Das SVP-Parteiprogramm als Special Edition «Gold»

Es hat ja etwas irgendwie Obszönes an sich, sowas zu sagen, aber ich muss es trotzdem zugeben: Das Parteiprogramm 2011- 2015 der Zürcher SVP fasziniert mich. Genauer: dessen Inszenierung als perfekt durchgestylte Imagebroschüre, welche eine urbane, gebildete und gutverdienene Klientel von der Sexyness der SVP überzeugen soll. Zwar basiert diese Publikation inhaltlich, konzeptionell und auch gestalterisch auf dem Parteiprogramm der SVP Schweiz, dennoch ist es eine Art «Special Edition» für die Goldküste.

Während das originale Parteiprogramm bei der Auswahl der illustrierenden Fotos stark auf eidgenössische Folklore setzt, hat man sich bei der Zürcher «Special Edition» offenbar sehr genau überlegt, wieviel Heimatidylle man einer vielleicht doch eher städtisch geprägten Klientel zumuten kann, ohne es zu verschrecken. Und nicht nur die Schweizerkreuze/bzw. Fahnen werden auf den grosszügig angelegten Bildseiten eher sparsam dosiert, auch sonst ist es interessant zu sehen, welche Fotos in beiden Publikationen verwendet wurden, und wo zielgruppengerecht unterschiedliche Bilder eingesetzt wurden. Zum Beispiel im Kapitel «Finanzen und Steuern»:

Die SVP Schweiz für den Kleinverdiener:

Bei der SVP Zürich richtet man mit der grossen Kelle an:

Für das Parteiprogramm der SVP Zürich, welches jedem Thema nur eine Doppelseite widmet, erschien das schlicht-elegante Layout offenbar angemessen. Das Parteiprogramm der SVP Schweiz enthält jedoch weit mehr Text, Tabellen und sonstigen SVP-typischen Krimskrams und es wirkt ein bisschen so, wie wenn man den ganzen «Krimskrams» mutwillig etwas kantiger und extra «unpassend» gestaltet hätte, um dem Ganzen einen einen weniger eleganten, mehr «handgestrickten» (oder geschnitzen) Eindruck zu verleihen.

Hier eine weitere Seite aus dem Parteiprogramm der SVP Schweiz zum Thema «Finanzen und Steuern»: Das Foto mit den umgestülpten Hosentaschen hätte es natürlich nie und nimmer in die Goldküsten-Special Edition geschafft. Mit dieser Art der Bildsprache mag man offenbar nur die SVP-Parteibasis ansprechen. Auch die diversen bunten Tabellen, die überall eingefügten «Stammtisch-Anekdoten» und die permanenten gehässigen Seitenhiebe gegenüber den anderen Parteien aus dem Gesamtschweizer Parteiprogramm fehlen in der Zürcher Publikation grösstenteils. Ebenso wie die oben mit dem grünen Balken gekennzeichnete Parteisoldatengerecht vorgekaute Kurzzusammenfassung zu jedem Themenbereich.

Kurz: Die Zürcher SVP möchte beim Leser, bei der Leserin keinesfalls einen aggressiv-sektiererischen, sondern vielmehr einen freundlich-einladenden Eindruck erwecken (ja, mir ist die Ironie bewusst, dass es sich hierbei ausgerechnet um die als aggressiv geltende Zürcher SVP handelt – aber wahrscheinlich war das genau der Auftrag an die ausführende Agentur: «Macht doch mal was, damit wir etwas entspannter, sympathischer und weniger kleinkariert rüberkommen»).

Nicht nur die Bilder wurden sehr sorgfältig ausgewählt, auch die Texte wurden nicht komplett eins zu eins übernommen, sondern dem Pubikum angepasst, z.B. die Titel und Einführungstexte für den Themenbereich «Sozialwerke»:

Einmal fürs Fussvolk (CH):
Sozialwerke sichern, Missbräuche bekämpfen
Die Schweizerinnen und Schweizer sind ausserordentlich sozial. Sie sind bereit, die wirklich kranken, gebrechlichen, alten oder arbeitslosen Mitmenschen zu unterstützen. Wenn sie aber zunehmend das Gefühl bekommen, es herrsche Missbrauch und die Faulen würden sich auf Kosten der Fleissigen bereichern, werden sie zu Recht unwillig. Die SVP hat den offenkundigen Sozialmissbrauch gegen viel Widerstand, aber hartnäckig thematisiert. Dieser Missbrauch unserer sozialen Institutionen muss rigoros unterbunden werden. Denn ohne gerechte Zuteilung der vorhandenen Mittel gefährden wir unser gesamtes Sozialwesen.

Einmal für die Goldküste:
Soziale Sicherheit dank Masshalten
Wer aus geistigen oder körperlichen Gründen nicht für sich selber sorgen kann, hat Anrecht auf staatliche Hilfe. Wer lebenslang gearbeitet und bezahlt hat, soll im Krankheitsfall betreut und im Alter versorgt werden. Der rasant zunehmende Sozialmissbrauch gefährdet aber zunehmend unsere soziale Sicherheit. Noch nie wurde so viel Geld für den Bereich «Soziales» aufgewendet, noch nie waren gleichzeitig so viele Leute von der Sozialhilfe abhängig. Statt die Probleme zu lösen, schafft man ständig neue Angebote und damit auch neue Bedürfnisse. Wer noch ehrlich arbeitet und seine Lohnabzüge brav bezahlt, bekommt langsam das Gefühl, er sei in unserer Gesellschaft der Ausgenutzte und Dumme. Wenn dies nicht ändert, ist der Sozialstaat als Gesamtes infrage gestellt.

Und wenn man in der Zürcher Publikation doch von Missbräuchen spricht, dann natürlich nicht negativ-aggressiv, sondern positiv, lautet doch die Überschrift zum Thema Asylpolitik: «Weniger Missbrauch dank der SVP». Der Titel für die Restschweiz lautet hingegen: «Schluss mit den Scheinasylanten». Das zugehörige Bild hingegen, das fand man dann für beide Parteiprogramme passend. Genug offensichtlich für die Basis, genügend subtil für die distinguiertere Klientel, hier bei der Zürcher SVP:

und hier bei der SVP Schweiz (inkl. Tabelle, die zeigt, dass während der Amtszeit von BR Christoph Blocher die Asylgesuche enorm gesunken sind (War da nicht mal was mit 10’000 «vergessenen» Asylanträgen aus dem Irak…?):
Auf die umwerfende Subversivität im extra produzierten Foto (die meisten Bilder stammen von Bildagenturen) zur Illustration der SVP-ischen Vorstellung von «Medienvielfalt» war man offenbar so stolz, dass es ebenfalls Eingang in beide Publikationen fand. Man beachte die Titel der Zeitungen im Zeitungsständer (Vergrössern durch Klicken), hier die Version der SVP Zürich:

Und der Primarlehrer, der ist natürlich ein Mann (gegen die Feminisierung unserer Schulen!) und was für einer, sogar mit Kravatte und adrettem Seitenscheitel, damit wieder Zucht und Ordnung herrscht in den Schulstuben, statt linker Kuschelpädagogik:

Das SVP-Sünneli übrigens, das kommt in der «Goldedition» nur noch auf dem Titelblatt vor, ich würde mal behaupten, dass dürfte bald ausgedient haben und die SVP wird den Swoosh mit dem Schweizerkreuz zum neuen Logo erklären. In konsequenter Fortsetzung der «Schweizer wählen SVP-Strategie» sozusagen. (Einziges Problem, das Logo ist… nun ja: rot… Und ob eine Partei das Schweizerkreuz offiziell als Logo benutzen darf, wag ich mal zu bezweifeln, aber innoffiziell tun sie’s ja eh schon.)

Es gibt noch eine ganze Menge interessante Entdeckungen zu machen bezüglich Text, Bild und Konzept. Denn jedes Detail ist wohlüberlegt. Beispielsweise werden in beiden Parteiprogrammen zu Beginn die einzelnen Punkte aufgeführt, für die sich die SVP einsetzt. Fast alle Punkte hat die Zürcher SVP wortgetreu von der Mutterpartei übernommen, aber da und dort sind kleine kosmetische Korrekturen auszumachen. Während es bei der SVP Schweiz beispielsweise heisst: «für eine konsequente Asylpolitik, die den Missbrauch verhindert und nur den echten Flüchtlingen Schutz gewährt» schreibt die SVP Zürich: «für eine konsequente Asylpolitik, die den Missbrauch verhindert, aber den echten Flüchtlingen Schutz gewährt».

Kleiner aber feiner Unterschied. Wer selber weiter vergleichen will:
Das Parteiprogramm der SVP Schweiz als PDF
Die Zürcher Edel-Variante zum Durchblättern

Und wer sich jetzt fragt, warum ich der SVP – die doch schliesslich an Wäherstimmen verloren hat – hier soviel Platz einräume: Zum einen ist die SVP nach wie vor die wählerstärkste Partei mit den meisten Sitzen im Parlament und zum anderen arbeitet sie fleissig daran, dies auch zu bleiben. Ausserdem: Schon vergessen, dass die SVP vielleicht nicht bei den Wahlen, aber bei den letzten Abstimmungen mehr als 50% gemacht hat? Die bringen ihre Anliegen auch sehr geschickt unter dasjenige Volk, welches die SVP vielleicht nicht wählt, aber deren Anliegen (wenn sie zielgruppengerecht aufbereitet werden – Beispiele siehe oben) durchaus etwas abgewinnen kann. Viele «Meinungen», die noch vor einigen Jahren von einer Mehrheit als «zu radikal» abgelehnt worden wären, hat die SVP zum politischen Mainstream gemacht. Im Bereich «politische Kommunikation» (aka Propaganda) spielt die SVP einfach in einer ganz eigenen Liga. Inhaltlich zuweilen bedenklich, handwerklich (leider) ziemlich perfekt.