Abt. Copy & Paste

Vor einem Jahr schrieb ich für die Agile einen Artikel mit dem Titel «Missbrauchspolemik: Vom Stammtisch in den Bundesrat». Der Artikel wurde von der Agile auf deren Website auf deutsch und französisch (La polémique sur les abus gagne le Conseil fédéral) veröffentlicht.

Am 13. April 2011 veröffentlichte Pierre Margot-Cattin unter dem Titel «Les bons handicapés méritent d’être soutenus!» auf reiso.org einen Text, in dem ein ganzer Abschnitt (ca. ein Viertel seines Artikels) auf meinem oben erwähnten Artikel basiert.

Die Agile hat für bei ihr veröffentlichte Texte eine andere Regelung (nämlich: «Die Übernahme (mit Quellenangabe) von «agile»-Texten ist nicht nur gestattet, sondern erwünscht!») als ich auf meinem Blog, wo die Nutzung (ausser kurzen Abschnitten selbstverständlich) dem Urheberrecht untersteht. Und für die Agile reicht es auch aus, dass jemand nachträglich als «Quellenangabe» unter einen zu einem Viertel abgeschriebenen Artikel folgendes anfügt: «Pour approfondir ce thème, nous vous recommandons le site internet de AGILE Entraide Suisse Handicap» (Link zur Hauptseite von Agile, nicht zu meinen Artikel).

Für mich reicht das nicht. Insbesondere dann nicht, wenn der Autor in seinem Artikel peinlich genau für jeden aus irgendeiner wissenschaftlichen Arbeit zitierten Halbsatz eine pompöse wissenschaftliche Fussnote anführt. Ausser eben für den Abschnitt des Textes, den er bei mir abgeschrieben hat.

Und das ist der Grund, weshalb ich hier auf Deutsch jeweils die Ausschnitte aus meinem Artikel «Missbrauchspolemik: Vom Stammtisch in den Bundesrat» (auf diesem Blog publiziert am 24. Februar 2011) und auf Französisch die Interpretation von Monsieur Pierre Margot-Cattin – aus «seinem» Artikel «Les bons handicapés méritent d’être soutenus!» (publiziert am 13. April 2011) anführe.

Einfach so der Richtigstellung halber, wer sich hier an wessen Gedankengängen und Recherchen vergreift, nämlich der professeur HES an denjenigen einer profanen Bloggerin (Lesen muss das Folgende allerdings niemand – ausser vielleicht… der genannte Autor, als kleine Erinnerungsstütze).

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Nachtrag 28. Februar 2012: Pierre Margot-Cattin hat unterdessen veranlasst, dass unter dem Artikel folgende Quellenangabe für den enspechenden Abschnitt (nun ja, mehr oder minder) angebracht wird: BAUMANN M., (2011), La polémique sur les abus gagne le Conseil fédéral, in : agile – handicap et politique, édition 1/11.

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Diverse Statistiken und Studien widersprechen dem Bild des an den Stammtischen des Landes jahrelang herbeigeredeten angeblich «überbordenden Missbrauchs» in der Invalidenversicherung. Politik, Medien und sogar der Bundesrat scheinen aber nicht nur nicht interessiert, dieses falsche Bild zu korrigieren, sie tragen vielmehr aktiv zu einer immer weitergehenden Verunglimpfung und Stigma-tisierung der Betroffenen bei. Mit schwerwiegenden Folgen insbe-sondere für IV-BezügerInnen mit unsichtbaren Behinderungen.

Relayant les discours des habitués du café du commerce sur les « abus massifs » dans l’AI, les milieux politiques, les médias et même le Conseil fédéral sont peu enclins à mettre fin à la polémique. Au contraire : ils y participent activement, renforçant la stigmatisation des personnes concernées, en particulier de celles qui ont un handicap invisible.

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Am 14. September 2009 erkundigte sich Maria Roth Bernasconi (SP/GE) in der nationalrätlichen Fragestunde, ob die Überwachung durch IV-Detektive – und insbesondere die Filmaufnahmen – nicht die Persönlichkeitsrechte der Betroffenen verletze. Der damalige freisinnige Bundesrat Pascal Couchepin antwortete, dass er nicht diesen Eindruck habe (…) und ausserdem sei jemand, der eine Rente vom Staat erhalte, nicht in derselben Situation wie jemand, der keine Rente erhalte. Damit war von höchster Ebene erklärt worden: Es gibt BürgerInnen und es gibt IV-BezügerInnen. Und es ist völlig in Ordnung, letztere alleine aufgrund ihres Status anders zu behandeln als erstere.

(…)Pour exemple, dans une réponse à une question posée le 14 septembre 2009, le Conseil fédéral [1] souligne que quelqu’un qui reçoit une rente de l’Etat n’est pas dans la même situation que celui ou celle qui n’en perçoit pas. Ainsi, on exprime au plus haut niveau qu’il y a, d’une part, des citoyens et des citoyennes, et, de l’autre, des bénéficiaires de l’AI. Et tout le monde trouve normal que ces derniers, en raison de leur statut, soient traités autrement que les premiers.

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Die Mär von den IV-Bezügern, die grösstenteils faule Simulanten seien, hat es also bis nach ganz oben geschafft, vom Stammtisch bis in den Bundesrat und in die Gesetzgebung.

Il en va de même dans l’épineuse question, largement exploitée politiquement, des abus de l’AI. Le soupçon de fraude envers les rentiers AI a acquis des lettres de noblesse jusqu’aux plus hautes sphères de l’État.

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Als schliesslich im Herbst 2010 die offiziellen Zahlen zur Betrugsbekämpfung in der Invalidenversicherung des Vorjahrs veröffentlicht wurden, «vergass» das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV), in der Medienmitteilung die Gesamtzahl der überprüften Dossiers (108’000) zu erwähnen. Es stellte nur die aus dieser Gesamtzahl herausgefilterten Verdachtsfälle (1180) den aufgedeckten Betrugsfällen (240) gegenüber – so dass der Tagesanzeiger am folgenden Tag effektvoll titeln konnte: «Jeder fünfte Verdachtsfall ein Betrug».

Annonçant en 2009 les résultats de la lutte contre la fraude dans l’AI, l’OFAS a « oublié » de mentionner le nombre total de dossiers examinés (108 000). L’Office s’est contenté de comparer le nombre de cas suspects déjà filtrés (1180) et le nombre de cas de fraude avérés (240). L’inconscient populaire a alors retenu qu’une personne sur cinq est un fraudeur.

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Man hätte seitens des BSV die Betrugszahlen ganz anders darstellen können. Und zwar so, dass über 99 Prozent der IV-Bezüger ihre Rente rechtmässig beziehen. Dies hat das BSV aber nicht getan. Eine Betrugsquote von unter einem Prozent hätte dann nämlich nur schwerlich als Argument für die IV-Revision 6a (von der 6b reden wir schon gar nicht erst…) herhalten können.

Si l’OFAS avait présenté ces chiffres en mentionnant que 99% des bénéficiaires de l’AI perçoivent leur rente à juste titre, il aurait été difficile de justifier les mesures mise en place.

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Der Gesetzgeber trägt mit der Vorlage 6a aktiv und in voller Absicht zu einer noch weiter verschärften Stigmatisierung derjenigen bei, die aufgrund ihrer Erkrankung oder Behinderung auf Leistungen der Invalidenversicherung angewiesen sind. Und torpediert damit auch die (angeblich) angestrebte Wiedereingliederung von möglichst vielen heutigen IV-Rentnern; denn kaum ein Arbeitgeber wird Menschen einstellen wollen, denen pauschal das Etikett des «faulen Simulanten» anhaftet.

La 6aème révision contribue fortement à accentuer la stigmatisation de ceux et celles qui dépendent des prestations de l’assurance invalidité en raison de leur maladie ou de leur handicap. Et cet élément n’est pas pour favoriser une meilleure intégration professionnelle. Quel employeur serait en effet prêt à engager un « abuseur potentiel » de l’AI.

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(…) Als kleines Beispiel für diese Ignoranz sei hier kurz die vom BSV (!) in Auftrag gegebene Studie über die «Invalidisierungen aus psychischen Gründen» von Niklas Baer erwähnt. Sie hält in ihrem Fazit unter anderem fest: «Die effektiven Diagnosen widersprechen dem Bild von unspezifischen, unklaren oder ‹nicht wirklichen› Störungen (…). Dass sie von Laien oft nicht als Störungen erkannt werden, bedeutet nicht, dass sie schwer objektivierbar oder in Bezug auf die Arbeitsbeeinträchtigungen vernachlässigbar wären».

Was die FDP nicht daran hinderte, einige Monate nach der Veröffentlichung dieser Studie eine Motion einzureichen, die der in der Studie untersuchten Kategorie mit dem so genannten Gebrechenscode 646 die Zusprechung einer IV-Rente grundsätzlich verweigern will, da es sich ja hierbei vor allem um – Achtung! – «schwer definierbare psychische Störungen» handle. Und der Bundesrat empfahl die Motion dann auch noch zur Annahme. Allzu weit weg von der Stammtischmeinung, dass jeder «echte IV-Bezüger» sich durch für jedermann erkennbare Insignien wie einem Rollstuhl oder einem Blindenstock auszeichnen müsse, ist eine solche Haltung nicht mehr.

Les victimes d’une telle politique sont tout particulièrement les personnes qui ont un handicap invisible. Le « véritable » ayant droit à l’AI doit se distinguer par des signes extérieurs clairement reconnaissables (chaise roulante, canne d’aveugle). C’est en quelque sorte réduire la notion de handicap au « stigmate » défini par Goffman (Goffman, 1975). Pourtant, Baer (Baer, 2009) pointe clairement que les diagnostics effectifs contredisent l’idée d’affections non spécifiques, peu claires ou « non réelles ». La non reconnaissance de certains troubles par des politiciens ou les Offices AI ne signifie en effet pas qu’ils ne sont pas objectivables ou qu’ils n’ont qu’une importance négligeable sur la capacité de travail.

4 Gedanken zu „Abt. Copy & Paste

  1. Da stimme ich Dir voll und ganz zu: Zur „Vertiefung dieses Themas“ lediglich die Website von AGILE zu „empfehlen“ ist keine Quellenangabe. Sein Text ist nach meinem Verständnis ein Plagiat und eine Urheberrechtsverletzung. Ich würde ihn darauf hinweisen mit der klaren Aufforderung um Korrektur.

    P.S. Wie bist Du überhaupt darauf gestossen?

  2. Hat aber auch was Gutes: Wenn der Herr Professor bei dir ohne Quellenangabe abschreibt, zeugt das zwar nicht gerade von Anstand seinerseits, wohl aber von der Qualität deiner Artikel.

  3. @Titus
    Das weiss ich nicht mehr, irgendwas über Google, diverse Links ect. schon eine Weile her (hab lange überlegt, ob ich es überhaupt öffentlich machen soll). Das mit der Empfehlung der Website von Agile war schon eine Aufforderung (nämlich von Agile). Deshalb nun hier öffentlich.

    @David
    Hattest du daran gezweifelt? ;-)

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