Denunzieren 2.0

Screenshot von der Seite der IV-Stelle Thurgau. Man beachte: Einziges Pflichtfeld (mit Sternchen versehen) ist das Mitteilungsfeld.

Nachtrag 8. August 2011: Die IV-Stelle Thurgau ist kein Einzelfall. Auch auf den Seiten der IV-Stellen Luzern und Solothurn finden sich solche Melde Denunziationsformulare. Vielen Dank an Walter und Veritas für die Recherche!

10 Gedanken zu „Denunzieren 2.0

  1. Ein starkes (Fund-)Stück! Interessant wäre zu erfahren, wie mit Denunziationen umgegangen wird. Gibt es niemand im Thurgau, der IV-Leistungen bezieht und sich für einen (Selbst-)Versuch zur Verfügung stellt?

    Oder alternativ dazu: Sollte man nicht die IV-Stelle Thurgau mit Meldungen überfluten?

    Und: Gibt es ähnliche online-Formulare bei anderen IV-Stellen?

  2. Tatsächlich: auch die IV-Stelle Graubünden hat – als einzige der Deutschweizer IV-Stellen neben Thurgau – ein solches Formular aufgeschaltet, allerdings mit deutlich mehr Pflichtfeldern, nämlich hier.

    Womit ich mich selber einer Art Denunziation schuldig gemacht habe. ;-)

  3. Danke für die Recherche, Walter! Den einführenden Text hat offenbar die eine bei der andern IV-Stelle abgeguckt, aber das Supplement bei Graubünden ist ja, das beim Mitteilungsfeld zur «Beschreibung der Beobachtungen» aufgefordert wird.

    Wenn ich jetzt schreibe, dass nur noch der Hochladebutton für «Handybeweisvideos» fehlt, kommen die womöglich auf noch dümmere Gedanken…

  4. http://www.beobachter.ch/justiz-behoerde/buerger-verwaltung/artikel/detektive_schlampige-schnueffler/

    Das Problem der Schnüffelei ist bekannt. Die Fichen waren nach dem gleichen Strickmuster gestrickt, jetzt fordert sogar die Linke Überwachung…. Immer werden Minderheiten an der Rand gedrückt und meistens zu Unrecht verdächtigt.
    Es gibt in meinem Umfeld fast nur Personen, die jemanden kennen, der zu Unrecht Leistungen der IV beziehen soll. Es ist klar, dass dies nicht den effektiven Missbrauchszahlen entsprechen kann, weil sonst jeder Erwachsene um die 1000 IV-BezügerInnen „kennen“ müsste!
    Es graust mir, darüber nachzudenken, wie solche Einstellungen von Hobbydetektiven, -medizinern u.ä. zustande kommen. Es sind gestandene Erwachsene, die mir solches mitteilen und nicht nur Menschen, die sowieso ihre Nase in die Angelegenheiten von allen andern stecken. Natürlich wird mir immer versichert, dass ich zu Recht meine Leistungen bekäme…
    Ich kann nicht immer darüber nachdenken, ob jetzt alle meine Nachbarn finden, ich verhalte mich, wie sich ein IV-Rentner zu verhalten habe. – Allen Besserwissern und HobbyschnüfflerInnen wünsche ich mein Leben und dann möchte ich mal sehen, wer es „besser“ macht.
    Im übrigen ist es die einfachste Strategie für das Umfeld, keine Behinderung wahrzunehmen. Das gilt für sichtbare (Ich habe eine Frau gekannt, deren Mann von ihr verlangte, dass sie Treppen stieg im gemeinsamen Haus, obwohl sie sich kaum hochziehen konnte. Ihre Gehbehinderung war offensichtlich.) und unsichtbare Behinderungen. So kann man von behinderten Menschen Leistungen fordern, die sie gar nicht bringen können und wenn man dann helfen muss, lässt man sich gnädigst herab, was den behinderten Menschen still und bescheiden werden lässt. Er hat dann das Gefühl, dass er sich zu wenig zusammenreisst…. bis er eines Tages dorthin geht, wo er um seiner selbst willen angenommen wird.

  5. Hellö

    „Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant“.

    Merklich erstaunlich wie so manche Politiker, das BSV und die angestellten Leute der IV unsere Grundwerte durch den Dreck ziehen. [Teil des Kommentars gelöscht. Auch wenn’s manchmal schwerfällt – bitte keine Beleidigungen in den Kommentaren, Danke!]

    Freundliche Grüsse allerseits

  6. Und Sorry für meine gelegentliches Schwertfuchteln, ich bewundere deine Ausdauer, Mia. Ich versuch mich zu bessern! :)

  7. Nun: ich würde jetzt mal behaupten, man würde «im Volk» erschreckend viele Leute finden, die es völlig ok. finden, dass in diesem spezifischen Fall «die Grundwerte unserer Gesellschaft durch den Dreck gezogen werden». Die Hetze auf Minderheiten kommt nicht «von oben» – die kommt «von unten». Bzw. die «unten» erweisen sich willfährige Helfer derjenigen, die ein grosses Interesse daran haben, die Gesellschaft zu spalten.

  8. Einfach mal aus „Gwunder“ habe ich sämtliche IV-Stellen in der Deutschschweiz abgegrast und bin tatsächlich noch auf zwei weitere zwielichtige Angebote gestossen. Selbstverständlich wird auch dort die Anonymität des Denunzianten gewahrt.
    IV-Stelle Luzern: http://www.ivstlu.ch/dynamic/page.asp?seiid=98
    IV-Stelle Solothurn: http://www.ivso.ch/dynamic/page.asp?seiid=97

    Meiner Ansicht nach müssten IV-StellenleiterInnen, die ein solches Vorgehen befürworten und als völlig legitim betrachten, umgehend ihres Amtes enthoben werden!

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