IV-Gutachter übersehen Tumore

Die 9000.-, welche die IV pauschal pro Gutachten vergütet, sind – so würde man denken – ganz ordentlich. Manche Gutachten sind damit wohl auch deutlich überbezahlt, in anderen Fällen unterlassen die Gutachterinstitute dann aber zuweilen wichtige Zusatzabklärungen wie bildgebende Verfahren mit Magnetresonanztomografie oder Computertomografie, da diese sehr teuer sind und ihnen sonst finanzielle Einbussen drohen. Was das für Auswirkungen haben kann, beschrieb der Rechtsanwalt Kurt Pfändler im Plädoyer 6/2010:

«In mehreren Fällen sind Versicherte nicht ernst genommen worden und Abklärungen unterblieben, teilweise mit schwerwiegenden Folgen. Zwei Fälle sind von der Medas Inselspital Bern bekannt. Ein 2008 zur Abklärung aufgebotener Versicherter hatte vergeblich geltend gemacht, die Reise nach Bern sei zu anstrengend, worauf ihm die IV mit einem ablehnenden Entscheid drohte. Der Mann ging hin, hatte ein Stechen in der rechten Lungengegend und starke Atemnot. Als er dies dem Gutachter klagte, wurde er ausgelacht und als Simulant bezeichnet. Als er die Untersuchung wegen zunehmender Beschwerden abbrechen wollte, wurde ihm gedroht, man werde dies sofort der IV melden, dann gebe es keine Leistungen. Bereits auf dem Heimweg im Zug erlitt er einen Spontanpneumothorax, ein Zusammenfallen der Lunge, der zu Atemnot und einer lebensbedrohlichen Situation führte. Der Hausarzt wies ihn notfallmässig ins Kantonsspital Aarau ein, wo er mehrmals operiert werden musste. Die Medas Inselspital hatte ihn nicht auf das Atemgeräusch hin untersucht, sondern seine Beschwerden angezweifelt und nur unspezifische Symptome festgestellt, die zu keiner Arbeitsunfähigkeit führten.»

(Kurze Anmerkung meinerseits: 10vor10 berichtete am 1.12.2008 über diesen Fall. Zuweisende IV-Stelle war im Übrigen diejenige aus dem Aargau, da wundern dann auch die lausigen Statements des IV-Verantwortlichen im 10vor10 Beitrag nicht mehr, denn der Umgang mit Kranken ist eben nicht so deren Fachrichtung, die haben sich auf dieser IV-Stelle ja eher so auf Verbrecherjagd spezialisiert.)

In einem zweiten Fall wurde ein 50-jähriger Mann begutachtet, der seit über zwanzig Jahren an Morbus Bechterew, einer chronischen, nicht heilbaren Wirbelsäulenkrankheit litt. Er war eine Woche stationär im Inselspital zur Begutachtung, klagte über massive Rückenschmerzen, konnte kaum mehr gehen, doch auch da fanden die Medas-Ärzte keine Ursache. Kaum daheim, brach er mit einem Nierentumor zusammen, er hatte bereits Metastasen im Gehirn, wurde operiert und starb als Folge des Tumors. Der Tumor war trotz klarer Klagen weder abgeklärt noch gefunden worden.

Vom Medizinischen Zentrum Römerhof (MZR) in Zürich ist ein analoger Fall bekannt. Einer Patientin attestierte diese Medas lediglich eine Schmerzausdehnung, ihre Rückenbeschwerden wurden bagatellisiert. Quantitativ bestehe keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit, nur schwere Lasten könne sie nicht mehr tragen. Es wurde auf bildgebende Abklärungen verwiesen, ohne dass solche vorgenommen wurden. Eine spätere MRI-Aufnahme förderte einen Tumor zu Tage. Weil dieser spät entdeckt wurde, kam es zu einem Folgeschaden.

Die geschilderten Fälle sind nur die Spitze des Eisberges. Sie zeigen aber: Das schweizerische Begutachtungssystem ist unter rechtsstaatlichen Gesichtspunkten höchst fragwürdig Es ist gekennzeichnet durch ein enormes Ungleichgewicht zulasten der Geschädigten. Manche der Mediziner üben keine Praxistätigkeit aus, womit sie erstens von ihrer Gutachtertätigkeit abhängig sind und ihnen, zweitens, der Praxisbezug fehlt. Der Druck der Versicherer auf die Gutachterstellen nimmt zu, die Rad der Invalidenversicherung schalten sich hinter den Kulissen in die Begutachtungen ein, und die Versicherten haben das Nachsehen. Eine erhebliche Zahl über Nacht gesundgeschriebener Versicherter verlässt diese Gutachterinstitute. Die Abklärungen der Versicherten, Berichte ihrer Ärzte oder Gutachter werden demgegenüber nicht als Beweismittel anerkannt.

Quelle: «Begutachtung: Korrekturen dringend notwendig» von Kurt Pfändler im Plädoyer 6/2010

5 Gedanken zu „IV-Gutachter übersehen Tumore

  1. Wie würde wohl ein Gutachter reagieren, wenn der Proband zur Beweisführung mit seinem behandelnden Arzt inkl. Rechtsvertreter auftauchen würde und zudem noch verlangt das Gespräch aufzuzeichnen? Gibt es diesbezüglich klare Richtlinien, die ein solches Vorgehen untersagen?

  2. @ Veritas, es darf bei der Begutachtung keine Begleitperson anwesend sein, dazu hat sich das Bundesgericht auch schon mehrfach geäussert zb so:
    (…) hat der Versicherte keinen Anspruch auf anwaltliche Verbeiständung (BGE 132 V 443) oder Begleitung durch eine Drittperson (Urteil I 42/06 vom 26. Juni 2007) anlässlich der medizinischen Begutachtung. Denn es geht dort darum, dem medizinischen Experten eine möglichst objektive Beurteilung zu ermöglichen, was bedingt, dass diejenigen Rahmenbedingungen zu schaffen sind, die aus wissenschaftlicher Sicht am ehesten dazu geeignet sind. Es muss eine Interaktion zwischen der begutachtenden und der zu begutachtenden Person stattfinden. Die Begutachtung soll möglichst ohne äussere Einflussnahme vorgenommen werden. Die Anwesenheit eines Rechtsvertreters wäre diesem Zweck nicht dienlich.
    Ähnlich wie bei einer Zeugeneinvernahme, bei welcher sich der Zeuge auch nicht verbeiständen lassen kann, geht es darum, dem Gutachter ein unverfälschtes und wahrheitsgetreues Bild zu verschaffen (BGE 132 V 443 E. 3.5 S. 446). Die versicherte Person soll sich unbefangen verhalten und auf Fragen unbeeinflusst Antwort geben. Analog zur Beweismaxime der Aussage der ersten Stunde kommt es im sozialversicherungsrechtlichen Beweisverfahren entscheidend auf die Spontaneität der Reaktionen und Aussagen an (SVR 2007 IV Nr. 22 S. 77, I 478/04).
    (Quelle: http://jumpcgi.bger.ch/cgi-bin/JumpCGI?id=08.08.2007_I_874/06)

    — Wobei ich jetzt gad mal kurz gestutzt habe… ZEUGEN-Einvernahme? Lustiger Vergleich, ein Versicherter ist ja wohl kein „Zeuge“ sondern gleicht langsam eher einem „Angeklagten“ und in den Fall dürfte (Achtung, gefährliches Halbwissen!) wohl ein Anwalt beigezogen werden. Wobei das ja an sich nicht das Ziel sein sollte, das Ziel sollten faire Gutachten – auch ohne Anwalt – sein.

  3. Den aus dem BGE finde ich nicht schlecht: „Die Begutachtung soll möglichst ohne äussere Einflussnahme vorgenommen werden.“

    Aha. Demnach sind auch die Gutachter nicht von äusserer Einflussnahme betroffen, oder? …

    Müssen die Gutachter eigentlich so etwas wie eine Ethik-Prüfung ablegen?

  4. @Titus
    So viel ich weiss, wird bei den Medizinern der hypokratische Eid nicht mehr abgelegt, sondern ist durch die Standesregeln ersetzt. Vielleicht leisten die IV-Gutachter einen ähnlichen Eid, wie damals die Aerzte in der DDR: „In hoher Verpflichtung gegenüber der sozialistischen Gesellschaft und ihren Bürgern, eng verbunden mit der Deutschen Demokratischen Republik, gelobe ich …“ (selbstverständlich auf schweizerische Hoheit abgestimmt).

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