Höflichkeit, Respekt und Achtung vor dem Bürger

Genauso so unwahr wie die Behauptung, dass alle IV-Bezüger Simulanten seien, wäre auch die Behauptung, dass alle IV-Gutachter ihre Arbeit nicht ordentlich machen. Denn ausgerechnet der Chefarzt der MEDAS Zentralschweiz, Dr. med. Jörg Jeger, äussert sich immer wieder sehr kritisch zur bundesgerichtlichen Rechtssprechung bezüglich der somatoformen Schmerzstörungen. So beispielsweise auch sehr ausführlich im Jusletter vom 16. Mai 2011. Davon jedoch ein andermal. Ich möchte erstmal ein kleines Detail am Rande aus dem langen Artikel Jegers herausgreifen. Etwas, das mich berührt hat. Eine Kleinigkeit mag man sagen. Ein Detail eben. Und dennoch bedeutsam. Und zwar schreibt Jeger folgendes:

«In den Verfügungen sollte von der Formulierung «Unsere Abklärungen haben ergeben, dass Sie Ihre Beschwerden mit zumutbarer Willensanspannung überwinden und 100% arbeiten könnten» Abstand genommen werden. Diese Art der Kommunikation wirkt oft anmassend und verletzend.
Eine sozialverträglichere Kommunikation läge auch auf der Linie von Markus Müller, der in seinem Büchlein über die «Psychologie im öffentlichen Verfahren» von der Verwaltung im Umgang mit dem Bürger Höflichkeit, Respekt und Achtung vor dem Gegenüber fordert. Es gibt aus der beschränkten Optik eines Mediziners keinen Grund, eine rechtmässige Leistungsablehnung mit einer kommunikativen Beleidigung zu verbinden. So könnte man in einer Verfügung alternativ formulieren: «Unsere Abklärungen haben ergeben, dass sich Ihre ärztlich festgestellte Krankheit nicht mit einer vom Bundesgericht als objektiv akzeptierten Methode nachweisen liess. Damit fehlen die rechtlichen Voraussetzungen für die Ausrichtung von Leistungen durch die Invaliden-versicherung.» Das würde kein Geld kosten, lediglich Sozialkompetenz.»

Nun kann man sagen: Die schönen Worte ändern auch nichts am Sachverhalt. Sie ändern aber ganz entschieden etwas an an der Perspektive. Die Formulierung mit der zumutbaren Willensanstrengung sagt eigentlich: «Wir halten Sie für einen wehleidigen Simulanten.» Und so wird das dann auch in der Bevölkerung wahrgenommen, titelte doch beispielsweise der Blick am 2. Februar 2011: «IV-Bezügern für Schleudertrauma gehts an den Kragen». Der Ausdruck «an den Kragen gehen» wird oftmals in dem Sinne verwendet, dass jemand für ein Fehlverhalten oder gar Verbrechen seine gerechte Strafe bekommt.

Ein ganz anderes Bild jedoch vermittelt die von Jeger vorgeschlagene Formulierung «Unsere Abklärungen haben ergeben, dass sich Ihre ärztlich festgestellte Krankheit nicht mit einer vom Bundesgericht als objektiv akzeptierten Methode nachweisen liess». Das sagt nämlich: Wir anerkennen das Vorhandensein einer Erkrankung, sind aber leider total unfähig (naja so in etwa…), die invalidisierende Wirkung dieser Erkrankung nachzuweisen.
Der «Fehler» liegt dann nicht beim Betroffenen, der das Pech hat, an einer solchen Erkrankung zu leiden, sondern eher an der Wissenschaft, die (noch) keine geeigneten Nachweismethoden zur Verfügung stellen kann.

Es liegt leider in der Natur der Sache, dass Menschen mit unsichtbaren Krankheiten auch im Alltag gegen das Vorurteil zu kämpfen haben, sie wären an sich gar nicht richtig krank. Dass der Staat diesen Vorurteilen aber auch noch Nahrung bietet, lässt die Vermutung aufkommen, dass dies keine Unacht-samkeit, sondern volle Absicht ist. Denn natürlich lassen sich sinkende Neurentenzahlen viel besser ans Volk verkaufen, wenn die nicht gewährten bzw. gestrichenen Renten damit begründet werden, dass die Betroffenen sich eben nur ein bisschen mehr anstrengen müssten…

8 Gedanken zu „Höflichkeit, Respekt und Achtung vor dem Bürger

  1. Mia hätte mit Ihrer Feststellung an und für sich schon recht. Allerdings würden plötzliche sozialkompetente Ausdrücke in Verfügungen und Gutachten dem im Behördenumgang (zu) gewohnten Bürger (und wohl auch Anwälten) schon etwas „komisch“ vorkommen.

  2. Vor allem einmal ist diese vorgeschlagene Formulierung inhaltlich korrekt. Wogegen es naemlich auch bei voll angestellten Behinderten immer wieder inhaltlich korrekt waere, zuzugeben, dass sie zwar gar nicht 100% arbeiten KOENNEN, man es ihnen aber aus Freundlichkeit oder mangels Alternativen trotzdem zumutet. Ueberhaupt wuerde einiges alleine dadurch an Hoeflichkeit gewinnen, wenn es nur einmal korrekt formuliert wuerde. „Wir haben Ihren Antrag gelesen und ihn eigentlich alle toll gefunden, lehnen ihn aber erstmal deswegen ab, um zu sehen, ob Sie klein beigeben oder sich anstellen wie ein Wald voll Affen. Dies ist eine automatisch generierte Blocksatzantwort“.

  3. @turander, von wegen „…ob Sie klein beigeben oder sich anstellen wie ein Wald voll Affen. Dies ist eine automatisch generierte Blocksatzantwort.“ : BINGO!

    …und so erfrischen, sozialkompetent – einfach passend. Dankeschön für den Auffahrtsbeitrag!

  4. „Wir haben Ihren Antrag gelesen und ihn eigentlich alle toll gefunden, lehnen ihn aber erstmal deswegen ab, um zu sehen, ob Sie klein beigeben oder sich anstellen wie ein Wald voll Affen. Dies ist eine automatisch generierte Blocksatzantwort“.

    :-))))

  5. Dankedanke, Aber was denkt Ihr von wem ich diese Ideen kriege? So arg an der Realitaet vorbeigetextet ist das nicht : ) Ich darf ja gar nicht sagen, was das fuer Antraege sind, die ich der IV da so schicke, und was das fuer Antworten sind, die die da schreiben. Die wollen gar nicht Geld sparen, soviel ist ganz eindeutig, da wird Knete so fett rausgehauen wie nirgendwo sonst, jeder Fililalleiter einer Bank wuerde sofort zuckerkrank – das ist ein voellig anderer Film, der da abgeht, ganz grosses Kino. Da ist Muppet Show und Monty Python NICHTS dagegen. Sich aufzuregen waere aber grundfalsch und auch die zartsuessbittere Absurditaet innerhalb dieser Art Wahrheitsmacheversuchsfabriken schlecht verstanden. Denn es gibt auch dort – abseits von Headbanging in Gerichtssaelen – den Lithium Sunset, den Frieden Trotz Allem, die Chance tief im Chaos. Studieren Sie die Soziologie der Behinderten und stellen Sie sich dann die entscheidenden 5 Fragen, dann wissen Sie die Antwort. Aber man muss das als Klient erst lernen – IV Antrage durchbringen ist, wie wenn man ein Auto faehrt, indem man statt ans Steuer zu sitzen im Wald rosarote Erdbeeren pflueckt und sie dann mit dem Tennisschlaeger auf Linienbusse der VBZ schiesst – also in jeder Hinsicht indirekt und orthogonal zur dritten Ableitung des Sachverhalts. DANN aber hat diese Versicherung einiges zu bieten. In anderen Worten, so schlecht sind die Menschen dort keinesfalls – einfach, anders ; )

  6. Es ist sicher so, die „Willensanstrengung“ steht im Zentrum der Gutachten und der IV-Entscheide. Die Frage der Formulierung ist juristisch gesehen nebensächlich. Was aber zählt ist die Wahrscheinlichkeit einer Beschwerde, und die lässt sich durch den Vorwurf der Aggravation und mittels Verbalrabulistik massgeblich in die gewünschte Wahrscheinlichkeitsform bringen.

    Um die Willensanstrengung als leicht erscheinen zu lassen, unterlässt man zu beschreiben, was genau überwunden werden soll und dichtet Symptomausweitung hinzu (die natürlich vom Gutachter aufgedeckt werden, alle anderen Ärzte sind Trottel und werden vom Exploranden beeinflusst).So ist es möglich, die meisten Exploranden für hochgradig Arbeitsfähig zu erklären. Um die IV darüber hinaus zu entlasten, beweist man noch schnell dass der Explorand regressiv ist und deshalb Eingliederung nicht möglich. Um die Sache etwas plausibler erscheinen zu lassen belässt man ein Defizit, aber eines ohne Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit.

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