Persönliche Assistenz für behinderte Kinder (und etwas Staatskundenachhilfe für Blickleser)

Lea Mäder ist 8 Jahre alt, hat eine schwere Stoffwechselstörung und braucht Pflege und Überwachung rund um die Uhr. Ihre Mutter hat ihren Job aufgegeben und betreut das Mädchen zu Hause. Das ist aber so in der Schweiz nicht vorgesehen und wird nicht ausreichend finanziert – finanziert würde hingegen die Betreuung von Lea in einem Heim. Stefanie Mäder möchte ihre Tochter aber nicht in ein Heim geben.

Was also tun, wenn die Kräfte am Ende, das Geld mehr als knapp ist und die Behörden aufgrund geltenden Rechts keine Unterstützung bieten? Stefanie Mäder hat sich (wahrscheinlich schweren Herzens) entschieden, mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen. Und welche Zeitung wird schweizweit gelesen? Genau, der Blick.

Und der Blick hat daraus eine Story gemacht. Mit allem was dazugehört. Tränenrührigem Titel und Bildern, einer Umfrage («Unterstützt der Staat die Pflege zu Hause zu wenig?») und einem Folgeartikel mit dem Titel «BLICK-Leser helfen – das Schicksal von Lea berührt die Schweiz». Und damit nicht genug, es wird gleich eine ganze Serie innitiert mit folgendem Aufruf: «Pflegen Sie auch einen schwerkranken Angehörigen und sind damit hilflos überfordert? Dann melden Sie sich unter redaktion@blick.ch (…).

Und wem jetzt noch nicht übel ist, der darf sich noch die Kommentare unter den Artikeln durchlesen. Zum Beispiel denjenigen von Frau C. aus B.: «Schlimm, dass man zuerst an die Öffentlichkeit gehen muss, bevor geholfen wird. Dabei gäbe es Ämter genug, welche das tun sollten. Aber die sparen lieber auf dem Buckel von schwerst Behinderten, eine Schande für die Schweiz. Wäre Stefanie Mäder nicht Schweizerin, so wäre ihr schon lange geholfen worden. Zudem bin ich der Meinung, durch die Glückskette mal für solche Fälle eine Spendenaktion zu lancieren, als Millionen von Franken ins Ausland zu schleudern.»

Liebe Frau C. aus B.

Sie haben meiner Ansicht nach völlig recht, dass es für betroffene Eltern absolut degradierend ist (das ist eine etwas andere Formulierung für das von ihren verwendete «schrecklich»), in einer solchen Lage keine Unterstützung von den Behörden zu bekommen und deshalb keine andere Möglichkeit zu haben, als sich im Blick gemeinsam mit dem behinderten Kind quasi visuell zu prostituieren.

Dass die Behörden aber auf dem Buckel von Behinderten (und ihren Angehörigen) sparen, liegt nicht an den Behörden, liebe Frau C. sondern auch an BlickleserInnen wie Ihnen. Geben Sie es doch zu, auch Sie klicken besonders gerne auf Blick-Überschriften wie «Hier wohnt der frechste Simulant der Schweiz». Und weil hohe Klickraten gut fürs Geschäft sind, schreibt der Blick so oft wie möglich solche (und ähnliche) Artikel. Und weil IV-Betrüger die Ali Y. oder Mehmed Ü. heissen, nochmal massiv höhere Klickraten generieren als solche die Ueli S. oder Hansjörg M. heissen, bekommen Sie liebe Frau C. und ihre BlickleserkollegInnen das Gefühl, dass nicht nur die Zahl der IV-Betrüger tatsächlich immens hoch sei, sondern auch der Anteil von Ali Y.’s oder Mehmed Ü.’s darunter quasi 150% betrage – denn schliesslich berichtet der Blick ja ständig darüber.

Ich verrate ihnen jetzt einmal ein kleines Geheimnis, über das der Blick nie schreiben wird: Es gibt gar nicht so viele Betrüger. Im Jahr 2009 entdeckte man gerade mal 240 Betrüger, das ist weniger als 1% aller IV-Bezüger. Der Blick könnte aber natürlich angesichts dieser Zahl 5 Mal pro Woche über einen IV-Betrüger schreiben, aber das ist wohl selbst dem Blick zu doof und vielleicht wären dann auch zuviele Uelis dabei…

Lange Rede, kurzer Sinn, liebe Frau C.: Die Betrugsquote von unter einem Prozent bei der Invalidenversicherung ist nicht für deren Defizit verantwortlich. Da hat Ihnen Ihre regelmässige Blicklektüre ein falsches Bild vermittelt. Und dann haben Sie bei der letzten Wahl wahrscheinlich SVP gewählt – weil die ja versprachen, was zu tun gegen den «immensen Betrug der am Defizit der IV Schuld ist».

Ich verrate Ihnen jetzt nochmal ein Geheimnis, Frau C. – die SVP die wusste, dass der Betrug bei der IV weder immens noch für deren Defizit verantwortlich ist, aber mal ehrlich; hätten Sie SVP (oder auch FDP oder CVP) gewählt, wenn die Ihnen von vornerein gesagt hätten: Eigentlich wissen wir ganz genau, dass der Betrug bei der IV gar nicht so besonders hoch ist, aber wir brauchen einfach eine Legitiamtion, um bei den Behinderten zu sparen, weil wir nämlich die IV-Beiträge auch nach 15 Jahren nicht erhöhen wollen?

Na, Frau C.?

Die bösen Ämter sparen nämlich nicht einfach so, sondern weil das Parlament (dominiert von einer bürgerlichen Mehrheit) ihnen die Gesetze dazu vorgibt.

Wenn Sie also etwas wirklich Gutes für Menschen mit Behinderung tun wollen, liebe Frau C. , dann wählen Sie im Herbst nicht mehr SVP (oder FDP, BDP oder CVP, denn deren Vertreter haben sich in der vergangenen Session grösstenteils gegen die Assistenz für behinderte Kinder ausgesprochen – die es ermöglichen würde, dass Kinder zu Hause gepflegt werden können und nicht ins Heim gegeben werden müssen. Die Mehrheit des Parlamentes hat sich übrigens auch dagegen entschieden, dass Angehörige generell für Assistenzdienste finanziell entschädigt werden können) und unterschreiben Sie die Petition für persönliche Assistenz für behinderte Kinder. Oh und lesen Sie vielleicht mal etwas weniger den Blick. Dann kommen Sie auch nicht mehr auf so verquere Ideen, dass für sowas die Glückskette sammeln soll. Das Anrecht auf persönliche Assistenz wie überhaupt die Finanzierung der Betreuung von kranken und behinderten Kindern sollte nämlich nicht davon abhängen, ob mit einem herzerweichenden übelkeitserregenden Blick-Artikel genügend grosszügige Spender gefunden werden, die damit ihr persönliches Karmapunktekonto etwas aufbessern möchten.

Und jetzt bin ich eigentlich nur noch gespannt darauf, ob der Blick auch einen Artikel zur Petition veröffentlicht. Dadurch könnte man nämlich nicht nur einem Einzelfall, sondern vielen anderen Kindern und deren Eltern helfen. Aber es könnte sein, dass die Unterstützung einer Petition für persönliche Assistenz für Kinder nicht so ganz nach dem politischen Hintergrundfahrplan des Blicks ist. Man darf gespannt sein.

Weiter Informationen zur persönlichen Assistenz bei der FASSIS