50% weniger Neurenten aufgrund der 5. IV-Revision? Klingt gut, stimmt aber nicht.

Eins muss man den Kommunikationsfachleuten beim BSV ja lassen: Sie beherrschen ihr Handwerk. So wurde heute, just kurz vor der parlamentarischen Debatte der umstrittenen IV-Revision 6b die schon lange geforderte Evaluation zur 5. IV-Revision präsentiert. Motto: «Evaluation der 5. IV-Revision: Positive Zwischenbilanz».  Und weil natürlich kein Mensch Zeit (von Lust ganz zu schweigen) hat, die ganze Studie zu lesen, nahmen die Medien die frohe Botschaft in Form der SDA-Meldung brav auf. Nur in der Titelwahl unterscheiden sich die Artikel leicht. Die NZZ schreibt: «Mehr Menschen können eingegliedert werden» , die Basellandschaftliche Zeitung: «IV-Revision trägt Früchte: Mehr Leute haben wieder einen Job»  und das St. Galler Tagblatt: «Die 5. IV-Revision bewährt sich».

Einzig bei Radio DRS sind einige kritische Untertöne zu hören: 5. IV-Revision: Und es harzt doch bei der Eingliederung.

Der im grossen und ganzen vermittelte Eindruck ist jedoch: Friedefreudeeierkuchen. Den erzielt die SDA-Meldung u.a. mit folgendem Abschnitt: «Die Studie belegt gemäss BSV auch, dass die 5. IV-Revision zur Sanierung des hochverschuldeten Sozialwerks beiträgt. Die Zahl der neu zugesprochenen Renten ging im Vergleich zu 2003 um fast 50 Prozent zurück, und auch die Zahl der laufenden Renten nimmt ab.»

Beim BSV liest sich das ganze zwar etwas differenzierter: «Die positive Zwischenbilanz bestätigt, dass die 5. IV-Revision im Sanierungsplan für die IV eine wichtige Rolle spielt und den Umbau zu einer Eingliederungsversicherung massgeblich unterstützt. Im Zuge dieses ganzen Kulturwandels ist die Anzahl neuer Renten seit dem Jahr 2003 um fast 50 Prozent zurückgegangen(…).» Aber mal ernsthaft, liest irgendwer Mitteilungen zur IV differenziert? Was beim gemeinen Leser hängen bleibt, ist wahrscheinlich: 5. IV-Revision. Super Eingliederung.  50% weniger Neurenten. Voller Erfolg.

Schauen wir uns dazu mal eine BSV-Statistik vom Mai 2012 an (Vergrössern durch Klicken)

Bild 19

Da sind sie also, die um fast 50% reduzierten Neurenten. Eine kleine aber entscheidende Information fehlt hier allerdings: Die 5. IV-Revision trat erst 2008 in Kraft. Die Zahl der Neurenten verringerte sich im Vergleich mit 2007 jedoch um nur 18% und nicht um fast 50%. In der Studie ist denn auch zu lesen: «Die Neurentenquote der IV hängt nicht nur von der Eingliederungspraxis, sondern auch von der Entwicklung der Kontextbedingungen sowie von der Handhabung der Rentenprüfungen ab. Aufgrund der Studienergebnisse kann jedoch die Schlussfolgerung gezogen werden, dass von der verstärkten Eingliederungsorientierung des IV-Verfahrens nach der 5. IV Revision mittel- und langfristig bei ansonsten gleichbleibenden Bedingungen ein Beitrag zur Senkung der Neurentenquote erwartet werden kann. Im Rahmen der vorliegenden Studie war es allerdings noch nicht möglich, diesen Effekt zu quantifizieren.»

Also: Die Neurentenzahlen sind vor allem VOR der 5. Revision stark gesenkt worden und nicht durch verbesserte Eingliederung, sondern durch massiv strengere Zugangskriterien. Und über den effektiven Zusammenhang zwischen dem (vergleichsweise leichteren) Rückgang der Neurenten seit der 5. IV-Revision und der verbesserten Eingliederung kann zum jetztigen Zeitpunkt laut den Studienautoren noch nichts gesagt werden. Man vermutet jedoch, dass man in Zukunft wahrscheinlich gewisse Effekte sehen würde.

Soviel einmal dazu. Zu den ganzen restlichen Erkenntnissen der Studie später mehr.

9 Gedanken zu „50% weniger Neurenten aufgrund der 5. IV-Revision? Klingt gut, stimmt aber nicht.

  1. @Mia Ich habe mir die ganze Statistik ausgedruckt und die die sagen mir dass das wichtigste nicht erwähnt wo die Leute hingehen also der Endweg wäre dann Sozialhilfe und die wurde nicht erwähnt.

  2. Das Ergebnis wundert mich gar nicht, die IV ist aus meiner eigenen Erfahrung ein [zensiert] die für den Bund das Sparschwein spielt. Die haben keinen Skrupel medizinische Akten unter den Tisch zu wischen, selbst Falschangaben über die Autorschaft von 60 Seiten umfassenden Dokumenten, oder die falsche Behauptung ich käme immer wieder mit neuen Krankheiten -um die Verfahrenslänge von fast 4 Jahren schön zu reden …alles kein Problem bei der IV -und der arrogante Rechtsdienst hüllt sich in Schweigen. Wer gaubt man erhalte bei einer schweren Erkrankung Unterstützung nach Gesetz, dem muss ich mitteilen -wenn Sie Glück haben vielleicht, ich habe aber das totale Gegenteil erfahren, eine Hexenprozess. Es stinkt bei der IV vor unfairen Verfahren bis zum Himmel.

  3. ach ja und die Eingliederung, in meinem Fall gabs trotz Gesuch(en) nicht mal ein Eingliederungsgespräch bei der SVA-IV in Zürich (2 Jahre totschweigen), und die Spar-Bürokraten verweigerten sogar einen Antrag des RAV um eine Konsultation im Rahmen von IIZ -obwohl ich vom Arzt damals beim Antrag als 50% Arbeitsfähig in einem angepassten Beruf gemeldet wurde. Die Aussagen von Herr Rittler die er bei ProCap gegeben hatte (nicht bis zum Rentenenscheid warten) ist eine glatte Lüge.

  4. Noch ein Hinweis bezüglich der Presse. Die scheinen wohl Angst zu haben nach den jüngsten Entlassungswellen in Deutschland -es könnte ihnen gleich ergehen. Die zum Teil vollständige Abwesenheit von Kritik -obwohl selbst das Bundesgericht Mängel in den Abklärungsverfahren festgestellt hat, ist mehr als auffallend -und auch der Berset scheint nicht bereit von der Taktik seines Vorgängers (bezüglich Rentenbetrügern) abzuweichen. Wer glaubt der Betrug beruhe nur auf Seite der Versicherten, dem muss ich mitteilen dass ich inzwischen glaube dass die Sache wohl eher bei 1:100 auf Seiten der IV gesucht werden sollte.

  5. Pingback: Erfolg 5. IV-Revision | Wer wahrnimmt erfährt seine Wahrheit

  6. Vielen Dank für den LInk zu der Studie. – Ich habe mich noch nicht ans Suchen gewagt. – Aber einige Zahlenbeschönigungen fallen sofort auf.

  7. Mia, manchmal (aber relativ selten) gibt es doch noch gute Presseartikel über das Verhalten der Versicherungen die mit Erwerbsunfähigkeit von Menschen ihre üblen Geschäfte machen. Ich habe zwei neuer Artikel gelesen über Privatversicherungen, und ich lege meine Hand ins Feuer dass dies bei der IV in der Schweiz höchstens im Detail verschieden abläuft, nicht aber bei den Methoden der Abweisung.

    ARD Panorama: Die Neinsager
    http://daserste.ndr.de/panorama/neinsager141.html

    Handelsblatt: „Als fair würde ich keinen Versicherer bezeichnen“
    http://www.handelsblatt.com/finanzen/vorsorge-versicherung/nachrichten/anwaeltin-fuer-versicherungsrecht-als-fair-wuerde-ich-keinen-versicherer-bezeichnen/7485070.html

    “ viele lehnen heute kundenfreundlicher ab.“

    Genau so ist das bei der SVA-IV Zürich, dieselben Verschleppungstaktiken, derselbe Mechanismus von Informationsunterschlagung , Verzögerungen, Veweigerung von Antworten auf Briefe und über allem dem ein dichter Nebel einer undurchdringbaren Wand aus Lügen und aus der Luft gezogener Behauptungen. Ich habe schon lange aufgehört an Dinge zu glauben die z.B. der Herr Rittler öffentlich verkündet, in der Realität entpuppt sich das BSV nur als Helfershelfer der unfairen Abklärungen. Dieses Netz aus gegenseitiger Unterstützung beim Versicherten-Bashing hätte ich früher nicht für möglich gehalten, ich gebe aber mein Wort -zwischen der Art im Umgang mit Behinderten und dem von 1928-1940 in Deutschland ist nur noch ein kleiner Schritt. Anstelle dass man (übrigens zum Teil auch freundlich) abgeholt wird und in einem KZ verschwindet, wird einem bisher „lediglich“ die finanzielle Sicherheit gestohlen -der Schritt zum Abholkommando ist so oft wohl gar nicht mehr nötig, die Zeiten sind raffinierter geworden, allerdings mit derseben Grundfunktion, der Selektion von Behinderten auf den Abfallhaufen der Gesellschaft.

  8. @Andres
    Danke für die Kommentare und die interessanten Links.
    Trotzdem bitte in Zukunft bei Kommentaren das Thema des jeweiligen Artikels beachten. Ich werde komplett themenfremde Kommentare jeweils nicht mehr freischalten. «Hat irgendwas mit der IV zu tun» ist kein genügender Themenbezug. ok?
    Evtl. richte ich mal eine Extra-Pinnwand für solche Informationen ein – mache mir mal Gedanken dazu.

  9. Das ist leider der Alltag in der gesamten Regierungspropaganda. Sie Mia haben hier den Vorgang gut verständlich herausgearbeitet.

    Die Bundesverwaltung beschäftigt professionelle Journalisten als Meinungsmacher, die solche Communiques ausformulieren. Die Tageszeitungen umgekehrt verfügen nicht über genug Geld und Leute, um eigenständig zu recherchieren.

    Folgendes Buch zeigt, dass solch verruchte Regierungspropaganda regelmässig praktiziert wird:
    „Spin doctors im Bundeshaus: Gefährdungen der direkten Demokratie durch Manipulation und Propaganda“ von Judith Barben

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