Misstrauen schüren – und vor den Folgen die Augen verschliessen

Der Journalist Alex Reichmuth geht in der aktuellen Weltwoche der Frage nach, warum immer weniger Mediziner Hausärzte werden möchten. Ein Zitat aus dem Artikel «Vierzehn Stunden in der Praxis» (Nicht online):
«Der Satz kommt überraschend: «Ich bin an der Grenze zum Burnout.» Er arbeite «wahnsinnig viel» und sei darum gelegentlich gereizt und unfreundlich, sagt Kinderarzt Stephan Rupp.»

Und nocheinmal Stephan Rupp: «Es sei aber nicht nur die ständige Überlastung, die ihm die Freude an seinem Beruf trübe, sondern auch der immer schwierigere Umgang mit Ämtern und Behörden. «Man steht als Hausarzt quasi immer unter Verdacht», ärgert sich Rupp. Seitens der Invalidenversicherung zum Beispiel würde er zunehmend als «inkompetent» erachtet. Seine Diagnosen würden angezweifelt, seine Fähigkeiten in Frage gestellt.»

Blenden wir einmal acht Jahre zurück. Im Sommer 2003 lancierte die SVP unter Federführung von Christoph Blocher den Begriff des «Scheininvaliden». Die Weltwoche berichtete daraufhin regelmässig über die «Missstände» bei der Invalidenversicherung. Unter anderem wurde unter dem Titel «Gefälligkeitsgutachten» (Ausgabe 33/2003) impliziert, dass behandelnde Ärzte oft Patienten arbeitsunfähig schreiben würden, die gar nicht wirklich krank wären. Man muss dem Artikel zugute halten, dass er durchaus gewisse, sagen wir mal fragwürdige Praktiken zur Diskussion stellte. Dass eine Berentung nicht die alleinseeligmachende Lösung für jegliche gesundheitlichen oder auch sozialen Probleme darstellen kann, darüber dürfte man sich mittlerweile von rechts bis links einig sein und entsprechende Korrekturen wurden in den letzten Jahren bei der Invalidenversicherung auch vorgenommen. Das ist – das muss man auch einfach mal sagen – nicht nur schlecht.

Die Problematik liegt anderswo: Der Artikel «Gefälligkeitsgutachten» (und andere zur selben Zeit und Thematik in der Weltwoche erschienene Artikel) ist zwar im Klang noch weitaus weniger aggressiv, als was man in den Jahren darauf zu lesen und zu hören bekam, der Grundtenor jedoch war schon damals eine generelle Schuldzuweisung und Verdächtigungen gegenüber Betroffenen, deren Ärzten und Anwälten. Das sich radikal verändernde Arbeitsumfeld und die sich dadurch ergebenden zunehmenden Herausforderungen und Belastungen wurden komplett ausgeklammert  – und werden es von dieser Seite heute oft noch.
Besonders erschreckend ist es denn auch, festzustellen, wie aus damals aufgeworfenen Behauptungen mittlerweile nicht nur tausendfach verinnerlichte und verallgemeinerte Überzeugungen, sondern auch Gesetze geworden sind (Beispielsweise die generelle Verdächtigung von Menschen mit somatoformen Schmerzstörungen als «Simlanten»).
Im damaligen Weltwocheartikel wurde denn auch der Jurist Christoph Schönenberger der eine Dissertation unter dem Titel «Das Erschleichen der Lohnfortzahlung unter Berufung auf Krankheit» geschrieben hat, folgendermassen zitiert: «Letztlich bestimmt jeder selber, ob er sich bei existenten oder inexistenten gesundheitlichen Beeinträchtigungen krank oder gesund fühlt.» Wer sich die Arbeitsfähigkeit nicht zumute, argumentiert Schönenberger, könne den Arzt zu beeinflussen oder an der Nase herumzuführen versuchen. Ausserdem können die Mediziner zwar aufgrund ihrer Ausbildung gesundheitliche Beeinträchtigungen beurteilen, aber nicht abschätzen, ob und wie weit diese die Arbeitstätigkeit einschränken.»

Und da schliesst sich der Kreis und wir wären wieder beim Eingangs zitierten Arzt Stephan Rupp. Rupp entscheidet als Kinderarzt natürlich nicht über eine Arbeitsunfähigkeit seiner kleinen Patienten, aber er muss für medizinische Massnahmen, die von der Invalidenversicherung übernommen werden (wie Therapien, Spezialschuhe, Prothesen u.s.w.) Gutachten schreiben. Und auch an dieser Front tobt der Kostenkampf der Invalidenversicherung, wie dieses Beispiel von 2009 illustriert.

Man sagt natürlich nicht: Wir bezahlen dem Kind die Therapie/das Hilfsmittel nicht, man sagt: Der behandelnde Arzt hat keine Ahnung, was das Kind braucht. Oder in den Dimensionen, wo es eine allfällige Invalidität geht: Der Arzt ist parteiisch. Das muss die Medas abklären.

Wir haben bei der Invalidenversicherung mittlerweile ein System, das nur noch auf Misstrauen aufbaut, und dadurch massive Aggression und Frustration bei allen Beteiligten auslöst. Es ist fraglich, ob das nicht nur nicht im Sinne der gesundheitlich beeinträchtigten Menschen, sondern überhaupt noch im Sinne eines menschlichen Miteinanders einer Gesellschaft ist. Und es liegt schon eine gewisse Ironie darin, wenn ausgerechnet die Weltwoche, die selbst überaus aktiv an diesem Misstrauenssystem mitgearbeitet hat, nun einen Arzt zitiert, der sich – zwar selbstverständlich nicht nur, aber auch – durch genau dieses ständige Misstrauen der Invalidenversicherung in seinem Beruf zunehmend «nahe am Burnout fühlt».

Ob man die grösseren Zusammenhänge und die eigene Rolle dabei bei der Weltwoche zu erkennen vermag, wage ich mal zu bezweifeln. Sieht sich deren Herausgeber Roger Köppel doch vor allem als grossen Missionar, dessen heilige Aufgabe darin liegt «Missstände aufzudecken». Dass man die Verantwortung für die Folgen der eigenen Hetze dann aber entrüstet von sich weist, hat er diesen Sommer auch mit seiner Haltung bezüglich den Attentaten von Norwegen exemplarisch aufgezeigt.

Ein Gedanke zu „Misstrauen schüren – und vor den Folgen die Augen verschliessen

  1. „Wir haben bei der Invalidenversicherung mittlerweile ein System, das nur noch auf Misstrauen aufbaut, und dadurch massive Aggression und Frustration bei allen Beteiligten auslöst.“

    Da muss ich leider viel weiter gehen, wir haben inzwischen ein totalitäres System bei der IV, eines bei dem faires Verfahren bei komplexen Krankheiten nicht mehr möglich ist. Wir haben ein Abklärungsverfahren dass die externen MEDAS -Gutachter zu 100% deckt, selbst wenn man offensichtliche Lügen beweisen kann. Die Beweise werden entweder ignoriert uns schubladisiert, nicht bearbeitet oder dann diesen Gutachtern zur Nachbearbeitung geschickt.

    Dabei wird das rechtliche Gehör zum Nachteil des Versicherten ausgelegt und als weitere Quelle für medizinische Diagnosen genutzt.

    Dies widerspricht einem fairen Verfahren nach EMRK, aber das interessiert die IV nicht im Geringsten. Es gilt: Der externe Gutachter hat immer Recht, und sollte der Versicherte daran Zweifel anmelden, dann sende man die Stellungnahme an den Gutachter um sie zu beurteilen, selbst dann wenn der Vorwurf im Raum steht dass der Gutachter weder umfassend noch fair abgeklärt hat.

    Ich kann beweisen dass die IV ein Gutachten selbst dann als umfassend bezeichnet, wenn der Gutachter (ohne BAB) zugegeben hat das er nicht alle beklagten Krankheiten abgeklärt hat und selbst dann wenn (im mir vorliegenden Gutachten) ein Teilgutachter eine solche Abklärung gefordert hatte von seinem Kollegen.

    Nun, was tat darauf der Gutachter als der Versicherte bei der IV reklamierte dass kognitive Defizite nicht abgeklärt wurden?

    Er benutzte die eingereichte Stellungnahme um sie zur diagnostischem Zweck gegen den Versicherten einzusetzen. Der Gutachter behauptete (Achtung hier endet die Rechtsstaatlichkeit und beginnt der Totalitarismus), der Versicherte habe eine Stellungnahme geschrieben die sein hervorragendes Gedächntnis belege.

    Der RAD Arzt begründet nicht selbst, sondern zitiert den Gutachter:

    „Festzuhalten ist indes, dass unter der Annahme, dass Herr S. seinen 60 Seiten umfassenden Einspruch selbst geschrieben hat,- und nichts spricht gegen diese Annahme-, alleine diese Tatsache ein wesentliches Argument gegen eine schwerwiegende hirnorganische Störung
    darstellt.“

    Anmerkung: Dies beinhaltet offensichtich den Vorwurf der Urkundenfälschung, denn der Versicherte hätte die Unterschrift des tatsächlichen Autor fälschen müssen. Die IV ist im Besitz des Originals, folgt aber ohne Begründung diesen absurden Schlussfolgerungen des Gutachters Dr. med Wolfgang Schmid Burk vom ABI in Basel.

    Dies behauptete er obwohl die Stellungnahme mit Unterschrift belegt nicht den Versicherten als Autor aufführt. Obwohl die IV die Stellungnahme im Original besitzt und die IV den Autor sogar beim Namen nennt bezeichnet der RAD die Ferndiagnose des deutschen Neurologen als nachvollziehbar, das Gutachten als Umfassend und Rechtsgenüglich.

    Der Neurologe behauptet ein hervorragendes Gedächnis des Versicherten, obwohl die Stellungnahme eindeutig nicht vom Versicherten erstellt wurde und sie der Protokollierung im Untersuchungsverlauf des Gutachtens folgt.

    Die IV darauf aufmerksam gemacht erklärt aber die Ferndiagnose des Gutachters anhand der Stellungnahme für Nachvollziehbar und bezeichnet die ebenfalls eingereichte Stellungnahme des Hausarztes des Versicherten (mit ähnlichem Inhalt) für medizinisch nicht nachvollziehbar (ohne Begründung). Aus den IV -Akten ist ersichtlich dass der RAD keine Begründungen abgab warum die Stellungnahme des Versicherten und die Stellungnahme des Hauarztes nicht nachvollziehbar sind. Stattdessen werden Ausschnitte aus der Antwort des Gutachters zitiert.

    Obwohl Spezialisten der Neurologie in einem Kantonsspital den Versicherten insgesamt über zwei Monate stationär untersuchten und bei ihm mit EMG und Biopsie und anderen Verfahren eine objektivierbare Krankheit ermittelten, behauptet der Gutachter anhand seiner Hämmerchen -Methode (seine Untersuchung dauerte keine Stunde ohne jedes Messgerät), die Spitalärzte würden das Medikament aus Verlegenheit einsetzen, weil ihnen nicht mehr anderes einfalle.

    Obwohl die Spitalärzte mitteilten sie wären nach einem Jahr intensiver Abklärung von der diagnostizierten Autoimmunkrankheit überzeugt, behauptet der Gutachter die Sptalärtze hätten ja noch nicht alles Abgeklärt. Zur Beachtung: Die Diagnose der Spitalärzte beruhte auf einem Ausschlussverfahren das anhand anerkannter mediinischer Richtlinien durchgeführt wurde und 1 Jahr lang immer wieder objektiviert wurde.
    Die IV glaubt aber dem Gutachter und erklärt der Versicherte sei 100% Arbeitsfähig. Die IV behauptet dies sogar, obwohl der Versicherte regelmässig alle 4 Wochen zur Arbeitszeit einen Tag zur Behandlung benötigt und zwei Tage um die grippalen Nebenwirkungen zu behandeln.

    Der IV ist das alles völlig egal, in der Stellungnahme wird erwähnt dass der Versicherte Nachts eine Atemmaske tragen müsse und das er wegen der Krankheit (Nachgewiesen im Messlabor) unter Stuhlinkontinenz leide, aber weder der Gutachter noch der RAD begründet warum diese durch die Krankheit ausgelösten Folgeerkrankungen nicht im Gutachten erwähnt werden.Die IV behauptet es habe eine polydisziplinäre Abklärung stattgefunden und diese sei (keine Angabe einer Begründung)

    Abklärungsergebnis:
    „Abweis IV-Rente und BM- vP ist zu 100o/o AF in jeglicher Tätigkeit.“

    Anmerkung: Her geht der RAD sogar noch über den Gutachter hinaus
    welcher infolge „Gleichgewichtsstörungen“ Arbeiten auf Leitern als nicht mehr möglich bezeichnete und die Hände zum Beruf eines Musikers nicht möglich infolge Störungen der Feinmotorik.

    Die Vorverfügung welche der Versicherte erhielt vernichtet nun voraussichtlich dessen Existenz, obwohl die Sache vor Gericht kaum durchkommt. Es dauert ja etwa 2 Jahre bis sich der Richter in Zürich mit dem Fall beschäftigen würde.

    Fazit: (Kopie aus den IV-Akten)
    Unter Berücksichtigung und Würdigung der gesamten medizinischen Datenlage (inkl. der nachgereichten Abklärungen ) ist bei dem Versicherten aus sozialmedizinischer Sicht von folgendem auszugehen:
    Das Gutachten ist umfassend, wurde in Kenntnis der Vorakten erstellt, beruht auf allseitigen Untersuchungen, berücksichtigt die geklagten Beschwerden und ist in der AF-Einschätzung nachvollziehbar.

    Das IV Abklärungsverfahren sehe ich als nichts anderes als eine nach dem Vorbild totalitärer Staaten durchgeführtes unfaires Abklärungsverfahren, bei dem das ABI die Rolle einer Art Inquisitionsrichter erhält.

    Solchen Abklärungsmethoden muss unbedingt Einhalt geboten werden, weshalb ich mich im Falle der Aufrecherhaltung des 100% Arbeitsfähigkeit -Vorbescheid an die Öffentlichkeit gelangen werde.

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