Einige Gedanken zu #Aufschrei

Letzten Freitag tauchten die ersten #Aufschrei-Tweets in meiner Twitter-Timeline auf, in denen Frauen ihre Erfahrungen mit Sexismus in verschiedenen Formen und Ausprägungen bis hin zu eindeutigen sexuellen Übergriffen schilderten. Der #Aufschrei-Hashtag hatte für mich etwas unangenehm «Lautes» an sich. Mein erster Gedanke war: Hoffentlich hört das bald wieder auf. Und: Zum Glück hab ich selbst nie sowas Schlimmes erlebt. (Zwei typische Abwehrreaktionen – wie mir aber erst später bewusst wurde).

Doch der Strom an #aufschrei-Tweets wurde immer breiter, immer lauter, dutzende (mittlerweile wohl hunderte) Blogartikel wurden zum Thema geschrieben und vertwittert. Ein Blog-Artikel der in dieser «ersten Phase» besonders viel Resonanz hervorrief, war «Das Schreien der Lämmer» von Frau Meike. Der Artikel greift sehr differenziert unterschiedliche Aspekte der Thematik auf. Besonders der Teil, der auf die Eigenverantwortung der Frauen (Undifferenzierte Kurzform: «Wehrt euch halt!») verwies, erfuhr sowohl viel Zustimmung wie viel Kritik.

Ich selbst dachte zu dem Zeitpunkt auch: Ja, genau stimmt, man kann sich schliesslich wehren! Was soll denn diese Opferhaltung?! Doch je mehr ich von all den Erfahrungen der Frauen las, desto lebendiger wurden eigene Erinnerungen. Zum Beispiel der Englischlehrer damals, der aus seiner Vorliebe für sexistische Witze (die natürlich nur einseitig auf Kosten der Mädchen gingen) kein Hehl machte. Haben wir uns damals gewehrt? Natürlich nicht. Was wäre denn die Folge gewesen? Möglicherweise, dass wir uns noch mehr Witze über total humorlose Emanzen hätten anhören müssen…? Oder anderweitige Zurücksetzungen?

Und schon war es nicht mehr ganz so einfach mit: «Man kann sich ja schliesslich wehren!» Denn oft hat Sexismus gar nicht soviel damit zu tun, was der Name vermuten lässt. Sondern mit Machtausübung. Mit Darstellung von Überlegenheit: Es ist ok, dass ein Mann vor einer gemischten Klasse sexistische Witze über Frauen macht. Was vermittelt mir das als Mädchen? Eben das: Es ist ok. Und ich habe das auch ok zu finden. Ansonsten könnten mir daraus ernsthafte Nachteile erwachsen.

Ich möchte hier anmerken, dass die meisten meiner Lehrer, Trainer, Musiklehrer, Dozenten, Chefs, Kollegen ect. sich meist absolut korrekt, freundlich und respektvoll verhalten haben bzw. das immer noch tun. Es stellt also für viele Männer offensichtlich überhaupt kein Problem dar, Frauen respektvoll zu behandeln. Von daher wirken die Reaktionen auf #Aufschrei von gewissen – vornehmlich älteren – Herren schon reichlich skurril. Wenn man Broder (nein, sowas verlinke ich nicht) oder seinen Kollegen im Geiste im Cicero (das auch nicht) liest, könnte man meinen, man höre das Geheule eines kleinen Jungen, dem man im Begriffe ist, das Lieblingsspielzeug wegzunehmen. Man spürt förmlich: Macht abgeben tut weh. Aber Männer, die Frauen nicht auf Augenhöhe begegnen, sind einfach nicht mehr zeitgemäss.

Ich glaube, genau das zeigt #Aufschrei deutlich. Vielen Frauen wurde in den letzten Tagen erst richtig bewusst, dass Sexismus (und leider nicht selten auch sexuelle Übergriffe) zu einem Frauenleben bisher einfach ganz selbstverständlich dazugehört haben. So selbstverständlich, dass wir es als «normal» empfinden, dass wir gar nicht darüber sprechen, weil es halt «so ist». Das ist das, was mich – und ich glaube auch viele andere Frauen (und auch einige Männer) die an der #Aufschrei-Diskussion teilgenommen haben, ebenfalls – wirklich erschreckt hat.

Im Artikel «Mein später Aufschrei» beschreibt die Bloggerin DrMutti, wie wir Frauen uns oft selbst belügen; lesen oder hören wir von Erfahrungen anderer Frauen, versuchen wir uns zu distanzieren, in dem wir denken «die hätte sich ja wehren können» oder «so schlimm war’s ja wohl nicht». Wir verharmlosen, weil wir das mit unseren eigenen Erlebnissen auch tun. Auch in meiner Erinnerung sind noch weitere Erlebnisse aufgetaucht, als nur die des ja an sich «harmlosen» (sic!) Englischlehrers. Es waren aber nicht die Erlebnisse an sich, die mich beschäftigt haben die letzten Tage, es war diese Selbstverständlichkeit mit der diese zu meinem (und vielen anderen) Frauenleben dazugehören. Situationen, die es so (häufig) in einem männlichen Leben schlichtweg nicht gibt.

Wie einem als Mädchen von früh an eingetrichtert wird, sich so zu verhalten, dass einem «nichts passiert». Und wie man es so verinnerlicht, dass man selbst denkt, wenn anderen was passiert: «Wäre sie halt nicht nachts alleine nach Hause gegangen» oder «Hätte sie halt nicht soviel getrunken». Man gibt sich damit der Illusion hin, man könnte sich vor Übergriffen schützen, indem man sich nur «richtig verhält». Aber wenn man sich selbst gleichzeitig auch sagt: Ich habe in der und der Situation eigentlich «Glück gehabt», dass mir nichts «passiert» ist. Wenn also die eigene Unbeschadetheit in gewissen Kontexten gar als «Glück» empfunden wird und nicht als Selbstverständlichkeit, dann ist das doch ganz schön verquer.

Nach einigen Tagen Beschäftigung mit dem Thema stehe ich mittlerweile auch dem «Man muss sich halt wehren» kritisch gegenüber. Denn genau da geht es auch um Schuld: «Bist ja selbst schuld, wenn du dich nicht wehrst!» Natürlich ist es gut und wichtig und richtig sich zu wehren. Wenn man es in der Situation denn kann. Aber eigentlich will ich in möglichst wenige Situationen kommen, in denen ich mich (allein aus dem Grund weil ich eine Frau bin) überhaupt wehren muss. Weil es einfach selbstverständlich sein sollte, dass Mann mir als Frau auf Augenhöhe begegnet. Und wenn dem nicht so ist, und jemand – vielleicht auch unabsichtlich – meine Grenzen überschreitet und ich dann sage, dass ich das nicht möchte, dann soll das akzeptiert werden. Ich möchte mich wehren dürfen, (wenn es denn nötig ist) ohne hören zu müssen, ich wäre verklemmt, frustriert oder sonstwie spassbefreit.

Ich möchte, dass meine Sichtweise einer Situation nicht kleingeredet oder lächerlich gemacht wird, weil ich ja eine Frau bin. Wenn ein Mann mit einer Ablehnung (darum geht es ja meist) nicht umgehen kann, ist das nicht meine Schuld. Ich glaube, dass viele Frauen endgültig genug haben von diesen Schuldzuweisungen. Und das dies ein Teil der treibenden Kraft hinter #Aufschrei ist. Dass diese bislang verdrehte Schuldzuweisung endlich mal zurecht gerückt wird. Nicht die Frau, deren Grenzen überschritten werden, ist schuld, sondern derjenige, der die Grenzen überschreitet. Immer. Egal wie kurz der Rock war (Um mal die Urheberin des #Aufschrei-Hashtags Anne Wizorek zu zitieren: «Wir sind doch nicht eben erst von den Bäumen gestiegen»).

Die Männer, die Grenzen von Frauen überschreiten, tun es nicht, weil sie eben Männer sind und «nicht anders können» (all die anderen Männer tun’s ja auch nicht) sie tun es, auch nicht, «weil die Frauen nicht deutlich genug Grenzen setzen» (wir sind, wie gesagt, sozialisierte Wesen und die meisten von uns können auch Gesichtsausdrücke und Körperhaltungen sehr genau lesen). Diejenigen Männer, die Grenzen überschreiten, tun es, weil ihnen ihr Gegenüber schlichtweg egal ist.

Mir ist bewusst, dass man «Sexismus» nicht mit «körperlichen Übergriffen» gleichsetzen kann und das alles im Artikel nicht genau getrennt wird, aber im Prinzip geht es immer um die selbe Haltung, die Sexismus bzw. Übergriffen zugrunde liegt: Fehlender Respekt, fehlende Augenhöhe, fehlende Empathie, Machtdemonstration. Und das alles macht – als kleiner Hinweis an diejenigen Männer, die ihr (angebliches) Recht auf Äusserungen zweideutiger Schlüpfrigkeiten so vehement verteidigen – einen Mann nicht etwa männlich, sondern sehr sehr unattraktiv.

6 Gedanken zu „Einige Gedanken zu #Aufschrei

  1. Alice Schwarzer hat bei Günther Jauch gesagt, dass vielen jüngeren Frauen durch den Sternartikel und den „aufschrei“ langsam bewusst wird, dass die Gleichberechtigung, die die alten Feministinnen fordern nicht erreicht ist. Die 68er Bewegung und die Frauememanzipation hatte und hat triftige Gründe.

  2. @wieort Die Jauch-Sendung als Ganzes war der beste Beweis dafür, wie nötig die ganze Diskussion (immer noch) ist. Ich fands ganz schlimm, wie Jauch, Bruhns und Karasek einfach keine Ahung hatten, worums eigentlich geht.

  3. Ich bin als Mann ebenfalls überzeugt, dass #Aufschrei nötig und richtig ist. Aber ich möchte ein Stück weiter gehen, ohne dabei das ursprüngliche Ziel, nämlich Frauen zu bestärken, dass sie sich nicht wehren sollten, abzuschwächen. Ich bin der Ansicht, Männer machen sich das Leben ebenfalls schwer: Man muss als Mann kein „Weichei“ sein, sonst gilt es, sich zu rechtfertigen, wehren also. Man soll Spässe ertragen, sonst ist man kein Mann.

    Ich glaube, es geht viel tiefer: in die Kulter vieler (nicht aller!) Männer. Auch Männer müssen sich (leider) wehren, zu 95% gegen Leute des eigenen Geschlechts.

  4. Liebe Mia

    Ich finde deinen Artikel sehr spannend. Ich nehme für mich da gerade ganz viel grundsätzliche Gedanken zum Thema Macht und Grenzüberschreitung heraus. Das beschäftigt mich im Moment und ich spüre, dass du da viel Feingefühl dafür hast, diese Feinheiten zu bemerken und zu beschreiben.

    Danke!

  5. @EyeIT ich glaub auch, dass es in der Diskussion nicht primär um Mann/Frau geht, sondern generell um Respekt. Bzw. dass fehlender Respekt nicht mehr so leicht toleriert wird und das finde ich gut und wichtig.

    @Nicole, Danke :) Mich beschäftigt das Thema auch nach wie vor ziemlich.

  6. Es gibt ja in vielen Beziehungen Macht. Mir kommen da beispielsweise auch die therapeutischen und erzieherischen Beziehungen in den Sinn. Das soll jetzt nicht in den gleichen Topf wandern wie Sexismus. Und Schwarz-Weiss-Zeichnungen ohne Grautöne mag ich auch nicht. Aber Macht ist halt Macht und wenn ich mir deren Mechanismen nicht bewusst bin, macht sie etwas mit mir. So stelle ich mir das vor.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.