IV-Bezügerin + erfolgreich = zu hoch für den Mob

Man soll nicht über Dinge schreiben, von denen man keine Ahnung hat. Ich tu’s trotzdem und schicke vorraus: Alles was ich über Aniya Seki weiss, habe ich heute im Blick gelesen – was in etwa gleichbedeutend ist mit «keine Ahnung haben». Der Blick schrieb heute also heute: «Aniya Seki (32) ist Box-Welt-meisterin – und kassiert IV-Rente». Damit ist eigentlich alles gesagt, was den Puls des gemeinen Blicklesers im Nullkommanix auf 180 schnellen lässt. Da hält er sich dann auch nicht weiter auf mit dem Gedanken, dass statt «kassiert» auch das Wort «erhält» hätte gewählt werden können und schon gar nicht mit dem Rest des Artikels oder Gott behüte, zwei drei Gedanken, die über die eigene Nasenspitze hinausgehen. Nein, da muss gleich in der Kommentarspalte eine empörte Duftmarke gesetzt werden.

Dass Aniya Seki genau das tut, was die IV verlangt, nämlich zum einen gegen ihre Krankheit (eine langjährige und schwere Bulimie) zu kämpfen und zum anderen ihre Restarbeitsfähigkeit (ihr IV-Grad beträgt 77%) auszunützen und auszubauen, damit sie eines Tages nicht mehr auf eine IV-Rente angwiesen sein wird – das ist ganz offensichtlich zu hoch für den durchschnittlichen Blickkommentarschreiber. Entweder ist jemand krank und liegt den ganzen Tag im Bett oder er ist gesund. Dazwischen darf es nichts geben. Auch keine Genesungszeit, in der sich jemand langsam erholt, sich wieder Dinge zutraut und diese in Angriff nimmt. Und was es schon gar nicht geben darf ist, dass jemand trotz (psychischer) Krankheit erfolgreich sein kann. Das geht GAR nicht! Erfolgreiche Rollstuhlsportler werden bewundert, dass sie trotz ihrer Behinderung Spitzenleistungen erbringen. Menschen mit psychischen Störungen, die trotz ihrer Erkrankung bewunderswerte Leistungen erbringen wird einfach angesprochen, dass sie überhaupt krank wären.

Sekis Entscheidung, sowohl ihre Erkrankung wie auch ihre IV-Rente geheimzuhalten, ist angesichts dieser Reaktionen absolut verständlich. Umsomehr als sie sich als Sportlerin in einem Umfeld bewegt, das Schwächen kaum toleriert. Wobei wohl auch die Frage gestellt werden darf, welches berufliche Umfeld (ausserhalb der geschützen Werkstätten) Schwächen überhaupt toleriert.

Wer beispielsweise in einem Büro regelmässig einen Tag pro Woche krankheitshalber fehlt, wird wohl schneller gekündigt als er gucken kann. Das heisst nicht, dass er an den anderen Tagen nichts leisten könnte – Nur: solche «unzuverlässigen» MitarbeiterInnen will kein Arbeitgeber. Seki hingegen kann sich als »selbstständige Boxerin» ihre Arbeitszeit mehr oder minder frei einteilen, niemand zieht sie für ihre Krankheitstage zur Rechenschaft. Wenn jemand mit einer unberechenbaren Erkrankung in einem relativ freien Rahmen (und mit der finanziellen Sicherheit durch die IV im Hintergrund) einigermassen «funktionieren» kann, heisst das noch lange nicht, dass er dies auch in einem starren System und der freien Wirtschaft hinbekommt.

Es ist Aniya Seki wirklich von ganzem Herzen zu wünschen, dass sie dies schafft – so wie sie sich selbst das auch wünscht.