits erwähnt, die Arbeit. Die Arbeitsmöglichkeiten psychisch behinderter Menschen sind eingeschränkt. Auf dem Arbeitsmarkt werden Leistungsdefizite psychisch behinderter Menschen sichtbar und dies umso schneller, als die Arbeitswelt ihre Produktivität und damit ihre Leistungskraft erhöhen muss. Was nicht taugt, wird abgebaut. Wer nicht taugt, wird abgebaut. Diese Selektion ist systemimmanent und für alle Beteiligten gnaden- los in dem Sinne, dass wer sich gegen das System verhält, vom System bestraft wird.

Wer kann es sich noch leisten, jemanden mit psychischen Beeinträchtigungen einzustellen (er hätte seine Sorgfaltspflicht verletzt) oder in Anstellung zu halten (sie hätte das Rationalisierungspotential nicht ausgeschöpft)? Und in der Tat: Wer von uns hat heute noch den Freiraum oder die Geduld, sich mit schwierigen Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen herumzuschlagen?(…)

Wie reagiert unsere Gesellschaft auf diese doppelte Ausgrenzung, auf dieses Amalgam von Armut und psychischer Auffälligkeit? Eine Antwort könnte lauten – und einiges spricht dafür: Die Gesellschaft reagiert mit Flucht und Verdrän- gung. Allerdings wäre eine solch negative Analyse nicht ganz fair. Es gibt auch durchaus hoffnungsvolle Zeichen eines besseren Verständnisses für psychisch Kranke und wirksamerer Ansätze im Schutz psychisch Kranker vor gesell-schaftlicher Ausgrenzung.

Zu den sozialpolitischen Errungenschaften gehört, dass uns mit der Invaliden-versicherung ein grosses Sozialwerk zur Verfügung steht, welches die materielle Existenz von Tausenden von Leuten mit psychischen Behinderungen sichert. Die IV schützt Menschen im erwerbsfähigen Alter, die zu keiner Erwerbstätigkeit mehr fähig sind.

Wegen der zunehmenden Belastung des Sozialwerks wird diese Funktion der Invalidenversicherung heute allerdings mehr und mehr in Frage gestellt. Einfach machen es sich jene Kreise, welche der schwierigen und unangenehmen Diskussion über psychisch kranke Personen,die armutsgefährdet sind, einfach aus dem Wege gehen und eben mit Verdrängung reagieren. Sie bewegen sich lieber in den seichten Gewässern der Missbrauchsdebatte und setzen auf die populistische Wirkung der Schlagworte. Die Ausgrenzung der psychisch Kranken aus der Invalidenversicherung erscheint ihnen als Königsweg zur Sanierung der Kasse. Was weiter geschieht interessiert wenig.

Wegen des niederen Sozialprestiges dieser Personengruppe unter den Armutsbetroffenen und den Kranken erwächst dieser Verdrän-gungsstrategie kein grosser Widerstand. Die IV solle wieder das werden, was sie angeblich einmal war: Eine Versicherung für Menschen, die unter einer Krankheit mit höherem gesellschaftlichem Status leiden. Idealtyp des IV-Rentners ist in diesem Lichte besehen der Spitzensportler im Rollstuhl, der seiner Behinderung mit Optimismus begegnet, sie als Chance zu einem Neuanfang begreift und sein Bestes gibt. Die Versicherung spiegelt so die vorherrschenden gesellschaftlichen Werte. Keinen Platz in diesem Bild haben die andern, die psychisch Beeinträchtigten mit ihren Ängsten, Nöten und Gefängnismauern. Ihnen soll die IV nicht mehr offen stehen. Mit ihrer Krankheit ohne Prestige bleibt ihnen auf dem Weg in die Armut nur die Sozialhilfe. Also jene Hilfe, mit dem niedrigsten Sozialprestige(…)

Mit Blick auf die Bekämpfung von sozialer Ausgrenzung und Verarmung von psychisch Kranken ergeben sich damit klare Ziele: Der Stigmatisierung der psychisch Kranken muss begegnet werden. Wenn wir von der Diskrimi-nierung Behinderter sprechen, denken wir noch zu oft an fehlende Rampen und bauliche Einrichtungen. Es gibt noch ganz andere Felder, die angegangen werden sollten. Der Kampf gegen die Stigmatisierung psychisch Kranker ist absolut entscheidend. Zudem gehen heute zu wenige Ressourcen unseres Gesundheitssystems in die Bekämpfung psychischer Auffälligkeiten. Ängste und Depressionen z.B. werden zu wenig ernst genommen und oft nicht adäquat behandelt. Dies gilt besonders für Jugendliche. Ein weiteres wichtiges Feld ist die Eingliederung in die Arbeitswelt. Individuelles Coaching, die Bereit-stellung einer Arbeitsumgebung, die auf psychisch Behinderte Rücksicht nimmt, ist entscheidend.»

Kann man nix hinzufügen. Ausser: hervorragend auf den Punkt gebracht und: ganzes Referat lesen!

*Walter Schmid ist Rektor der Hochschule Luzern für Soziale Arbeit und Präsident der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe SKOS. Das Referat hielt er anlässlich der 8. Nationalen Fachtagung des Schweizerischen Roten Kreuzes am 23. September 2010 in Bern.