#Aufschrei – erklärt in 28 Tweets [3]

#Aufschrei hat geschafft, was keine noch so teure und ausgeklügelte Kampagne gegen Sexismus je hätte schaffen können: Eine enorme Sensibilisierung. Weil ganz viele Menschen (Männer und Frauen) welche die Diskussionen auf Twitter verfolgt haben, bemerkt haben: Es sind ja die Frauen in meiner Timeline, Frauen, die ich teilweise persönlich kenne, denen das passiert. Nicht «Irgendwer, von dem man in der Zeitung liest». Ihnen wurde bewusst: In meinem Umfeld passiert das auch. Viele haben darauf  – oft erstmals überhaupt – in ihrem Umfeld darüber gesprochen. Männer UND Frauen. Miteinander. Ich finde das ganz grossartig.

Ich glaube, gerade Vertreter der etablierten Medien haben einen ganz entscheidenden Punkt nicht verstanden. Sie sind sich gewohnt, Themen «zu setzen» sie «aufzubereiten», «einzuordnen» dem Publikum vorzusetzen, was sie für richtig/wichtig/angebracht halten. In gewisser Weise auch das Weltbild der LeserInnen zu formen. Das hat hier nicht funktioniert. Das Thema ist im Internet explodiert und entscheidend von den Betroffenen selbst geformt worden. Das ist radikal neu. Ohne den einordnenden Chefredakteur, der bestimmt, welchen Wert das Thema hat.

Die Vertreter der etablierten Medien spüren wohl den Verlust der Deutungshoheit, thematisieren ihn aber nicht, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Darum reden sie das Thema klein. Arbeiten sich daran ab, ob Brüderle nun dies… oder die Journalistin Himmelreich das… und bemerken nicht, wie sehr sie den Kern von #Aufschrei damit verkennen.

Die erste Talkshow im deutschen Fernsehen, die #Aufschrei aufgriff, war Jauch. Und selten wirkte Fernsehen dermassen gestrig. Die Twitter-Community verfolgte die Sendung natürlich und als Jauch bei der Vorstellung der Initatiorin des #Aufschrei-Hashtags Anne Wizorek (Twittername @marthadear) anmerkte, dass das Publikum sie (im Gegensatz zu den anderen Gästen) wohl nicht kenne, wurde kommentiert:

Auch Jauch fokussierte immer wieder auf Brüderle und die Twitterer fragten sich im Verlauf der Sendung alle das selbe:

Wem vorher nicht klar war, dass mit #Aufschrei etwas ganz Besonderes passierte, dem wurde es spätestens dann klar, als Männer den Auftritt von Alice Schwarzer lobten:

Und auch die jüngeren Frauen, die mit Alice Schwarzers Radikalität der letzten Jahre oft ihre liebe Mühe hatten:

Auf einmal wirkte nämlich Alice Schwarzer mit ihrer Aussage «Ich halte Männer auch für Menschen!» so viel zeitgemässer, als die Journalistin Wibke Bruhns, welche eigentlich angetreten war, um – ja was eigentlich? den Sexismus? die Männer? zu verteidigen und dabei zu Analogien aus dem Tierreich griff:

Offenbar haben sich die Vorstellungen davon, was Sexismus ist, im Lauf der Zeit verändert:

Auch wenn die #Aufschrei-Community bei Voten von Wibke Bruhns am liebsten kollektiv in die Tischkante gebissen hätte, zeigt sich meines Erachtens die Qualität und der gegenseitige Respekt mit der diese Debatte im Internet geführt wird, auch daran, dass Antje Schrupp als eine der prägenden Stimmen bei #Aufschrei nach der Jauch-Sendung einen ausführlichen Beitrag dazu verfasst hat, wie das gesellschaftliche Klima damals war, als Wibke Bruhns 1971 erste Nachrichtensprecherin im westdeutschen Fernsehen geworden ist und wie das ihre Einstellung wahrscheinlich geprägt hat. Und darum geht es hier: Wir wollen einander verstehen, nicht die Fronten weiter verhärten.

Das unterscheidet die Debatte im Internet so fundamental von der Art mit welcher das Thema in den traditionellen Medien grösstenteils «inszeniert» wird: Für Talksendungen im Fernsehen werden die Personen mit grössmöglichem Konkfliktpotential ausgesucht (Beispiel: Der Pickup-Artist bei ZDFlogin) und im Printbereich klopfen sich wohl diverse Chefredakteure gegenseitig auf die Schulter für die unheimlich clevere Idee, diverse junge Journalistinnen darüber schreiben zu lassen, dass das mit diesem Sexismus doch alles nur hysterisches Getue sei. (Getreu nach dem alten Motto: «Lasst die Weiber sich doch gegeneinander die Augen auskratzen – wir schauen zu und amüsieren uns»).

Aber so funktioniert das nicht mehr. Das hat Anne Wizorek mit ihrem Auftritt bei Jauch deutlich signalisiert: Sie blieb stets ruhig, gelassen und sachlich, vertrat ihre Sache aber klar und entschieden. Wir möchten nicht gegen die Männer kämpfen, sondern gemeinsam mit ihnen. Für beiderseitigen Respekt. Denn auch Männer gegenüber gibt es Sexismus. Das möchten wir genau so wenig! Aber dazu müssen wir uns gegenseitig zuhören und nicht anbrüllen. Dass das kein Traum einer kleinen exklusiven Twitter-Filter-Bubble ist, zeigen folgende Tweets:

Natürlich bleibt aber auch Anne Wizorek – wie allen Frauen, die sich öffentlich gegen Seximus engagieren –  folgendes nicht erspart:

aber im Grossen und Ganzen ändert sich offenbar etwas:

Und dass sich was ändert ist gut so: Sehr gut sogar. Für beide Geschlechter.

#Aufschrei – erklärt in 28 Tweets [1]
#Aufschrei – erklärt in 28 Tweets [2]

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