Ey, hast du Problem oder was?

In ärgerlicher Regelmässigkeit begegne ich Äusserungen (schriftlicher oder mündlicher Natur) von so genannt «Nicht Behinderten» über die Belange von Menschen mit Behinderungen, wo ich im ersten Moment denke: «….???» Dann darüber sinniere, ob man der Äusserung die Ehre erweisen soll, überhaupt darauf einzugehen – natürlich (mehr oder minder) differenziert, womöglich auch noch mit (mehr oder minder) wissenschaftlichen Beweisen unterlegt – oder auch einfach mal komplett undifferenziert zurückfragen soll: «Ey, hast du Problem oder was?» Einfach, weil jegliche andere Reaktion sowieso vergebene Liebesmüh wäre und weil manche Äusserungen eben schon so einiges aussagen über die Probleme, die die «Nichtbehinderten» mit der Thematik Behinderung und Krankheit haben.

Da war zu Beispiel kürzlich der Artikel in der BAZ, der sich darüber ausliess, wie unglaublich viel es kosten wird, die 314 Basler Tramhaltestellen dem Behindertengleichstellungsgesetz entsprechend bis 2023 barrierefrei zu gestalten. (Kleiner Einschub: das Behindertengleichstellungsgesetz wurde 2004 vom Volk angenommen –  wir werden doch in letzter Zeit ständig belehrt, Volksentscheide müssten akzeptiert werden…?). Nun gut, der BAZ genügte es nicht, dass der eine oder andere gehässige Kommentarschreiber sich wie folgt äussern durfte: «Dann können wir endlich alle Behinderten Europas aufnehmen, die geistig Behinderten engagieren sich dann in der Politik…. – Wäre es nicht sinnvoll einzusehen, dass eine Behinderung halt Konsequenzen hat, zwar womöglich zu lindern ist, es aber nicht angeht eine ganze Gesellschaft behindertengerecht umzubauen. Ihr habt ja nicht mehr alle!» – Nein, zum Artikel wurde auch noch eine «Umfrage» geschaltet, auf dass ein jeder mit einem einzigen Klick darüber befinden konnte (Daumen hoch oder Daumen runter, wie einst bei den alten Römern) ob er oder sie den Umbau der Haltestellen als sinnvoll erachte:

54,2% finden den Umbau der Tramhaltestellen sinnlos

Ich könnte schwören, dass die 54.2%, die den Umbau für nicht sinnvoll erachten, die selben sind, die rigorose Sparmassnahmen bei der IV befürworten und es «total gut finden» wenn man «all die Behinderten wieder arbeiten schickt». «Die Behinderten» sollen dann einfach nicht auf die Idee kommen, mit dem Tram zur Arbeit fahren zu wollen… Da möchte man dann schon gerne mal fragen: «Habt ihr Probleme mit dem logischen Denken – oder was?»

Die Sache mit dem logischen Denken ist allerdings auch bei weitaus weniger boulvardesken Publikationen wie der NZZ am Sonntag manchmal etwas fraglich. Diese publizierte nämlich am 13. März 2011 einen Artikel der emeritierten Rechtsprofessorin Suzette Sandoz* mit dem Titel: «Bedürfnisse von Behinderten haben Grenzen» (nicht online). Sandoz schreibt darin unter anderem folgendes: «An der juristischen Fakultät der Universität Lausanne haben wir manchmal Prüfungen für sehbehinderte Studenten durchgeführt: mit besonderen Räumlichkeiten für eine schriftliche Prüfung, mit verlängerter Prüfungsdauer, mit jemandem, der die Gesetzestexte und sogar die Prüfungs-fragen laut vorlas, da diese nicht in Brailleschrift zur Verfügung standen, und der allfällige praktische Fragen der Studenten beantwortete. Auch für mündliche Prüfungen musste mehr Zeit eingeplant werden, um es den sehbehinderten Studenten zu erlauben, sich mit den verschiedenen Texten vertraut zu machen. Ausgeschlossen waren gewisse Tests an der Wandtafel, vergleichende Analysen mehrerer Urteile sowie das Nachschlagen in Gesetzesbüchern. Auch musste die Studiendauer mancher behinderter Studenten verlängert werden, was sich zuweilen nur schwer mit der Abfolge der unterrichteten Fächer vereinbaren liess.»

Die detailreiche und ausführliche Beschreibung all des Aufwandes, der für die sehbehinderten Studenten betrieben wurde, gipfelt in der Andeutung, dass «damit manchmal die Gleichberechtigung gegenüber anderen Studenten in Frage gestellt war». Aber mit keinem Wort erwähnt wird, dass StudentInnen mit Behinderung, denen durch ein gewisses Entgegenkommen ein Studium und ein Abschluss ermöglicht wird, dadurch nachher beruflich auf eigenen Beinen stehen können und deshalb nicht nur der IV nicht zur Last fallen, sondern auch noch gute Steuerzahler werden.

Das noch viel grössere Problem als mit sehbehinderten Studenten hat Frau Sandoz allerdings mit blinden Politikern, die ein Exekutivamt anstreben. Sie scheinen ihr so suspekt, dass sie die beiden Kandidaten Verena Kuonen (VD) und Manuele Bertoli (TI) nicht mal namentlich erwähnt (eine typische Strategie übrigens – der anonyme Behinderte ist viel einfacher zu degradieren, als ein Mensch mit Namen, Gesicht und als Merkmal unter vielen anderen eben auch einer Behinderung). Sandoz schreibt also: «Der Presse ist zu entnehmen, dass im Tessin ein Blinder in den Regierungsrat möchte. Auch in Pully, meiner Wohngemeinde, will eine blinde Gemeinderätin in die Exekutive. Ist das vernünftig? Meine Antwort ist ein entschiedenes Nein.»

Und Sandoz führt auch aus, warum, u.a. deshalb: «Bei Treffen mit Amtskollegen und auf Reisen wäre ein blinder Exekutivpolitiker immer auf eine Begleitperson angewiesen(…).» (Anmerkung: Der blinde britische Arbeitsminister David Blunkett hat für sowas übrigens einen Blindenhund…)

Das Beste aber hat sich die Autorin für den Schluss aufgehoben: «Mir bereiten solche Kandidaturen grosses Unbehagen. Wird damit nicht, aus rein taktischen Gründen, das Mitleid der Wähler ausgenützt? Ist das wirklich Nichtdiskrimi-nierung?» Ja, nee ist klar, Menschen mit Behinderungen werden nicht wegen ihrer fachlichen Qualifikationen gewählt, sondern nur wegen des Mitleids, das sie erregen. Aber sonst haben Sie keine Probleme, Madame Sandoz?

Das sind also mal wieder zwei gloriose Beispiele, wie man sich die «Integration» von Behinderten in der Schweiz vorstellt: Bitte der IV nicht auf der Tasche liegen, aber ansonsten gefälligst unsichtbar bleiben – Warum nicht gleich unterirdische Stollen für Behinderte mit integrierten Arbeitslagern fordern…?

*Suzette Sandoz sass von 1991 bis 1998 für die Liberalen im Nationalrat. Ausserdem steht sie dem Liberalen Institut nahe, dessen Stiftungsrat sie angehörte.

3 Gedanken zu „Ey, hast du Problem oder was?

  1. Eine schlichte Frechheit, was Frau Sandoz da vom Stapel lässt. Ich denke, weit gedacht hat sie nicht dabei… Oder, hat sie vielleicht selbst (Mit)-Leid?

  2. Wunderbar treffend kommentiert, Mia.

    Vielleicht sollte man gewissen Damen und Herren PolitikerInnen mal auseinandersetzen, wie sie von ihrem Amt – trotz Gleichberechtigung und so ganz unbegleitet – völlig überfordert sind. Denn es fehlt ihnen vielleicht zwar nicht an Dossierkenntnissen, aber an ganz grundlegenden menschlichen Eigenschaften wie Einfühlungsvermögen, Menschenverstand und der Wille, sachbezogen zu politisieren. Und vielleicht sollte man Ihnen unsere Begleitung und Hilfe anbieten …

  3. Bravo! Ich bin absolut ihrer Meinung!
    eigentlich ist es doch doch ganz einfach: die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung ist ein Grundrecht! Wieso müssen wir uns denn überhaupt und immer noch verteidigen? Solange jedoch diskriminierende Äusserungen von zurückgebliebenen Politikern in den ebenfalls zum Tendenziösen neigenden Schweizer Medien veröffentlicht werden, ist der Kampf nicht ausgestanden!

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