«Wenn man etwas erreichen will, muss man nicht warten, bis es uns jemand gibt. Wenn man Recht hat, muss man es sich holen»

Yves Rossier, der Direktor des Bundesamtes für Sozialversicherungen hat am 14. September 2011 anlässlich des Festes zur Einführung der persönlichen Assistenz eine bemerkenswerte Rede gehalten – Er  umschreibt darin (jeweils auf deutsch und französisch) fünf Punkte, die er als BSV-Direktor gelernt hat:

Vollständige Transkription des deutschen Textes (Hervorhebungen durch die Blogautorin):
Yves Rossier: Ich werde mich darauf beschränken, die fünf Sachen, die ich gelernt habe in den letzten sieben Jahren als BSV-Direktor – nicht zu letzt dank dem Projekt Assistenz-Budget – zu schildern.

Also diese Macht der Strukturen ist etwas, das ich kennen gelernt habe. Wenn man Strukturen schafft, Institutionen, Finanzflüsse, auch mit den besten Zielen der Welt, führt es dazu, dass diese Strukturen und Institutionen eigene Macht haben. Und das Selbsterhalten, das Selbstfördern, weil es dann mit direkten, konkreten Interessen verbunden wird, wird dann ein Ziel für sich. Und das ist eine grosse Gefahr. Und obwohl ich in einer dieser Strukturen arbeite, muss ich sagen, dass das etwas sehr sehr schwieriges ist. Und Sie haben es am eigenen Leibe erlebt.

Also diese Machtspiele, die habe ich natürlich in der Verwaltung erlebt. Aber auch – Anfangs mit Erstaunen – unter den Organisationen. Dass man sich eigentlich nicht fragt: «Wozu arbeiten wir und sollen wir es nicht gemeinsam machen?» Sondern entscheidend ist: Wer wird es schaffen? Und dass man manchmal eher ein Interesse hat, dass jemand etwas nicht schafft, als dass man es gemeinsam schafft.

Eine dritte Feststellung ist, die Rede über die Behinderung. Ich sehe zwei Gefahren: Die erste ist die Haltung, wonach Behinderung eine Kultur ist. Das wird immer behauptet. Ich verstehe auch warum: Wenn man sich ausgegrenzt fühlt, zieht man sich zurück – mit Gleichgesinnten oder Gleichbetroffenen, und es wird daraus eine Kultur behauptet. Es ist für mich die Reaktion auf die Abgrenzung durch den Rest der Gesellschaft. Es ist aber eine sehr gefährliche Haltung. Die Behinderung ist keine Kultur. Die Kultur ist eine gemeinsame unter den Bürgern dieses Landes. Das ist unsere Kultur. Die Behinderung ist ein Leiden, aber keine Kultur.

Die zweite, gefährliche Entwicklung sehe ich in der Behauptung: «Wir sind alle behindert.» Es gab eine grosse Werbekampagne einer Organisation. Da standen behinderte Kinder und es war die Rede von gebrochenen Träumen: «Weil ich behindert bin, kann ich meine Träume nicht leben.» Das ist natürlich sehr nett zu sagen, weil wir alle unerfüllte Träume haben. Ich wollte nicht Beamter werden. Ich hatte andere Träume als ich jung war. Das macht mich aber nicht behindert. Also wenn man behauptet, Behinderung sei nur, dass man seinen Traum nicht erleben kann, das ist falsch und das führt zu dieser Schluss-folgerung: «Wir sind ja alle irgendwie behindert.» Selbstverständlich, wir sterben alle einmal, aber das hat nichts damit zu tun. Die Behinderung in der Gesellschaft heute ist etwas anderes. Und diese Art über die Behinderung zu sprechen finde ich genau so gefährlich wie die erste.

Diese gleiche Würde, die wir haben sollen, ist meines Erachtens auf gravierende Weise in Frage gestellt durch die gesellschaftliche Entwicklung die wir in der Schweiz haben. Und wo ich immer staune, warum die Organisationen nicht mal was dazu sagen. Ich gebe Ihnen nur ein Beispiel: Ich sprach mit einer Person von Exit Schweiz über den Zugang zur Beihilfe zum Suizid und diese Person sagte zu mir: «Aber Herr Rossier, wir machen es nicht für alle.» Darauf ich: «Ah nein? Für wen?» Darauf er: »Nur wenn eine Person eine gravierende Krankheit hat oder eine schwere Behinderung.» – Was bedeutet das, wenn diese Person das sagt? Das bedeutet, dass es für diese Person würdiges und unwürdiges Leben gibt. Bei den Einen lassen wir es nicht zu, geben ihnen das Gift nicht, aber bei den Anderen schon. Und ich fragte nach dem Grad der Schwere, ob Exit eine Liste von Behinderungen hat, anhand derer man dann ja sagt oder nein. Und da wurde meiner Frage entwichen. Da sind die gesellschaftlichen Entwicklungen, die mir wirklich Sorgen machen. Und dort würde ich mir manchmal wünschen, ein bisschen mehr von den Organisationen zu hören über solche Sachen, als über andere Themen, mit denen sie meistens mobil machen.

Und schliesslich, das ist jetzt die letzte Schlussfolgerung: Wenn man etwas erreichen will, muss man nicht warten, bis uns jemand gibt. Wenn man Recht hat, muss man es sich holen. Das habe ich auch in der Bundesverwaltung gelernt. Ein Direktor-Kollege sagte mir einmal: «Yves, du bist so mühsam, wenn du etwas nicht bekommst, dass du willst, dass man es dir lieber sofort gibt.» Ich glaube das ist eine Lektion, die Sie auch gelernt haben, die Frau Kanka auch gelernt hat und in die Praxis umgesetzt hat. Das ist natürlich sehr wichtig.
Natürlich müssen Sie auch Recht haben. Und Sie müssen nicht erwarten, dass man immer mit Ihnen einverstanden ist. Aber Sie dürfen trotzdem nicht nachgeben.

Voilà, ich werde Ihnen nicht danken, weil Sie mir nichts schulden und Sie haben das gemacht, was Sie für richtig halten. Ich werde Ihnen auch nicht gratulieren, denn an Ihrer Stelle hätte ich das Gleiche gemacht. Ich sage Ihnen, ich bin sehr froh hier zu sein. Ich bin froh, dass es jetzt endlich startet und ich wünsche Ihnen einen schönen Abend. Danke schön!

Film und Transkription von David Siems von cripplepride.

Ich denke, für Gesprächsstoff ist gesorgt :-)
Dran denken: Bitte einigermassen kurz halten in den Kommentaren und auch die anderen Blogregeln beachten.

23 Gedanken zu „«Wenn man etwas erreichen will, muss man nicht warten, bis es uns jemand gibt. Wenn man Recht hat, muss man es sich holen»

  1. Yves Rossier, der Direktor des Bundesamtes für Sozialversicherungen (BSV), gibt nochmals zu denken und sagt:
    «Ich wollte nicht Beamter werden. Ich hatte andere Träume als ich jung war. Das macht mich aber nicht behindert. »

    Im Unterschied zum BSV-Direktor wird Behinderten die Wahlfreiheit oft verweigert – doch Herr Rossier KANN zBsp. nach freiem Belieben von seinem „ungewünschten Beamten-Job“ als BSV-Direktor zurücktreten. DARAN HINDERT WIR IHN GANZ SICHER NICHT!
    In seinem Fall ist die Wahlfreiheit, die uns Betroffenen verweigert wird, ganz selbstverständlich.

    Für die regionale SL-Gruppe Schaffhausen (im Aufbau)

    GSL SH, Bernhard Pfaff

  2. @Bernhard
    Wie wärs damit, zur Abwechslung mal die Position des «armen Behinderten» (dessen furchtbare Situation ja keiner richtig versteht) zu verlassen?
    Würdest du Rossiers Job wollen? Oder Ritlers? oder Burkhalters? Mit allen Konsequenzen? Ja? Wo ständig von allen Seiten gemeckert wird, wie man’s besser machen könnte? Ich nicht. Ich würde mit keinem tauschen wollen. Ich bin froh machen andere diese nicht immer ganz so tolle Arbeit. Mein Traumjob wäre es nämlich nicht.

    Man kann nicht ständig verlangen, «den Behinderten soll mehr Respekt entgegengebracht werden» wenn man selbst anderen keinen Respekt entgegenbringt.

    Das heisst nicht, dass man andere nicht kritisieren darf (und ich werde auch nicht damit aufhören) aber dieses ewige Jammern von wegen «alles so unfair, blablablabla. keiner versteht meine schreckliche Situation» kann ich nicht mehr hören.

    Ich bin weissgott nicht mit allem einverstanden, was Rossier in seiner Rede gesagt hat, aber damit schon: «Wenn man etwas erreichen will, muss man nicht warten, bis es uns jemand gibt. Wenn man Recht hat, muss man es sich holen»

    Klarer hätte man es wohl nicht sagen können.

    Kat Kanka, die treibende Kraft hinter dem Assistenzbeitrag, hat das was sie mit ihren MitstreiterInnen erreicht hat, nicht durch Jammern erreicht.

  3. @Mia [Man kann nicht ständig verlangen, «den Behinderten soll mehr Respekt entgegengebracht werden» wenn man selbst anderen keinen Respekt entgegenbringt (…) dieses ewige Jammern von wegen «alles so unfair, blablablabla. keiner versteht meine schreckliche Situation» kann ich nicht mehr hören.]

    Ich finde diesen Einwand ziemlich scheinheilig und unangebracht, Mia.
    Mit „jammern“ hat so etwas gar nichts zutun, finden wir:
    http://www.zslschweiz.ch/z_alteseite/

    Sei’s drum ;-)

    Für die regionale SL-Gruppe Schaffhausen (im Aufbau)
    GSL SH, Bernhard Pfaff

  4. Ich glaube das Eine schliesst das Andere nicht aus, im Gegenteil: Ist die Kritik am Status Quo nicht ein Teil des Kampfes für Verbesserungen? Natürlich, wenn man nur kritisiert und ansonsten nichts unternimmt, dann hat es schon was von Jammern an sich. Wie dem auch sei, ich bin jedenfalls sehr froh, dass wir hier in der Schweiz Kat als treibende Kraft gehabt haben. Sie ist mit der richtigen Mischung aus Hartnäckigkeit und diplomatischem Fingerspitzengefühl an die Sache ran gegangen. Die anderen grossen Namen im Behindertenkuchen sind entweder zu nett und passiv und werden dadurch nicht ernst genommen, oder aber sie greifen zu schnell zum Vorschlaghammer und verderben es sich dadurch mit den Ansprechpartnern.

  5. @ Mia

    Ich hätte es nicht besser schreiben können: Bernhard schreit und wiederholt wörtlich, was Herr Rossier gesagt hat. Er hat nämlich gesagt, dass …..

    Zitat:
    „Das macht mich aber nicht behindert. Also wenn man behauptet, Behinderung sei nur, dass man seinen Traum nicht erleben kann, das ist falsch und das führt zu dieser Schluss-folgerung: «Wir sind ja alle irgendwie behindert.»
    Ende Zitat

    ….er diese Rede von: „Wir sind alle behindert.“ nicht gut findet, weil sie eine Behinderung verharmlost.
    Also Bernhard, bitte zuerst lesen und dann nicht meckern, wenn es nichts zu meckern gibt.

  6. @ Bernhard
    Da steht der Direktor des BSV hin und äussert sich mal ziemlich ehrlich, direkt und sogar persönlich – also weit weg von dem, was man aus dem BSV sonst so vernimmt (wo immer alles x mal juristisch und PR-mässig abgesichert ist) sagt sogar etwas über Macht der Strukturen, obwohl er selber Teil einer solchen Struktur ist und dann wird im allerersten Kommentar hier gleich gemeckert und Rossier auf der persönlichen Ebene angegriffen?

    Hallo? Geht’s noch? Sowas finde ich absolut daneben. Man kann inhaltlich sehr wohl anderer Meinung sein, auch Kritik üben, aber sachlich!
    Bei einer solchen Reaktion braucht man sich dann nicht wundern, wenn keiner auf „Die Behinderten“ hören will. Würd ich auch nicht, wenn man mir mit so einer Haltung entgegentreten würde.

    Das Internet ist keine private Stube, wo niemand hört was man sagt. Was hier steht, wird auch gelesen und es wird zuweilen sehr genau gelesen. Auch die Kommentare.

    Ich hab in letzter Zeit kaum je Kommentare gelöscht, aber wenn sich hier nicht mal ein gewisses Bewusstsein entwickelt, dass das Internet öffentlich ist und keine private Klagemauer, muss ich mir ernsthaft überlegen, die Kommentare irgendwann ganz zu schliessen. Ich würde das sehr ungern tun, weil ich grundsätzlich Kommentare (auch kritische) schätze, aber ich würde mir schon manchmal wünschen, dass gewisse Kommentierende manchmal ein Milimeter über ihren eigenen Bauchnabel hinaus schauen könnten.

    Es geht nicht immer nur ums eigene Leid, um die eigene Behinderung und den eigenen Lebensschmerz.
    Es ist nämlich genau dieses egozentrische Denken, welches sich auch quer durch die Behinderten-Organisationen zieht und vieles verhindert. Wie Rossier es ja auch erwähnt hat. Jeder denkt immer nur an sich. Und immer dieser elende Neid.

    Andere sind gesund, andere Behinderungen sind nicht so schlimm wie meine, andere Organisationen kriegen mehr Geld, Aufmerksamkeit, was weissich… meine Güte.

    Wenn wir uns solche Spielchen leisten können, geht’s uns aber wirklich zu gut in der Schweiz.

    Und ja, ich habe meine eigene Blogregel (Bitte kurz fassen) komplett ignoriert… Aber das musste jetzt mal gesagt sein.

  7. @Mia [Hallo? Geht’s noch? Sowas finde ich absolut daneben.]

    Ich finde deine Interpretation ebenfalls völlig „daneben geschossen“, Mia.
    Vielleicht kannst du dich nicht mehr sooo genau erinnern, WAS ich kommentiert habe. Deshalb hier noch (m)ein letzter Versuch:

    Mein Blog-Kommentar betrifft die unterschiedlichen Möglichkeiten und Voraussetzungen bezüglich der oft unzulässig eingeschränkten Wahlfreiheit von Behinderten und unbehinderten Frauen und Männern. Das ist alles, was ich im Moment dazu noch zu sagen hätte.

  8. Geht es um die Behinderten und ihre Situation, oder bleiben wir beim „jammern“ so wie es jeder für sich selbst sieht. Jammern ist für mich einen Unmutsäussserung. Die Banker jammern, weil sie sich falsch verstanden fühlen, die Politiker jammern, weil das Wahlvolk nicht alles so toll findet usw. Aber wie schon geschrieben kommt ein zweiter wichtiger Punkt ergänzend dazu – die Wahlfreiheit. Die ist bei den Behinderten nicht gegeben. Alles andere kann man, muss es aber nicht. Für mich ist dabei das grösste Probelem die Machtsstrukturen. Frau Fuhrer liess sich in den Medien als Vorbild für die Frauen hinstellen, wie sie mit ihrem Krebs umging. Es ist aber im Gegensatz dazu ein grosser Unterschied in welchem sozialen Umfeld einen Krankheit oder einen Behinderung passiert. Frau Fuhrer hatte sicher keinen Problem ihren Lebensabend zu sichern, meinen Frau jedoch schon. Recht hat nichts mit Paragrafen sondern mit Geld zu tun. Deshalb kann der Herr Yves Rossier von seiner Warte aus leicht „jammern“.

  9. @ Peter
    Jeder Mensch findet in seinem Leben Gegebenheiten vor, nicht nur behinderte.
    Herr Rossier zeigt sehr schön auf, wie Veränderung stattfinden kann. Behinderte und nicht behinderte Menschen finden das gleiche Rechtssystem vor, haben die gleichen gesetzlichen Vorgaben, um etwas zu ändern, das ihnen nicht passt.
    Peinlicherweise, aber es stimmt mit meiner Erfahrung überein, tun sich Behindertenorganisationen nur schwer zusammen, um ein an sich gemeinsames Ziel zu erreichen. – Viel wichtiger scheint zu sein, dass eine Person oder Organisation sagen kann, dass es ihre Idee war und sie etwas erreicht hat.
    Zersplitterung der Kräfte führt viel langsamer zum Ziel. Das ist so. Wenn wir die Paragraphen nicht verändern haben wir nie mehr Geld. Das können wir uns nur durch die entsprechend angepassten Gesetze holen. – Letzthin habe ich Herrn Daum ausrichten lassen, er solle bitte Arbeitsplätze für intelligente, behinderte Menschen schaffen. – Nur wenn wir verändern, ändert sich was.

    Und nochmals: Herr Rossier jammert nicht. Im Gegenteil: Er begegnet in dieser Rede behinderten Menschen „auf gleicher Augenhöhe“. Er sagt, dass er an ihrer Stelle das gleiche Ziel ebenso hartnäckig verfolgt hätte.
    Er stellt die behinderten Menschen nicht auf die Stufe der armen bemitleidswerten Geschöpfe. Das finde ich gut.

    Nicht einverstanden bin ich mit ihm, wenn er sagt, dass Behinderung Leiden bedeutet. Ich habe nämlich keine Lust zu leiden. Wozu auch: Ich bestimme, was ich aus meinem Leben mit Behinderung mache. Erstaunlich viel wird mir immer wieder versichert. Wenn ich mir aber die Mär vom Leiden aufschwatzen lassen, dann schaue ich das, was ich erreiche ganz anders an.

  10. @Christophoorus
    Die grossen Organisationen kochen alle ihr spezielles Süpplein. Gemeinsam ist zwar ein Schlagwort. Die Praxis sieht aber anders aus. Nach 20Jjahren Projektarbeit kenne ich alle Facetten. Meine Tochter arbeitet in einer Tagesheimstätte. Sie haben auch an den Special Olympics teilgenommen. Das Geld stammt aber aus eigenen Adventsmärkten, Bastelarbeiten usw. Keinerlei staatliche Förderung.Unsere Spitzensportler brauchen sich da weniger Sorge machen. Der Weg ist das Ziel. Die einen auf steinigem Weg , die anderen auf asphaltierten Strassen. Sein Vorgänger meinte er könnte diesen Job auch mit Rollstuhl ausüben. Nur zweifle ich daran, ob er es je in die engere Wahl als Behinderter geschafft hätte. Steter Tropfen höhlt den Stein.

  11. Zuerst einmal finde ich die Rede von Herrn Rossier sehr beeindruckend und er spricht über einige Dinge, die einige von uns schon wussten und einige wissen es immer noch nicht. Jetzt müssen wir sammeln, jeder für sich, und uns in Klaren werden, für was wir kämpfen wollen. Uns gegenseitig die Köpfe einschlagen (mit Worten) bringt uns nichts. die Behindertenorganisationen wollen das sogar, dass wir keine Einheit bilden, weil sonst besteht die Gefahr, dass sie ihre ach so geliebte Macht und das Bundesgeld verlieren.

    Mein Vorschlag wäre, dass wir uns auf eine Sache fokussieren und diese Sache so trimmen, dass wir eine Einheit bilden können- Z. B. können wir nur gemeinsam – und ich meine alle damit – erreichen, dass die Behindertenorganisationen ihre Machtstellung verlieren das viele Bundesgeld nicht in den Taschen der Geschäftsleitung geht, sondern wirklich für die Behinderten verwendet wird.

    Klar, wir haben nicht immer die gemeinsamen Interessen. Jede Behinderung jedes Menschen ist einzigartig. Durch das Fokussieren auf eine Sache können wir aber vieles erreichen. Ein Beispiel ist das Assistenzbudget.

  12. @ Islam, mit allem einverstanden, ausser mit dem letzten Satz. Die Einführung des Assistenzbudget ist gerade ein Paradebeispiel dafür, wie das BSV die ewigen Streiterein zwischen den Organisationen und den Behinderten eiskalt genutzt hat: Man hat den einen Behinderten das lang ersehnte Assistenzbudget in Aussicht gestellt, während man gleichzeitig bei 17’000 anderen die Rente streicht.
    Man hat also genau das genutzt, wo man wusste, es wird funktionieren: Die einen gegen die anderen ausspielen.

  13. @Islam,sorry aber ich finde es nicht nur anmassend, sondern eine bodenlose Frechheit alle Behindertenorganisationen pauschal der ungetreuen Geschäftsführung zu bezichtigen! Zudem ist mir keine bekannt, die darauf bedacht ist, dass sich die Behinderten gegenseitig ausspielen. Hast du überhaupt eine Ahnung welche Auflagen erforderlich sind, damit Bundesgelder fliessen und welcher Aufwand (Controlling etc.) dafür betrieben werden muss? Engagierst du dich als Betroffener auch grösstenteils ehrenamtlich in einer NPO oder beruhen deine Behauptungen einfach auf Vermutungen und Spekulationen?

  14. @ Veritas
    Wo steht denn da etwas von «ungetreuer Geschäftsführung»? Meinst du wegen den «das viele Bundesgeld nicht in den Taschen der Geschäftsleitung geht, sondern wirklich für die Behinderten verwendet wird.»? ich hab das nicht als ungetreue Geschäftsführung verstanden, sondern, dass halt viel in die Verwaltung geht, statt bei den Betroffenen anzukommen…?

    Mal ein Besipiel; verschiedene Organisationen bieten ja finanzielle Unterstützung für Behinderte in Notlagen an, da zahlt dann zb. die MS-Gesellschaft auch mal etwas an einen rollstuhlgerechten Wohnungsumbau, wenn die IV die vollen Kosten nicht übernimmt. Dazu wird aber ganz genau abgeklärt, ob die Person das braucht, ob die IV das nicht doch zahlt und ob die Person finanziell «bedürftig» ist (mit Steuererklärung einreichen ect) – also ein ziemlicher Verwaltungsaufwand, der ja auch bezahlt werden muss.

    Da fragt man sich dann schon: Wäre das nicht eigentlich Aufgabe der IV…? Warum bekommen die Organisationen Bundesgelder für sowas? Warum dürfen die Bundesgelder (und ja: natürlich auch Spenden) «verteilen»?

    Ein anderes Beispiel sind die vielen vielen Beratungen, die Organisationen anbieten: Wären die Gesetze für Behinderte besser, bräuchte es weniger Beratungen. Aber das liegt nicht im Interesse der Orgnaisationen, weil die dann weniger «Beratungsvolumen» generieren könnten…

  15. @ Islam
    Welche Behindertenorganisationen stellen grundsätzlich behinderte Menschen als Arbeitskräfte des 1. Arbeitsmarktes an zu marktüblichen Löhnen?

  16. @Mia
    Einverstanden. Das Assistenzbudget ist auch ein Beispiel für diese Strategie. Gleich zeigt es aber auf, dass man nur mit starkem Wille und Geduld das bekommt, was einem auch zu steht. Leider haben die Behindertenorganisationen immer noch genug Macht, um die Behinderten gegeneinander auszuspielen. Diese Macht ist aber nicht in Stein gemeisselt und wir können diese Macht schwächen, wenn wir uns nur fokussieren.

    @Veritas
    Zuerst lesen, dann denken und schreiben. Obwohl es überall auf der Welt Veruntreuungen und Korruptionen gibt, auch bei uns, habe ich das in meinem Kommentar nie für alle Behindertenorganisationen behaupten. Was ich geschrieben und gemeint habe, ist, dass die Geschäftsleitung und seine Apparate zu viel von den Bundesgelder für sich in Anspruch nehmen und der Rest geht zu den Betroffenen. Das Problem ist, dass für die Behindertenorganisationen der Bund der Kunde ist und die Behinderten das Produkt! Und wie in fast jeder Firma sind die Kosten für das Produkt minimal im Vergleich zu den Personal- und Infrastrukturaufwände.

    Es ist doch so, dass mehr als die Hälfte der Bundesgelder dazu verwendet wird, um eine künstliche Welt für die Behinderten aufzubauen. Wenn man aber das verfügbare Bundesgeld direkt den Behinderten geben würde, würde es günstiger kommen und die Behinderten könnten endlich als Kunde auftreten und Druck auf die Händler ausüben.

    Ich habe schon in einer Behindertenorganisation gearbeitet und durfte dort in der Buchhaltung tätig sein. Was ich dort gesehen habe, hat mich schon beeindruckt. Die Behinderten sind und bleiben Produkte und der Bund als Kunde zahlt dafür und nicht gerade wenig.

    Sage mir, warum muss man unbedingt ein Konstrukt/eine Organisation aufbauen, um den Behinderten zu „helfen“ – schlussendlich hilft man sich selber mit dem Erhalt eines Arbeitsplatzes? Geht das nicht schneller und effizienter?

    Sage mir, bei welcher Behindertenorganisation finde ich Behinderte, die in eine Führungsposition oder in einer verantwortlichen Position und kein Maskottchen ist? Warum müssen sich Behinderte immer EHRENAMTLICH in einer Organisation engagieren und ihre Expertise gratis teilen und die anderen profitieren davon und kriegen noch Geld dafür?

    Warum kann ich für meine Expertise in der Behindertenbranche von den Organisationen kein Geld verlangen? Ich muss schliesslich auch überleben können und unter uns gesagt, wissen wir sehr viel mehr als die Experten und Berater in den Behindertenorganisationen.

    So, zum Schluss noch alles zusammenfassen: Wir als Betroffene müssen dafür sorgen, dass wir den Geldfluss direkter zu uns lenken und für unsere wertvolle Expertise auch entlöhnt werden. Auch müssen wir endlich dafür sorgen, dass wir als Kunde auftreten können.

    Schlussendlich sind wir keine Sklaven der Behindertenorganisationen und wir schulden ihnen nichts.

  17. @Mia
    Richtig, diese Formulierung ist mir sauer aufgestossen und assoziiert zumindest für mich eine ungetreue Geschäftsführung, was ganz klar einem Straftatbestand gleich kommt.

    Das die Gesetze bis dato kläglich der Realität hinterher hinken, kann m. E. nicht allein den Behindertenorganisationen zugeschrieben werden, sondern dem zunehmend restriktiveren politischen Kurs gewisser Parteien, denen es am liebsten wäre, wenn die Gelder ganz gestrichen würden. Der Verwaltungsaufwand wird zu einem grossen Teil durch die weitreichenden Auflagen des Bundes zusätzlich aufgebläht, ist jedoch bestimmt nicht von den Organisationen einfach so gewollt!

    Bezüglich deinem Beispiel ist folgendes festzuhalten: Würde eine Organisation ohne vorgängige Abklärungen unbürokratisch finanzielle Hilfe mit Bundesgelder leisten, würde sie vermutlich bei der nächsten Revision gerüffelt oder müsste sogar mit Sanktionen; sprich einer Kürzung der BSV-Unterstützung rechnen. Wer sich nicht an die Vorgaben bzw. ULV-Verträge hält, ist ganz schnell wieder draussen.

    Die Beratungen gehören tatsächlich zu einer der wichtigsten Dienstleistungen für Betroffene und Angehörige, denn sie bieten Hilfe zur Selbsthilfe und können in akuten Phasen entlastend und aufbauend sein. Bessere Gesetze würden solche Beratungsstellen kaum tangieren, ausser vielleicht jene die ausschliesslich rechtliche Unterstützung anbieten. Das Interesse der meisten Organisationen liegt wohl weniger am Volumen, sondern hat eher mit sozialem Engagement zu tun. Stell dir vor, auch das gibt es Gott sei Dank noch!

    Zum Schluss möchte ich aber doch noch einem Votum von Peter beipflichten. Leider hapert es wirklich bis heute an einer besseren Zusammenarbeit unter den Organisationen, was ich schon seit Jahren bemängle. Dadurch bleiben teilweise wertvolle personelle, wie auch finanzielle Ressourcen auf der Strecke. Weshalb sich daran nichts ändern lässt, bleibt mir ein Rätsel.

    • Bitte kläre mich dann besser auf und sage mir wo es Behinderte in der Geschäftsleitung gibt.

  18. @Veritas, Du hast natürlich schon recht, man kann nicht einfach alle Behindertenorganisationen und deren Angebote pauschal in einem Topf werfen, aber die Haltung des Schweizer Paraplegikerverbandes gab mir eben schon zu denken, die unterstützten nämlich die IV-Revision 6a voll und ganz, schreiben aber quasi gleichzeitig:
    «Bereits unter der heutigen strengeren IV-Gesetzgebung verzeichnet die Schweizer Paraplegiker-Stiftung im ersten Halbjahr 2010 eine Zunahme der Unterstützungsgesuche von 62%»
    Da greift man sich dann schon an den Kopf:
    https://ivinfo.wordpress.com/2011/03/17/die-schweizer-paraplegiker-vereinigung-die-logik/

  19. @ Islam
    oder wie ist es damit?

    Offene Vakanz bei unserem Dachverband, dem Schweizerischen Zentralverein für das Blindenwesen SZB:
    …….

    Für unser Ressort Taubblinden-Beratung mit 26 Mitarbeitenden sowie 350 freiwilligen Mitarbeitenden suchen wir per 1. Januar 2012 oder nach Vereinbarung eine/n kommunikative/n und selbständige/n

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    Wir möchten bei entsprechender Eignung auch sehbehinderte, hörbehinderte oder hörsehbehinderte Personen motivieren, sich zu bewerben.

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