Barrierefreier ÖV ist unnötig – Finden grosse Teile der SVP, der FDP sowie Pius Segmüller und Reto Wehrli (et al) von der CVP

So ganz heimlich und versteckt wollte man den Zahlungsrahmen des BehiG von 15 auf 5 Millionen Franken pro Jahr kürzen und die Frist zur Anpassung von Bauten, Anlagen und Fahrzeugen des ÖV an die Bedürfnisse von behinderten Personen um 15 Jahre bis 2038 zu verlängern. Nationalrätin Margret Kiener Nellen (SP/BE) hat daraufhin die Motion «Verzicht auf unsinnige Sparmassnahme gegen Behinderte und Betagte» eingereicht und diese wurde heute mit 97 zu 93 Stimmen vom Nationalrat angenommen. Grüne und SP stimmten geschlossen dafür.

  • Bei der SVP stimmten 53 NationalrätInnen dagegen und folgende vier dafür: Geissbühler (BE), Grin (VD), Joder (BE), Rickli (ZH).
  • Bei der FDP stimmten 25 Räte dagegen und folgende fünf dafür: Caviezel (GR), Gysin (BL), Ineichen (LU), Philipp Müller (AG), Walter Müller (SG).

Die Motion muss nun aber noch vom Ständerat gutheissen werden. Mal schauen, was da all die Damen und Herren sagen, die wenn’s um IV-Revisionen geht, immer so gerne das Wort «Eingliederung» im Munde führen.
Wie unmöglich die heutige Situation bei den ÖV für RollstuhlfahrerInnen ist, hat übrigens kürzlich der Kassensturz aufgezeigt.

Nachtrag: Ich mag nicht immer nur meckern, sondern auch mal ehrlich Danke sagen: Ohne die Unterstützung der vier SVP-lerInnen wäre die Motion heute nämlich durchgefallen.

«Der sogenannt Versicherte erfährt dann, dass er plötzlich nicht mehr versichert ist»

Der Artikel von Rene Staubli im Tagesanzeiger über den Fall von Elsbeth Isler hat viele Reaktionen ausgelöst. Unter anderem auch den folgenden Leserbrief des Zürcher Psychoanalytikers Werner A. Disler:

Politik und Rechtsprechung erarbeiten fern von der Praxis Entscheide, die sich in sehr vielen Einzelfällen (also bei konkreten Menschen aus Fleisch und Blut) existenziell vernichtend auswirken.

In der alltäglichen Praxis der Medizin, besonders in der Psychiatrie und in der Psychotherapie, begegnen wir Menschen, die sich in grosser Not befinden. Die behandelnden Fachleute befinden sich täglich an der Front leidender Menschen. Das ist die Arbeit der Behandlungsmedizin. Daneben hat sich, fern von dieser Front, im Hintergrund eine andere, eine zweite Medizin, die Versicherungs-rechtsmedizin, etabliert, welche die Arbeit der behandelnden Ärzte und besonders deren Diagnosen und Prognosen aufheben und wirkungslos machen kann. Dies führt zur Entmündigung der Behandlungsmedizin und zur willkürlichen Verfügung über das Leben von Patienten durch medizinische/psychiatrische Laien, nämlich Juristen.

Die so «behandelten» Prämien- und Steuerzahler (Patienten) verlieren damit nicht nur ihren Glauben an den Sozial- und Rechtsstaat, weil sie sich in ihrem Rechtsempfinden schwer verletzt fühlen, sie werden durch dieses Rechtsverständnis einer oligarchen Versicherungsrechtselite auch real als Sozialhilfeempfänger ausgegrenzt. Die Mittel der Organisationen, die eingesetzt werden, um die Leistungspflicht zu umgehen, sind vielfältig. Wir lesen in den Medien, wie Begutachtungsinstitutionen, die von ihren Auftraggebern weitgehend abhängig sind, ihren Auftraggebern die Leistungsverweigerung empfehlen. Sie arbeiten durchwegs mit dem fragwürdigen Krankheitsbegriff des Sozialversicherungsrechts. Der sogenannt Versicherte erfährt dann, dass er plötzlich nicht mehr versichert ist. Sein Rechtsempfinden wird schwer verletzt.

Professor Meyer sagt es so: «Der betroffenen Person muss klargemacht werden, dass sie zwar aus medizinischer Sicht krank und arbeitsunfähig ist, es aber aus juristischer Sicht nicht sein soll, weil die Morbiditätskriterien nicht erfüllt sind, an deren Vorhandensein die Rechtsprechung die Leistungsberechtigung knüpft.» (Meyer U. (2009): Krankheit als leistungsauslösender Begriff im Sozialversicherungsrecht. In: Gächter u. Schwendener (2009), S. 20). Diese «Morbiditätskriterien» basieren nicht etwa auf beweisbaren, sondern auf den umstrittenen «Foerster»-Kriterien und auf der von Sozialversicherungsrechtlern frei erfundenen unwahren Behauptung, verschiedene Störungen, u. a. Schmerzstörungen und depressive Episoden, seien mit dem Willen überwindbar. So die Diagnose des Bundesrichters Dr. iur. Ulrich Meyer im BGE 131 V 50.

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Der Leserbrief ist ein Auszug aus einem längeren Artikel mit dem Titel «Die Entmündigung der Medizin durch die Justiz» in dem Werner A. Disler die ganze Problematik aus der Sicht des Psychotherapeuten ausführlich und mit juristischen Fachwissen gespickt darlegt. Diese disziplinübergreifende Sichtweise ist leider sehr selten und absolut lesenswert. Der ganze Text kann als Worddokument heruntergeladen werden. Herzlichen Dank an dieser Stelle an Herrn Disler für die Erlaubnis, den ganzen Artikel hier zugänglich zu machen.

«Menschen, die keine IV-Rente erhalten, kommen mit der Zeit doch zur Sozialhilfe. Es dauert bloss etwas länger»

Das BSV hat ein Monitoring durchgeführt, um die Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Systemen der sozialen Sicherheit (Sozialhilfe, IV, Arbeits-losenversicherung) zu untersuchen. Eine erste Vor-Information dazu gab’s im Juni, ich hatte damals schon angemerkt, wo’s aus meiner Sicht bei der Studie hakt: Wer nie IV-Leistungen erhalten hat, kann auch nicht von der IV in die Sozialhilfe wechseln.

Mittlerweile ist die ganze Untersuchung veröffentlicht und ich bin froh, hat sich jemand anders der Sache angenommen, dann muss ich mich nicht zum x-ten Mal wiederholen. Ausserdem verleiht der berufliche Hintergrund der Nationalratskandidatin Katharina Hubacher (Grüne/Luzern) als Sozialarbeiterin/Bereichsleiterin Sozialberatung ihren Ausführungen nochmal ein ganz besonders Gewicht. Der folgende Text ist der Website www.lu-wahlen.ch entnommen:

Die IV und die Sozialhilfe

Nun ist es also statistisch erwiesen: Personen, die bei der Invalidenversicherung abgewiesen oder gar nicht erst aufgenommen wurden, landen nicht in der Sozialhilfe. Der Bund hat erste Daten erhoben, die keinen signifikanten Anstieg der Sozialhilfebeziehenden darstellt.

Die Zahlen zeigen aber auch, dass die Zahl der Sozialhilfebezüger sich in den letzen Jahren kaum reduziert hat, obschon gerade in den Jahren 08/09 viele Arbeitsstellen geschaffen wurden und viele Menschen, die kurze Zeit in der Sozialhilfe waren, wieder eine Anstellung gefunden haben. In der Sozialhilfe bleiben unter anderem Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen keiner Arbeit mehr nachgehen können, aber keine IV-Rente bekommen.

Mit der materiellen Grundsicherung ist diesen Menschen sicher nur teilweise geholfen.

Zahlen kann man immer unterschiedlich interpretieren. Meine Sicht aus der Praxis ist die folgende: Menschen, die keine IV-Rente mehr erhalten oder gar nicht in die IV aufgenommen werden, kommen mit der Zeit doch zur Sozialhilfe. Es dauert bloss etwas länger. Die Studie kommt zu früh. Sie wurde zwischen 2007 bis 2009 erstellt, gerade als die IV anfing, eine restriktivere Praxis anzuwenden. Die Auswirkungen kommen langsamer, also erst später auf die Sozialhilfe zu.

Die Betroffeneren versuchen sich zuerst selber zu helfen, indem sie ihren Lebensstandard reduzieren, indem sie sich vielleicht in der Verwandtschaft Unterstützung suchen, indem sie ihre Reserven aufbrauchen, usw. Dabei leben sie natürlich immer in der Hoffnung, dass sich eine Türe öffnet und sie wieder eine Anstellung bekommen. Erst, wenn all diese Auswege ausgeschöpft sind, melden sie sich bei der Gemeinde. Diese Anmeldung fällt, entgegen landläufiger Meinung, fast allen schwer, sind dann doch alle Daten offen zu legen. Nachher muss unter amtlicher Kontrolle und mit einem sehr geringen Budget gelebt werden.

Meine Erfahrung zeigt auch, dass viele dieser Menschen kaum eine Chance haben, zurück ins Erwerbsleben zu finden. Wer stellt eine 55 jährige Frau ein, die in den letzten 10 Jahren eine IV Rente bezog? Weil sie immer wieder Schmerzattacken hatte, reduzierte sie ihre sozialen Kontakte und kümmerte sich auch kaum um Weiterbildung. Sie würde zwar gerne arbeiten, müsste aber die Möglichkeit haben, kurzfristig frei zu nehmen, wenn es ihr schlecht geht. Wer kann es sich leisten, eine solche Arbeitskraft einzustellen?

Die längerfristigen Auswirkungen dieser Politik der Reduzierung und der Verschiebung der Kosten von den Sozialversicherungen auf die Kommunen werden wir erst in ein paar Jahren deutlicher feststellen. Wenn die bürgerlichen Politikerinnen und Politiker nun glauben, dass die Zahlen ihnen recht geben und wenn sie deshalb noch mehr IV-Revisionen mit dem Ziel der Reduzierung der Leistungen initiieren, sind sie auf einem gefährlichen Weg, davon bin ich überzeugt. Die Marginalisierung der schwächeren Menschen wirkt sich auf das gesellschaftliche Zusammenleben längerfristig negativ aus.

Katharina Hubacher (Grüne/Luzern), Nationalratskandidatin
Quelle: www.lu-wahlen.ch

Öffentliche Aufträge nur an Firmen, die Behinderte beschäftigen – «Geht nicht» sagt der Bundesrat, weil «wettbewerbseinschränkend»

Im April 2010 hatte ich geschrieben, dass doch (statt der Einführung von Quoten) einfach öffentliche Aufträge von Bund, Kantonen und Gemeinden konsequent nur noch an Firmen vergeben werden könnten, die eine gewisse Anzahl von Stellen mit behinderten MitarbeiterInnen besetzen. Schliesslich würde in verschiedenen Schweizer Gemeinden auch darauf geachtet, dass nur Waren aus «fairen Arbeitsbedingungen» eingekauft werden. Beispielsweise werden keine Pflastersteine für den Dorfplatz verwendet, die mittels Kinderarbeit hergestellt werden.
Im Dezember 2010 reichte Nationalrätin Marlies Bänziger (Grüne, ZH) die Motion «Bevorzugung von Firmen mit Stellen für die berufliche Integration» im Parlament ein, mittels derer der Bundesrat beauftragt werden soll, die Verordnung über das öffentliche Beschaffungswesen (VöB) so anzupassen, dass Firmen, welche Stellen im Bereich der beruflichen Integration von Menschen mit Behinderung anbieten, bei der Vergabe von Aufträgen im öffentlichen Beschaffungswesen künftig bevorzugt behandelt werden.

Der Bundesrat hat im Februar die Ablehnung der Motion beantragt. Aus der Begründung: «(…)Der Bundesrat versteht die Motivation des von der Motionärin vorgeschlagenen Anreizmechanismus, weist jedoch darauf hin, dass der Berücksichtigung leistungsfremder Kriterien im öffentlichen Beschaffungsrecht enge Grenzen gesetzt sind. Den Zuschlag soll diejenige Anbieterin erhalten, die geeignet ist, den Auftrag zu erfüllen, und deren Angebot das wirtschaftlich günstigste ist. Dabei ist das im internationalen Beschaffungsrecht verankerte Erfordernis zu beachten, dass sich die Eignungs- und Zuschlagskriterien auf die zu beschaffende Leistung beziehen und keine leistungsfremden Kriterien beinhalten. Die Förderung der beruflichen Integration von Erwerbsbehinderten in einem Unternehmen stellt grundsätzlich kein geeignetes Kriterium zur Ermittlung der technischen, wirtschaftlichen und finanziellen Leistungsfähigkeit dieses Unternehmens und des wirtschaftlichen günstigsten Angebotes dar. Daher kann die Bereitstellung von Nischenarbeitsplätzen weder als Eignungs- noch als Zuschlagskriterium herangezogen werden, da ansonsten leistungsbezogene und leistungsfremde Kriterien vermischt würden. Eine solche Vermischung würde den Wettbewerb einschränken und sich verzerrend auf die Ermittlung des wirtschaftlich günstigsten Angebotes auswirken».

Oh ähm aber…  die ähm Pflasterersteine, die unter ausbeuterischen Arbeitsbedingungen hergestellt werden, wären dann vielleicht auch «wirtschaftlich günstiger»…? Sollte der Bundesrat vielleicht mal ein ernstes Wörtchen mit den Gemeinden reden, weil die sich so unwirtschaftlich verhalten…?

Philippe Messerli (EVP) hat im April diesen Jahres dann die oben erwähnte Motion im Stadtrat von Nidau eingereicht. Wahrscheinlich nach dem Motto: «Vielleicht funktionierts ja auf Gemeindeebene…» Doch der Gemeinderat von Nidau berief sich kürzlich auf die Antwort des Bundesrates: «Der Gemeinderat hält sich ausschliesslich an das übergeordnete Recht, insbesondere an das kantonale Gesetz über das öffentliche Beschaffungswesen (ÖBG) und die Verordnung über das öffentliche Beschaffungswesen (ÖBV). Bei Beschaffungen müssen die Eignungs- und Zuschlagskriterien auftragsspezifisch festgelegt werden. Der Gemeinderat möchte diese Form beibehalten und sich nicht unnötig durch kommunale Vorschriften einengen lassen(…)»

«Unnötige Vorschriften» Soso. Ich finde jetzt dann jedwelche Vorschriften an IV-Bezüger, sie sollen sich verdammt nochmal um einen Job bemühen, auch langsam unnötig, wenn sich an der Bereitschaft ebensolche IV-BezügerInnen einzustellen, nicht bald mal grundlegend was ändert. Nur auf die schwächere Seite Druck auszüben (und zwar massiv!), während man die sowieso schon stärkere Seite nach wie vor mit Glacéhandschuhen anfasst: So KANN das mit der Eingliederung einfach nicht funktionieren.

Lebenswertes Leben? Zwei Sichtweisen

Der Tagesanzeiger interviewt Daniel Regli, den Organisator der gestrigen Anti-Abtreibungs-Demo in Zürich: Sie haben vorher Ihr konservatives Gedankengut angesprochen. Konservative Kräfte wollen aber auch sparen, unter anderem bei der IV. Ist das nicht ein Widerspruch? Einerseits wollen Sie behinderten Kindern das Leben ermöglichen, anderseits verwehren Sie ihnen die nötigen Mittel?
Regli antwortet: Wir wehren uns nur gegen Missbrauch. Wäre die IV davon nicht so strapaziert, wäre das Problem gelöst.

Ah… ja. Regli ist – wen wunderts – übrigens Mitglied bei der Partei, die für ihre bestechend einfachen Lösungen für jedes Problem bekannt ist. Da hat man’s ja bekanntlicherweise nicht so mit den Fakten. Hatte das BSV doch schon vor einem Jahr erklärt, «dass der Versicherungsbetrug für das Defizit der IV nicht massgeblich sei.» Und von welcher Seite immer der grösste Widerstand kommt, wenn es um barrierefreie Gebäude oder ÖV geht brauche ich wohl auch nicht erwähnen...

Als Lektüre mit wesentlich mehr Substanz zu einer verwandten Thematik (Präimplantationsdiagnostik) sei ein Interview der WOZ von 2005 mit Luc Recordon empfohlen. Recordon ist Nationalrat der Grünen und selbst von einer Behinderung betroffen. Ein Auszug:

Es gibt aber viele Behinderte, die sich dagegen verwahren, sich als Unglück zu begreifen …
Ich bin heute auch sehr froh, auf der Welt zu sein. Aber ich bin überzeugt, dass es das Beste gewesen wäre, wenn mich meine Eltern nicht gemacht hätten. Das ist kein Widerspruch, das ist nur ein Paradox, ein Scheinwiderspruch.

Das müssen Sie erklären.
Niemand hat sich logischerweise je beklagt, nicht geboren worden zu sein.

Und warum ist Ihnen diese Art Logik so wichtig?
Vielleicht, weil ich nie wirklich gedacht habe, mein Leben sei nötig. Aber ich denke generell, kein Leben ist nötig. Nicht geboren worden zu sein, ist kein Problem. Wäre ich nicht geboren worden, hätte ich nie gefragt, warum bin ich nicht nicht geboren? Sterben oder schwer leben, das bringt Schaden. Aber wenn das Kind da ist, soll man alles tun, um ihm die besten Chancen, die maximale Liebe zu geben. Besonders, wenn das Kind behindert ist, das ist sehr wichtig. Ich hatte dieses Glück.

Trotz (oder wegen?) Psychopharmaka immer mehr psychisch Kranke

Wenn es immer bessere Medikamente gibt (wie die Pharmabranche nicht müde wird zu behaupten) – warum gibt es dann immer mehr psychisch kranke Menschen und die Invalidisierungen aus psychischen Gründen nehmen stetig zu? Dieses Phänomen ist nicht nur in der Schweiz, sondern auch in vielen anderen Ländern zu beobachten und es erheben sich immer mehr kritische Stimmen, die fragen: Ist es vielleicht möglich, dass die Menschen gerade durch die immer häufiger verschriebenen Psychopharmaka erst richtig (und vor allem langwierig) krank werden? Der Beobachter lässt einen solchen Kritiker ausführlich zu Wort kommen, es ist der Pharmazeut Felix Hasler, Forschungs­assistent an der Berlin School of Mind and Brain und ­Gastwissenschaftler am Berliner Max-Planck-Institut für Wissen­schafts­geschichte. Hasler fragt: «
Wem helfen Pillen?».

Sehr langer Artikel, aber lesens- und bedenkenswert.

Wer hat’s erfunden?

René Staubli hat für den Tagesanzeiger einen weiteren Artikel über die IV geschrieben. Er trägt den passenden Titel: «Das ist doch pervers» und berichtet über Elsbeth Isler, die unter schweren chronischen Rückenschmerzen leidet und von der IV (mit freundlicher Unterstützung des ABI Basel und dem in dessen Auftrag eingeflogenen Orthopäden Johannes Bekic aus Wien) als zu 80% arbeitsfähig eingestuft wird.

Richtig «pervers» sind auch einmal mehr gewisse Kommentare. Da gibt es offenbar immer noch Leute, die schlicht und einfach nicht verstanden haben, was seit einigen Jahren in unserem Land passiert. Die denken, dass wenn ihnen selbst etwas zustossen würde (was natürlich nie passieren wird, da sie so hochwohlanständige und rechtschaffende Menschen sind), aber falls eben doch, wären sie doch immerhin versichert, und die Versicherung, die würde dann in ihren Fall natürlich – weil sie ja schliesslich ihr ganzes Leben lang Beiträge bezahlt und immer rechtschaffend und auch Schweizer Pass seit Geburt und so – also die Versicherung, die würde bei ihnen dann doch sicher erkennen, dass sie natürlich wirklich krank wären. Und die Ärzte der Versicherungen, die würde doch auch – denn es sind doch Ärzte immerhin, und die würden doch nicht… und wenn alle Stricke reissen, so würden dann doch zumindest die Gerichte… Die Gerichte in unserem Land, die würden dann doch aber dafür sorgen, dass der rechtschaffende Bürger zu seinem Recht kommt im Falle eines Falles – oder? Denn in unserer perfekten Schweiz, da hat alles seine Ordnung. Die Versicherungen versichern, die Versicherungsärzte sind unabhängig und die Richter ebenfalls. Und wer durch die Maschen fällt, der muss selbst schuld sein. Und auf jeden Fall ein Simulant.

Nicht nur das Kräuterbonbon, auch die Selbstgerechtigkeit wurde offensichtlich in der Schweiz erfunden.

Der Case Manager hilft – auch im K(r)ampf mit der IV

In der NZZ erschien heute unter dem Titel «Neuer Start im Erwerbsleben statt IV-Rente» ein ausführlicher Artikel über Case Management. Unter anderem wird der Fall eines ehemaligen Lehrers mit Burnout beschrieben:

«(…)Von seinem Case-Manager fühlte sich der Mann weder gedrängt, schnell vorwärtszumachen – um die Kosten für seinen Fall möglichst gering zu halten –, noch bevormundet. «Ich wurde ständig mit einbezogen und musste selber Entscheide fällen.» Als entlastend erwies sich, dass der 49-Jährige die Gespräche über eine allfällige IV-Rente nicht alleine bestreiten musste. Oftmals sei er einem latenten Misstrauen begegnet, aus dem er die Frage: «Sind Sie wirklich nicht arbeitsfähig?» herauszuhören glaubte. Als er dann zwecks IV-Abklärungen in einer Behindertenwerkstatt für massiv psychisch kranke Menschen landete, stand er kurz vor dem Suizid. «Das Ganze empfand ich als derart menschenunwürdig.» Auch während dieser Zeit sei ihm der Case-Manager unterstützend zur Seite gestanden, habe ihn aufgemuntert, durchzuhalten, und einen verkürzten Aufenthalt in der Behindertenwerkstatt erwirkt.»

Bleibt die Frage: Was geschieht mit den Menschen, die ohne Unterstützung eines Case Managers durch die IV-Abklärungsmühlen gedreht werden?

(Der Lehrer übrigens, der schaffte nach 2 Jahren den Wiedereinstieg in seinen alten Beruf und meinte: «Ohne Case-Manager wäre es vermutlich nicht so gut herausgekommen»).

Niklas Baer: «Viele psychisch Kranke könnten arbeiten, wenn die Arbeitsumgebung besser an ihre Behinderung angepasst wäre»

nbaerDer Basler Psychologe Dr. Niklas Baer leitet die Fachstelle für psychiatrische Rehabilitation der Kantonalen Psychiatrischen Dienste Baselland und beschäftigt sich seit 17 Jahren mit der Arbeitsintegration von Menschen mit psychischen Störungen. Im Auftrag des Bundesamtes für Sozialversicherungen erstellten Niklas Baer und sein Team u.a. eine Forschungsarbeit zu den Ursachen der «Invalidisierungen aus psychischen Gründen» (2009) und untersuchten in der Studie «Schwierige Mitarbeiter» (2011) die Probleme von Menschen mit psychischen Störungen am Arbeitsplatz.

Herr Baer, obwohl Ihre Studien immer wieder markante Defizite der Invalidenversicherung im Bereich der Integration von psychisch Erkrankten aufzeigen, heisst es aus dem BSV stets lapidar, dass «die Studienresultate die Ausrichtung der jeweils gerade aktuellen IV-Revision bestätigen würden». Liest man beim BSV eigentlich die von Ihnen erstellten Studien überhaupt…?

Ja, die Studien werden gelesen, wobei ich zunehmend den Eindruck habe, man wäre froh, sie würden nur im BSV gelesen und von sonst niemandem. Auf der praktischen Ebene der IV-Stellen sind die Fachleute jedoch sehr interessiert und dankbar für Untersuchungen, die sich ernsthaft und auch kritisch mit ihrem anspruchsvollen Berufsalltag auseinandersetzen.

Die Vorstellung, dass sich Menschen mit psychischen Erkrankungen «einfach mal zusammenreissen» sollten, ist in der Bevölkerung weit verbreitet. Sind solche Willens-Appelle bei der beruflichen Integration von psychisch erkrankten Menschen hilfreich?

Wenn man jemandem sagt, er solle sich zusammenreissen, macht man das Gegenüber klein. Und das ist das Gegenteil von dem, was man anstrebt in der beruflichen Rehabilitation: Man sollte den Betroffenen ja Kraft geben, ihnen etwas zutrauen, Verständnis und Mitgefühl empfinden für ihre leidensbedingte Extraleistung, die sie bringen müssen. Ich glaube, dass Mitgefühl stark macht, nicht Druck.

Druck und Willens-Appelle sind vor allem ein Ausdruck von Hilflosigkeit. Wenn jemand psychisch krank ist, Defizite hat und leidet, dann belastet dies das Gegenüber. Man kann mit dieser Belastung auf vielfältige Weise ungehen: Man kann sich wirklich darauf einlassen (die anspruchsvollste Variante) oder man kann es abwehren, wenn man es nicht erträgt. Diese Abwehr kann unterschiedlich aussehen: Man kann psychisches Leiden verleugnen («Das gibt es nicht, das sind alles Arbeitsscheue und Scheininvalide, die sollen sich zusammen reissen»), man kann es klein machen («Jeder hat mal eine Krise») oder man kann irgendeinen Schuldigen suchen. Hauptsache, die Betroffenheit wird dadurch geringer. Das sind alles verständliche Strategien, wie man mit der «Bedrohung» durch psychisches Leiden umgehen kann. Nicht in Ordnung wäre es aber, wenn eine solche Haltung in einem professionellen Umfeld wie der beruflichen Eingliederung zum Tragen käme.

In der beruflichen Rehabilitation wird seit einigen Jahren weniger auf die Defizite fokussiert, sondern auf die Ressourcen, also darauf, was jemand trotz gesundheitlicher Beeinträchtigung (noch) kann – ist diese Strategie erfolgreich?

Diese Sichtweise hilft vor allem den Helfenden selbst, damit sie sich nicht nicht mit der Not auseinandersetzen müssen, aber weniger den Klienten. Menschen, die psychiatrische Behandlung und Eingliederungsangebote in Anspruch nehmen, tun dies, weil sie krankheitsbedingte Defizite haben, die sie daran hindern, sozial und beruflich das zu leisten, was sie eigentlich leisten könnten, wenn sie gesund wären. Sie kommen nicht wegen ihrer Ressourcen zu uns. In vielen Einrichtungen der Psychiatrie und des so genannten Behindertenwesens sind jedoch die Defizite zuwenig präzise bekannt.

Wenn ich einem psychisch kranken Menschen helfen will, dann muss ich seine subjektiven und objektiven Probleme möglichst präzise kennen – erst dann können wir gemeinsam überlegen, wie man diese am Arbeitsplatz am besten kompensieren kann. Beim Paraplegiker schaut man auch zuerst auf sein Defizit (Lähmung) und kompensiert diese so gut wie möglich (Rollstuhl). Ich glaube, dass wir bei psychisch kranken Menschen noch viel stärker Kompensations-möglichkeiten entwickeln sollten – sehr viele psychisch Kranke könnten besser funktionieren, wenn die Arbeitsumgebung besser an ihre Behinderung angepasst wäre.

Wie sieht eine Arbeitsplatzanpassung für jemanden mit einer psychischen Erkrankung aus?

Das konkreteste Beispiel einer Arbeitsplatzanpassung, das ich je erlebt habe, betraf einen Mitarbeiter mit einer paranoiden Schizophrenie, der in einem Grossraumbüro gearbeitet hat. Da er sich immer wieder vergewissern musste, dass in seinem Rücken keine Gefahr droht, hat er sich ständig umgedreht. Das fanden die anderen Mitarbeitenden merkwürdig, und auch seine Leistung litt darunter – ganz zu schweigen von seinem Befinden. Der Vorgesetzte liess dann hinter dem Arbeitsplatz des betroffenen Mitarbeiters eine Trennwand einziehen und die Situation entspannte sich merklich.

Bauliche Anpassungen sind pei psychischen Problemen aber wohl eher die Ausnahme…

Bei Mitarbeitenden, die an einer Persönlichkeitsstörung leiden, sind oft die Beziehungen am Arbeitsplatz betroffen. Dabei sind sich sowohl Vorgesetzte wie auch Mitarbeiter normalerweise nicht im Klaren darüber, dass es sich bei diesem «schwierigen» Verhalten um eine psychische Störung handelt. Die Folgen sind eine starke Verunsicherung auf allen Seiten und massiver Ärger. «Arbeitsplatz-anpassung» könnte in diesem Fall heissen, dass deutlicher als üblich informiert wird. Chef und Team müssen wissen, dass es sich nicht um moralisches Versagen, sondern um eine Behinderung handelt («Er kann nicht anders», «Er meint das nicht so», «Er sagt solche Dinge, weil er Angst hat, den Anforderungen nicht zu genügen»). Wenn wir wissen, dass jemand ein Problem hat, können wir mit mehr Verständnis auf diese Person reagieren. Da die sozialen Beziehungen für Mitarbeiter mit Persönlichkeitsstörungen zudem meistens Stress bedeuten, wäre es auch hilfreich, wenn sie ab und zu alleine arbeiten könnten.

Die wenigsten Arbeitgeber kennen sich mit psychischen Erkran-kungen aus und bräuchten Unterstützung und Beratung. Sind die Arbeitgeber denn dazu bereit?

Seitens Arbeitgeber und Mitarbeiter ist die Bereitschaft für konkrete Beratungen sehr gross – vor allem zu Beginn der Problemsituation und solange sie noch nicht völlig überfordert und ausgebrannt sind. Die in der Untersuchung «Schwierige Mitarbeiter» erfassten belastenden Problemsituationen dauerten ja knapp 3 Jahre, das heisst, alle Beteiligten haben über eine lange Zeit Energie und Nerven investiert, um das Problem zu lösen. Auch aus praktischer Erfahrung scheinen mir die Arbeitgeber über längere Zeit sehr offen für Hilfestellungen und wären oft auch bereit, einiges zu investieren, was helfen könnte.

Umso ernüchternder ist das Studienergebnis, dass nur ein geringer Anteil der Vorgesetzten von der IV – sofern diese überhaupt einbezogen wurde – ausreichend präzise beraten wurde. Dass die IV so selten einbezogen wurde – und auch künftig so selten kontaktiert würde – hängt damit zusammen, dass psychische Störungen nur dann als Störungen erkannt werden, wenn sie sich in einem ganz spezifischen oder sehr befremdlichen Symptom äussern, sei es in schweren Zwängen, manischem Verhalten, offensichtlichen Denkstörungen etc. Wenn sich die psychischen Probleme aber vor allem auf der zwischenmenschlichen Ebene in einem «schwierigen» Verhalten zeigen, werden sie als schlechter Wille ausgelegt. In diesen Fällen wird die IV entsprechend nicht kontaktiert.

Weitere Gründe liegen darin, dass die IV als zu bürokratisch oder als inkompetent wahrgenommen wird. Bezüglich Arbeitsplatzanpassungen ist demnach sicher viel Potential vorhanden – die IV könnte künftig kompetenter, frühzeitiger und unkomplizierter beraten und die Arbeitgeber könnten häufiger externe Unterstützung zuziehen. Die Teams jedenfalls sind laut den Studienergebnissen deutlich entlastet, wenn der Vorgesetzte externe Hilfe zuzieht: sie ärgern sich weniger über den belasteten Mitarbeiter und zeigen mehr Hilfsbereitschaft und Mitgefühl.

Warum sollte ein Arbeitgeber eigentlich jemanden mit einer psychischen Erkrankung einstellen/nicht entlassen?

Zum einen wird er sonst nicht genügend MitarbeiterInnen finden (50% der Bevölkerung haben irgendwann in ihrem Leben eine psychische Störung – Krisen, Probleme und Krankheiten gehören einfach zum Leben und gehen in vielen Fällen auch wieder vorüber), zum anderen sagen psychische Probleme an sich nicht viel über die Leistungsfähigkeiten aus. Ausserdem wissen die Arbeitgeber meist nichts von der psychischen Störung der Bewerber und last but not least sind viele psychisch belastete Menschen sehr nette und besonders treue Mitarbeiter, die für ihren Arbeitgeber alles geben. Mitarbeiter, die schon einmal psychisch sehr gelitten haben, sind nicht selten sozial, intellektuell und emotional sehr kompetent, und sie verstehen, dass man Fehler machen kann, haben viel Verständnis – das sind Mitarbeiter, die für Vorgesetzte sehr angenehm sein können.

Arbeitgeber, welche psychisch Kranke einstellen, sollten sich jedoch bewusst sein, dass Schwierigkeiten auftreten können und unbedingt eine kompetente Begleitung verlangen. Die gibt es heute erst vereinzelt, aber mit zunehmender Nachfrage wird sich auch die Qualität im Coaching-Business verbessern.

Wir haben einige Male die «Normalisierung» von psychisch Kranken angesprochen – z.B. durch Druck oder «Training». Ist das überhaupt realistisch?

Wenn man «Normalität» mit psychischer Gesundheit gleichstellt, dann sind psychisch Kranke natürlich nicht «normal». Psychisch Kranke oder zwischendurch mal Erkrankte wären normal, wenn ein Bewusstsein dafür bestehen würde, dass die meisten von uns schon psychische Probleme hatten oder haben. Man kann gewisse Symptome (Angstsymptome o.ä.) therapeutisch so wegtrainieren, dass sie sich weniger behindernd auswirken. Auch Medikamente sind bei gewissen Störungen und Situationen sehr hilfreich. Es gibt Patienten, die nur mit Medikamenten überhaupt arbeitsfähig sind. Und es gibt schliesslich Psychotherapien – aber die haben selten einen genügend starken Fokus auf die Arbeit. Man kann also einiges tun, aber «Normalität» herstellen kann man nicht. Schwerere psychische Erkrankungen sind Extremerfahrungen, danach ist nichts mehr «normal». Das heisst jedoch nicht, dass solche Menschen nicht wieder arbeiten und ihren Platz in der Gesellschaft finden können.

Wenn man psychisch kranke Menschen selbst fragt: Was wünschen sie sich die bezüglich Arbeitsintegration? Welche Befürchtungen haben sie?

Psychisch Kranke wollen arbeiten, ihren Teil beitragen, nützlich sein und sich kompetent fühlen können – wie die mehr-oder-weniger-Gesunden auch. Aber sie haben extrem viel Angst. Diese Angst kommt oft aus frühreren Erfahrungen am Arbeitsplatz, wo diese Menschen die gewohnte Leistung nicht mehr erbringen konnten, als sie schon erkrankt waren, dies aber niemand bemerkt hat und die Erkrankung auch nicht behandelt wurde. Hinzu kommt, dass eine psychische Krankheit einen Menschen grundlegend verunsichert, auch wenn die Symptome stabilisiert sind – man ist einfach nicht mehr derselbe wie zuvor. Hauptängste der Betroffenen sind, dass sie den Anforderungen und dem Druck nicht mehr gerecht werden, zuviele Fehler machen, einen Rückfall erleiden oder auf Ablehnung stossen. Hier wird ihnen viel zu wenig geholfen, beispielsweise werden diese Dinge in der psychiatrischen Behandlung viel zu wenig aufgegriffen. Mit mehr Selbstvertrauen könnten mehr psychisch Kranke arbeiten.

Der Blick legt nach

Gestern vermeldete der Blick, dass die Boxerin Aniya Seki aufgrund ihrer Bulimie eine IV-Rente «kassiere» und die Kommentatoren durften sich entrüsten. Heute legt der Blick nochmal nach und befragt Passanten, ob sie Sekis IV-Rentenbezug für korrekt halten. Und wer sein Gesicht nicht in die Kamera halten mag, der darf dafür auf Blick.ch anonym darüber abstimmen, ob er eine IV-Rente aufgrund von Bulimie ganz generell für gerechtfertigt hält oder nicht.

Bildquelle: Blick.ch

Was kommt als nächstes beim Blick? Bilder von Krebspatienten mit «I like»- Buttons drunter, wo man darüber abstimmen kann, ob deren Behandlung von der Krankenkasse bezahlt werden soll oder nicht? Ja, wir leben (zum Glück) in einer Demokratie – aber es gibt gute Gründe, warum über gewisse Dinge nicht demokratisch entschieden werden soll.

Und es würde dem einen oder anderen (insbesondere den Verantwortlichen bei gewissen Online-Medien) gut anstehen, sich nicht nur über die ppphhhöööse cybermobbende Jugend zu entrüsten, sondern sich mal zu überlegen, wie es denn mit der eigenen Vorbildfunktion diesbezüglich aussieht.