Mama hört Stimmen, Papa trinkt – Aufwachsen mit psychisch kranken Eltern [Club-Sendung]

«Kann die neue Club-Moderatorin Mona Vetsch das denn?» Ist offenbar die Hauptfrage, die Tagi-Jounalist Philippe Zweifel am gestrigen Club bewegt hat. Das Thema des Clubs (Aufwachsen mit psychisch kranken Eltern) ist denn in seinem Artikel eher Nebensache, wichtig ist vor allem, wie die Moderatorin damit umging: «(…)Trotzdem machte Vetsch hier keine betretene Miene oder setzte ein ernstes Psychiatergesicht auf (wie es ihre Vorgängerin Christine Maier wohl getan hätte). Im Gegenteil: Oft schaffte sie es, den schlimmen Anekdoten komische Seiten abzugewinnen und so ein Lächeln auf die Gesichter der anwesenden Gäste zu zaubern – was dem traurigen Thema nur gut tun konnte».

Zum ersten: Ja, die Mona Vetsch kann das. Und ja, sie hat auch aus meiner Sicht eine angenehme Gesprächsatmosphäre geschaffen, in dem sie die Gäste ausreden liess und das Gespräch unaufdringlich und kompetent geleitet hat. Soviel dazu.

Die positive Grundatmosphäre beruhte aber auch auf den eingeladenen Gästen, besonders auf den beiden mittlerweile erwachsenen Kindern von psychisch kranken Eltern, Dominik Bernet (Autor «Der grosse Durst», wuchs mit alkoholkrankem Vater auf ) und Verena Dyczmons, (ihre Mutter litt unter Depression und Wahnvorstellungen), die neben den selbstverständlich nicht immer einfachen Situationen auch zuweilen sehr humor- und liebevoll die positiven Seiten ihrer «speziellen» Eltern schilderten. Mich persönlich hat das sehr berührt. Ebenso als der Familienvater Ralf Eschweiler (seine Ehefrau hat Wahnvorstellungen und ist zurzeit in einer psychiatrischen Klinik) davon erzählte, wie seine Frau in gesunden (oder gesünderen) Phasen eine sehr gute Mutter sei oder Constantine Bobst darüber sprach, wie ihr Vater in manischen Phasen wunderbare Musikstücke komponierte.

Ja natürlich ist die Thematik insgesamt nicht ganz einfach. Die Schilderung einer Zwangseinweisung in die Psychatrie ist vielleicht nicht unbedingt das, was sich der gemeine Fersehzuschauer spätabends als wohlige Gutenachtgeschichte wünscht. Aber es gehört nunmal zur Thematik dazu. Worauf ich persönlich gut hätte verzichten können, waren die in dozierender Grabes-Stimme (oder Stimmung) vorgetragenen Einwürfe von Christine Gäumann (Leiterin Adoleszentenpsychiatrie iPW) wie furchtbar das ja alles ist und die immer wieder (aus meiner Sicht: unnötige) «einordnende» Kommentare über das von den Betroffenen Geschilderte abgab (zum Glück kann man sowas ja beim Onlinegucken überspringen). Wesentlich zurückhaltender und trotzdem gehaltvoller waren hingegen die Äusserungen des zweiten Fachmanns in der Runde; Kurt Albermann (Kinderarzt und Kinderpsychiater, Chefarzt Sozialpädiatrisches Zentrum Kantonsspital Winterthur). Albermann erwähnte bespielsweise, dass laut Forschung ein Drittel der Kinder psychisch kranker Eltern selbst gesund bleiben, ein weiteres Drittel (zeitweise) mit gewissen psychischen Problemen zu kämpfen hätten und ein Drittel später selbst schwer psychisch erkranke.

Warum das genau so ist, liess er offen, aber Verena Dyczmons hatte in einem früheren Teil des Gespräches dazu etwas Interessantes geäussert; sie erzählte, dass sie erst lernen musste, eine Beziehung zu führen, sich beispielsweise auch mal mit ihrem Partner zu streiten – denn das hätte sie zu Hause nicht gelernt. Damit sprach sie etwas an, was wohl in vielen Familien mit einem psychisch kranken Elternteil Realität ist: Mit dem kranken Familienmitglied ist (je nach Erkrankung) oft keine «normale» Beziehungsgestaltung möglich. Sei es, aufgrund der Erkrankung an sich, weil der betroffene Elternteil durch den Partner und die Kinder «geschont» wird/werden muss, sei es, weil Kinder schon (zu) früh Verantwortung (also die Elternrolle übernehmen), oder auch weil sie Schuldgefühle entwickeln (denken, sie seinen Schuld am Zustand des kranken Vaters, der kranken Mutter) ect.

Dass die Kinder der psychisch erkrankten Eltern bis vor kurzem (und wohl auch heute noch oft) nicht in die Therapie miteinbezogen ja geradezu vergessen werden, wurde im Gespräch mehrmals erwähnt. Langsam sollte sich – eben auch angesichts der oben erwähnten Zahlen – hier nun etwas ändern. Nicht zuletzt auch deswegen, weil die BSV-Studie «Invalidisierungen aus psychischen Gründen» 2009 ergeben hatte, dass bei 38% der untersuchten Dossiers von IV-BezügerInnen aus psychischen Gründen bereits in der Herkunftsfamilie psychische Erkrankungen bestanden hatten. Man kann nun natürlich die zur Zeit enorm im Trend liegende «genetische Veranlagung» zur Erklärung heranziehen, ich persönlich glaube (höchst unwissenschaftlich natürlich), dass die oben erwähnten Faktoren, also die Umstände unter denen Kinder psychisch kranker Eltern aufwachsen (nicht zuletzt auch die damit verbundene Stigmatisierung und Tabuisierung – es darf ja niemand wissen, dass Mami oder Papi psychisch krank ist) bei der Entwicklung einer späteren eigenen psychischen Erkrankung der Kinder auch eine entscheidene Rolle spielen (können).

Den Club kann man online gucken.

2 Gedanken zu „Mama hört Stimmen, Papa trinkt – Aufwachsen mit psychisch kranken Eltern [Club-Sendung]

  1. Ja, das zurzeit im Trend liegende Dogma der „genetischen Veranlagung“ blendet völlig aus, dass Depressionen ein „existentielles Verstehen“ zugrunde liegt. Womöglich hat dieses Ausblenden (genauso wie die Depression) ihre tiefere Ursache ebenfalls im unterschwelligen existentiellem Verstehen des menschlichen Daseins: Wo man Phänomene erklären und einordnen kann, braucht man sich ihnen nicht weiter zu stellen, und auch nicht dem Umstand, dass sie einen wesentlich selbst betreffen. Besagter Trend wäre demnach gleichermassen krank wie die Depression. Das wirft ein Licht auf die Problematik der Verwendung des Begriffs „krank“ im Zusammenhang mit psychisch „Erkrankten“.

  2. Die Depression als „existentielles Verstehen“, selbst die Psychose als „legitimer Ausdruck einer Realität“, ist gesünder als die gegenwärtige Medizin, welche ihre Motivation vor allem aus der Geldvermehrung bezieht. Das Seelische wird ignoriert um das psychische Erleben auf Prozesse im Gehirn zu reduzieren, das familiäre und gesellschaftliche Umfeld wird ignoriert um mittels „genetischem Verständis“ ein weiteres mal das Leben von vulnerablen Menschen zu stören. Deswegen weil sie reinen Wein ausschenken. Und beispielsweise sagen dass Neuroleptika kein Heilmittel ist, höchstens und auch nur allenfalls eine Überbrückung hin zu einer späteren Möglichkeit auf echte Heilungsprozesse. Meist kann ich die Probleme von Menschen mit psychischen Belastungen sehr gut verstehen, was man von der Mehrheit des psychomedizinischen Personals eben nicht behaupten kann. Nicht nur kenne ich die Verächtlichkeit, mit welcher Präparate ausprobiert werden. Behandelnde Ärzte in diesem Bereich ertragen die Anwürfe psychisch Erkrankter kaum, ihr eigener Werdegang genügt den Anspüchen an Aufrichtigkeit und Integrität so gut wie nie. Es sind die Patienten welche im Behandlungsraum den Takt vorgeben. Dies anerkennen und zu respektieren wäre vielleicht was für das meines Erachtens vor allem kranke Psychopersonal.

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