«Der sogenannt Versicherte erfährt dann, dass er plötzlich nicht mehr versichert ist»

Der Artikel von Rene Staubli im Tagesanzeiger über den Fall von Elsbeth Isler hat viele Reaktionen ausgelöst. Unter anderem auch den folgenden Leserbrief des Zürcher Psychoanalytikers Werner A. Disler:

Politik und Rechtsprechung erarbeiten fern von der Praxis Entscheide, die sich in sehr vielen Einzelfällen (also bei konkreten Menschen aus Fleisch und Blut) existenziell vernichtend auswirken.

In der alltäglichen Praxis der Medizin, besonders in der Psychiatrie und in der Psychotherapie, begegnen wir Menschen, die sich in grosser Not befinden. Die behandelnden Fachleute befinden sich täglich an der Front leidender Menschen. Das ist die Arbeit der Behandlungsmedizin. Daneben hat sich, fern von dieser Front, im Hintergrund eine andere, eine zweite Medizin, die Versicherungs-rechtsmedizin, etabliert, welche die Arbeit der behandelnden Ärzte und besonders deren Diagnosen und Prognosen aufheben und wirkungslos machen kann. Dies führt zur Entmündigung der Behandlungsmedizin und zur willkürlichen Verfügung über das Leben von Patienten durch medizinische/psychiatrische Laien, nämlich Juristen.

Die so «behandelten» Prämien- und Steuerzahler (Patienten) verlieren damit nicht nur ihren Glauben an den Sozial- und Rechtsstaat, weil sie sich in ihrem Rechtsempfinden schwer verletzt fühlen, sie werden durch dieses Rechtsverständnis einer oligarchen Versicherungsrechtselite auch real als Sozialhilfeempfänger ausgegrenzt. Die Mittel der Organisationen, die eingesetzt werden, um die Leistungspflicht zu umgehen, sind vielfältig. Wir lesen in den Medien, wie Begutachtungsinstitutionen, die von ihren Auftraggebern weitgehend abhängig sind, ihren Auftraggebern die Leistungsverweigerung empfehlen. Sie arbeiten durchwegs mit dem fragwürdigen Krankheitsbegriff des Sozialversicherungsrechts. Der sogenannt Versicherte erfährt dann, dass er plötzlich nicht mehr versichert ist. Sein Rechtsempfinden wird schwer verletzt.

Professor Meyer sagt es so: «Der betroffenen Person muss klargemacht werden, dass sie zwar aus medizinischer Sicht krank und arbeitsunfähig ist, es aber aus juristischer Sicht nicht sein soll, weil die Morbiditätskriterien nicht erfüllt sind, an deren Vorhandensein die Rechtsprechung die Leistungsberechtigung knüpft.» (Meyer U. (2009): Krankheit als leistungsauslösender Begriff im Sozialversicherungsrecht. In: Gächter u. Schwendener (2009), S. 20). Diese «Morbiditätskriterien» basieren nicht etwa auf beweisbaren, sondern auf den umstrittenen «Foerster»-Kriterien und auf der von Sozialversicherungsrechtlern frei erfundenen unwahren Behauptung, verschiedene Störungen, u. a. Schmerzstörungen und depressive Episoden, seien mit dem Willen überwindbar. So die Diagnose des Bundesrichters Dr. iur. Ulrich Meyer im BGE 131 V 50.

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Der Leserbrief ist ein Auszug aus einem längeren Artikel mit dem Titel «Die Entmündigung der Medizin durch die Justiz» in dem Werner A. Disler die ganze Problematik aus der Sicht des Psychotherapeuten ausführlich und mit juristischen Fachwissen gespickt darlegt. Diese disziplinübergreifende Sichtweise ist leider sehr selten und absolut lesenswert. Der ganze Text kann als Worddokument heruntergeladen werden. Herzlichen Dank an dieser Stelle an Herrn Disler für die Erlaubnis, den ganzen Artikel hier zugänglich zu machen.

4 Gedanken zu „«Der sogenannt Versicherte erfährt dann, dass er plötzlich nicht mehr versichert ist»

  1. @ Mia und Herrn Disler

    Der Artikel interessiert mich sehr. – Eine leidige Diskussion und ich bin froh über jeden, der – ohne sich in persönliche Emotionen zu verstricken – dazu Stellung nehmen kann, sich die Zeit nimmt und es auch tut. Das liefert mir Argumente, wenn ich danach gefragt werde.
    Vielen herzlichen Dank!

  2. Argumente gegen ein solcherart unfaires Verfahren? Welche Einwände könnte man noch bringen da die Betrachtungen des Bundesrichters offensichtlich wenig wissenschaftlich nachvollziehbare Grundlagen haben? Diese sind offensichtlich politisch determinierte Forderungen. Jemand der über Schmerzen und Depressionen derart wie ein SVP-Politiker generalisiert, so als würden alle derart Kranken daselbe regressive Profil besitzen, der vertritt die medizinische Laien -Inquisition und keine faire Justiz.

  3. Apropos Inquisition. Aus dem Roman „Die Brüder Kamarasow“ wird zitiert:„Ich denke: ‚Was ist die Hölle?‘ Und ich beurteile es so: ‚Es ist ein Leiden daran, dass man nicht mehr fähig ist, zu lieben.‘“ Ich hab das Buch nicht griffbereit, reisse aber sowieso diesen Satz aus seinem ursprünglichen Zusammenhang. Das fünfte Kapitel dieses Romans, „Der Grossinquisitor“, ist mir geläufig und gibt ein wenig Preis mit welcher schnodrigen Dreistigkeit eine Elite ihre Privilegien zu schützen weiss. Die von Werner A. Disler mit Hand und Fuss beschriebene Zweiklassen-Medizin, einer Art justizellen Pseudomedizin welche die humanistisch orientierte Medizin unterdrückt, verweist nicht „diese Patienten, welche nicht gesund sind, das heisst ‚unfähig‘ sind, ein gesundes Leben zu führen: Nicht arbeitsfähig, nicht liebesfähig, nicht genussfähig, nicht beziehungs- und liebesfähig, oft lebend in sozialen Verhältnissen, welche Krankheitsprozesse auslösen oder fördern“ – in die Hölle. Sondern unsere Elite: ‚Was ist Hölle?‘ Und ich beurteile es so: ‚Es ist ein Leiden daran, dass man nicht mehr fähig ist, zu lieben‘. Die Hölle, das ist pauschal der Bundesrat, Parlament, Bundesrichter, BSV und Teils die IV-Stellen. Kein Theologe kann dem widersprechen. Die mangelnde Radikalität der Kirchen, ihr in Teilen gar reaktionäres, ins lächerlich konservative abgleitende Verhalten ist Teil dieser „höllischen“ Bürgerlichkeit und was diese sich erlauben kann an den Schwächsten: Siehe Dostojewskis „Grossinquisitor“

  4. Aus diesem Kapitel, „Der Grossinquisator“, gefällt mir diese Passage besonders gut:

    Da gibt es zum Beispiel das kleine nette Klosterpoem (natürlich eine Übersetzung aus dem Griechischen) ‚Der Gang der Muttergottes durch die Qualen‘ mit Bildern und von einer Kühnheit, nicht schwächer als bei Dante. Die Gottesmutter besucht die Hölle, und der Erzengel Michael führt Sie ‚durch die Qualen‘. Sie sieht die Sünder und wie sie gequält werden. Dort gibt es übrigens eine höchst interessante Abteilung mit Sündern in einem brennenden See: Einige von ihnen versinken in dem See so tief, dass sie schon nicht mehr auftauchen können, die Formulierung: ‚jene vergisst Gott bereits‘ hat schon ausserordentliche Tiefe und Kraft. Und da fällt die erschütterte Gottesmutter weinend vor Gottes Thron nieder und bittet um Vergebung für alle ohne Unterschied, die Sie da in der Hölle gesehen hat. Ihr Gespräch mit Gott ist kolossal interessant. Sie fleht, Sie weicht nicht von der Stelle, und als Gott Sie auf die durchnagelten Hände und Füsse Ihres Sohnes hinweist und fragt: ‚Wie kann ich denen vergeben, die Ihn peinigten?‘, da lässt Sie alle Heiligen, alle Märtyrer, alle Engel und Erzengel zusammen mit Ihr niederfallen und für alle ohne Ausnahme um Vergebung bitten. Es endet damit, dass Sie mit Ihrem Flehen bei Gott eine alljährliche Unterbrechung der Qualen von Karfreitag bis zum Pfingstsonntag erreicht. Sogleich danken die Sünder die Sünder aus der Hölle dem Herrn und rufen ihm freudig zu: ‚Gerecht bist Du, Herr, gerecht war dein Gericht.‘

    Selbst wenn dieses „Poem“ selbst bei kleingläubigen Christen mehr Fragezeichen aufwirft als es den Spott gegenüber aktuellen Machtverhältnissen aufrecht erhält, völlig egal was Leser von Religion halten oder verstehen, eines ist so gewiss wie das Amen in der Kirche, die gesammte Bibel haut frontal unsere Establishments in die Pfanne (Hölle). Mir gefällts. ‚Wie kann ich denen vergeben, die Ihn peinigten?‘ Für unsere elitärsten Kirchgänger (à la Daniel Vasella und so): (Apg 5:27-39) Und sie brachten sie und stellten sie vor den Hohen Rat. Und der Hohepriester fragte sie und sprach: Haben wir euch nicht streng geboten, in diesem Namen nicht zu lehren? Und seht, ihr habt Jerusalem erfüllt mit eurer Lehre und wollt das Blut dieses Menschen über uns bringen. Petrus aber und die Apostel antworteten und sprachen: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“

    Man darf nichts unversucht lassen ;)

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