Trauriger Moment im Büro

Ein Gastbeitrag von Franziska*

Vor einem Monat habe ich beruflichen Selbstmord begangen. Es war gegen zehn Uhr. In meinen Ohren dröhnte ein Tinnitus, den ich nur zu gut kenne. Ich zögerte nur einen Moment. Dann nahm ich das rote Mäppli mit meinem neuen Dossier. Chef C. hatte es mir vor drei Wochen als Zusatzaufgabe anvertraut. Ich hatte mit Feuereifer daran gearbeitet. Jetzt nahm ich es, schritt ins Büro von Chef C. und legte es ihm auf den Schreibtisch. Ich sagte: „Es tut mir leid. Ich kann die Verantwortung für dieses Dossier nicht mehr übernehmen. Es verursacht viel mehr Aufwand als erwartet. Es nützt niemandem etwas, wenn ich mich überanstrenge, einen Hörsturz habe und wieder im Spital lande.“

In den meisten anderen Betrieben der Welt wäre ich dafür auf der Liste der Kandidatinnen für den blauen Brief gelandet. Ich meine: Wer bringt schon ein Dossier zurück, weil es ein bisschen stressig ist? Doch Chef C. reagierte verständnisvoll. Er kennt meine Krankengeschichte. „Gut, dass Du es rechtzeitig gemerkt hast“, sagte er. „Wir werden jemand anderen finden, der es macht.“

Dennoch blinzelte ich zwei, drei Tränen weg, als ich sein Büro verliess. Nicht wegen des beruflichen Selbstmords. Für mich ist beruflicher Selbstmord das kleinere Übel. Ich bin beruflich ohnehin schon so gut wie tot. Dass ich überhaupt noch arbeite, verdanke ich nur dem sozialen Gewissen meiner Chefs A. bis D. Ich habe eine Art geschützten Arbeitsplatz – auch, wenn niemand ihn so nennen würde. Aber meine Kollegen wissen: Wer ihn hat, ist alt, handwerklich nicht mehr auf der Höhe und/oder gesundheitlich angeschlagen. Der Job ist anspruchslos und stressarm.

Ich bin erst 46. Aber ich habe die Menière’sche Krankheit, ein Ohrenleiden, das in Schüben kommt. Vielleicht wird es mich irgendwann taub machen. Auf beiden Ohren. Wenn mein rechtes Ohr dröhnt, dann habe ich nicht einfach ein bisschen Tinnitus. Dann kündigt mir das Ohr an, dass es dabei ist, taub zu werden. Das linke Ohr ist längst futsch. Wenn auch das rechte auch streikt, dann kann ich nicht einmal mehr telefonieren – in einem Beruf, in dem ohne Telefon fast gar nichts geht. Das ist bis jetzt zwar erst zweimal vorgekommen. Und klare Prognosen über den Verlauf der Krankheit gibt es nicht. Die Ärzte wissen wenig. Nur eins wissen sie: Ich muss Stress meiden.

Ich hätte erleichtert sein können, dass Chef C. so gelassen reagierte. Ich war dennoch traurig: Weil ich mich von einem Dossier getrennt hatte, dass ich eigentlich unbedingt gewollt hatte. Ein richtiges Herzblut-Dossier. Eine Fundgrube der Inspiration. Handwerklich ansprechend. Wer so ein Dossier bekommt und es nach drei Wochen wieder zurückgibt, ist ein Volltrottel. Ich gab es zurück.

Ich bin nicht immer so gewesen. Ich war schon als Kind ehrgeizig. Ich wollte etwas leisten. Ich war die erste in unserer Familie, die je eine Universität von innen gesehen hat – und ich habe ein Studium abgeschlossen. Ein bisschen Stress war das letzte, wovor ich zurückscheute. Zehn Stunden Arbeit am Tag? Keine Sache. Doch dann kam die Krankheit. Ich reduzierte mein Pensum. Ich schaltete mein gesellschaftliches Leben auf Standby. Ich brauche meine Kräfte für die Arbeit.

Was passiert, wenn ich meinen Arbeitsplatz verliere? Was passiert, wenn ich taub werde? Ich weiss es nicht. Menière-Patienten bekommen, soweit mir bekannt ist, keine IV. In meinen finsteren Stunden bereite ich mich mental auf den Gang aufs Sozialamt vor. Aber normalerweise denke ich gar nicht an die Zukunft. Ich verrichte meine Arbeit mit Geduld. Ich bleibe heiter und gelassen. Ich bin für jeden Tag dankbar, an dem ich höre.

So sah ich mich selber. Bis ich am letzten Freitag bei Chef A. vortraben musste. Er kündigte an, er werde mein Pensum um weitere 10 Prozent kürzen. Ich hatte ganz vergessen: Er wartet seit einem Jahr auf diese Gelegenheit. Die Geschichte mit dem roten Mäppli hat ihm das passende Argument geliefert. Jetzt weiss ich nicht, ob ich nächstes Jahr meine Rechnungen noch bezahlen kann.

Seither fühle ich mich, als hätte mir jemand einen Schlag in die Magengrube verpasst.

*Franziska wohnt in einer mittelgrossen Schweizer Stadt und lebt seit fünf Jahren mit der Menière’schen Krankheit auf beiden Ohren.

7 Gedanken zu „Trauriger Moment im Büro

  1. Tatsächlich, eine bewegende Geschichte. Es gibt eigentlich für Franziska nur zwei Dinge zu tun. Einmal soll sie so lange wie möglich an der jetzigen Stelle festhalten, denn es ist tatsächlich nicht sicher, ob sie unter diesen Umständen wieder eine Stelle findet. Und als zweites sollte sie ihre finanziellen Angelegenteiten so regeln, dass wenn sie aufs Sozialamt muss, nicht in ein finanzielles Loch fällt (z.B. keine zu teure Wohnung, etc). Auf alle Eventualitäten vorbereitet sein, heisst aber noch lange nicht, dass diese Eventualität eintreffen muss. Hoffen wir es nicht!

  2. Liebe Franziska
    Ich kann da alles sehr gut nachfühlen. Ich habe auch die Menière’sche Krankheit und dies schon seid 1975 aber nur auf dem linken Ohr. Damals hatte ich grad unsere jüngste Tochter geboren und musste wegen des Drehschwindel 3 Monate auf dem Fussboden mein Baby versorgen damit ich es nicht fallen lasse. Oft bringt mich der Tinitus fast zum Wahnsinn und sehr oft kann ich ihn verdrängen. Mir geht es jetzt mit meiner Colitis Morbus Crohn Krankheit so im Beruf wie es dir mit der Menière’sche Krankheit geht.
    Heute musste ich wieder früher von der Arbeit nach Hause da der Durchfall so krass war dass ich nicht mehr arbeiten konnte. Meine Chefs haben schon angekündigt, dass wenn dies nicht noch diesen Monat sich bessert, sie einen Ersatz für mich suchen müssten.
    Ich wünsche dir viel Glück und Gott Vertrauen dass alles gut kommt für dich.

  3. Wir dürfen uns nicht aufs Sozialamt abdrängen lassen. Das ist als würden wir uns selber zur Schlachtbank führen.
    Das Bundesgericht selber hat festgehalten, dass niemand auf Grund einer bestimmten Krankheit aus der IV-Rente ausgeschlossen werden darf. Wenn im Einzelfall die Beschwerden eine Erwerbsunfähigkeit rechtfertigen, dann steht sie jemandem auch zu. Und dieser Grundsatz muss eingefordert werden. Und wenn dazu jemand an den europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gehen muss, dann sollten wir uns zusammenschliessen und diese betreffende Person unterstützen.
    Niemand sollte sich wegen einer Diagnose selber davon abhalten einen IV-Antrag zu stellen. Organische Ursache hin oder her. Wer so stark an Durchfall leidet, dass er eine Tageshälfte nicht arbeiten kann, hat das Anrecht auf eine 50% Rente. Dazu gibt es ein BG Urteil.
    Wer sich vor lauter Geräuschen im Ohr nicht mehr konzentrieren kann, egal wie das medizinisch heisst, wer nicht mehr ausreichend hört, nicht mehr in der Lage ist 10 Stunden am Tag zu arbeiten, der hat Anrecht auf Erwebsausfall. Und sollte sich nicht genieren, dieses Recht einzufordern. Und wem es zuviel ist, soll das Ganze an einen „Coach“ delegieren können, bezahlt von der Krankenkasse. Wer aber seine Stellenprozente reduziert, fällt in der Berechnung in einen tieferen Invaliditätsgrad.

  4. „Wer aber seine Stellenprozente reduziert, fällt in der Berechnung in einen tieferen Invaliditätsgrad.“

    Das ist ein extrem wichtiger Satz. Wenn es für Franziska so anstrengend ist, ihre beruflichen Verpflichtungen zu erfüllen, dann müssen die 10% weniger Arbeit als Invalidität erfasst werden. Mein Tipp nach überstandenem Prozedere:
    Eine(n) gute(n) Arzt/Ärztin, gute rechtliche Vertretung – oft sind Behindertenorganisationen irgendwo einem Rechtsdienst angeschlossen oder betreiben selbst einen. Ansonsten lohnt es sich, sich gut zu informieren, wen man als Versicherungsanwalt auswählt.

    @ cs
    „(z.B. keine zu teure Wohnung, etc)“ Ich habe in meinem Wohnort eine Sozialwohnung gesehen. Es ist nicht der Ort, an dem ich wohnen möchte. In Städten gibt es Quartiere. Auch das ist vielleicht nicht das Gelbe vom Ei für eine evtl. allein lebende Frau.
    Wer sich nicht wehrt, hat schon verloren. Wer sich wehrt kann gewinnen.

    In der IV geht es leider nicht mehr um Versicherungsleistungen, die ein Mensch bekommt, weil sie ihm zustehen. In der IV stehen vielen Menschen eigentlich Leistungen zu, aber nur der bekommt sie noch, der sich dafür entsprechend einsetzt. So wie’s heute läuft, werden nicht die Scheininvaliden rausgesiebt, die es eh kaum gibt. Zu kurz kommen die, die sich nicht wehren, bzw. ihre IV-Karriere nicht bestens informiert anpacken. Nichtwissen kostet hier rasch 10’000e Franken.

  5. Danke für die vielen Kommentare und den Zuspruch! Das hat mich sehr berührt.
    Nur noch ein paar Worte zur IV: Nach dem ersten groben Hörsturz vor zwei Jahren wurde ich vom Arbeitgeber auf eigenen Wunsch bei der IV frühgemeldet. Man beschied mir dort aber, ich sei ja jetzt wieder gesund und hätte daher keinerlei Anspruch auf Leistungen der IV. Auch im Spital sagte man mir das damals. Gleichzeitig hörte ich von mehreren Menière-Patientinnen, die vor Gericht abgeblitzt waren.
    Und wenn ich die Wahl zwischen „hören und arm sein“ oder „taub sein, so beweisen, dass die Arbeit mich krank macht und um eine Mini-Teilrente kämpfen, die wahrscheinlich sowieso nie bekomme“ – dann wähle ich wahrscheinlich doch ersteres.

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