IV-Chef Ritler: Ein Buchhalter ohne Visionen

Der Assistenzbeitrag – so die Idee – sollte auch Menschen mit schwerster Behinderung ermöglichen, zu Hause ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Anhand des Beispiels von Johanna Ott zeigte die Rundschau nun gestern, dass (anders als im Pilotprojekt zur persönlichen Assistenz), die Leistungen von der IV so knapp bemessen werden, dass schwerbehinderte Menschen mit einem sehr hohen Assistenzbedarf nicht davon profitieren können und ihnen nun doch wieder der Eintritt ins Heim droht. Pikantes Detail dazu: Ein Platz im Heim ist nicht etwa insgesamt günstiger (im Gegenteil). Für die IV jedoch ist ein Heimeintritt sehr wohl günstiger, da andere Kostenträger (z.B. Kantone) einen Teil der Kosten übernehmen müssen.

Und das ist politisch genau so gewollt. Aus diesem Grund war IV-Chef Ritler, der danach von Moderator Sandro Brotz im Rundschau-Gespräch in die Mangel genommen wurde, eigentlich der falsche Gesprächspartner. Brotz sagte an einer Stelle: «Herr Ritler, Sie reden wie ein Buchhalter!» Ritler redet aber nicht nur wie einer, er ist ja tatsächlich auch der IV-Buchhalter. Wie Ritler nämlich völlig zurecht bemerkte, kommen die IV-Sparvorgaben vom Parlament. Ritler sieht seinen Job (das wurde während des Gesprächs mehr als klar) vor allem darin, zu erreichen, dass die IV wieder schwarze Zahlen schreibt.

Wie dabei gespart wird, ist ihm egal. Es war aber auch den ParlamentarierInnen herzlich egal (das konnte man damals in den entsprechenden IV-Debatten sehr deutlich spüren). Und auch die IV-MitarbeiterInnen auf den IV-Stellen machen ja nur ihren Job. Irgendwie. Und am Schluss ist keiner verantwortlich für die Schicksale, die sich daraus ergeben. Aber – wie Moderator Brotz richtig bemerkte – Es gibt da draussen noch ganz viele «Johanna Otts».

Und all die anderen, die unter dem Sparzwang der IV zu leiden haben, haben kein Rundschau-Team, das dem IV-Chef dafür persönlich auf die Füsse tritt. Was, wie oben aufgeführt, an sich ja auch sinnlos ist, da Ritler die IV-Gesetze nicht gemacht hat und daran auch nichts ändern kann und ganz offensichtlich auch nichts ändern will. Ritler ist durch und durch Beamter. Er hat keine Visionen für die IV – eine Vision in dem Sinne beispielsweise, dass durch die IV das Leben für Menschen mit Behinderungen in irgendeiner Weise zumindest ein bisschen einfacher werden sollte. Im Gegenteil; es wird zunehmend klarer, dass Ritlers einzige «Vision» für die IV darin besteht, den Zugang zu Leistungen (seien dies nun persönliche Assistenz, Hörgeräte für schwer Hörgeschädigte, Renten ect) dermassen schwierig und demütigend zu gestalten, dass die Betroffenen irgendwann aufgeben (müssen) und/oder schlussendlich bei anderen Kostenträgern (zb Sozialhilfe, aber auch Kantone und Private) landen.

Überdeutlich wurde Ritlers Buchhaltermentalität im gestrigen Gespräch auch, als er Brotz entgegnete, man würde nun viel Geld in die Eingliederungen investieren, ja richtiggehend «klotzen». Wie mittlerweile jeder weiss, besteht ein Hauptproblem der IV in der sehr hohen Zahl an Invalidisierungen aus psychischen Gründen. Das BSV hat dazu zwar Studien in Auftrag gegeben, die das Problem näher beleuchten, jedoch werden die entsprechenden Studienresultate (die für die IV sehr unschmeichelhaft ausfielen) weder breit noch ehrlich kommuniziert, geschweige denn reale Konsequenzen daraus gezogen. Sprich: Es interessiert schlicht gar niemanden, wie man psychisch Kranke wirklich eingliedern kann. Oder wie es der Hauptautor der BSV-Studien zu psychischen Invalidisierungen, Niklas Baer, formuliert: «Für Arbeitsplatzerhalt und Eingliederung von Menschen mit komplexen Erlebens- und Verhaltensproblemen in ebenso komplexe Arbeitsumgebungen gibt es nach wie vor weniger Anleitungen als für das Layout eines BSV-Forschungsberichts». (Quelle: Infos Insos, Juli 2012)

Auch hier zeigt sich Ritlers Buchhaltermentalität ohne jeglichen Bezug zur Realität: Was nützt denn «Klotzen» in teure «Integrationsangebote» der Sozialindustrie, wenn die ihren Zweck gar nicht erfüllen? Im Dezember letzten Jahres veröffentlichte das BSV eine Evaluation zur 5. IV-Revision. Ohne nähere Überprüfung übernahmen alle Medien die schöngefärbte Pressemitteilung des BSV. David Siems hat sich damals die Mühe gemacht, die Zahlen aus der Studie bildlich darzustellen. Und so sehen die «Erfolge» der 5. IV-Revision tatsächlich aus:Renten+Eingliederungsversicherung
Wieviele Versuchskaninchen (wie beispielsweise auch Elsbeth Isler oder Matilde Gonzalez) müssen noch durch die ganzen belastenden IV-Prozedere durchgeschleust werden, bis man endlich erkennt, dass Behinderungen und Krankheiten weder einfach verschwinden noch weniger kosten, weil man das halt irgendwann im Parlament gerne so haben wollte?

tl;dr: IV-Chef Ritler sieht seine Aufgabe darin, dass die IV möglichst schnell schwarze Zahlen schreibt und nicht darin, das Leben von Behinderten einfacher zu gestalten.

12 Gedanken zu „IV-Chef Ritler: Ein Buchhalter ohne Visionen

  1. Eigentlich müsste auch der amtierende BSV-Direktor Jürg Brechbühl bezüglich Umsetzung der aktuellen Gesetzgebung und deren Auswirkungen Stellung nehmen. Und wenn nicht der Chef des Chefs, bleibt halt wirklich nur noch der Innenminister; sprich Bundesrat Alain Berset, der die IV-Praxis in seine gesetzlichen Schranken weisen könnte.

    Der Assistenzbeitrag wäre wirklich ein probates Mittel unnötige Heimeinweisungen und damit zusätzliche Kosten zu verhindern.

    Manchmal frage ich mich wirklich, ob die rechte Hand überhaupt noch weiss, was die Linke tut?

  2. Ich habe mir den Jahresbericht 2011 (2012 noch nicht verfügbar) der SVA Aarau durchgelesen. Gespart wurde bei den Sozialversicherungen nur bei der Abteilung IV. Bei allen anderen Bereichen stiegen die Ausgaben.
    Über 50% der Neurentenanträge werden abgelehnt. Bei 210 Betrugsverdachtsfällen wurden 22 Observationen (8300.– pro Observation) durchgeführt und sage und schreibe 1 Strafanzeige eingereicht. Hohe Fluktuationen bei den Kaderstellen und Vakanzen wegen längerdauernder Krankheit seit dem letzten Jahr wurden von der Verwaltungsratspräsidentin Meyerhans damit kommentiert: „Zu solchen Veränderungsprozessen gehöre auch,dass sie nicht alle mitragen wollen oder können.“ Es scheinen nicht alle die dicke Haut eines Buchhalters zu haben.

  3. Sogenannte „falsche Rationalisierungen“ gibt es überall in der schweizerischen Staatswirtschaft.

    Krankenkassen zahlen für Schlaganfallpatienten nur ein paar Wochen Reha und die Wohngemeinde muss dann für 20 Jahre das Pflegeheim bezahlen. Auf diesem Weg werden die Kosten von der Krankenkasse auf die Steuerzahler abgeschoben.

    Eine richtige Reha dauert 3 bis 6 Monate und der Patient wäre dann selbständig im Alltag und könnte zuhause leben.

    Andere Beispiele: Der Kanton Bern zentralisiert Spitäler. In der Spitalrechnung sieht das gut aus, Kosten werden gespart. Dafür müssen dann Angestellte täglich pendeln, Mütter kochen nicht mehr über Mittag und die Kinder müssen in der Tagesschule verköstigt werden. Die Gesundheitsdirektion kann also locker behaupten, sie habe „gespart“ und anderswo entsteht das vierfach an Kosten, die ebenfalls die Steuerzahler auf sich nehmen.

  4. Ich sehe hier zwei verschiedene Ebenen. Einerseits die wohl kaum änderbare Tatsache dass die IV von der Politik den Auftrag zum Sparen bekommen hat. Auf der anderen Seite die IV selbst, die sich diesem Auftrag mit Haut und Haar angenommen hat und nicht einmal wagt laut darüber nachzudenken, was für Probleme im System entstehen. Nein, sie hat dazu keine eigene Meinung, sondern ist auch in ihrer Denkweise an der Leine der Politik. Aus meiner Sicht müsste es zumindest möglich sein, dass die IV (bzw. deren Mitarbeiter) ihre Arbeit, ihre Stellung im gesellschaftlichen System, ehrlicher reflektiert und nicht einfach blind heraus behauptet: „Wir integrieren alle, es läuft super, und der Rest ist selber schuld.“ (so ähnlich interpretiere ich die Medienmitteilungen).

    Und dann möchte ich noch etwas sagen: Grundsätzlich geht für mich die Diskussion noch tiefer. Hier wird ja viel über die IV diskutiert. Aber für mich geht es grundsätzlich um gesellschaftliche Probleme. Viel mehr Menschen die krank sind und ihren Lebensunterhalt nicht selber bestreiten können. Wir haben scheinbar keinen Platz in der Arbeitswelt und teilweise auch grundsätzlich in der Gesellschaft. Da geht es um gesellschaftliche Probleme, um Werte und noch um viel mehr als dass alle finanziell versorgt sind. Da bin ich dann wohl wieder bei den Visionen angelangt. Da sehe ich auf jeder Ebene der Gesellschaft (vom Individuum, zu den verschiedenen Institutionen, über die Politik) jede Menge „Arbeit“ vor uns. Visionen die angelegt werden wollen.

    • @Nicole
      Will einer „reflektieren“, dann muss er dafür ein wenig Spielraum haben – genügend Zeit und Musse, Vorbildung, eigenständige Persönlichkeit. Das alles ist vermutlich ein bisschen allzuviel verlangt von Angestellten eines Staatsbetriebes.
      Dieselben unfähigen Leute, die vor fünf Jahren noch Betrüger nicht von tatsächlich kranken unterscheiden konnten und allen eine Rente gaben, … die sind heute genauso unfähig, können genauso wenig unterscheiden. Nun geben sie halt einfach niemandem mehr eine Rente.

    • @Jürg: Findest du? Die meisten bei der IV sind vermutlich sehr gut ausgebildet, Stefan Ritler als Theologe und Psychologe sowieso. Mag sein, dass der Spielraum als Beamte gering ist, aber sicher ist man nicht einfach eine Marionette.

    • @Nicole ich denke, Jürg trifft schon einen Punkt: Wer hat denn heute in so einer Position noch Zeit & Musse zu reflektieren?
      Es geht dabei ja nicht um die Bildung, die an einer Uni erworben werden kann.

    • @Mia: Dass die Zeit sehr knapp ist, das ist wahr. Muse können und wollen sich heute in der Tat nur wenige leisten. Wollen würde bedeuten weniger zu arbeiten und weniger auf Karriere zu setzen und weniger Geld zu haben. Doch gerade um Visionen zu entwickeln, von denen du ja sprichst, ist Reflektion doch notwendig?

  5. Ich fand Sandro Brotz schlecht vorbereitet. Ritler sprach halt wie ein Versicherungsmensch, das sollte eigentlich niemanden überraschen. Negativ bemerkenswert fand ich aber Peter Eberhard vom BSV mit seinem subtil zynischen Gesichtsausdruck. Aber eben, wir reden hier über die Versicherungsbranche, also auch nicht wirklich überraschend. Am Ende führt BSV/IV/Politik das aus, was die Bevölkerung entscheidet. Die IV interessiert Direktbetroffene, Verwandte/Freunde von Betroffenen und manche Ärzte, Fachleute und Institutionen, die von den Betroffenen leben, mehr nicht. Allen Anderen ist die IV egal, sie soll diese möglichst nicht tangieren. Deshalb bringt es nichts, wenn ein holpriger Sandro Brotz mit „Herz“ kommt. Hallo, schon mal in einer Versicherung gearbeitet, Herr Brotz? „Herz“?? Ich fand es eine Frechheit gegenüber Johanna Ott, dass er vom Thema offensichtlich wenig Ahnung hatte und hölzern Betroffenheit mimte. Ritler wird sich später heimlich über die plump gestellten Fragen gefreut haben, leider. Wäre schön, wenn das SF endlich mal jemanden findet, der von Versicherungen eine Ahnung hat und weiss, mit wem er/sie es zu tun hat. Dann müsste SF nicht immer das Leid Anderer instrumentalisieren und Betroffenheit vorgeben und könnte die IV mal intelligent anpacken. Ein schlechter Anwalt ist gefährlicher als gar keiner.

  6. Ich hatte nicht den Eindruck, dass Brotz schlecht vorbereitet war. Er brachte die Fragen, die sich die Durschnitts-Zuschauerin nach so einem Beitrag stellt, auf den Punkt – und wiederholte sie, wenn Herr Ritler nicht in der Lage war, eine nachvollziehbare und befriedigende Antwort auf eine einfache Frage zu geben. Da Ritler meist keine befriedigende Antwort geben konnte, musste er sich halt oft wiederholen. Sozialversicherungs-Chinessch hätte der Sache an sich eher geschadet als genützt.

  7. Eine Ausbildung ist das eine, sich Bewusst werden das andere. Druck vom System, durch Manipulationen von Politik. Wer will sich schon die Finger verbrennen. Mut ist den Schweizern abhanden gekommen, tun sie es doch wird mit Anzeige gedroht. Solidarität fehlt! Das Opfer muss den Beweis erbringen dass der Täter die Tat begangen hat, so ist es auch im beim kranken Menschen der seine Krankheit, resp. Schmerzen beweisen muss. Zum Teil einfach unmöglich. Dadurch kann er zur Marionette werden. Intelligenz entsteht nicht alleinig durch eine Ausbildung, es braucht auch Empathie dazu. Doch dies scheint vielen Schweizern abhanden gekommen zu sein. Ein riesen Trauerspiel Dank der bauernschlauen SVP und Ihren Genossen.
    Yvette

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