Verantwortung

Die Reaktionen der sogenannten «Islamkritiker« auf die unfassbare Tat eines ganz klar politisch motivierten Massenmörders in Oslo/Utøya finde ich ehrlich gesagt nur sehr schwer zu ertragen. Am liebsten würde ich sie grossräumig umgehen. Aber ich glaube, wir müssen hinsehen. Denn das allererschreckendste an den ganzen Äusserungen sind die Verharmlosung und die vehemente Verleugnung von klar gegebenen Zusammenhängen von Seiten derjenigen, deren Gedankengut unübersehbare Parallelen mit denen des Massenmörders aufweist.

Da ermordet einer mit einer ziemlich beträchtlichen Schnittmenge zum Gedankengut der international vernetzen Islamkritiker in Norwegen über 70 grösstenteils junge Menschen, weil die seine politische Einstellung nicht teilen und die «Islamkritiker» reagieren – ob Angehöriger einer rechtspopulistischen Partei, Herausgeber einer ebensolchen Publikation, Blogger oder Kommentarschreiber alle nach dem folgenden Muster:

  1. Sie waschen ihre Hände in Unschuld und beteuern, dass das gar nichts mit ihnen oder dem von ihnen verbreiteten Gedankengut zu tun hat.
  2. Sie sind sich alle einig, dass der Mörder eine schwere psychische Störung haben muss. (Aber nicht etwa, weil er das eigene Gedankengut teilt…)
  3. Sie geben den getöteten Menschen (und all jenen, die die deren politische Einstellung teilen) die Schuld an der Tat. (Siehe victim blaming).
  4. Sie lenken von ihrer eigenen Mitverantwortung ab indem sie lautstark bekräftigen, wie niederträchtig es wäre, nun «Politisches Kapital» aus der Sache zu schlagen (Was sie natürlich – wären die Vorzeichen umgekehrt, selbstverständlich nie tun würden und auch nie getan haben – und natürlich auch jetzt nicht tun…)

Nicht ein einziges Wort der kritischen Selbstreflexion bei den Exponenten der internationalen «islamkritischen Allianz» darüber, ob nicht vielleicht der Tonfall nicht da und dort etwas ausser Rand und Band geraten sein könnte, wenn hunderte ausführliche Zitate der eigenen Ikonen in der schriftlichen Rechtfertigung eines Massenmörder auftauchen? Nicht der Hauch eines gewissen Verantwortungsgefühls?

Und damit wir uns richtig verstehen: Ich halte die Meinungsfreiheit für ein absolut schützenswertes Gut. In einer offenen Gesellschaft muss Kritik – egal an welcher politischen Richtung oder sonstigen Gesinnung – Platz haben. Aber was da in den Niederungen der Anhängerschaft der «Islamkritiker» an Menschenverachtung herumsuppt, das läuft nicht mehr unter «Kritik» – das ist nur noch abgrundtiefer Hass. Hass auf Muslime, Ausländer, Multikulti, Linke und generell Andersdenkende. Und wenn die Artikel aus der eigenen Publikation regelmässig auf dem grössten deutschsprachigen «islamkritischen» Blog Hetzportal geradezu frenetisch jubelnd begrüsst werden, dann sollte man sich vielleicht schon mal Gedanken über die Verantwortung machen, die man als Verbreiter von «Islamkritischen Gedankengut» trägt.

Macht Roger Köppel aber nicht. Er arbeitet den obigen Vierpunkteplan bereits im Editorial der neuesten Weltwoche ab (Auch dieses Editorial wurde bereits im oben erwähnten «islamkritischen» Blog eingestellt – nachdem die deutschen Medien in den letzten Tagen wiederholt über den Blog berichten haben, scheinen die Kommentare zur Zeit jedoch äusserst strikt moderiert zu werden – fragt sich, für wie lange…):

1. Hände in Unschuld waschen.
Köppel: «Es gibt keine direkte Luftlinie, die von der Tea Party über die SVP zum Massaker auf der Jugendinsel führt.»

Abgesehen davon, dass Herr Freysinger von der SVP gerne mit den Islamkritikern dieser Welt kuschelt und beispielsweise am 3. September in Berlin gemeinsam mit Robert Spencer, dem auch von der Tea Party hofierten amerikanischen «Religionswissenschaftler» der im Pamphlet des Massenmörders über 60 Mal ausführlich zitiert wird, auftreten wird – und zwar bei einer Wahlveranstaltung der deutschen Partei «Die Freiheit» – welche wiederrum den Machern des grössten deutschen «islamischkritischen» Hetzportals sehr nahe steht.
Wer auch nur an den Rändern eintaucht in das Universum des Robert Spencer findet dann zum Beispiel Aussagen wie: «Die Kreuzzüge sind lediglich Verteidigung der Christen gegenüber dem Dschihad gewesen, der schon zuvor begonnen habe. Und das grausame Verhalten der Kreuzfahrer, etwa nach der Eroberung Jerusalems, sei damals halt so üblich gewesen». Solche Aussagen findet natürlich die katholische Kirche auch ganz grossartig und kuschelt deshalb auch gerne mit Spencer.
Und der meint weiter: «Man müsse sich der Kreuzzüge nicht schämen, die jungen Menschen müssen sich der Tatsache bewusst sein, dass sie eine Kultur und eine Geschichte haben, auf die sie stolz sein können, dass sie keine Nachkommen von verbrecherischen Unterdrückern sind, und dass es die Mühe wert ist, das eigene Haus und die eigene Familie gegen diejenigen zu verteidigen, die diese zerstören wollen und zu sterben bereit sind, um dies zu machen.»

Das sind keine imaginären «Luftlinien».

2. Der Mörder ist ein Verrückter
Köppel schreibt: «Menschen können auf höchst virtuose Weise grausam sein. Es braucht weder Anlass noch Begründung. Oft genügt sich die Grausamkeit selbst.»

Zu behaupten, der Mörder hätte aus purer Mordlust getötet, verkennt die Tatsachen in allergröbster Weise. Es ging ihm nicht ums Töten an sich, denn als Opfer wurden ganz gezielt politische Gegner ausgewählt. Das Töten war aus Sicht des Mörders Mittel zum Zweck – er sah sich ganz in der Tradition der von Spencer rehabilitierten Kreuzritter, die angeblich nicht per se grausam waren, sondern sich lediglich «gegen den Islam verteidigen mussten».

Besonders erhellend in dieser Hinsicht ist auch die Herleitung von SVP Nationalrat Freysinger, der die offensichtliche «Verrücktheit» des Massenmörders im Tagi mit folgender Aussage zu belegen versucht: «Die Muslime will er deportieren und umbringen. Warum bringt er dann Norweger um?» – Sprich: Hätte er Muslime umgebracht, wäre er weniger verrückt…?

Auch Köppel macht bei der Einschätzung der Verrücktheit des Mörders einen interessanten Schlenker: Zwar ist der Mörder «wahnsinnig» dies aber nur äusserst selektiv – denn bei der Wahrnehmung der laut Weltwoche real existierenden Missstände beispielsweise bezüglich der Islamproblematik zeigt der Täter offenbar keine Anzeichen von Geisteskrankheit. Im Gegenteil der Mörder ist – weil er diese Probleme eben so klar sieht, eigentlich ein Opfer dieser Missstände, womit wir bei Punkt 3 wären:

3. Blame the victims
Köppel: «Wenn schon, wäre der Mörder (Anmerkung: Name ersetzt) das Resultat einer Unzufriedenheit und Ohnmacht, die europaweit von der elitären, der Lebensrealität der Leute immer stärker entrückten politischen Klasse verursacht werden»

Köppel bestreitet vehement jeglichen Zusammenhang zwischen dem Gedankengut der islamkritischen Parteien und dem Massenmord, wohingegen er absolut keine Probleme damit hat, einen Zusammenhang zwischen der «regierenden politischen Klasse» und der Tat herzuzstellen. (Der norwegische Ministerpräsident Stoltenberg gehört der sozialistischen Arbeiterpartei an, sein Regierungssitz wurde mit einer Bombe in die Luft gejagt, junge Nachwuchspolitiker seiner Partei wurden in einem Massaker hingerichtet).

Der Täter wird also in Umkehrung der Tatsachen als das wahre Opfer ausgemacht – als Opfer der angeblichen politischen Missstände, die Köppel und Konsorten seit Jahren heraufbeschwören. Man könnte das nun «Politisches Kapital aus einer schrecklichen Tragödie schlagen» nennen. Davon reden auch die Islamkritiker – aber natürlich tun das aus deren Sicht nur «Die Anderen»:

4. Ablenkungsmanöver durch Diskreditierung der «Anderen»
Köppel befindet, dass es intellektuell etwa gleich unredlich wäre, «den Massenmörder als irregeleiteten Vertreter islamkritischer, konservativer Kreise zu bezeichnen», wie wenn man sagen würde, «dass alle grünen Veganer am der Ermordung des holländischen Islamkritikers Pim Fortuyn mitschuldig wären, weil dessen Mörder ein «militanter Pflanzenesser» war».

Herr Köppel, bei allem Respekt, der Vergleich hinkt nicht nur, der kann nicht mal selber laufen. Denn der Mörder von Pim Fortuyn hat seine Tat meines Wissens nach nicht mit einem 1500-seitigen Pamphlet mit Zitaten aus diversen vegetarischen Kochbüchern erklärt gerechtfertigt.

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Selbstverständlich kann man jetzt nicht einfach hingehen, mit dem Finger auf Köppel, Freysinger und deren Brüder im Geiste zeigen und sagen: «Ihr seid schuld!» Da würde man es sich zu einfach machen. Denn wir alle tragen die Verantwortung dafür, wie wir miteinander umgehen. Wir tragen auch die Verantwortung, wenn sich Menschen (egal welcher politischen oder religiösen Couleur) von ihrem direktem Umfeld, der Politik oder dem Staat nicht wahrgenommen fühlen und glauben, sich nur mittels einer Radikalisierung Gehör verschaffen zu können. Nicht nur diejenigen, die Hass und Hetze verbreiten (und dies oft ohne wirkliche Lösungen anzubieten) tragen eine Verantwortung, wir alle tragen eine Verantwortung, wenn wir Hass und Hetze zulassen. Und nochmal: Es geht hier absolut nicht um eine Beschneidung der Meinungsfreiheit oder darum, dass nicht kritisiert werden darf (schliesslich kritisiere ich selbst Köppels Aussagen ja auch – ob dies in genügend respektvoller Weise geschehen ist, weiss ich nicht, ich habe mich jedenfalls darum bemüht).

Mir liegt sehr viel an der Art und Weise, wie eine Meinung oder Kritik geäussert wird. Denn Hass, Aggressionen und Ignoranz auf der einen Seite beschwören auf der anderen Seite nur noch mehr Hass, Aggressionen und Ignoranz herauf.

Ich denke, es ist höchste Zeit aus dieser Spirale auszusteigen, und dem sich immer weiter ausbreitendem Hass etwas anderes als noch mehr Hass entgegenzusetzen, bevor es zu spät ist.

Norwegen macht es auf tief beeindruckende Weise vor.

Nachtrag 30. Juli: Neben den omnipräsenten Bildern und Artikeln zum Täter werden die Opfer von Oslo und Utøya oft nur als anonyme Zahl wahrgenommen – doch zu jedem einzelnen Opfer gehört ein Gesicht, eine Geschichte und eine Familie, in deren Leben nichts mehr sein wird wie zuvor.

12 Gedanken zu „Verantwortung

  1. Mehr Selbstverantwortung und mehr Achtung vor einander würde wohl vieles vereinfachen. Finde den Artikel eine gute Auseinandersetzung mit der heutigen Situation.

  2. Es gibt aber auch andere Seiten, nämlich linke Foren, die Entrüstung über die Tat vortäuschen, um praktisch im gleichen Satze seitenweise politisches Kapital daraus zu schlagen. Meine Meinung: Die Schuld an der Tat kann keiner Partei, keiner Person und keiner Zeitung aus der Schweiz zugeschoben werden. Wir haben hier unbestreitbar ein Problem mit der Zuwanderung und die Tat von [Name gelöscht] soll uns nicht daran hindern, diese Probleme anzugehen.

  3. @ cristiano safado – bitte einfach einmal kurz innehalten und nachdenken, bevor wieder das reflexartige Links-Rechts-Schema herangezogen wird. Einfach mal kurz überlegen. Vielleicht helfen ja bei der Überlegung zwei Zitate von Herr Köppel persönlich (aus einem Artikel in der «Zeit»): «Ich muss die Probleme benennen, nicht die Lösungen.»
    und:
    «Meine Firma steht über allem, also über der Selbstentfaltung, dem Ego und der Familie.»

    Und dann die beiden Aussagen kombinieren. Zb so: «Je mehr Probleme ich «benenne» (oder kreiere), desto besser geht es meiner Firma».

    Damit will ich nicht sagen, dass sich Köppel alles aus den Fingern saugt: nur es ist schlichtweg sein Job, «Probleme» bis zum Letzten auszuschlachten und weil wir in der Schweiz trotz allem sehr sehr gut leben, ist es nicht gerade einfach, jede Woche ein ganzes Magazin mit «echten» Problemen zu füllen. Köppel hat einen Knochenjob. Und: er kommt aus der Nummer auch nicht wieder raus. Er hat sich da in eine Ideologie-Ecke manövriert, wo es tatsächlich als «normal» angesehen wird, dass man fast jede Woche über irgend einen Betrüger der Sozialwerke herzieht, als handle es sich um einen Massenmörder (und dabei auch nie vergisst «den Staat», «Die Politik» oder «die Linken» dafür verantwortlich zu machen – soviel zum Thema «politisch ausschlachten») und bei einem Massenmörder der blöderweise die eigene Ideologie teilt, sind dann natürlich auch wieder «die Anderen» Schuld, weil er sich eben «unverstanden» gefühlt hat.

    Reflexion über die eigene Verantwortung, dass man selbst genau solchen Leuten wie dem Mörder das Gefühl gibt: «Es gibt «immense Probleme» und wir stehen kurz vor dem Untergang des Abendlandes?
    Null.

    Nur so als Denkanstoss.

  4. Ich denke nicht, dass ich einem links-rechts-Schema verfalle (habe dies hier wohl schon genügend belegt). Auch ein Köppel ist für mich nicht relevant (weshalb ich die WW sehr selten lese). Für mich gilt einfach ausgedrückt: Zu was wird aufgerufen. Und da kann ich sehr wohl zwischen Aufruf zu Gewalt und Aufruf zur Aenderung einer Situation auf demokratischem Weg unterscheiden. Das erstere haben wir schon gehabt, z.B. mit Marcel Strebel von der Patriotischen Front. Zu solchen Taten haben weder Köppel, noch die SVP (die heute in erster Linie am Pranger stehen) aufgerufen. Auf der anderen Seite haben wir Chaoten die zu Gewalt aufrufen (und tun), und damit für allenfalls wenige Tage für Schlagzeilen sorgen. Dass für gewisse bürgerliche Parteien einzig und alleine die Wirtschaft (ihr Unternehmen) massgebend ist, ist sattsam bekannt. Dies hat jedoch nichts mit dem Mordfall Breivik (um den es ja hier in erster Linie geht) zu tun. Ich glaube, wir sollten das alles nicht vermischen und vor allem eines nicht, Verbindungen mit jemandem herstellen, der mit der Tat nichts zu tun hat. Denn tun wir das, riskieren wir, dass spätestens bei den nächsten 1. Mai-Ausschreitungen, die Chaoten zu Unrecht ganz bestimmten Parteien zugeordnet werden.

  5. Aber dass Köppel sagt: «Wenn schon, wäre der Mörder (Anmerkung: Name ersetzt) das Resultat einer Unzufriedenheit und Ohnmacht, die europaweit von der elitären, der Lebensrealität der Leute immer stärker entrückten politischen Klasse verursacht werden»

    Das ist dann keine »Politische Ausschlachtung?». Das ist doch genau das, was die SVP auch immer sagt: «Die Classe Politique» nähme eben – auch in der Schweiz – die echten Sorgen der Bürger nicht ernst. (Dabei stellt die SVP ja selbst einen nicht unbeträchtlichen Anteil in der sogenannten Classe politique).

    Dabei befinden wir uns in der Schweiz in einer absolut traumhaften Lage: Wer irgend ein Anliegen hat und das auch vernünftig und nachvollziehbar begründen kann, kriegt das durchaus auch ins Parlament. Wenn ich mal an die Anfrage wegen dem IV-Betrug erinnern darf:
    https://ivinfo.wordpress.com/2010/12/06/antworten-von-br-burkhalter-zum-iv-betrug-1/

    Sowas geht hier relativ unkompliziert – das ist doch toll. Und die SVP weiss das auch – man braucht ja nur mal schauen, wie oft im Parlament irgendwelche Anliegen der Bauern behandelt werden.

    Es stimmt einfach nicht, dass die Classe politique in der Schweiz total abgehoben ist – und mir scheint, Norwegen hat ein sehr ähnliches politisches System, wo auch die obersten Politiker ohne grosses Sicherheitsaufgebot mitten im Volk unterwegs sind (oder es bis jetzt zumindest waren).

    Es ist einfach ein Trick der SVP und anderer populistischer Rechtsparteien eine ständige Unzufriedenheit bei den Leuten zu schüren, ihnen immer einzureden, sie wären die Benachteiligten und die Verlierer und keiner nähme sie ernst (Ausser natürlich die SVP).

    Mal ganz ehrlich, ich finde es eine absolute Beleidigung der durchschittlichen Intelligenz eines Bürgers ihm als «Lösung gegen die (angeblich) drohende Islamisierung» ein Minarettbauverbot anzubieten. DAS wäre ein Punkt, wo man sich nicht ernstgenommen fühlen sollte.

    Aber wenn man Probleme tatsächlich lösen würde, hätte man ja kein Wahlkampfthema mehr. Manchmal bin ich fast versucht zu sagen: Los wählen wir alle SVP und wenn sie dann 51% haben, müssen sie endlich mal Verantwortung übernehmen und können nicht immer allen anderen die Schuld in die Schuhe schieben.

    Ich sag nichtmal, dass ich deren Anliegen alle komplett irrelevant finde, aber diese ewige Hetze gegen alles was anders denkt, anders aussieht, anders spricht, ist nun mal der Boden, auf dem dann auch mal sowas wie der Massenmörder von Norwegen gedeihen kann. Es gehören selbstverständlich noch andere Faktoren dazu, dass es tatsächlich soweit kommt, aber das ist eben ein Faktor.

    Denn wenn man sagt, die «herrschenden politischen Verhältnisse» hätten womöglich einen Einfluss auf den Täter gehabt, dann kann man einen anderen Teil dieser «Politischen Verhältnisse» (und zu denen gehört der Rechtspopulismus in ganz Europa) nicht einfach ausklammern.

  6. @Mia
    Ich gehe mit Ihnen einig, dass die SVP zur classe politique hinzuzuzählen ist, wie jede andere (grössere) Partei. Und ich gehe mit Ihnen einig, dass die SVP Aengste schürt, zumindest detabuisiert. Zukunftsängste schüren tun aber auch andere Parteien. So haben beispielsweise gerade ältere Leute Zukunftsängste, wenn sie an die Energiepolitik der linken und grossen Teilen der bürgerlichen Parteien denken. Ich habe dies hier in meinen posts zu Ruedi Löffels Beitrag im Politnetz dargelegt http://www.politnetz.ch/beitrag/10639 und deshalb auch die Frage nach der Notwendigkeit einer neuen, grossen Partei gestellt http://www.politnetz.ch/beitrag/11051 Das sind m.E. nach die grossen und begründeten Aengste grosser Teile der Bevölkerung und nicht Minarettverbote. Und solche Aengste braucht die SVP nicht zu schüren, die kommen auch ohne geschürt zu werden. Das gleiche gilt für Behinderte, die auf einmal ohne Rente da stehen (zumindest bis sie sich auf die Fürsorge oder einem eventuellen Arbeitsplatz eingestellt haben). Ich zumindest sehe mit mehr als nur gemischten Gefühlen der Zukunft entgegen, wozu es keine Rechtsparteien brauchte. Dass da mal einer ausrastet, bringe ich ein gewisses Verständnis entgegen. (Dies gilt allerdings nicht für den Mörder von Norwegen, da dieser keinen Grund hatte, die Morde in Utoya zu begehen).

  7. Willkommen zurück aus den Ferien. Schön, dass du wieder schreibst.
    Mich beschäftigt das Thema natürlich auch. Vorallem stösst mir sauer auf, dass der mutmassliche Mörder (solange er nicht abgeurteilt ist, sollte er korrekterweise als mutmasslicher Täter genannt werden) als „gestörte Persönlichkeit“ hingestellt wird.
    Im Club hat Röbi Koller sogar erwähnt, dass er wenige Wochen zuvor mit Menschen mit Asperger-Syndrom zusammengesessen ist. – Vermutlich ist jedes Wort sorgsam gewählt und sogar politisch korrekt aber der Zusammenzug „Asperger – diese Persönlichkeitsmerkmale – mutmasslicher Mörder“ finde ich kaum zum aushalten. Wenn etwas der Allgemeinheit nicht passt, dann wird möglichst eine Minderheit, die sich nicht wehren kann ausgewählt und dafür verantwortlich gemacht. Müsste eine Bevölkerung hinstehen und sagen: „So sind wir“, dann würde sie sich so schmerzlich in Frage stellen, dass sie es selbst nicht aushält. Man will auch schnellstmöglich zum gleichen Alltag zurück.
    Ich hatte ursprünglich auch ganz naiv gedacht, dass die Tat in Norwegen zur Besinnung aufruft und war dann hell entsetzt, als ich realisierte, dass das Gegenteil der Fall ist. Ich weiss nicht, wie ich reagieren soll, wie ich mich wehren kann: Zu schreiben braucht in dem Fall sehr viel Mut. Allerdings habe ich den Eindruck, dass hier jede Energie verpufft: Das Ziel einer offenen Gesellschaft wäre ja, alles zu diskutieren, sich gegenseitig zuzuhören und seine Meinung und Gedanken durch den Dialog zu verändern. Wenn sich aber durch den Dialog nichts ändert, sondern in einem Grabenkampf die eigene Position nur verstärkt wird, dann bringt jedes Schreiben und Reden letztlich nicht das, was zumindest ich mir erhoffe: Aufklärung und gelebte Veränderung.

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  9. @Christophorus
    «Müsste eine Bevölkerung hinstehen und sagen: „So sind wir“, dann würde sie sich so schmerzlich in Frage stellen, dass sie es selbst nicht aushält.»

    In Norwegen tun sie das durchaus – denn dadurch, dass das Land so klein ist, jeder jeden kennt, gibt es natürlich auch viele Leute, die den Massenmörder kannten. Und die machen sich dazu schon ihre Gedanken:
    Zb: «The Anders Breivik I knew»
    http://news.bbc.co.uk/2/hi/programmes/from_our_own_correspondent/9550635.stm

    «(…) I do not know what drove Anders. But, unfortunately, I do not think he is crazy.
    It would have created a comfortable distance between us if I thought he was.

    Nothing I know about him from our school days or what I have read in his so-called manifesto suggests that.

    Rather, he is cold, intelligent and calculating.

    The Anders I knew was not a monster.

    And as the saying goes, he was not an island. He was product of our society. He was one of us.»

    Auch die ehemalige Justizministerin Anne Holt schreibt: «Anders Breivik ist die Summe des Lebens, das er unter uns gelebt hat, der Erfahrungen, die er mit uns gemacht hat, und der Gedanken, die er innerhalb eines Systems gedacht hat: des norwegischen. In unserer Kultur hat dieser Mann sich von einem schüchternen, höflichen Jungen zu einem eiskalten Monster entwickelt, das neun Jahre seines Lebens dazu verwendet hat, einen Angriff auf die Zivilisation vorzubereiten und durchzuführen.»

    Ganzer Artikel auf Englisch:
    http://blogs.wsj.com/speakeasy/2011/07/27/is-the-norway-killer-one-of-us/?mod=WSJBlog

    Vor allem diejenigen, die die Ideologie des Täters in erschreckend vielen Punkten teilen, sagen jetzt natürlich, er wäre «psychisch krank» um dadurch eine Distanz zu schaffen. Psychiater verneinen dies – er wäre dann gar nicht fähig gewesen, sowas über einen so langen Zeitraum so akribisch zu planen und dann auch durchzuführen.

  10. Ich finde es auch nicht in Ordnung, dass man eine solche Tat medizinisch zu erklären versucht. In Tat und Wahrheit haben nämlich solche Täter soziale Defekte. Leider hat die Verfeinerung im Strafrecht (Mord, Totschlag, im Affekt, etc.) dazu geführt, dass in den vergangenen 20 Jahren die Gerichtspsychiatrie nach medizinischen Erklärungen solcher Taten sucht. Würde man endlich von der Tasache ausgehen, dass medizinische Leiden unter Umständen zu sozialen Störungen führen können, nicht aber umgekehrt, käme es erst gar nicht zu medizinischen Erklärungsvesuchen solcher Taten. (Habe ich mich mit dieser These zu weit aus dem Fenster gelehnt ???)

  11. „In Tat und Wahrheit haben nämlich solche Täter soziale Defekte.“

    @ cristiano safado: Woher wissen Sie das?
    Es scheint mir relativ einfach, Menschen und Massen zu mobilisieren und zu radikalisieren. Je jünger desto einfacher. Das geschieht weltweit zu den unterschiedlichsten Zwecken. Wichtig ist, dass die jeweilige Botschaft gut fassbar ist, nicht zu kompliziert und deshalb nicht zu differenziert. Ein gemeinsames Feindbild verbindet sehr.
    Dazu kommt, dass vieles sehr schwierig zu ergründen ist: Woher kommt ein einzelner Mensch an die Quellen des Wissens über Sachverhalte? Das ist aufwändig und nicht jede Person ist so versiert im Recherchieren wie Mia. – Also ersetzt vorgesetztes Wissen oder Halbwissen die Gewissheit.
    Meiner Meinung nach sind solche mutmasslichen Täter und Täter radikalisiert und das finden wir mit den unterschiedlichsten Inhalten. Es ist für mich erstaunlich, über was nachgedacht werden darf und über was nicht in unserer Gesellschaft. Wir EuropäerInnen denken, dass wir durch die Aufklärung viel wissender und aufgeklärter geworden sind, aber das ist wohl nur auf der Oberfläche so. Gleich darunter liegen all die Dinge, die wir ach so gern überwunden hätten.
    Im Krieg ist es erlaubt zu töten. Insofern entspricht die in den Medien verbreitete Kriegsvorstellung des mutmasslichen Täters gängiger Logik. – Ich habe noch keine Philosophie gefunden, die diese Tatsache in Frage stellt, dass im Krieg Menschen getötet werden dürfen. Gerade habe ich David Pecht „Wer bin ich und wenn ja wieviele?“gelesen. Über Abteibung und Sterbehilfe wird nachgedacht, aber über den Krieg nicht. Warum eigentlich nicht? Das ist für mich das eine Problem und das andere, das mich ebenso beelendet: Es gibt Meinungen zu der Tat in Norwegen. Aber ich sehe keine grössere Vorsicht in politischen Formulierungen und kein gegenseitiges Zuhören. Dabei schreibe ich von der Schweiz und was ich in der Berner Zeitung lese und sonst in den Medien höre und sehe.

    „(Habe ich mich mit dieser These zu weit aus dem Fenster gelehnt ???)“
    Es gibt Menschen mit psychischen Behinderungen, die machen die unmöglichsten Dinge und landen irgendwann in einer Zelle, was ihnen leider nichts hilft, sondern eindeutig der falsche Aufenthaltsort ist. Krankheitseinsicht, Medikamente oder umgekehrt zuerst Medikamente und dann Krankheitseinsicht und Therapie sind hier angebrachter als eine Gefängniszelle.
    Aber bei jeder schrecklichen Tat sofort schreien, dass der/die TäterIn psychisch krank oder gestört seien, um nur nicht die Verletzlichkeit der eigenen Existenz spüren zu müssen, ist für mich zu einfach und psychisch behinderten Menschen gegenüber höchst unfair. Da wird es mir speiübel. Aber es ist eine gesellschaftlich durchaus praktizierte und akzeptierte Haltung.
    Aber dass die Gerichte grundsätzlich schauen, ob ein/e TäterIn psychisch zurechnungsfähig ist und dass sich die entsprechenden Diagnosen mit dem Fortschritt der Zeit entwickeln, das finde ich sinnvoll. In der Schweiz hat es neu auf dem Thorberrg eine Abteilung für Gefangene mit psychischen Problemen. Diese war sofort voll belegt und es existiert eine Warteliste. Diese Tatsache lässt erahnen, dass Psychiatrie und Gefängnis ein Thema ist. Bloss nicht in dem Sinn, in dem die Psychiatrie für die Tat in Norwegen bemüht wird.
    All die Worte: „eiskalt, Monster, u.ä.“ beruhigen mich keine Sekunde. Wenn ich mir überlege, was zu tun ist, dann nicht irgendwelche Distanz schaffenden Worte, die nicht halten, was sie zu versprechen scheinen.
    Aber was dann? Genau diese Frage ist so beunruhigend und ich habe selbst noch keine Antwort.

  12. Ein gewisser namhafter deutscher Blogger B., welcher vom Killer in seinem Manie-fest mehrfach zitiert wurde, (verlinkt auf Köppels WWoche mit dem Namen „achse des guten“) empfahl in Fernsehinterviews die Menschen infolge der Islamisierung zur Auswanderung nach Neuseeland, Australien. Heute nach der Tat, will er das nur ironisch gemeint haben.

    Immerhin ist B. im Besitz mehrerer namhafter Auszeichungen für sein journalistisches Lebenswerk. Würde ich B. ernst nehmen und seinen Zynismus nicht wahrnehmen, so müsste ich glauben: 2050 ist die Sharia in Europa das Gesetz. Ich würde mir sagen, niemals… und mich als junger Mensch zur Wehr setzen. Politisch? Nein, denn dieser B sagte ja auch, die Europäischen Politiker würden nichts dagegen unternehmen, sie wären zu schwach. Wenn man B. ernst nimmt, ihm seine Worte für bare Münze nimmt, auf welche Gedanken könnte dies einen in der Hipphopper Scene und Spielecomputer aufgewachsenen zu Gewalt neigenden Menschen bringen? Die Lösung lieferte B ebenfalls (diesmal nicht zynisch), er verteidigt das Vorgehen Israels gegen die Palästinenser mit Gewalt, inklusive „präventive Tötung“ gefährlicher Subjekte. Gegner solcher Massnahmen bezeichnete er eines unkritischen Anti-Zionismus/Amerikanismus. Gewalt gegen gefährliche Subjekte, welche die gefährlichsten sind ist klar wenn man B. liest, es sind die „Kulturmarxisten“* welche „den Terror“ durch passive Aggressivität am Leben halten.

    Ein typische Brandrede von B vom Mai 2011:
    Titel: „Ihr feigen Deutschen seid passiv-aggressiv!“
    Ihr seid „feige“ und >>>„passiv aggressiv“<<<<, leidet unter der „Schmach“ der „Niederlage 1945“ und Euer „Gemüt funktioniert wie ein Vulkan“.

    (B zitiert darin auch Winston Churchill, auf welcher der Killer in seinem letzten Facebook Eintrag ebenfalls verweist, genauso wie auf einen rechtskonservativen norwegischen Freiheitskämpfer (WKII).)

    http://www.welt.de/debatte/henryk-m-broder/article13358429/Ihr-feigen-Deutschen-seid-passiv-aggressiv.html

    * "Allesversteher, die Selbstmordattentätern zugutehalten, dass sie gar nicht anders können, als sich in Zügen und Cafés in die Luft zu sprengen, ziehen plötzlich das Fünfte Gebot aus dem Kulturbeutel: „Du sollst nicht töten!“ Eine gute Idee, die leider im „asymmetrischen Krieg“ ein wenig gelitten hat."

    Was nun soll nun einer im "assymetrischen Krieg" tun, welcher Broder ernst nimmt und nicht passiv-aggressiv sein will und auf folgende Warnung hört:

    "gibt es auch ein „deutsches Gemüt“, das wie ein Vulkan funktioniert: Es grummelt vor sich hin, lockt Touristen, Naturfreunde und Tiefenforscher an.
    Und eines Tages, wenn alle meinen, der Vulkan sei längst erloschen, fängt der Berg an, Lava zu spucken. Obama hin, Osama her – der nächste Ausbruch kommt bestimmt."

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