erfolgreich, behindert, unpolitisch

Gestern erschien in der BAZ ein Interview mit Christian Wenk. Wenk ist Arzt, Pianist, aktiver Sportler und seit einem Velounfall vor 10 Jahren querschnittgelähmt. Er beschreibt im Interview unter anderem sein erstes Rollstuhltraining: «Wir fuhren durch die Zürcher Innenstadt und ich merkte, wie sich die Passanten abwendeten, wie mir die Leute auswichen. Als wir in einem Café Halt machten, fragte die Kellnerin meine Begleitung, was ich trinken möchte. Das war ein Schock. Ich hatte Angst, am Rand der Gesellschaft zu bleiben.»

Wenk, der vor seinem Unfall ein international erfolgreicher Duathlet war, kämpfte sich aber – wie man so schön sagt – «zurück ins Leben» und meint: «obwohl alles ein bisschen mehr Antrieb, Zeit und Energie braucht, angefangen beim Aufstehen, kann man sich sehr weit an einen normalen Alltag annähern» und: «In den meisten Fällen behindern wir uns selber».

Darauf wirft der Journalist ein: «Dass Sie im Alltag auf bauliche Hindernisse treffen, ist keine Einbildung, sondern Realität»

Und Wenk antwortet: «Stimmt. Sogar in Neubauten werden viele unnötige Stufen und Schwellen eingebaut. Ich habe mich so arrangiert, dass ich gut funktionieren kann. Wenn mir eine Treppe im Weg steht, setzte ich mich auch mal auf den Hintern und ziehe den Rollstuhl nach. Meine Erfahrung ist: Das Glas ist nie halb leer oder halb voll, es ist immer fast voll(…)»

Das ist der Punkt, an dem ich bei Interviews mit erfolgreichen «voll im Leben stehenden» Rollstuhlsportlern immer einen leichten Anflug von Irritation verspüre. Sie nehmen die Hürden sportlich, das ist schön – wenn man es denn kann. Nicht jeder Rollstuhlfahrer, jede Rollstuhlfahrerin kann aber «auf dem Hintern sitzend Treppen überwinden». Ich würde mal sagen, die allermeisten können es nicht. Ganz abgesehen davon, dass es für den täglichen Gebrauch weder eine sehr praktikable noch besonders würdevolle Fortbewegungsart ist.

Es steht natürlich jedem frei, sich sein Leben mit seiner Behinderung nach eigenem Gusto einzurichten, da steht es mir in keiner Weise zu, irgendjemandem dreinzureden. Es irritiert mich nur immer wieder, dass erfolgreiche und deshalb in der Öffentlichkeit stehende Menschen mit Behinderungen oftmals in einer anderen Welt zu leben scheinen, als der 0815-Rollstuhlfahrer, für den es beispielsweise nicht selten eine jahrelang dauernde Odysee ist, nur schon eine geeignete Wohnung zu finden.

Ich betone «zu leben scheinen» sprich: laut den Darstellungen in den Medien. Effektiv leben sie natürlich in der selben Welt und werden  – Wenk beschreibt dies weiter oben im Interview eindrücklich – oft auch mit Vorurteilen und Hindernissen konfrontiert. Nur ist ihr Umgang damit eben eher sportlich. Und da komme ich dann zur Huhn oder Ei-Problematik (ist ja auch bald Ostern).

Nehmen erfolgreiche Menschen mit Behinderungen Einschränkungen, Vorurteile ect. ihnen gegenüber sportlicher, weil sie aufgrund ihres Erfolges über mehr Anerkennung, Selbstbewusstsein und deshalb Resourcen verfügen, um damit «lockerer» umzugehen? Der Erfolg dient quasi als Kompensation für die täglichen Hürden?

Oder aber: Ist gerade dieses «sportlich nehmen» ein Weg zu Anerkennung und Erfolg in der Welt der Gesunden & Leistungsorientierten?

Sportlich oder sonstwie erfolgreich und mit positiverLebenseinstellung ausgerüstet zu sein trotz Behinderung gilt ja als cool, sexy und respekteinflössend. Da zeigt jemand Leistungswille und hat auch noch Erfolg. So jemand wird als würdig empfunden, respektiert und anerkannt zu werden. So darf man bei den Gesunden mitspielen.

Gänzlich uncool hingegen ist das Jammern und Meckern über beispielsweise nicht barrierefreien öffentliche Verkehrsmittel oder sonstige Diskriminierungen von Menschen mit Behinderungen. Das geht gar nicht.

Erfolgreiche Behinderte vermeiden sowas. Huhn oder Ei? Wurden sie u.a. auch gerade deshalb erfolgreich, weil sie sich nicht mit der Welt der «Behinderten» identifizieren, sondern am (Leistungs)Massstab der Gesunden nach dem Motto: Mit genügend Anstregung kann jeder (fast) alles erreichen? Das freut natürlich auch all jene, die der Meinung sind, Behinderte bräuchten keine «Extrawürste», die könnten – wenn sie ja nur genügend wollten – auch so erfolgreich sein?

Und aus diesem Grund werden diese «erfolgreichen Behinderten» von den Medien ganz besonders gerne ins Rampenlicht gestellt? Die tun ja niemandem weh, die fordern nicht etwa öffentlich barrierefreien Zugang oder treten gar Politikern auf die Zehen. Nein, die sind in der Regel eher unpolitisch. Denn sie wissen: Alles andere würde ihrem Image schaden. Und das richtige Image ist eben auch wichtig für den Erfolg.

Ich möchte betonen, dass obige Überlegungen sich nicht ausschliesslich auf Herrn Wenk beziehen, das Interview mit ihm war einfach der Anlass, diese Gedankengänge einmal auszuformulieren Ausserdem möchte ich auch betonen, dass es keine Kritik sein soll an jenen Menschen, die diesen Weg wählen – nein, ich verstehe es gut: Wer wählen kann, ob er als der erfolgreiche Sportler wahrgenommen wird oder als der ewig grantelnde «aber das ist nicht barrierefrei»- sozusagen «Berufsbehinderte» – der wird aus naheliegenden Gründen die erste Variante wählen.

Schön wäre es natürlich, wenn gerade diejenigen, die als Sympathieträger wahrgenommen werden, zumindest mal ein bissschen und auch nur ganz sanft darauf hinweisen würden, dass viele Hürden weder gottgegeben sind, noch aufgrund der «eigenen Barrieren im Kopf» bestehen, sondern politisch begründet sind und: durchaus abbaubar wären – dann müsste auch Dr. Wenk in Zukunft nicht mehr auf dem Hintern die Treppen herunterrutschen.

5 Gedanken zu „erfolgreich, behindert, unpolitisch

  1. Das Gehirn von Christian Wenk ist vollkommen gesund und überdurchschnittlich in der Leistung. Wäre sein Gehirn oder seine Seele anstatt seiner Beine kapput wäre er total unnutzbar und wertlos in der Gesellschaft.

  2. Was ich festgestellt habe ist, dass die neuen Rollstuhlfahrer in den REHA’s nicht auf ihr zukünftiges Leben im Rollstuhl vorbereitet werden. Dies würde meiner Ansicht nach nebst der medizinischen Versorgung ebenfalls dazu gehören.

  3. Man wird auch in meiner Erfahrung nirgends besonders auf irgendwas behinderungs-bezogenes vorbereitet. Natuerlich erwirbt und organisiert man sich das noetige Wissen dann schon selber – aber man kann sich nur einigermassen aus der Affaere ziehen, wenn man selbst seelisch und mental, intellektuell und psychisch auf der Hoehe ist. Klappt das, ist das dann gesamthaft sicher eine sehr grosse Leistung. Dass man da am Ende des Tags auch keine extra Puste fuer Politik hat, muesste man auch denen nachsehen, die stets von Behinderten das Grosse Wunder erwarten. – Aber wie andere auch profitiert Wenk von dem grossen Engagement anderer – er etwa von den Leistungen des Guido Zaech, von den Zuwendungen der IV, der Ruecksicht am Arbeitsplatz im gegenueber, und von vielem mehr. Das ist ganz sicher so. Auch bei vorhandener Faehigkeit wird einem diese sofern sie sichtlich zu fehlen scheint – ohne Test oder Pruefung – bei Stellenbewerbungen auch gerne mal sofort abgesprochen, das Bitten um ein Test als Aufsaessigkeit ausgelegt – niemals ist die Realitaet eines Doktor Wenk schweizweit implementiert. Wenk ist bestimmt auch entsprechend dankbar, dass er ohne von allzu vielen nichtbehinderten Besserwissern ausgebremst zu werden, durch den Tag flitzen darf.

  4. Es gibt halt unter den Behinderten auch eine Hierarchie – und darin unterscheidet sich die Welt der Behinderten keinen Deut von der Welt der scheinbar nicht Behinderten: Zuoberst sind die Rollstuhlfahrer, gleichsam die Elite der Behinderten. Ihr „Leiden“ ist fast schon penetrant sichtbar (ich bin selber ein solcher), und für sie wird – ohne dass ich das jetzt im Detail abgeklärt habe – von der Allgemeinheit wohl am meisten Geld aufgeworfen. Zuunterst darben die psychisch Leidenden. Man sieht ihnen ihre Behinderung nicht an. Drum wird ihnen wohl bald in der Regel der Status „behindert“ aberkannt. Dazwischen befinden sich die sogenannt Geistigbehinderten. Sie „profitieren“ von einem gewissen Jö-Effekt – solange sie in sicherem Abstand von der Gesellschaft gehalten werden …

    So banal ist das alles …

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