Erfolgreiche reden selbst, über Verlierer wird geredet

Das Migrosmagazin schreibt über Schulabbrecher. Zum einem über Andrej, der «den Rank dann doch noch gefunden hat» und kurz vor seinem Lehrabschluss als Elektroinstallateur steht und zum anderen über Flurina, deren Geschichte nicht ganz so positiv verläuft. Der eklatante Unterschied: Während der erfolgreiche Andrej (Bildlegende «Vom Schulabbrecher zum Musterlehrling») seine Geschichte selbst erzählen darf, wird die Geschichte von Flurina nicht von ihr selbst, sondern aus Sicht ihrer Mutter geschildert. Ob dies nun bewusst oder unbewusst von der Autorin Almut Berger so gewählt wurde, sei dahingestellt, die unterschwellige Aussage ist jedenfalls: Wer wie Andrej seinen Weg in die Gesellschaft zurück gefunden hat, mit dem wird gesprochen, dem wird auch zugestanden, mit eigenen Worten vom damaligen Schwänzen, Schlägereien, Sprayen und so weiter zu erzählen. Wer diesen Weg nicht gefunden hat, mit dem wird nicht gesprochen – es wird über ihn gesprochen.

So erzählt dann also die Mutter, dass die damals 12 jährige Flurina eines Tages aus der Schule nach Hause kam und sagte: «I gha nüm!». Ein Schock – sei Flurina doch bis dahin ein ruhiges und fleissiges Mädchen gewesen. Nie haben die Eltern erfahren, was Flurinas Weigerung zugrunde lag. Das Mädchen wird ins Internat gesteckt und bald tauchen neue Probleme auf. Die Mutter zeichnet ein Bild einer besorgten Familie und eines «schwierigen Teenagers», der raucht, der trinkt, die Lehre schmeisst, herumhängt, in Schlägereien verwickelt ist und schlussendlich auch in einer psychiatrischen Klink landet. Beschrieben wird allerdings vor allem eins: das Leiden der Mutter.

Auch Andrej hängt drei Jahre nach seinem Rauswurf aus der Realschule herum, bevor er sich entscheidet, zurück an die Schule zu gehen und seinen Abschluss zu machen. Die Lehrstellsuche gestaltet sich aufgrund seiner Vorgeschichte als schwierig, doch schliesslich findet er eine Stelle und wird wie eingangs beschrieben, bald seinen Lehrabschluss als Elektroinstallateur machen.

Anders Flurina – und hier folgt nun der Originaltext aus dem Migrosartikel: «Sie hängt noch immer auf der Strasse ab. Seit diesem Jahr erhält die 21-Jährige als psychisch Kranke IV, was ihre Mutter nicht versteht: «Jetzt gibt es für sie keinen Grund mehr, ihr Leben in den Griff zu bekommen.»

Das Ganze ist eine Geschichte über die Enttäuschung und das Leiden der Mutter darüber, dass die Tochter den eigenen Erwartungen nicht entspricht und aus ihr «nichts Rechtes geworden ist». Wie Flurina das alles erlebt hat und dass es wohl gewichtige Gründe geben muss, warum ein «fleissiges, ruhiges Mädchen» sich von heute auf Morgen mit aller Vehemenz dagegen wehrt zur Schule zu gehen – das bleibt aussen vor.

[Ironiemodus ein]Aber wahrscheinlich hat dem zwölfjährigen Mädchen jemand erzählt, dass es dann wenn es mal gross ist IV-Bezügerin werden darf und dass das eine ganz tolle Sache ist… [/Ironiemodus aus] Leider hat ihr keiner gesagt, dass man dann nicht mehr mit ihr spricht, nur noch über sie.