Der IV-Chef – ein Zyniker?

Stefan Ritler – seines Zeichens IV-Chef – hat keinen leichten Job. Egal was er sagt, von irgend einer Seite wird er garantiert kritisiert. Bisher war man als IV-Chef allerdings ganz gut beraten, wenn man sich einfach der von der (rechts-bürgerlichen dominierten) Politik vorgegebenen Leitlinie anschloss und – wie das Ritlers Vorgänger du Bois-Reymond tat – ausführlich über die Betrugsbe-kämpfung in der IV sprach. Denn gegen Betrugsbekämpfung konnte ja niemand ernsthaft etwas einzuwenden haben. Die wenigen leisen Einwände von wegen Persönlichkeitsschutz (bitte was?) von IV-Bezügern gingen im lautstarken Halali unter, als zur Jagd auf die betrügerischen Horden geblasen wurde. Die Horden von IV-Betrügern haben sich dann allerdings trotz immensem Aufgebot an Jägern und Jagdmethoden als ein ziemlich mickriges Hördchen herausgestellt.

Stefan Ritler hat nun die höchst undankbare Aufgabe, dem Volk beizubringen, dass das Milliarden-Defizit der IV – entgegen anderslautender Propaganda – leider leider nicht mit Betrugsbekämpfung zu beheben ist. Und dass deshalb sehr viele Menschen mit echten Beschwerden und Behinderungen von Leistungen der IV ausgeschlossen werden müssen. Das ist leider nicht ganz so populär wie es du Bois-Reymonds Aussagen zur Betrugsbekämpfung waren.

Ritlers Bemühungen, die einschneidenden Sparmassnahmen für die Betroffenen als positiv darzustellen, indem er im Tagesanzeiger «Arbeit als die beste Ablenkung vom Schmerz» pries, wurde von den meisten der rund 200 Kommentatoren dann auch gar nicht goutiert. Und der Tagesanzeiger stellte daraufhin eine Auswahl der Kommentare unter dem Titel «Ein Zyniker als oberster IV-Chef» zusammen.

Die Aussage an sich, dass eine Beschäftigung von Leiden ablenke, ist ja nun nicht grundsätzlich von der Hand zu weisen. Dem würden wohl viele Menschen – auch solche mit chronischen Krankheiten und Behinderungen – durchaus zustimmen. Nur: ein Arbeitsplatz in der freien Wirtschaft (wohin die Betroffenen laut Ritler eingegliedert werden sollen) ist nun mal keine Therapiestation. Ein Arbeitgeber stellt niemanden ein, damit derjenige sich von seinen Schmerzen oder sonstigen Leiden «ablenken» kann. Und schon gar niemanden, der aufgrund seines Leidens eingeschränkt leistungsfähig ist und ab und zu auch ganz ausfällt.

Das ist eine Realität, die ganz besonders Wirtschaftskreisen sehr wohl bewusst ist. Denn wäre die Integration von gesundheitlich beinträchtigten Menschen in die Arbeitswelt überhaupt kein Problem, hätten sich diese Kreise wohl kaum mit Händen und Füssen gegen die Einführung einer Quote gewehrt. Kurz: Man will Menschen mit chronischen Krankheiten und Behinderungen weder die Möglichkeit geben, ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen, noch will man ihnen IV-Leistungen zugestehen.

Mal ehrlich, selbst wenn man grundsätzlich kein Zyniker ist, spätestens wenn man als IV-Chef eine solche Politik zu verteidigen hat wird man einer. Nicht Ritler ist zynisch, die politischen Vorgaben sind es.

2 Gedanken zu „Der IV-Chef – ein Zyniker?

  1. Aber Hallo….?

    Kann mal irgend jemand dem Herrn Rhitler mitteilen das seine Aufgabe nicht darauf beruht seinen Job zu verteidigen sondern die Menschen für die diese NICHT NUR VERISICHERUNG SONDERN SOZIALE VERSICHERUNG oft die einzige Chance ist zu verteidigen???

    Zudem errinert mich die Aussagen eines möglichen Zynikers, an einen anderen Zyniker in Deutschland während den 30/40 jahren nur der Spruch ist etwas anders …. ARBEIT LENKT AB… toll…

  2. @ Marco
    Aus seiner Sicht verteidigt Ritler die IV. Es gibt genügend Leute, die nur darauf warten, die IV ganz abzuschaffen (insbesondere liberale Kreise). Die IV hat aktuell 15 Mia. Schulden. Die Politik (und wohl auch die Bevölkerung) sind zum jetztigen Zeiptunkt nicht bereit, für die IV eine zukunftsgerichtete Finanzierung zu sprechen. Die Politiker/Wirtschaft aus Eigennutz, das Volk, weil ihm eingetrichtert wurde, es würde damit nur Simulanten und Profiteure unterstützen. Das heisst: entweder man spart jetzt radikal oder fährt das Ding ganz an die Wand – und es gibt gar keine IV mehr.
    Dito Burkhalter; er kann nicht einfach machen, was er will – er hat einen Auftrag vom Parlament, manche sagen auch, das Volk hätte in der Abstimmung über die Mehrwertsteuer zum Ausdruck gebracht, es solle nun bei der IV gespart wegen (woher man diese Legitimation nimmt, ist mir zwar schleierhaft, aber wie so oft in der Politik geht es nicht um Fakten, sondern um gute PR).

    Ritler und Burkhalter sind einfach Teil eines Systems, sie müssen keine „guten Menschen“ sein. Sie müssen ihre Jobs so machen wie es das System von ihnen verlangt. Das System sind wir alle, sind die Politiker, die wir wählen. Und die Mehrheit hat nun mal Politiker gewählt, die diese Leitlinen so vorgeben.

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