Ausgerechnet der Schleudertraumaverband ergreift das Referendum gegen die IV-Revision 6a

Ich hoffe ja mal ganz fest, dass das bitte eine Zeitungsente ist. Falls nicht: Na, grossartig. Mal wieder ein absolut typisches Beispiel, wie man es bei Schweizer Behindertenorganisationen ja immer «gut meint» aber einfach nicht verstehen will oder kann, dass «gut meinen» nicht reicht. Man müsste es dann auch noch «gut machen». Und das hier ist mal wieder eine ganz miserabel orchestrierte Aktion.

Überlegen wir doch einfach mal, welche Gruppe der von der IV-Revision 6a Betroffenen in den Medien und der sonstigen Öffentlichkeit seit etwa einem Dreivierteljahr am allerschlechtesten weggekommen ist… Na…? Wer war das? Wem wurde von diversen «Experten» (Hallo Herr Bundesrichter Ulrich Meyer!) und Politikern (Hallo Herr Burkhalter!) und sonstigen Akteuren (Grüezi Herr Ritler!) unterstellt, an simulierten Beschwerden zu leiden und sich mittles der Schleudertraumaanwaltsmafia eine Rente zu erschleichen…?

Und genau diese Gruppe ruft jetzt zum Referendum auf. Ohne jeglichen Rückhalt von anderen Organisationen. Aber man geht jetzt einfach mal in die Öffentlichkeit und hofft, dass die anderen Organisationen einem dann unter-stützen. Den Teufel werden die anderen Organisationen tun, ein Referendum zu unterstützen, dass ausgerechnet von denjenigen gestartet wird, denen das Image der nicht wirklich Kranken, der Simulanten anhaftet und denen es (nach Meinung der breiten Öffentlichkeit) ja nur darum geht, die eigenen (und auch noch ungerechtfertigten) Pfründe zu sichern. Man wird sich doch nicht den eigenen Ruf versauen, man vertritt schliesslich selbst nur Behinderte mit Echtheitszertifikat (so ein Zertifikat ist auch wichtig für die Spendengeld-beschaffung, das kann man nicht leichtfertig aufs Spiel setzen.)

Und selbst wenn sich einige Organisationen dazu entschliessen sollten, das Referendum zu unterstützen, die breite Bevölkerung wird dies nicht tun. Und eine Abstimmung wird so schon gar nicht zu gewinnen sein.

Wann merken die Behindertenorganisationen in diesem Land endlich, wie das Zusammenspiel von Medien, Meinungsbildung und Politik funktioniert?

Eine Referendumsabstimmung wäre vielleicht, möglicherweise zu gewinnen, wenn all die grossen PRO-Organisationen ganz vorne in der ersten Reihe stehen würden. Aber doch nicht, wenn das Referendum ausgrechnet und alleine von einer kleinen Organisation ergriffen wird, die nach der öffentlichen Meinung sowieso nur Simulanten vertritt. Es gäbe auch noch eine ganze Menge anderer Gründe gegen diese Revision das Referendum zu ergreifen als die Diskrimi-nierung von Schleudertraumapatienten. Bestimmungen in dieser Vorlage, wo es auch den grossen Organisationen gut anstehen würden, wenn sie sich dagegen einsetzen würden.

Es geht nicht nur um Renten für Schleudertraumapatienten ja oder nein, es geht um Rechtssicherheit, um Arbeitszwang und Persönlichkeitsschutz für IV-Bezüger… meine Güte, es gibt genug Dinge in dieser IV-Revision, die ein Referendum mehr als rechtfertigen würden.

Als grossen medialen Aufhänger für ein Referendum ausgerechnet die Schleu-dertraumapatienten auszuwählen, ist bei weitem das dümmste, was man tun konnte. Ich möchte echt mal wissen, was sich der Schleudertraumaverband dabei bloss gedacht hat.

16 Gedanken zu „Ausgerechnet der Schleudertraumaverband ergreift das Referendum gegen die IV-Revision 6a

  1. Ich glaube nicht dass das eine Ente ist und teile die Einschätzung von @mia vollumfänglich. Hinzu kommt, dass damit auch das Referendum gegen die vollständige 6. IV-Revision (also gegen Rev. 6a und Rev 6b) gefährdet wird, zu der bereits mehrere Organisationen und Parteien (provisorisch) ihre Zustimmung gegeben haben. Ein Referendum gegen die Rev. 6a hat m.E. beim Volk keine Chance und niemand wird danach nur noch einen Rappen in ein Referendum gegen die Gesamtrevision investieren, da die Wahrscheinlichkeit gross ist, dass das Volk dann noch einmal nein sagen würde (als Zwängerei auffassen würde). Wirklich ein unbedachter Schritt dessen Ankündigung auch viel zu spät erfolgt, da sich die anderen Organisationen mit Blck auf ein Referendum gegen die Rev. 6b gar nicht darauf vorbereitet haben (vorbereiten konnten). Ein erneutes Referendum gegen eine IV-Revision muss angesichts der vorgehenden Volksentscheide sehr gut vorbereitet sein und das ist der Schleudertraumaverband ganz sicher nicht. Ich hoffe, dass alles zusammenfällt bevor die Unterschriftensammlung begonnen hat.

  2. Ein Referendum gegen 6a und 6b zusammen ist doch gar nicht möglich? Für ein Referendum müssen ja innerhalb von 100 Tagen nach der «Beschlussfassung» 50’000 Unterschriften gesammelt werden. Und die 100 Tage nach der Beschlussfassung zur IV-Revision 6a sind ja schon lange vorbei, wenn über die IV-Revision 6b debattiert wird…?
    Man hat die beiden Vorlagen ja nicht ohne Grund getrennt – gibt’s ja wohl auch in keinem anderen Bereich, dass man zwei Revisionen so schnell aufeinanderfolgen lässt. Aber als Gesamtpaket hätte man es nicht durchgebracht. Diese ganze IV-Revisioniererei ist jenseits von dem was man eine «seriöse Gesetzesarbeit» nennen könnte – aber mit den «dummen Behinderten» (und deren teilweise leider wirklich nicht ganz so cleveren Organisationen) kann man es ja machen…
    Schlimm…

  3. Höchst bedauernswerte Aktion, in der Tat. Ich bin immer wieder erstaunt, wie schwierig der Zusammenschluss von Interessensgruppen ist. Aber Mia hat vollkommen Recht – Die Aktion des Schleudertraumaverbandes schadet zurzeit nur und bietet unnötige, zusätzliche Angriffsfläche – Da reichen ein paar ausgehängte Plakate bei weitem nicht. Mir ist nicht ganz klar: WIE und WER (und ob überhaupt) erarbeitet Strategien, Konzepte und koordiniert „Grosskampagnen“ unter den verschiedenen Behinderten-Organisationen – Gesamtschweizerisch?

  4. @N.S. hast du jemals eine «koordinierte, stratgegisch kluge Grosskampagne» der schweizerischen Behindertenorganisationen gesehen? Also ich nicht ;-)

    Zuviele unterschiedliche Einzelinteressen, zuviele übderdimensionierte Egos, zuviele Nichtbehinderte, die in den Schlüsselpositionen der Behindertenorganisationen sitzen und denen die Erhaltung des eigenen Jobs möglicherweise ab und zu etwas näher liegt, als die wirklichen Interessen derjengen, die sie eigentlich vertreten sollten…

  5. @Mia: das ist fast noch die grössere Tragödie. Eine Geierstrategie für Egomane. Als ich deinen Artikel in fb gepostet habe, kam umgehend vom Schleudertraumaverband eine persönliche Message mit dem kurzen Inhalt „Referendum?“ …/Brigitt Obrist (IG Kopfschmerz) teil mit, dass diese IG das Referendum aktiv befürwortet. Frage an alle: Ist es nun sinnvoll, halt nachträglich und schnell, alle anderen Organisationen/Vereine etc. zum Ergreifen des Referendums anzuspornen? Wenn ich einen Beitrag leisten kann – sehr gern!

  6. Na da ist mal eine Gretchenfrage. Soll ich etwas unterstützen, das ich an sich sehr wohl unterstützenswert finde, von dem ich aber weiss, dass es sagen wir mal „suboptimal“ organisiert ist und so kaum zum Erfolg führen kann?
    hmmmm…..

  7. Tatsächlich eine Gretchenfrage.

    Was das von @mia angesprochene Problem der Ergreifung des Referendums gegen die Rev. 6a UND 6b betrifft hoffe ich, dass dies möglich ist. Allerdings, so gut kenne ich mich in dieser Materie auch wieder nicht aus und hoffe, dass jemand dies genau abklären kann. Bis jetzt ging ich davon aus, dass die Rev. 6a und 6b eine Einheit bilden. Wenn nicht ist das m.E. Betrug.

  8. Ist es nicht traurig? Ein Referendum ist derzeit dermassen unsinnig und chancenlos. Solche unüberlegten Vorprescheraktionen gehören schlicht an den Pranger! Nicht weil das Ziel schlecht wäre, aber weil sich wohl niemand über die weitere Planung Gedanken gemacht hat. Sowas geht doch nur über konsensorientierte, breitgefasste Entscheide und eine saubere Organisation. Ohne Kohärenz kein Erfolg. Schade!

    Warum setze ich mich eigentlich für vernünftige Lösungen in dieser misslichen Lage ein?

    @mia. wir schaffen das schon…

  9. Ich bin froh, dass wenigstens EINE kleine Organisation den Mut hat zu tun, was eigentlich die Aufgabe der Grossen wäre. Meine Unterstützung hat der Schleudertraumaverband. Nicht weil ich denke, man könnte diese Schlacht gewinnen, sondern weil es einfach nur eine Schande wäre, wenn wir uns diesen Verbrechern widerstandslos ergeben würden. Dieser Kampf MUSS geführt werden – für unser aller Menschenwürde!

  10. Um auf politischer Ebene effiziente Kräfte zu entwickeln, müssten sich sämtliche Behindertenorganisationen viel besser vernetzen. Bis anhin kochen leider die meisten unter ihnen ihr Süppchen lieber selber, was meines Erachtens mehr schadet als nützt. AGILE als Dachorganisation lädt jedes Jahr ihre Mitglieder zu einer Delegiertenversammlung und PräsidentInnenkonferenz ein, was erfahrungsgemäss nur vereinzelt Anklang findet.

    Der Schleudertraumaverband erweist den Anliegen aller Behinderten mit seinem erneuten Alleingang (die Demo vom 30. Oktober 2010 lässt grüssen) einen „Bärendienst“, indem er ohne Rücksprache mit anderen Organisationen nicht nur das Referendum gegen die IVG-Revision 6a ergreifen will, sondern vorgängig auch gleich noch damit an die Öffentlichkeit geht. Als letzte Verzweiflungstat und vermutlich auch im Sinne der Betroffenen sicher verständlich, jedoch aus meiner Sicht eine weitere unüberlegte Aktion!

    Was wäre wenn:
    – Ein Fonds für politische Aktivitäten eingerichtet würde?
    – Nur jene Organisationen, die sich verpflichten jedes Jahr regelmässig an den anberaumten Sitzungen teilzunehmen, darauf zugreifen könnten?

    Mir ist bewusst, dass dies leider nur ein frommer Wunsch bleiben wird!

  11. „Man müsste es dann auch noch «gut machen». Und das hier ist mal wieder eine ganz miserabel orchestrierte Aktion.“

    Vor kurzer Zeit hat eine Bloggerin dazu aufgerufen StänderätInnen einen Brief/Mail zu schicken. War das gut gemeint oder gut gemacht?

    Wer, wenn nicht der Schleudertraumaverband soll sich für SchleudertraumapatientInnen wehren?

    Seit wann sollen behinderte Menschen die Sichtweise ihrer GegnerInnen übernehmen nach dem Motto: Klar, wir sind SimulantInnen.

    @Mia: Ich finde es schade, wenn du in dieser Art bloggst.

  12. @Christophorus
    Mir war klar, dass jemand diese Aktion erwähnen würde. Nur: ein IV-Referendum ist glaube ich ein- zwei Schuhnummern grösser. Ausserdem erwarte ich von einem Verband, den es seit 20 Jahren gibt, dass er ein bisschen professioneller vorgeht, als eine kleine unbedeutende Bloggerin – die (was ja auch in der Aktion beschrieben war) sich bewusst war, dass es a) sehr kurzfristig geplant und b) wohl kaum noch grosse Meinungsumschwünge bewirken konnte. Man kann aber wohl kaum behaupten, dass es irgendwem geschadet hätte – oder? Ausserdem lernt man ja auch aus seinen Fehlern.
    Der Schleudertraumaverband tut das aber nicht, Veritas hat es oben schon erwähnt: Die genau gleiche Geschichte wie beim Zämestah.

  13. Und noch zu dem hier:
    «Seit wann sollen behinderte Menschen die Sichtweise ihrer GegnerInnen übernehmen nach dem Motto: Klar, wir sind SimulantInnen.»

    Wer die letzten Jahre die politische Landschaft in der Schweiz beobachtet hat, dem dürfte klar sein, dass die Wahrheit leider (!) keine grosse Rolle mehr spielt, wenn es darum geht, Abstimmungen zu gewinnen. Relevant ist einzig, was die Leute «für die Wahrheit halten». Und ich habe genug oft in diesem Blog aufgezeigt, wie Medien und Politiker das Bild der IV-Simulanten und Betrüger aufrecht erhalten – obwohl die WAHRHEIT eine ganz andere ist – und wie es leider IMMER NOCH funktioniert.
    Ich habe nicht gesagt, dass Schleudertraumaopfer Simulanten seien oder sagen sollten, sie wären welche – ich habe nur geschrieben, ihr Image sei miserabel und das sei ein schlechter Aufhänger für eine Kampagne – wenn man denn ein Referendum zustandebringen und eine Abstimmung gewinnen will.

  14. @Alle: Woher wissen eigentlich so genau, dass der Schleudertraumaverband das alles ohne Rücksprache gemacht hat? Vielleicht haben die sich ja hinter verschlossenen Türen noch mit anderen Organisationen/Parteien abgesprochen, die in den nächsten Tagen, nach und nach, ebenfalls ihren Einstieg in das Referendum verkünden. Das ist eine durchaus übliche Strategie, um die Wirkung in den Medien zu vergrössern: Wenn sich alle paar Tage eine Organisation/Partei zum Mitmachen bekennt, ist das Thema auch alle paar Tage in den Medien präsent.

    Ich muss zugeben, so wie der Schleudertraumaverband bei Zämestah vorgegangen ist, bin ich auch eher skeptisch, dass es so laufen wird. Aber noch wissen wir das ja nicht.

  15. So oder so, wenn der Schleudertraumaverband das Referendum gegen die Beschlüsse aus Bern ergreift, dürfen wir nicht abseits stehen. Auch wenn die ganze Sache unprofessionell aufgezogen wird, was ich nicht hoffe. Es kommt dann zu Diskssionen in den Medien und gibt uns die Gelegenheit, die Sichtweise der Behinderten darzulegen. Wir hatten bisher nur zu wenig Gelegenheit hierzu, respektive es wurden die Kommentare der Behinderten schlichtweg einfach ignoriert (nicht veröffentlicht). Mit der 6. IV-Revision sieht die ganze Sache hoffentlich ein wenig anders aus und ich hoffe, es kommt zu erneuten Berichten in den Medien. Die Aussage von Stefan Ritler, dass Arbeit die beste Ablenkung vom Schmerz seie, hat doch, glaube ich zumindest, einige aufgeschreckt. Ebenso der Umstand, dass die nicht geringe Zahl von 17’000 administrativ gesund geschriebene Behinderte an nicht vorhandene Arbeitsstellen, also auf die Fürsorge, abgeschoben werden sollen.

  16. Wie der Schleudertraumaverband auf seiner Website bekannt gibt, verzichtet er nun auf ein Referendum gegen die IV-Revision 6a http://www.schleudertraumaverband.ch/pdf/Stellungnahme%20Website%20IVG-6a%2011-03-24.pdf Der Schleudertraumaverband hätte besser vorerst abgeklärt, ob er überhaupt in der Lage ist, ein Referendum zu ergreifen, bevor er vollmundig ein solches ankündigt. Die Hämme trifft nämlich alle Behinderten und zudem wird das Rückgrat derjenigen gestärkt, die einen weiteren Sozialabbau befürworten.

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