Verantwortung

Die Reaktionen der sogenannten «Islamkritiker« auf die unfassbare Tat eines ganz klar politisch motivierten Massenmörders in Oslo/Utøya finde ich ehrlich gesagt nur sehr schwer zu ertragen. Am liebsten würde ich sie grossräumig umgehen. Aber ich glaube, wir müssen hinsehen. Denn das allererschreckendste an den ganzen Äusserungen sind die Verharmlosung und die vehemente Verleugnung von klar gegebenen Zusammenhängen von Seiten derjenigen, deren Gedankengut unübersehbare Parallelen mit denen des Massenmörders aufweist.

Da ermordet einer mit einer ziemlich beträchtlichen Schnittmenge zum Gedankengut der international vernetzen Islamkritiker in Norwegen über 70 grösstenteils junge Menschen, weil die seine politische Einstellung nicht teilen und die «Islamkritiker» reagieren – ob Angehöriger einer rechtspopulistischen Partei, Herausgeber einer ebensolchen Publikation, Blogger oder Kommentarschreiber alle nach dem folgenden Muster:

  1. Sie waschen ihre Hände in Unschuld und beteuern, dass das gar nichts mit ihnen oder dem von ihnen verbreiteten Gedankengut zu tun hat.
  2. Sie sind sich alle einig, dass der Mörder eine schwere psychische Störung haben muss. (Aber nicht etwa, weil er das eigene Gedankengut teilt…)
  3. Sie geben den getöteten Menschen (und all jenen, die die deren politische Einstellung teilen) die Schuld an der Tat. (Siehe victim blaming).
  4. Sie lenken von ihrer eigenen Mitverantwortung ab indem sie lautstark bekräftigen, wie niederträchtig es wäre, nun «Politisches Kapital» aus der Sache zu schlagen (Was sie natürlich – wären die Vorzeichen umgekehrt, selbstverständlich nie tun würden und auch nie getan haben – und natürlich auch jetzt nicht tun…)

Nicht ein einziges Wort der kritischen Selbstreflexion bei den Exponenten der internationalen «islamkritischen Allianz» darüber, ob nicht vielleicht der Tonfall nicht da und dort etwas ausser Rand und Band geraten sein könnte, wenn hunderte ausführliche Zitate der eigenen Ikonen in der schriftlichen Rechtfertigung eines Massenmörder auftauchen? Nicht der Hauch eines gewissen Verantwortungsgefühls?

Und damit wir uns richtig verstehen: Ich halte die Meinungsfreiheit für ein absolut schützenswertes Gut. In einer offenen Gesellschaft muss Kritik – egal an welcher politischen Richtung oder sonstigen Gesinnung – Platz haben. Aber was da in den Niederungen der Anhängerschaft der «Islamkritiker» an Menschenverachtung herumsuppt, das läuft nicht mehr unter «Kritik» – das ist nur noch abgrundtiefer Hass. Hass auf Muslime, Ausländer, Multikulti, Linke und generell Andersdenkende. Und wenn die Artikel aus der eigenen Publikation regelmässig auf dem grössten deutschsprachigen «islamkritischen» Blog Hetzportal geradezu frenetisch jubelnd begrüsst werden, dann sollte man sich vielleicht schon mal Gedanken über die Verantwortung machen, die man als Verbreiter von «Islamkritischen Gedankengut» trägt.

Macht Roger Köppel aber nicht. Er arbeitet den obigen Vierpunkteplan bereits im Editorial der neuesten Weltwoche ab (Auch dieses Editorial wurde bereits im oben erwähnten «islamkritischen» Blog eingestellt – nachdem die deutschen Medien in den letzten Tagen wiederholt über den Blog berichten haben, scheinen die Kommentare zur Zeit jedoch äusserst strikt moderiert zu werden – fragt sich, für wie lange…):

1. Hände in Unschuld waschen.
Köppel: «Es gibt keine direkte Luftlinie, die von der Tea Party über die SVP zum Massaker auf der Jugendinsel führt.»

Abgesehen davon, dass Herr Freysinger von der SVP gerne mit den Islamkritikern dieser Welt kuschelt und beispielsweise am 3. September in Berlin gemeinsam mit Robert Spencer, dem auch von der Tea Party hofierten amerikanischen «Religionswissenschaftler» der im Pamphlet des Massenmörders über 60 Mal ausführlich zitiert wird, auftreten wird – und zwar bei einer Wahlveranstaltung der deutschen Partei «Die Freiheit» – welche wiederrum den Machern des grössten deutschen «islamischkritischen» Hetzportals sehr nahe steht.
Wer auch nur an den Rändern eintaucht in das Universum des Robert Spencer findet dann zum Beispiel Aussagen wie: «Die Kreuzzüge sind lediglich Verteidigung der Christen gegenüber dem Dschihad gewesen, der schon zuvor begonnen habe. Und das grausame Verhalten der Kreuzfahrer, etwa nach der Eroberung Jerusalems, sei damals halt so üblich gewesen». Solche Aussagen findet natürlich die katholische Kirche auch ganz grossartig und kuschelt deshalb auch gerne mit Spencer.
Und der meint weiter: «Man müsse sich der Kreuzzüge nicht schämen, die jungen Menschen müssen sich der Tatsache bewusst sein, dass sie eine Kultur und eine Geschichte haben, auf die sie stolz sein können, dass sie keine Nachkommen von verbrecherischen Unterdrückern sind, und dass es die Mühe wert ist, das eigene Haus und die eigene Familie gegen diejenigen zu verteidigen, die diese zerstören wollen und zu sterben bereit sind, um dies zu machen.»

Das sind keine imaginären «Luftlinien».

2. Der Mörder ist ein Verrückter
Köppel schreibt: «Menschen können auf höchst virtuose Weise grausam sein. Es braucht weder Anlass noch Begründung. Oft genügt sich die Grausamkeit selbst.»

Zu behaupten, der Mörder hätte aus purer Mordlust getötet, verkennt die Tatsachen in allergröbster Weise. Es ging ihm nicht ums Töten an sich, denn als Opfer wurden ganz gezielt politische Gegner ausgewählt. Das Töten war aus Sicht des Mörders Mittel zum Zweck – er sah sich ganz in der Tradition der von Spencer rehabilitierten Kreuzritter, die angeblich nicht per se grausam waren, sondern sich lediglich «gegen den Islam verteidigen mussten».

Besonders erhellend in dieser Hinsicht ist auch die Herleitung von SVP Nationalrat Freysinger, der die offensichtliche «Verrücktheit» des Massenmörders im Tagi mit folgender Aussage zu belegen versucht: «Die Muslime will er deportieren und umbringen. Warum bringt er dann Norweger um?» – Sprich: Hätte er Muslime umgebracht, wäre er weniger verrückt…?

Auch Köppel macht bei der Einschätzung der Verrücktheit des Mörders einen interessanten Schlenker: Zwar ist der Mörder «wahnsinnig» dies aber nur äusserst selektiv – denn bei der Wahrnehmung der laut Weltwoche real existierenden Missstände beispielsweise bezüglich der Islamproblematik zeigt der Täter offenbar keine Anzeichen von Geisteskrankheit. Im Gegenteil der Mörder ist – weil er diese Probleme eben so klar sieht, eigentlich ein Opfer dieser Missstände, womit wir bei Punkt 3 wären:

3. Blame the victims
Köppel: «Wenn schon, wäre der Mörder (Anmerkung: Name ersetzt) das Resultat einer Unzufriedenheit und Ohnmacht, die europaweit von der elitären, der Lebensrealität der Leute immer stärker entrückten politischen Klasse verursacht werden»

Köppel bestreitet vehement jeglichen Zusammenhang zwischen dem Gedankengut der islamkritischen Parteien und dem Massenmord, wohingegen er absolut keine Probleme damit hat, einen Zusammenhang zwischen der «regierenden politischen Klasse» und der Tat herzuzstellen. (Der norwegische Ministerpräsident Stoltenberg gehört der sozialistischen Arbeiterpartei an, sein Regierungssitz wurde mit einer Bombe in die Luft gejagt, junge Nachwuchspolitiker seiner Partei wurden in einem Massaker hingerichtet).

Der Täter wird also in Umkehrung der Tatsachen als das wahre Opfer ausgemacht – als Opfer der angeblichen politischen Missstände, die Köppel und Konsorten seit Jahren heraufbeschwören. Man könnte das nun «Politisches Kapital aus einer schrecklichen Tragödie schlagen» nennen. Davon reden auch die Islamkritiker – aber natürlich tun das aus deren Sicht nur «Die Anderen»:

4. Ablenkungsmanöver durch Diskreditierung der «Anderen»
Köppel befindet, dass es intellektuell etwa gleich unredlich wäre, «den Massenmörder als irregeleiteten Vertreter islamkritischer, konservativer Kreise zu bezeichnen», wie wenn man sagen würde, «dass alle grünen Veganer am der Ermordung des holländischen Islamkritikers Pim Fortuyn mitschuldig wären, weil dessen Mörder ein «militanter Pflanzenesser» war».

Herr Köppel, bei allem Respekt, der Vergleich hinkt nicht nur, der kann nicht mal selber laufen. Denn der Mörder von Pim Fortuyn hat seine Tat meines Wissens nach nicht mit einem 1500-seitigen Pamphlet mit Zitaten aus diversen vegetarischen Kochbüchern erklärt gerechtfertigt.

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Selbstverständlich kann man jetzt nicht einfach hingehen, mit dem Finger auf Köppel, Freysinger und deren Brüder im Geiste zeigen und sagen: «Ihr seid schuld!» Da würde man es sich zu einfach machen. Denn wir alle tragen die Verantwortung dafür, wie wir miteinander umgehen. Wir tragen auch die Verantwortung, wenn sich Menschen (egal welcher politischen oder religiösen Couleur) von ihrem direktem Umfeld, der Politik oder dem Staat nicht wahrgenommen fühlen und glauben, sich nur mittels einer Radikalisierung Gehör verschaffen zu können. Nicht nur diejenigen, die Hass und Hetze verbreiten (und dies oft ohne wirkliche Lösungen anzubieten) tragen eine Verantwortung, wir alle tragen eine Verantwortung, wenn wir Hass und Hetze zulassen. Und nochmal: Es geht hier absolut nicht um eine Beschneidung der Meinungsfreiheit oder darum, dass nicht kritisiert werden darf (schliesslich kritisiere ich selbst Köppels Aussagen ja auch – ob dies in genügend respektvoller Weise geschehen ist, weiss ich nicht, ich habe mich jedenfalls darum bemüht).

Mir liegt sehr viel an der Art und Weise, wie eine Meinung oder Kritik geäussert wird. Denn Hass, Aggressionen und Ignoranz auf der einen Seite beschwören auf der anderen Seite nur noch mehr Hass, Aggressionen und Ignoranz herauf.

Ich denke, es ist höchste Zeit aus dieser Spirale auszusteigen, und dem sich immer weiter ausbreitendem Hass etwas anderes als noch mehr Hass entgegenzusetzen, bevor es zu spät ist.

Norwegen macht es auf tief beeindruckende Weise vor.

Nachtrag 30. Juli: Neben den omnipräsenten Bildern und Artikeln zum Täter werden die Opfer von Oslo und Utøya oft nur als anonyme Zahl wahrgenommen – doch zu jedem einzelnen Opfer gehört ein Gesicht, eine Geschichte und eine Familie, in deren Leben nichts mehr sein wird wie zuvor.