Mitarbeiter der Medas Insel Bern erhielten Bonuszahlungen «im mittleren fünfstelligen Bereich»

Ich hab’s hier im Blog schon mal erwähnt, aber was der Zürcher Rechtsanwalt Kurt Pfändler unter dem Titel «Begutachtung: Korrekturen dringend notwendig» (In: Plädoyer – 2010, Nr. 6, S. 20-25) im Jahr 2010 zu den Medas-Gutachten schrieb, erhält nun noch einmal eine ganz spezielle Bedeutung (dazu weiter unten):

«Die Pauschale von 9000 Franken pro interdisziplinäres Gutachten führt dazu, dass wichtige Zusatzabklärungen wie bildgebende Verfahren mit Magnetresonanztomografie (MRI) oder Computertomografie (CT) oder andere Zusatzuntersuchungen unterbleiben, weil den Gutachtern sonst finanzielle Einbussen drohen.

In mehreren Fällen sind Versicherte nicht ernst genommen worden und Abklärungen unterblieben, teilweise mit schwerwiegenden Folgen. Zwei Fälle sind von der Medas Inselspital Bern bekannt. Ein 2008 zur Abklärung aufgebotener Versicherter hatte vergeblich geltend gemacht, die Reise nach Bern sei zu anstrengend, worauf ihm die IV mit einem ablehnenden Entscheid drohte. Der Mann ging hin, hatte ein Stechen in der rechten Lungengegend und starke Atemnot. Als er dies dem Gutachter klagte, wurde er ausgelacht und als Simulant bezeichnet. Als er die Untersuchung wegen zunehmender Beschwerden abbrechen wollte, wurde ihm gedroht, man werde dies sofort der IV melden, dann gebe es keine Leistungen. Bereits auf dem Heimweg im Zug erlitt er einen Spontanpneumothorax, ein Zusammenfallen der Lunge, der zu Atemnot und einer lebensbedrohlichen Situation führte. Der Hausarzt wies ihn notfallmässig ins Kantonsspital Aarau ein, wo er mehrmals operiert werden musste. Die Medas Inselspital hatte ihn nicht auf das Atemgeräusch hin untersucht, sondern seine Beschwerden angezweifelt und nur unspezifische Symptome festgestellt, die zu keiner Arbeitsunfähigkeit führten. (Anmerkung: 10vor10 berichtete über den Fall, Insel-Medas-Chefarzt Ulrich Bürgi nahm dazu Stellung (Im Beitrag ab 4.41): Er ist der Meinung, aus seiner Sicht sei bei der medizinischen Abklärung «alles richtig gelaufen»)

In einem zweiten Fall wurde ein 50-jähriger Mann begutachtet, der seit über zwanzig Jahren an Morbus Bechterew, einer chronischen, nicht heilbaren Wirbelsäulenkrankheit litt. Er war eine Woche stationär im Inselspital zur Begutachtung, klagte über massive Rückenschmerzen, konnte kaum mehr gehen, doch auch da fanden die Medas-Ärzte keine Ursache. Kaum daheim, brach er mit einem Nierentumor zusammen, er hatte bereits Metastasen im Gehirn, wurde operiert und starb als Folge des Tumors. Der Tumor war trotz klarer Klagen weder abgeklärt noch gefunden worden.

So. Und nun setzen wir das Ganze in Zusammenhang mit dem Artikel «Die Insel macht keine IV-Gutachten mehr» in der Berner Zeitung. Die Medas-Stelle des Inselspitals Bern wurde auf Ende letzten Jahres still und heimlich geschlossen, auf Anfrage hin angeblich «weil es nicht zum «Kernauftrag» eines Unispitals gehöre, IV-Gutachten zu erstellen». Als die Berner Zeitung letzten Sommer beim Inselspital nachfragte, warum man eine MEDAS führe, lautete die Antwort folgendermassen: «Die Insel-Medas erfülle mit ihrer Gutachtertätigkeit eine «wichtige Aufgabe im Dienste der Öffentlichkeit». Weiter sei das Verfassen von Gutachten obligatorischer Teil fachärztlicher Ausbildungen. Zudem erwirtschafte die Medas alljährlich einen «kleinen Überschuss».

Der «kleine Überschuss» war nicht ganz so klein und wurde in Form von Boni-Zahlungen, die «je nach Funktion des Mitarbeiters pro Jahr rasch einen mittleren fünfstelligen Betrag ausmachten» ausbezahlt. Kurze Zwischenbemerkung an dieser Stelle: Boni-Zahlungen haben irgendwas damit zu tun, dass die betreffenden Mitarbeiter besonders gut arbeiten? Oder? Also nach richtig «guter Arbeit» sehen die oben angefürten Beispiele jetzt nicht gerade aus… oder heisst «gut» hier vor allem «zufriedenstellend für den zahlenden Auftraggeber» – nämlich die IV? Aber nein, natürlich nicht, das Bundesgericht wird jedenfalls nicht müde, zu behaupten, dass die finanzielle Abhängigkeit der Medas von der IV absolut gar keinen Einfluss auf deren Gutachten haben. Wirklich nicht.

Rechnen wir trotzdem mal ein bisschen. Laut Berner Zeitung wies die Insel-Jahresrechnung der Medas für 2010 einen Umsatz von 2,6 Millionen Franken aus. Offenbar hat die Medas Insel ihr gesamtes Gutachtenvolumen über die IV generiert, denn der Artikel erwähnt, dass im Jahr 2009 290 Gutachten erstellt wurden und die 2,6 Mio entsprechen genau 290 mal den 9000.- welche die IV pro Gutachten zahlt. Gemäss «Organisationsreglement» der Medas durfte Chefarzt Ulrich Bürgi 20 Prozent des Umsatzes für Bonuszahlungen verwenden.
Also rund 1800.- von jedem für die IV erstellen Gutachten flossen als Bonuszahlung an die Medas Mitarbeiter, weil sie so ähm.. gut ähm… gearbeitet haben. Macht insgesamt: 522’000.- Allerdings ist das Auftragsvolumen der Insel-Medas empfindlich gesunken, weil drei Mitarbeitende das Potential erkannten, sich selbstständig machten und nun selbst florierende private Abklärungsstellen betreiben. Unter ihnen auch ein gewisser Dr. Brinkmann.

Vor der Konkurrenz durch Private erhielt die Medas Insel Bern jedenfalls noch um die 653 Gutachten pro Jahr. Geht man davon aus, dass auch damals 20% des Umsatzes «als Bonuszahlungen verwendet werden duften» macht das stattliche 1’175400.-/Jahr. Also über eine Million Schweizer Franken, welche die Invalidenversicherung offenbar mal eben so (notabene nicht für Gutachten, sondern für Bonuszahlungen an die Gutachter!) «übrig hat». Diejenige Invalidenversicherung, die angeblich, marode, pleite, total am Boden und deshalb einer ganz ganz dringenden Rosskur auf Kosten der Versicherten unterzogen werden muss. Und wir reden hier von einer Medas. Insgesamt gibt es deren 18 in der ganzen Schweiz.

Der Artikel in der Bernerzeitung schliesst folgendermassen: «Fakt ist indes, dass die Schliessung letzten Sommer beschlossen wurde – just in diesen Tagen, als die Medien das Funktionieren der 18 Medas breit und kritisch thematisiert hatten. Im Zentrum dieser Artikel stand ein Bundesgerichtsurteil, das auf strukturelle Mängel im Medas-System hinwies, das tendenziell patientenfeindlicher geworden sei.
Offenbar sah die Insel-Leitung die Medas als diskret zu betreibendes Geschäft. Auf der weit verzweigten Website des Inselspitals existierte die Medas nicht. Wer also zur Begutachtung aufgeboten wurde, suchte im Internet vergeblich Informationen über die Gutachter, die ihn dort erwarteten. So gesehen ist es konsequent, dass der Öffentlichkeit die Schliessung vorenthalten wurde: Die Medas ist so still und leise eingegangen, wie sie betrieben wurde.»

Kleine Bemerkung am Rande: Das BSV hat mittlerweile das Reglement geändert. Es wird in Zukunft mehr für die Gutachten bezahlen. Weil in der Vergangenheit aus Kostengründen wichtige/teure Untersuchungen nicht durchgeführt werden konnten.

Mehr zum Thema Medas von René Staubli im Tagi am 21.05.2011: «Mehr Wettbewerb für IV-Gutachter» sowie am 03.06.2011: «Wie deutsche IV-Gutachter in der Schweiz das grosse Geld machen» und von Adrian Zurbriggen am 03.08.2011 in der Berner Zeitung: «Bei den komplizierten IV-Fällen ist von den Gutachtern Effizienz gefragt» (In diesem Artikel ist auch nachzulesen, dass die Insel-Medas tatsächlich ausschliesslich für die IV Gutachten erstellt hat).

Ein Gedanke zu „Mitarbeiter der Medas Insel Bern erhielten Bonuszahlungen «im mittleren fünfstelligen Bereich»

  1. Ja, ich bin auch über den aufschlussreichen Beitrag der Berner Zeitung gestolpert. Irgendwo habe ich gelesen, dass für AMAs CHF 9600 bezahlt werden, aber finde den Beitrag nicht mehr. Vielleicht gelöscht, weil man nicht möchte, dass die Öffentlichkeit davon hört, wieviel die IV für solche Abklärungen bezahlt. Leider habe ich vergessen, welcher Betrieb in der Ostschweiz das publiziert hatte…

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