Das Commitment des Arbeitgeberverbandes

Der Arbeitgeberverband schreibt auf seiner Website unter dem Titel Klares Commitment der Arbeitgeber: «Die Arbeitgeberschaft unterstützt die Maxime «Eingliederung vor Rente» und ist bereit, ihren Teil zur Umsetzung beizutragen.»

«Aber natürlich» so schreibt der Arbeitgeberverband bzw. Prof. Dr. iur. Roland A. Müller seines Zeichens Mitglied der Geschäftsleitung des Schweizerischen Arbeitgeberverbands «braucht es die gemeinsame Anstrengung der Arbeitgeber, der IV-Stellen und der Betroffenen. Sie alle müssen sich bewusst sein, dass von ihnen ein wesentlicher Beitrag zur Beseitigung des strukturellen Defizits der IV bis zum Ablauf der Zusatzfinanzierung Ende 2017 verlangt wird».

Soweit so gut. Und nun dazu, wie der Arbeitgeberverband sich das ganz konkret vorstellt: «Im Zentrum steht das Ziel, vermehrt Behinderte in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren. Freie Arbeitsplätze sollen mit Behinderten besetzt werden, deren Beeinträchtigungen für die Stelle keine Rolle spielen oder mit geeigneten Integrationsmassnahmen der IV überwunden werden können.»

Ähem… wir integrieren «Behinderte», die gar nicht behindert sind? Jetzt mal so doof gefragt: Wo genau lag das Problem bisher, Behinderte zu integrieren, deren «Beeinträchtigungen für die Stelle keine Rolle spielen»? Oder umgekehrt gefragt: Warum – lieber Arbeitgeberverband – sind denn die 17’000 Menschen, die man jetzt wieder eingliedern will, einst berentet worden, wenn deren Beeinträchtigungen für ihre «Arbeitsleistungen» keine Rolle spielen…?

Ist es nun einfach deren Aufgabe, schnell gesund zu werden, damit ihr eure Aufgabe wahrnehmen könnt, die auch zu integrieren?

Oder reden wir hier etwa von zwei verschiedenen Dingen? Ihr von den Rollifahrern aus der Ringier-Kampagne (für die der Schreibende Prof. Dr. Roland A. Müller ja auch als Schirmherr fungiert) und ich von… sagen wir mal dem Mann mit der Hypersomnie, dem das Bundesgericht kürzlich die Rente verweigert hat? Lieber Arbeitgeberverband, ich bin gespannt auf eure Arbeitsplatzvorschläge für diesen Mann – wo «seine Behinderung keine Rolle spielt oder mit geeigneten Integrationsmassnahmen der IV überwunden werden kann».

Man darf man wohl davon ausgehen, dass dieses «Commitment» einerseits der noch haarscharf abgewendeten Behinderten-Quote geschuldet ist (Bloss kein Druck bitte auf die Arbeitgeber; wir machen es ja freiwillig) und andererseits ist aufgrund eben dieser Diskussion um die Quoten der Wirtschaft klar geworden, dass auch das «Volk» es langsam nicht mehr goutiert, wenn der Druck zur Eingliederung nur einseitig auf die Betroffenen ausgeübt wird. Da ist es doch im Hinblick auf die weiteren Verschärfungen und Abbaumassnahmen im Rahmen der IV-Revision 6b ratsam, auch seitens der Wirtschaft ein bisschen Goodwill zu zeigen. Auf dass man dann stolz seine Bemühungen in die Waagschale werfen kann und bloss keiner mehr auf die Idee kommt, der Opfersymetrie müsse womöglich doch noch mit Quoten oder anderen Einschränkungen für die Wirtschaft Genüge getan werden.

Nochmal fürs Protokoll: ich finde Integration toll. Ich finde Arbeitgeber toll, die sich um die Integration von Menschen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen bemühen. Und Menschen, die sich nach einiger Zeit der Berentung wieder ins Arbeitsleben wagen, finde ich ganz besonders toll und mutig – denn einfach ist das nicht.

Aber: Ich wünsche mir, dass irgendeiner von den Wortführern in der ganzen Sache (Herr Rossier, Herr Ritler, Herr Burkhalter oder eben Herr Müller) es mal deutsch und deutlich sagt: Die Wirtschaft und chronische Krankheiten (und um die geht es ja bei der angepeilten Eingliederung hauptsächlich, nicht um die «klassischen Behinderungen») – das verträgt sich oft nur schlecht miteinander. Das ist nicht die Schuld der Arbeitgeber, denn sie müssen wirtschaftsorientiert handeln. Es ist aber auch nicht die Schuld der Betroffenen, dass ihre Leistungsfähigkeit oft von Tag zu Tag schwankt und sie deshalb einem wirtschaftlich orientierten Unternehmen nur begrenzt «zumutbar» sind. Es ist weder ihre Schuld, dass sie erkrankt sind, noch ihre Schuld, dass die Medizin vieles nach wie vor nicht (vollständig) reparieren kann, bzw. nicht mal objektiv feststellen kann, was ihre Beschwerden verursacht. (Dass die Wirtschaft ihrerseits, genauer gesagt die Pharmabranche, durchaus ein gewisses Interesse daran haben könnte, dass gewisse Krankheiten nicht geheilt, sondern nur langjährig behandelt werden können ist nochmal ein ganz anderes Thema…).

Man macht es sich schon ganz schön einfach, wenn man unter «Integration von Behinderten» das Einstellen von Menschen versteht, deren Behinderung keinen Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit hat. Und gleichzeitig jenen, die man nicht integrieren kann oder will unterstellt, eben gar nicht krank oder behindert zu sein und so von Rentenleistungen auszuschliessen. Zugegeben; eine bestechende Lösung zur Sanierung der Invalidenversicherung, allerdings ein bisschen zynisch.

3 Gedanken zu „Das Commitment des Arbeitgeberverbandes

  1. Die Wiedereingliederung bei der Frühintervention scheint auch nicht so zu funktionieren, wie man sich das am grünen Tisch ausgerechnet hat. Innerhalb von 2 Tagen habe ich von 2 Fällen erfahren, die wegen krankheitsbedingten Ausfällen bei der IV im Rahmen der Frühintervention gemeldet waren und schon von dieser darüber informiert worden waren, dass man mit dem Arbeitgeber Kontakt aufnehmen wolle inkl. Termin. Nur hat in beiden Fällen der Arbeitgeber eine KMU und im anderen Fall die Post bevor es überhaupt zu einem Gespräch mit der IV kam den Arbeitnehmern wegen Krankheit gekündigt. Auch die Frühintervention kann nur greifen, wenn der Arbeitgeber überhaupt will.
    Die Frühanmeldung bei der IV schützt also nicht einfach automatisch. Wenn ein Arbeitgeber nicht will, dann gibt es keine Intervention durch die IV, dann kündigt er ungeachtet des Angebotes. Oder vielleicht gerade deswegen.

  2. Gelacht habe ich, als Bortoluzzi im Nationalrat von „seinem“ Behinderten gesprochen hatte, den er für einige Zeit in seinem Schreinerbetrieb hatte. Dieser soll scheins unfähig gewesen sein, mit seinem Chef (also Bortoluzzi) zu sprechen, sondern kam jeweils ins stackeln. Ich schätze, dass die Schuld weniger beim „Behinderten“, als vielmehr bei seinem Chef lag. Doch Spass beiseite, die Wirtschaft will keine Behinderten anstellen. Dass dem so ist, hatte zum Beispiel genannter Bortoluzzi im gleichen Rat ziemlich deutlich zum Ausdruck gebracht, in dem er sich gegen eine Ausbildung von Behinderten wandte. Begründung: Es hat keinen wert, wenn es ein Behinderter nach zwei Jahren noch nicht schnallt. So wollte Bortoluzzi die bereits beschlossene Ausbildung Behinderter von maximal drei Jahren auf zwei Jahre verkürzen. Dies nun mal abgesehen von der zu Fall gebrachten Quotenregelung. Dass da oberster Chef der Behinderten, Bundesrat Burkhalter, nicht gross intervenieren wollte, kann man ihm als Vertreter der Wirtschaft (FDP) ja auch nicht verübeln. Wir Behinderte sind mit unserem Verständnis gegenüber „anderweitig“ Behinderten (Uneinsichtigkeit und Sturheit ist doch auch eine Art Behinderung, oder ???) eben doch noch ein wenig sensibler.

  3. Genau da liegt doch der Haken gerade der Bund mit seinem aufgeblasenen Apperat unsere Löhne einsparen wollen uns den Bankern und anderen Topmanager Ihre Bonis zugestehen und da will Herr Bortoluzzi von seinen Behinderten reden hat er Ihnen vorgekaut was sie sagen sollen Zeit der bürgelichen Lügen und von den IV- Ärzte ganz zu schweigen die ja unter Druck der Politiker oder Mietglieder der bürgelichen Parteien sind oft die Arbeit nicht neutral urteilen können

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