Diskriminierung der Frauen in der IV

Obwohl sich der Anteil der IV-beziehenden Frauen über die letzten zehn Jahre immer mehr derjenigen der Männer angleicht, beziehen nach wie vor mehr Männer (5.2% der Versicherten) als Frauen (4.6%) eine Rente der Invalidenversicherung. Auch bei den Neuberentungen sind die Männer immer noch übervertreten, allerdings nicht mehr so extrem wie früher. Das BSV hält dazu in der IV-Statistik 2010 eine interessante Deutung bereit: «Es ist wohl davon auszugehen, dass sich das Risikoverhalten der Frauen mit zunehmender Erwerbsbeteiligung auch im Bereich Invalidität dem der Männer angleicht.»

Risikoverhalten. Ah ja… Das klingt irgendwie nach gefährlichen Sportarten, schnellem Autofahren u.s.w. sprich: Nach Tätigkeiten mit Verletzungsgefahr. Unfallfolgen gehören aber zum einen eigentlich in das Leistungsspektrum der Unfallversicherung (eigentlich…), und zum anderen ist die Anzahl der Neurentner und -Rentnerinnen bei der Invaliditätsursache «Unfall» von 2’300 im Jahr 2001 auf nur noch 1000 im Jahr 2010 gesunken.

Also das mit dem Risikoverhalten, liebes BSV, ist ja eine lustige Idee, aber wir wissen doch beide ganz genau, dass nicht das Risikoverhalten der Frauen ausschlaggebend ist, sondern deren zunehmende «Erwerbsbeteiligung» – Denn da die IV eine «Erwerbsausfallversicherung» ist, sind Hausfrauen bei der IV nur sehr sehr bedingt versichert.

Zwar kann jemand durch eine Behinderung natürlich auch in der Haushaltstätigkeit eingeschränkt sein, nur wird diese Einschränkung ganz anders bemessen als bei einer Erwerbstätigkeit. Und das Zauberwort dazu heisst: Haushaltsabklärung. Dazu besucht der/die IV-HaushaltsabklärerIn die Versicherte zu Hause und stellt dann beispielsweise bei frischgebackenen Müttern Fragen wie: «Würden Sie  – wenn Sie gesund/nicht behindert wären – bei Ihrem Baby zu Hause bleiben oder sofort wieder 100% arbeiten?» Antwortet die junge Mutter dann: «Also ähm, ich… würde wohl schon eine Zeit bei meinem Baby zu Hause bleiben…» Kann sie das möglicherweise ihre IV-(Teilrente) kosten. Denn: Die IV deckt ja nicht den Erwerbsausfall aufgrund von Mutterschaft, sondern von Krankheit/Behinderung. Deshalb wird dann der Invaliditätsgrad neu aufgrund der Tätigkeit als Mutter/Hausfrau berechnet (Oft auch mit der sogenannt «gemischten Methode»: Zum Beispiel 50% Haushalt und 50% Erwerbstätigkeit).

Und die Tätigkeit im Haushalt wird – ich sagte es bereits – anders als diejenige in der Erwerbswelt bemessen. Beispielsweise spielt die Leistungsfähigkeit keine Rolle – es ist also komplett egal, unter welchen Umständen sprich: Mit welchem Kraft- und Zeitaufwand jemand seinen Haushalt bewältigt, wesentlich ist nur, ob die betroffene Person dazu in der Lage ist. Oder wie man es bei der IV formuliert: «Von der versicherten Person kann erwartet werden, dass sie von sich aus das ihr Zumutbare zur Minderung des Schadens beiträgt. So kann von der versicherten Person – im Rahmen ihrer Möglichkeiten – erwartet werden, dass sie geeignete Haushaltsgeräte anschafft und die Haushaltsarbeiten entsprechend aufteilt (z.B. Verteilung auf eine ganze Woche, Pausen einschalten, etc.).» Die Schadenminderungspflicht geht aber noch weiter: «Zudem wird von der versicherten Person erwartet, dass sie die Mithilfe der Familienangehörigen in einem üblichen Rahmen beansprucht. Man darf sich die Frage stellen, welches Verhalten eine vernünftige Familie in derselben Situation und unter denselben Umständen einnehmen würde, wenn sie wüsste, dass sie keine Versicherungsleistungen beanspruchen kann.» (Quelle: Die Invalidität im Haushalt)

Würde man dieselbe Logik bei der Erwerbsarbeit anwenden, könnte man sagen: Wenn die Kollegen in der Firma einen Teil Ihrer Arbeit übernehmen, sind Sie zu 100% erwerbsfähig…

Es ist also nicht verwunderlich, dass Frauen eine niedrigere IV-Quote haben, weil eine Erkrankung/Behinderung sich bei der Kindererziehung und im Haushalt aus Sicht der IV generell «weniger» auswirkt als im Erwerbsleben. Es gibt diverse Bundesgerichtsurteile, welche die Aufhebung von IV-(Teil-)Renten von Frauen, die Mutter geworden sind, bestätigen.

Aber nicht nur eine Mutterschaft kann die Aufhebung einer IV-Rente zur Folge haben. Das Bundesgericht (unter Bundesrichter Meyer mal wieder) hat im Frühjahr auch folgenden Fall bestätigt: Bei einer 55-jährigen Frau wurde die 50% IV-Rente aufgehoben, weil die IV befand, dass sich die Pflege des schwerkranken Ehemannes auch für eine gesunde Person nicht mit einem 100% Arbeitspensum vereinbaren lasse. Sie bemass daher die Invalidität der Ehefrau neu nach der «gemischten Methode» (40% Haushalt, 60% Erwerbstätigkeit) und da (laut IV) die Frau bei der Pflege des Ehemannes angeblich nicht eingeschränkt sei, wurde ihr die eigene IV-Rente gestrichen. (Bei einer angenommenen 100%igen Erwerbstätigkeit erhielt die Frau mit 46,66% Erwerbsunfähigkeit eine 50%-Rente. Beträgt die (angenommene) Erwerbstätigkeit aber nur noch 60%, ergeben die 46,66% von 60% insgesamt nur nur noch 28% – denn im Haushalt (40%) – sei sie ja nicht eingeschränkt) ergo fällt die Rente weg.

Höchst fragwürdig an der ganzen Sache: Bei der Haushaltsabklärung wurde die Pflege des Ehemannes (die laut IV und Bundesgericht sehr aufwändig und deshalb nicht mit einer 100% Berufstätigkeit vereinbar sei) nur mit 4% bewertet:
http://jumpcgi.bger.ch/cgi-bin/JumpCGI?id=30.05.2011_9C_315/2011

Im Übrigen sind die Frauen just bei jenen Krankheitsbildern massiv stärker vertreten, bei denen die IV keine Leistungen mehr ausrichtet: Sparen auf Kosten der Frauen

7 Gedanken zu „Diskriminierung der Frauen in der IV

  1. In der ganzen Geschichte wundert mich eigentlich nur eines, dass die SP diesen Ulrich Meyer nicht schon längst aus der Partei ausgeschlossen hat (er würde wohl besser in die SVP oder FDP passen). Dies würde nämlich wahrscheinlich auch das Ende der Kariere von Ulrich Meyer als Bundesrichter bedeuten (längst fällig). Der SP dürften die dauernden asozialen Entscheide von Ulrich Meyer wohl kaum entgangen sein!.

  2. @ Mia es mag ja stimmen dass die Frauen in der IV benachteiligt sind aber wir müssen jetzt aufpassen dass das nicht gegeneinander ausgespielt wird.

  3. @Patrick
    Ich wüsste nicht, wo ich hier wen gegeneinander ausspielen würde. Zwar hab ich gerade kein Gerichtsurteil zur Hand, das einen «Hausmann» betrifft, aber da es ja auch immer mehr Väter gibt, die Teilzeit arbeiten, stehen die dann im Falle einer Invalidität genau so blöd da.

  4. Das Problem ist leider systembedingt. Pflegende Frauen werden wie in diesem Beispiel aufgeführt, massiv benachteiligt. Es würde sich die Frage stellen, ob sie sich vielleicht eine (Teil)Erwerbstätigkeit bemühen und die Pflege mit Hilfe von Spitex abdecken könnten. In diesem Falle wären die Frauen wahrscheinlich materiell bessergestellt, da auch Beiträge an die Sozialversicherungen bezahlt würden; vom moralischen Standpunkt aus betrachtet sind aber erhebliche Zweifel angebracht. Der Gesetzgeber zwingt die Leute, solche Gedankenspiele anzustellen, eigentlich grauenhaft.

    Es stellt sich für mich auch die Frage, weshalb die Behindertenorganisationen sich dieser Thematik so wenig annehmen. Da würde mehr Druck auf diese nicht schaden…

    • @ Patrick Senn verstehe ich auch nicht und genau weil die Behindertenorganisationen nichts unternehmen müssen wir selber in die Hose steigen denn wenn wir dagegen einen Aufstand machen kommt es glaubwürdiger rüber

  5. @Bernhard Pfaff ich hoffe es geht dir besser das mit der Wohnung habe ich auch schon in Basel gehört für mich ein klarer Fall von Diskriminierung aber leider hat es nicht nur in dieser Hinsicht zuviele Gesetzeslücken die uns diskriminieren dürfen
    Gruss aus Basel
    Patrick

  6. @ alle
    Jeder Mensch, der keiner Lohnarbeit nachgeht wird systembedingt benachteiligt. Deshalb ist es fies, den Frauen einzureden, sie sollten der Kinder wegen oder des lieben Ehemannes wegen zuhause bleiben. Das kann massiv ins Auge gehen.

    @ Patrick Senn
    Vielleicht verstehe ich Sie falsch, aber mir ist unklar, warum nur Frauen – moralisch gesehen – pflegende Aufgaben übernehmen sollten. Können Sie mir ihren Beitrag noch etwas ausführen? Nach meiner Meinung müssen sich Frauen dringend um ihre Selbstversorgung kümmern, wie es die Männer auch tun. Ganz klar auf der Strecke bleibt die Menschlichkeit. Aber wenn ich nur die Wahl habe, ob ich durch Lohnarbeit selbstbestimmt leben kann oder fremdbestimmt durch Pflegearbeit, ist meine Entscheidung klar.

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