Angebliche Depression = rufschädigend?

Der Tagesanzeiger schreibt: «Am 28. Februar strahlte die Tagesschau einen Beitrag zum Thema Depressionen und deren Stigmatisierung aus. Als Einstieg zeigte der Sender Dieter Leutwyler, den ehemaligen Pressechef von Alt-Bundesrat Hans-Rudolf Merz, bei seiner früheren Arbeit im Bundeshaus – einwandfrei identifizierbar. Zu diesen Archivbildern, die aus dem Jahr 2007 stammen, warnte der Sprecher der «Tagesschau», wie schnell übermässige Belastung am Arbeitsplatz zu Depressionen führen könne. Dass es sich dabei lediglich um Symbolbilder handelte, merkte der Zuschauer nicht: Es fehlte der Vermerk «Archiv» oder der Hinweis «Symbolbild».

Herr Leutwyler war verständlicherweise not amused und beschwerte sich beim Ombudsmann des Schweizer Fernsehens. Das ist wie gesagt, verständlich und nachvollziehbar. Da hat sich die Redaktion einen dicken Fehler geleistet, der so nicht hätte passieren dürfen.

Nichtsdestotrotz ist Leutwylers Reaktion auch… nun ja interessant. Die Stigmatisierung seiner Person als «Psychofall» wertet er nämlich als «grobe Persönlichkeitsverletzung», die überdies «in hohem Mass rufschädigend» sei. Darum erwäge er rechtliche Schritte. Er schrieb an den Ombudsmann: «Aufgrund meiner früheren Tätigkeit in Bern als auch in meiner jetzigen Stellung (Kommunikationschef der Sicherheitsdirektion BL) war und bin ich zwangsläufig nach wie vor besonders exponiert. Bei vielen Leuten in der Schweiz und insbesondere im Kanton Basel-Landschaft, welche mich problemlos identifizieren konnten, wie ich auf Grund zahlreicher Rückmeldungen feststellen musste, ist weit herum der grundfalsche Eindruck entstanden, ich sei im Bundeshaus als Mitarbeiter von Bundesrat Hans-Rudolf Merz depressiv geworden. Ich gehöre also aufgrund dieses Fernsehbeitrags zu den «psychisch Behinderten», wie John Kummer die an der Depression erkrankten Personen in Film bezeichnete.»

Wie gesagt, irgendwie interessant, wie schlimm es für einen so erfolgreichen Mann offenbar ist, mit einer psychischen Krankheit in Verbindung gebracht zu werden, geradezu rufschädigend.

Noch jemand Fragen zum Thema «psychische Krankheiten und Stigmatisierung…?»

Also ehrlich gesagt, würde mich ja interessieren, was ein Gericht dazu sagt. Ist es tatsächlich rufschädigend, jemanden fälschlicherweise als «depressiv» zu bezeichnen bzw. darzustellen und wenn ja, weshalb?

Ist es dann auch rufschädigend, depressiv zu sein? Und wen darf man dann dafür verklagen?

Nachtrag: Das Schweizer Fernsehen hat sich bei Leutwyler entschuldigt und den Beitrag von der Internetseite genommen. Damit sei der Fall für ihn erledigt, sagte Leutwyler. Er werde keine rechtlichen Schritte einleiten.» Quelle: persoenlich.com

5 Gedanken zu „Angebliche Depression = rufschädigend?

  1. „Also ehrlich gesagt, würde mich ja interessieren, was ein Gericht dazu sagt.“
    Ein (vernünftiges) Gericht (gibt es das???) würde wohl sagen, dass die Arbeit eines Beamten gar nicht so stressig sein kann, dass er davon einen psychischen Knacks abbekommt.

  2. Die Krankheit Depression hat seit eh und je den schalen Beigeschmack des halbwertigen, unzuverlässigen, negativ belasteten Menschen. Im Anstellungsverhältnis ein praktisch unüberwindbares Handycap für Kaderleute, die ihn ihrer leitenden Funktion vorbildhaft agieren müssen und keine Schwächen haben dürfen.
    Aufgrund der letzten Verabschiedung der IV Revision 6a + b, ist die Stigmatisierung von, u.a., Depressionen offiziell legalisiert worden. Die Folgen dieser neuen Gesetzesgrundlage bietet also Hand zur autorisierter Rufschädigung. Die Reaktion von Dieter Leutwyler ist absolut berechtigt, da seine existentielle Grundlage nun gefährdet ist.

  3. Obige Geschichte zeigt natürlich beispielhaft, was „Stigmatisierung“ wirklich bedeutet. Es genügt, über jemanden WAHRHEITSGEMÄSS eine öffentliche Aussage zu machen („Er ist psychisch behindert“) um ihm das Leben tüchtig zu versauen.
    In Sachen „Rufschädigung“ irrst Du aber vermutlich: rufschädigend ist eine (negative) Aussage oder Behauptung, wenn sie NICHT der Wahrheit entspricht. Einen verurteilten Dieb als Dieb zu bezeichnen ist nicht rufschädigend. Rufschädigend ist jedoch, wenn die IV global eine ganze Reihe von BezügerInnen als IV-Betrüger bezeichnet, obwohl nur ein verschwindend kleiner Teil davon von einem Gericht verurteilt wurde. Dazu muss der Nachweis einer bewussten Täuschung zur eigenen Bereicherung erbracht werden. Leider muss aber der Geschädigte nachweisen, dass die über ihn gemachte Aussage unrichtig ist – also eine Beweislastumkehr die es sonst in der Schweiz nur selten gibt.
    Nichtsdestotrotz tut das Deinen Aussagen bzw. zu Recht kritischen Fragen keinen Abbruch. Frage ist zum Beispiel, ob nicht schon jede öffentliche Bekanntmachung einer Krankheit („Er hat AIDS“) eine Verletzung der Privatsphäre darstellt. Und zweifellos gibt es eine auf Vorurteilen basierende Hierarchie der Behinderungen – so dass eine Aussage über einen Beinbruch, oder Blindheit, ganz andere schädigende Folgen für die Betroffenen hat, als die Aussage „psychisch behindert“. Im weiteren stellt sich die Frage ob objektiv gesehen nicht jede Angabe einer Behinderung eine negative Aussage über eine Person ist (weil „Behinderung“, genauso wie „Handicap“ oder „Invalidität“ – per Definition als etwas Negatives gilt – siehe Cloerkes „Soziologie der Behinderten“).

  4. Rein objektiv-ökonomisch gesehen ist kranksein, egal ob psychisch oder somatisch, nunmal ein Minus, Leuwylers Beurteilung muss also nicht zwingend stigmatisierend sein. Was die „offizielle Stigmatisierung“ betrifft, so liegen offenbar laut Bundesrat die psychsomatischen Krankheiten noch tiefer als die rein psychischen.

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