Niklas Baer: «Viele psychisch Kranke könnten arbeiten, wenn die Arbeitsumgebung besser an ihre Behinderung angepasst wäre»

nbaerDer Basler Psychologe Dr. Niklas Baer leitet die Fachstelle für psychiatrische Rehabilitation der Kantonalen Psychiatrischen Dienste Baselland und beschäftigt sich seit 17 Jahren mit der Arbeitsintegration von Menschen mit psychischen Störungen. Im Auftrag des Bundesamtes für Sozialversicherungen erstellten Niklas Baer und sein Team u.a. eine Forschungsarbeit zu den Ursachen der «Invalidisierungen aus psychischen Gründen» (2009) und untersuchten in der Studie «Schwierige Mitarbeiter» (2011) die Probleme von Menschen mit psychischen Störungen am Arbeitsplatz.

Herr Baer, obwohl Ihre Studien immer wieder markante Defizite der Invalidenversicherung im Bereich der Integration von psychisch Erkrankten aufzeigen, heisst es aus dem BSV stets lapidar, dass «die Studienresultate die Ausrichtung der jeweils gerade aktuellen IV-Revision bestätigen würden». Liest man beim BSV eigentlich die von Ihnen erstellten Studien überhaupt…?

Ja, die Studien werden gelesen, wobei ich zunehmend den Eindruck habe, man wäre froh, sie würden nur im BSV gelesen und von sonst niemandem. Auf der praktischen Ebene der IV-Stellen sind die Fachleute jedoch sehr interessiert und dankbar für Untersuchungen, die sich ernsthaft und auch kritisch mit ihrem anspruchsvollen Berufsalltag auseinandersetzen.

Die Vorstellung, dass sich Menschen mit psychischen Erkrankungen «einfach mal zusammenreissen» sollten, ist in der Bevölkerung weit verbreitet. Sind solche Willens-Appelle bei der beruflichen Integration von psychisch erkrankten Menschen hilfreich?

Wenn man jemandem sagt, er solle sich zusammenreissen, macht man das Gegenüber klein. Und das ist das Gegenteil von dem, was man anstrebt in der beruflichen Rehabilitation: Man sollte den Betroffenen ja Kraft geben, ihnen etwas zutrauen, Verständnis und Mitgefühl empfinden für ihre leidensbedingte Extraleistung, die sie bringen müssen. Ich glaube, dass Mitgefühl stark macht, nicht Druck.

Druck und Willens-Appelle sind vor allem ein Ausdruck von Hilflosigkeit. Wenn jemand psychisch krank ist, Defizite hat und leidet, dann belastet dies das Gegenüber. Man kann mit dieser Belastung auf vielfältige Weise ungehen: Man kann sich wirklich darauf einlassen (die anspruchsvollste Variante) oder man kann es abwehren, wenn man es nicht erträgt. Diese Abwehr kann unterschiedlich aussehen: Man kann psychisches Leiden verleugnen («Das gibt es nicht, das sind alles Arbeitsscheue und Scheininvalide, die sollen sich zusammen reissen»), man kann es klein machen («Jeder hat mal eine Krise») oder man kann irgendeinen Schuldigen suchen. Hauptsache, die Betroffenheit wird dadurch geringer. Das sind alles verständliche Strategien, wie man mit der «Bedrohung» durch psychisches Leiden umgehen kann. Nicht in Ordnung wäre es aber, wenn eine solche Haltung in einem professionellen Umfeld wie der beruflichen Eingliederung zum Tragen käme.

In der beruflichen Rehabilitation wird seit einigen Jahren weniger auf die Defizite fokussiert, sondern auf die Ressourcen, also darauf, was jemand trotz gesundheitlicher Beeinträchtigung (noch) kann – ist diese Strategie erfolgreich?

Diese Sichtweise hilft vor allem den Helfenden selbst, damit sie sich nicht nicht mit der Not auseinandersetzen müssen, aber weniger den Klienten. Menschen, die psychiatrische Behandlung und Eingliederungsangebote in Anspruch nehmen, tun dies, weil sie krankheitsbedingte Defizite haben, die sie daran hindern, sozial und beruflich das zu leisten, was sie eigentlich leisten könnten, wenn sie gesund wären. Sie kommen nicht wegen ihrer Ressourcen zu uns. In vielen Einrichtungen der Psychiatrie und des so genannten Behindertenwesens sind jedoch die Defizite zuwenig präzise bekannt.

Wenn ich einem psychisch kranken Menschen helfen will, dann muss ich seine subjektiven und objektiven Probleme möglichst präzise kennen – erst dann können wir gemeinsam überlegen, wie man diese am Arbeitsplatz am besten kompensieren kann. Beim Paraplegiker schaut man auch zuerst auf sein Defizit (Lähmung) und kompensiert diese so gut wie möglich (Rollstuhl). Ich glaube, dass wir bei psychisch kranken Menschen noch viel stärker Kompensations-möglichkeiten entwickeln sollten – sehr viele psychisch Kranke könnten besser funktionieren, wenn die Arbeitsumgebung besser an ihre Behinderung angepasst wäre.

Wie sieht eine Arbeitsplatzanpassung für jemanden mit einer psychischen Erkrankung aus?

Das konkreteste Beispiel einer Arbeitsplatzanpassung, das ich je erlebt habe, betraf einen Mitarbeiter mit einer paranoiden Schizophrenie, der in einem Grossraumbüro gearbeitet hat. Da er sich immer wieder vergewissern musste, dass in seinem Rücken keine Gefahr droht, hat er sich ständig umgedreht. Das fanden die anderen Mitarbeitenden merkwürdig, und auch seine Leistung litt darunter – ganz zu schweigen von seinem Befinden. Der Vorgesetzte liess dann hinter dem Arbeitsplatz des betroffenen Mitarbeiters eine Trennwand einziehen und die Situation entspannte sich merklich.

Bauliche Anpassungen sind pei psychischen Problemen aber wohl eher die Ausnahme…

Bei Mitarbeitenden, die an einer Persönlichkeitsstörung leiden, sind oft die Beziehungen am Arbeitsplatz betroffen. Dabei sind sich sowohl Vorgesetzte wie auch Mitarbeiter normalerweise nicht im Klaren darüber, dass es sich bei diesem «schwierigen» Verhalten um eine psychische Störung handelt. Die Folgen sind eine starke Verunsicherung auf allen Seiten und massiver Ärger. «Arbeitsplatz-anpassung» könnte in diesem Fall heissen, dass deutlicher als üblich informiert wird. Chef und Team müssen wissen, dass es sich nicht um moralisches Versagen, sondern um eine Behinderung handelt («Er kann nicht anders», «Er meint das nicht so», «Er sagt solche Dinge, weil er Angst hat, den Anforderungen nicht zu genügen»). Wenn wir wissen, dass jemand ein Problem hat, können wir mit mehr Verständnis auf diese Person reagieren. Da die sozialen Beziehungen für Mitarbeiter mit Persönlichkeitsstörungen zudem meistens Stress bedeuten, wäre es auch hilfreich, wenn sie ab und zu alleine arbeiten könnten.

Die wenigsten Arbeitgeber kennen sich mit psychischen Erkran-kungen aus und bräuchten Unterstützung und Beratung. Sind die Arbeitgeber denn dazu bereit?

Seitens Arbeitgeber und Mitarbeiter ist die Bereitschaft für konkrete Beratungen sehr gross – vor allem zu Beginn der Problemsituation und solange sie noch nicht völlig überfordert und ausgebrannt sind. Die in der Untersuchung «Schwierige Mitarbeiter» erfassten belastenden Problemsituationen dauerten ja knapp 3 Jahre, das heisst, alle Beteiligten haben über eine lange Zeit Energie und Nerven investiert, um das Problem zu lösen. Auch aus praktischer Erfahrung scheinen mir die Arbeitgeber über längere Zeit sehr offen für Hilfestellungen und wären oft auch bereit, einiges zu investieren, was helfen könnte.

Umso ernüchternder ist das Studienergebnis, dass nur ein geringer Anteil der Vorgesetzten von der IV – sofern diese überhaupt einbezogen wurde – ausreichend präzise beraten wurde. Dass die IV so selten einbezogen wurde – und auch künftig so selten kontaktiert würde – hängt damit zusammen, dass psychische Störungen nur dann als Störungen erkannt werden, wenn sie sich in einem ganz spezifischen oder sehr befremdlichen Symptom äussern, sei es in schweren Zwängen, manischem Verhalten, offensichtlichen Denkstörungen etc. Wenn sich die psychischen Probleme aber vor allem auf der zwischenmenschlichen Ebene in einem «schwierigen» Verhalten zeigen, werden sie als schlechter Wille ausgelegt. In diesen Fällen wird die IV entsprechend nicht kontaktiert.

Weitere Gründe liegen darin, dass die IV als zu bürokratisch oder als inkompetent wahrgenommen wird. Bezüglich Arbeitsplatzanpassungen ist demnach sicher viel Potential vorhanden – die IV könnte künftig kompetenter, frühzeitiger und unkomplizierter beraten und die Arbeitgeber könnten häufiger externe Unterstützung zuziehen. Die Teams jedenfalls sind laut den Studienergebnissen deutlich entlastet, wenn der Vorgesetzte externe Hilfe zuzieht: sie ärgern sich weniger über den belasteten Mitarbeiter und zeigen mehr Hilfsbereitschaft und Mitgefühl.

Warum sollte ein Arbeitgeber eigentlich jemanden mit einer psychischen Erkrankung einstellen/nicht entlassen?

Zum einen wird er sonst nicht genügend MitarbeiterInnen finden (50% der Bevölkerung haben irgendwann in ihrem Leben eine psychische Störung – Krisen, Probleme und Krankheiten gehören einfach zum Leben und gehen in vielen Fällen auch wieder vorüber), zum anderen sagen psychische Probleme an sich nicht viel über die Leistungsfähigkeiten aus. Ausserdem wissen die Arbeitgeber meist nichts von der psychischen Störung der Bewerber und last but not least sind viele psychisch belastete Menschen sehr nette und besonders treue Mitarbeiter, die für ihren Arbeitgeber alles geben. Mitarbeiter, die schon einmal psychisch sehr gelitten haben, sind nicht selten sozial, intellektuell und emotional sehr kompetent, und sie verstehen, dass man Fehler machen kann, haben viel Verständnis – das sind Mitarbeiter, die für Vorgesetzte sehr angenehm sein können.

Arbeitgeber, welche psychisch Kranke einstellen, sollten sich jedoch bewusst sein, dass Schwierigkeiten auftreten können und unbedingt eine kompetente Begleitung verlangen. Die gibt es heute erst vereinzelt, aber mit zunehmender Nachfrage wird sich auch die Qualität im Coaching-Business verbessern.

Wir haben einige Male die «Normalisierung» von psychisch Kranken angesprochen – z.B. durch Druck oder «Training». Ist das überhaupt realistisch?

Wenn man «Normalität» mit psychischer Gesundheit gleichstellt, dann sind psychisch Kranke natürlich nicht «normal». Psychisch Kranke oder zwischendurch mal Erkrankte wären normal, wenn ein Bewusstsein dafür bestehen würde, dass die meisten von uns schon psychische Probleme hatten oder haben. Man kann gewisse Symptome (Angstsymptome o.ä.) therapeutisch so wegtrainieren, dass sie sich weniger behindernd auswirken. Auch Medikamente sind bei gewissen Störungen und Situationen sehr hilfreich. Es gibt Patienten, die nur mit Medikamenten überhaupt arbeitsfähig sind. Und es gibt schliesslich Psychotherapien – aber die haben selten einen genügend starken Fokus auf die Arbeit. Man kann also einiges tun, aber «Normalität» herstellen kann man nicht. Schwerere psychische Erkrankungen sind Extremerfahrungen, danach ist nichts mehr «normal». Das heisst jedoch nicht, dass solche Menschen nicht wieder arbeiten und ihren Platz in der Gesellschaft finden können.

Wenn man psychisch kranke Menschen selbst fragt: Was wünschen sie sich die bezüglich Arbeitsintegration? Welche Befürchtungen haben sie?

Psychisch Kranke wollen arbeiten, ihren Teil beitragen, nützlich sein und sich kompetent fühlen können – wie die mehr-oder-weniger-Gesunden auch. Aber sie haben extrem viel Angst. Diese Angst kommt oft aus frühreren Erfahrungen am Arbeitsplatz, wo diese Menschen die gewohnte Leistung nicht mehr erbringen konnten, als sie schon erkrankt waren, dies aber niemand bemerkt hat und die Erkrankung auch nicht behandelt wurde. Hinzu kommt, dass eine psychische Krankheit einen Menschen grundlegend verunsichert, auch wenn die Symptome stabilisiert sind – man ist einfach nicht mehr derselbe wie zuvor. Hauptängste der Betroffenen sind, dass sie den Anforderungen und dem Druck nicht mehr gerecht werden, zuviele Fehler machen, einen Rückfall erleiden oder auf Ablehnung stossen. Hier wird ihnen viel zu wenig geholfen, beispielsweise werden diese Dinge in der psychiatrischen Behandlung viel zu wenig aufgegriffen. Mit mehr Selbstvertrauen könnten mehr psychisch Kranke arbeiten.

2 Gedanken zu “Niklas Baer: «Viele psychisch Kranke könnten arbeiten, wenn die Arbeitsumgebung besser an ihre Behinderung angepasst wäre»

  1. Immer wieder verblüffend, wie oft die von der Umwelt als störend wahrgenommenen Symptome psychisch Kranker, mit ähnlichen Symptomen nach (m)einer Hirnverletzung zusammen passen …

    Andere Ursache, ähnliche Wirkung – und das BSV möchte lieber nicht, dass auch darüber gesprochen wird.

  2. “Ich glaube, dass Mitgefühl stark macht, nicht Druck.”
    Das ist genau das Gegenteil von dem, was in der Regel heute an Arbeitsplätzen gelebt wird.

    Interessant auch der Vergleich mit diesem Programm:
    “Vielleicht zum ersten Mal seit langer Zeit wird der Teilnehmer jetzt nach seinen Fähigkeiten, seinen Vorlieben und beruflichen Zukunftsvorstellungen gefragt.”
    Quelle: http://www.zslschweiz.ch/news/detail.php?iid=871&aid=1

    Wenn ich Herrn Baer richtig verstanden habe, dann hilft die Frage nach den “Ressourcen” zuerst einmal den Begleitern/Betreuern und nicht den psychisch kranken/behinderten Menschen.

    Was mich auch erstaunt in dem Zusammenhang ist, dass ich eine psychiatrische Einrichtung, eine Einrichtung für hirnverletzte Menschen oder gewisse Arten von Behindertenwerkstätten anschauen kann und ich finde überall das Gleiche: z.B. kreatives Arbeiten mit Ton, Holzbearbeitung oder Korben, Flechten u.ä.
    Da frage ich mich regelmässig, ob es Sinn macht, so unterschiedliche, gesundheitliche Zustände mit dem gleichen “Heilmittel” zu behandeln. Was hilft hier den Betreuern und was den Betroffenen? Welche zusätzlichen Probleme entstehen und wären durchaus vermeidbar? Wo wird Verbesserung des gesundheitlichen Zustandes verpasst, weil ein untaugliches Rehabilitationsprogramm eingesetzt wird. Welches Selbstverständnis wird psychisch kranken/behinderten Menschen so vermittelt? Mit welchem Recht?

    Danke für dieses Interview, das sehr viel Wissen gepaart mit Einfühlungsvermögen und Übersicht über das schwierige Thema verrät.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.