Die sogenannt Invaliden sind schuld

Ein Ökonom der Uni Bern sieht die europaweit steigende Lebenserwartung als eines der grössten Hauptprobleme für die wirtschaftliche Entwicklung. Denn dies führe zu steigenden Sozialkosten und zu noch mehr Sozialtransfers und belaste daher die Budgets der Länder. Der Ökonom sagt laut Tagi/newsnet: «Meiner Einschätzung nach sollte die Eigenverantwortung der Bürger wieder ausgeprägter sein. Das wird wohl vermehrt eingefordert werden. Denn die Systeme sind nicht mehr selbsttragend, wenn der Kreis der Anspruchsberechtigten immer weiter gezogen wird.»

Für die Schweiz im Besonderen ortet der Wirtschaftswissenschaftler das grösste Problem in diesem Zusammenhang bei der sogenannten Invalidenversicherung. Bei rund der Hälfte der Anspruchsberechtigten könne die Invalidität nicht mehr eindeutig qualifiziert werden. Parallel dazu werde die Bevölkerung immer älter, also auch immer gesünder. «Das geht nicht zusammen und macht deutlich, dass das seit jeher ein rein politisch motiviertes Thema ist.»

Der Ökonom übrigens, der wollte anonym bleiben. Seine Aussagen klingen allerdings verdächtig nach Avenir Suisse. Der neoliberale Think Tank hat sich ja schon eine ganze Weile auf die IV als Kern (fast) allen Übels eingeschossen. Liberale Märkte, Kapitalismus und all das ganze Brimborium sind super, das einzige Problem sind die «sogenannt» Invaliden, die gar nicht krank, sondern nur faul sind und einfach nicht genug Eigenverantwortung übernehmen. Aha. Daran, dass immer mehr Menschen bei dem ganzen Wettbewerb unter die Räder kommen, kann’s wohl nicht liegen. Ökonomieprofessor müsste man sein. Dann könnte man das nämlich auch noch wirklich glauben.

7 Gedanken zu „Die sogenannt Invaliden sind schuld

  1. Der [gelöscht] aus Bern macht einen Ueberlegungsfehler. Mit 65 bezieht man keine IV mehr, sondern AHV und wenn man auch noch so behindert ist. Also wird nicht mehr die IV-Kasse belastet, sondern die AHV-Kasse (dank Couchepins Trennung von AHV und IV). Oh Gott, ich danke Dir, dass ich zu dumm war um zu studieren !!!

  2. @ cf
    Deine Überlegung vergisst, dass heute auch behinderte Menschen länger leben und die Frechheit haben, manchmal das AHV-Alter zu erreichen. Damit hat sich die durchschnittliche Dauer, während der Behinderte IV beziehen erhöht.
    Spricht die IV heute eine Rente zu, muss sie damit rechnen, dass der/die RentnerIn diese bis zum Alter von 64/65 bezieht.

  3. Apropos Überlegungsfehler: Es ist immer wieder erstaunlich, dass solche Aussagen unter dem Anschein der Wissenschaftlichkeit gemacht werden können, setzt doch eine wissenschaftliche Haltung grösstmögliche Unbefangenheit gegenüber dem Forschungsgegenstand voraus.

    Allein die Aussage, die erhöhte Lebenserwartung der Menschen gefährde die wirtschaftliche Entwicklung, ist geradezu absurd: Als ob die wirtschaftliche Entwicklung das oberste Ziel sei, und die Menschen müssten sich diesem hehren Ziel unterordnen, indem sie – etwas plakativ gesagt – gefälligst rechtzeitig abtreten, bevor sie grössere Gesundheitskosten verursachen. Das Gegenteil ist wahr: Das wirtschaftliche Geschehen hat als einzige Aufgabe die angemessene Versorgung der Menschen mit Gütern und Dienstleistungen, und zwar aller Menschen. Und die Wirtschaftswissenschaft ist für die Erforschung und Optimierung dieser Prozesse zuständig. Alles andere ist Ideologie – mit fatalen Folgen für die meisten Menschen, wenn sie sich durchsetzt.

    Der gegenwärtige Amoklauf der Finanzindustrie ist dafür ein treffendes Beispiel.

  4. «Das wirtschaftliche Geschehen hat als einzige Aufgabe die angemessene Versorgung der Menschen mit Gütern und Dienstleistungen, und zwar aller Menschen.»

    Schön gesagt, Danke @Walter.

  5. Nur das Problem ist solange die Wirtschaft weiterhin abzocken darf und die SP weiterhin schlafmützig ist müssen leider die IV- Bezüger weiterhin selbst in die Hose steigen

  6. Die Gewinne aus der Rationalisierung der Arbeit gehören m.E. verstaatlicht, die Enteignung liegt m.E. plausibel auf der Hand, man bedenke die Zunahmen der Sozialkosten infolge der Rationalisierung.

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