Ideen für die Zukunft der IV

Im letzten Blogartikel habe ich IV-Chef Ritler als Buchhalter ohne Visionen bezeichnet. Aber meckern ist ja immer einfach. Deshalb würde ich mich sehr freuen, wenn meine geschätzte Leserschaft in den Kommentaren unter diesem Artikel ihre Ideen zur IV mitteilt.

Hier mal einige Ideen (Liste natürlich total unvollständig) meinerseits:

  • Das ominöse und diskriminierende Konstrukt der Foerster-Kriterien soll durch eine Invaliditätsbemessung ersetzt werden, welche sich an den Richtlinien der ICF (International Classification of Functioning, Disability and Health) orientiert; das heisst; bei Schmerzpatienten und psychisch Erkrankten würde dann nicht nach dem «alles oder nichts-Prinzip» entschieden, sondern es würden wohl vermehrt Teilarbeitsfähigkeiten resultieren.
  • Damit Schmerzpatienten/psychisch Erkrankte angemessen eingegliedert werden können, braucht es eine spezifische Forschung: Welche Interventionen bei diesen Erkrankungen tatsächlich eingliederungswirksam sind; welches Setting bei welcher Erkrankung ect. Zudem sollten spezialisierte Programme für diese Personengruppe – bspw. in Zusammenarbeit mit psychiatrischen Kliniken – entwickelt werden.
  • Keine reinen «Schreibtischärzte» bei der IV: Ärzte, die beim RAD arbeiten oder für die IV Gutachten verfassen, müssen mindestens einen Tag in der Woche in der Praxis arbeiten (Im Spital, Gruppenpraxis, ect).
  • And for the record: Erworbene Behinderungen/Erkrankungen haben nur in ganz seltenen Fällen einen Einfluss auf die Intelligenz. Es wäre also schön, wenn man die Betroffenen von Seiten der IV auch so behandelt würden: Als normalintelligente, erwachsene Menschen.
  • Dazu gehört auch, dass man von der Idee wegkommt, erkrankte/behinderte Menschen wären durch ihre Erkrankung/Behinderung zu dummen, kleinen Faultieren mutiert, denen man mittels «Arbeitstrainings» nun wieder die zwinglianische Arbeitsmoral beibringen müsste. Viel gescheiter wäre es, Betroffene dabei zu unterstützen, wie sie lernen können, Erkrankung und (Teilzeit-)Berufsleben unter einen Hut zu bringen. Darin besteht die wirkliche Herausforderung bei einer Eingliederung. Die Erkrankung dabei verleugnen zu müssen (da sie mit genügend Anstrengung angeblich «eliminierbar» sei) führt nirgends hin: Ausser noch tiefer in die Krankheit.
  • IV-Stellen und BSV sollen mit guten Beispiel vorangehen und vermehrt Menschen mit (unterschiedlichen!) Behinderungen/Erkrankungen einstellen.
  • Bei der Neuentwicklung/Umgestaltung von IV-Bereichen, die Behinderte direkt betreffen, sollten Betroffene in beratender Funktion einbezogen werden. Es ist nämlich nicht das selbe, ob ein NICHT-Behinderter Angestellter einer Behinderten-Organisation die «Interessen» der Behinderten vertritt oder jemand, der z.B. selbst im Rollstuhl sitzt oder eine chronische Erkrankung hat.
  • Die falschen Anzreizsysteme welche die Invalidenversicherung dazu verführen, Kosten auf andere Kostenträger (Gemeinden, Kantone, andere Versicherungen) abzuwälzen (und dadurch das Leben der Betroffenen zusätzlich verkomplizieren und die Kosten für die Gesellschaft teilweise sogar insgesamt erhöhen) sollen wo immer möglich eliminiert werden.
  • Eine externe Stelle (sicher nicht die IV selbst, das sehen wir anhand der BSV-Studien, wie falsch das dann kommuniziert wird), sollte mal die Kundenzufriedenheit der IV-Kunden untersuchen. Da könnte man dann wohl einiges draus lernen. Wenn man denn wollen würde.
  • Systemische Vision:
    IV-Renten, Ergänzungsleistungen und Erwerbseinkommen müssen endlich gleich besteuert werden, ansonsten führt das zu diversen Absurditäten.

So und nun bin ich gespannt auf Ihre/Eure Ideen, bitte möglichst kurz, prägnant und einigermassen realistisch formulieren («IV-Renten für alle!» ist beispielsweise kein zukunftsträchtiger Ansatz ;-)

34 Gedanken zu „Ideen für die Zukunft der IV

  1. Die Konstruktion der IV als VERSICHERUNG ist ein Fehler. Es gibt einen «moral hazard» wie bei jeder Versicherung, d. h. einen Interessenkonflikt zwischen der Versicherung und den Versicherten. Darum überhaupt kam das Totschlagargument «Scheininvalide» auf. Mit der Mitwirkungspflicht hat die IV ein Werkzeug, um den Interessenkonflikt zu beseitigen: Versicherte werden der Willkür der Verischerung unterworfen. Wir müssen weg vom Konzept der IV als Versicherung.

    Im Moment läuft die Stimmensammlung für das bedingungslose Grundeinkommen. Darum möchte ich meinen Vorschlag im Zusammenhang damit einreichen. Mit dem Grundeinkommen kann die IV sich 1. auf die Finanzierung von Hilfsmitteln, 2. auf eine Modul-Entschädigung, die sich auf ICF stützt und 3. auf selbständige Assistenzbeiträge beschränken. Wichtig sind dabei einfach ermittelbare und objektive Kriterien. Schwer abzuschätzende hypothetische Zahlen wie das Valideneinkommen (ein hypothetisches Einkommen, das ein Mensch mit Behinderungen bei der Arbeit erzielen könnte, wenn er nicht behindert wäre) sind nicht erlaubt. Wenn wir es schaffen, die Kriterien zu entschlacken, können wir die Bürokratie der IV auf ein Bruchteil von heute herunterfahren. So gibt es viel weniger Bürolisten, die hinter Aktenbergen weltfremde Entscheide fällen, und weniger Gerichtsurteile, die jedes Rechtsgefühl verletzen.

    Mit dem bedingungslosen Grundeinkommen haben auch Menschen mit Behinderungen ein gesichertes Auskommen, zumindest teilweise. Hilfsmittel werden nach wie vor finanziert. Die Modulentschädigung dient als Pauschalentschädigung für einzelne Behinderungen und ist für alle Menschen mit einer bestimmten Behinderung von einem bestimmten Schweregrad gleich und wird nach ICF unterteilt. Mit zusätzlichen Assistenzbeiträgen können ausserdem Menschen, die viel Hilfe brauchen, ein selbständiges Leben führen.

    Eine unrealistische und unerreichbare Utopie?! Und, habe ich etwas vergessen?

  2. @ Daniel
    Vielen Dank für deinen interessanten und durchdachten Kommentar. Ich war mir sicher, das jemand das BGE erwähnen würde :)
    Da dies aber (sehr wahrscheinlich) noch in weiter Ferne liegt, wäre es auch schön, wenn auch noch Ideen kämen, die bereits im Rahmen des heutigen Systems umsetzbar wären ;)

    • Ja, du hast recht. Das liegt noch in weiter Ferne. Ich glaube aber, dass die «Diskussionspielregeln» Betroffene diskriminieren. Wir diskutieren über lächerliche Details wie die Abschaffung der Reisekosten, dabei ist die IV eine grundlegend falsch konstruierte Institution. Ich denke, das passt rechtsbürgerlichen Machiavellisten, die sich amüsieren, dass wir uns mit Peanuts fertig machen. Darum müssen wir provokativ auch das Undenkbare und das Visionäre ansprechen. Es braucht beides!

  3. PsychologInnen anstellen, die ein Mindestmass an Lebenserfahrung und Kenntnissen psychischer Krankheiten mitbringen
    ((Anm.: Hatte privat früher mal und beruflich heutzutage ständig mit IV-PsychologInnen (=BerufsberaterInnen) zu tun. Ich verwechsle sie regelmässig mit Teenagern, sowohl bezüglich Auftreten als auch Wissen. Die IV buttert unglaublich viel Geld in diese 25-jährigen UniabsolventInnen, die vom Leben noch keinen Blassen haben. Von Psychiatrie übrigens auch nicht, das ist eben auch kein Lifestyle-Studium.))

  4. @ Patrick, Dank deinem Kommentar ist mir grad auch noch was eingefallen, hab’s oben ergänzt:
    – Keine reinen «Schreibtischärzte»: Ärzte, die beim RAD arbeiten oder für die IV Gutachten verfassen, müssen mindesten einen Tag in der Woche in der Praxis arbeiten (Spital, Gruppenpraxis, ect)

  5. Ich schliesse mich der Argumentation von Daniel Ly an: Die Zeit ist überreif für ein bedingungsloses Grundeinkommen (BGE). Die Invalidenversicherung ist leider zu einem schein-rechtsstaatlichen Repressionsapparat verkommen, die Zustände haben unerträgliche Ausmasse angenommen. Das gegenwärtige IV-System setzt zu sehr auf das Brechen und Zermürben der Betroffenen, um diese, wann immer möglich, an andere Institutionen oder die schein-soziale „Sozial“hilfe abzuschieben. Das Problem ist, dass die IV die innersten Bedürfnisse der Betroffenen nicht ausreichend respektiert, geschweige denn ernst nimmt. Sondern über diese betroffenen Personen hinweg entscheidet und verfügt. Infolge des rein politisch-demagogisch angeheizten Spardrucks und der ganzen unerträglichen Rentenstreichungs-Unkultur löst die IV heute keine Probleme mehr, sondern verlagert diese höchstens. Auf der Strecke bleiben Bürger/Innen, welche in diesem Land aufgewachsen und mit unserer Kultur verwurzelt sind. Aber als unwillkommene Verlierer einer zunehmend egoistischen alle-gegen-alle Beisser-Gesellschaft systematisch ihrer Rechte gemäss Bundesverfassung beraubt werden und sich als die „Aussätzigen“ der heutigen Gesellschaft vorkommen.
    Dies passt schlecht zu einer Nation, welche sich auf internationalem Parkett bei jeder sich bietenden Gelegenheit als Hüterin der Menschenrechte und der humanitären Traditionen präsentiert.
    Deshalb sollte jeder/jede IV-Betroffene dieses Landes JETZT energisch und entschlossen für einen Systemwechsel hin zum BGE einstehen und sich natürlich auch an der gegenwärtigen BGE-Unterschriftensammlung beteiligen. Denn das BGE ist nicht etwa eine naive Utopie oder Illusion, sondern in der Praxis mach- und umsetzbar.

  6. Ohne hier eine Grundsatzdiskussion zum BGE (das war nicht die Idee dieses Artikels) loszutreten, möchte ich einfach mal anmerken, dass es in der Weltgeschichte auch schon einige revolutionäre Ideen gab, die in der Theorie die Glückseeligkeit auf Erden für alle versprachen (Stichwort: Kommunismus) und dann in der Praxis nicht ganz so viel Glücksseligkeit schufen.
    Ich persönlich bin deshalb der Idee «Das Ganze lässt sich nur mit einer Revolution verbessern» gegenüber eher skeptisch eingestellt. Es scheint mir zudem auch eine bequeme Art des Denkens zu sein: Revolution, dann ist alles gut. So einfach funktioniert das nicht. Es werden neue Detail-Probleme auftauchen, an die wir jetzt nichtmal denken. Die müssen dann auch wieder gelöst werden. Um die mühsame Kleinarbeit kommt man nun mal nicht herum. Auch nicht durch eine Revolution.

    • Der Vergleich des BGE mit dem Kommunismus oder einer Revolution ist nicht zutreffend und kontraproduktiv. Es handelt sich beim BGE lediglich um eine zeitgemässe Systemvereinfachung, welche sicherstellt, dass niemand mehr durch alle sozialen Netze fällt, so wie es heute – trotz oder gerade wegen einer aufgeblähten und gleichzeitig ineffizienten Sozialindustrie – zunehmend der Fall ist. Ausserdem wird das BGE weder den leistungsorientierten Arbeitsanreiz,, noch die Topverdiener oder den individuellen Reichtum abschaffen. Auch ohne hier eine BGE-Grundsatzdiskussion führen zu wollen, erschien mir diese Feststellung angebracht.

    • Liebe Mia, es tut mir leid, dass ich da ein ganz anderes Thema eingebracht habe. Mir geht es um einen kompletten Umbau des sozialen Netzes der Schweiz, wovon die IV nur ein Teil ist. Die Eigenverantwortung wird in der Schweiz hoch geschrieben, z. B. durch Franchise und Selbstbehalt bei der Krankenkasse, was ich gut finde, aber das funktioniert bei der IV nicht. Leider bestehen im ganzen System jede Menge falsche Anreize. Es lohnt sich nicht, fürs Alter zu sparen, weil es im AHV-Alter sowieso Ergänzungsleistungen gibt. Für einkommensschwächere Kreise kann es durch die Sozialhilfefalle oder durch einkommensabhängige Beiträge von Kitas zu einem Grenzsteuersatz von über 100% kommen. Das bedeutet, wenn eine Person mehr verdient, muss sie soviel mehr abgeben, dass sie nachher weniger im Portemonnaie hat als vorher. Mia, du hast recht, ich habe den Rahmen des Artikels bei weitem gesprengt.

      Darum fordere ich euch jetzt auf: Diskutieren wir nicht mehr über bedingungsloses Grundeinkommen oder über andere zukünftige Utopien, sondern über jetzt kurzfristig umsetzbare Vorschläge.

      Wer aber trotzdem weiter diskutieren will, soll auf meinen Namen klicken und mir mailen. Wenn sich genügend Leute melden, schaffe ich einen anderen Rahmen für eine solche Diskussion.

  7. Meine Hauptforderung subsummiert sich unter der Verwirklichung von fairen Abklärungsverfahren. Dazu sollte die Schweiz auch der Europäischen Behindertenrechtskommission beitreten. Sogar die Behinderten in Afghanistan sind vor der Schweiz dabei. Ich bin überzeugt dass in der Schweiz kein faires Abklärungverfahren garantiert ist, schon gar nicht mehr wenn Ausländische Gutachter sogar ohne rechtliche Folgen Urkunden fälschen können, oder unwahre Aussagen über die Herkunft und Art von Dokumenten abgeben dürfen.

  8. Als erstes müsste die IV auch rechtlich/formal in die AHV integriert werden. So schuldet die IV der AHV Zinsen für einmal ausgeliehenes Geld und das taucht dann in deren Rechnung als Schulden auf. Einkassiert werden die Beiträge für AHV/IV/ALV auch nicht getrennt. Getrennte Rechnungen in den sonst unter einem Dach existierenden Sozialversicherungen sind Unsinn.

    Dann sollten MEDAS-Stellen nicht mehr pauschal entschädigt werden, sondern nach Aufwand.Für ein MEDAS-Gutachten wird ca. 9000 Franken bezahlt, unabhängig davon, welche Untersuchungen vorgenommen wurden. Das ist ein Anreiz, 15 Minuten-Gespräche zu führen und dann einen Bericht zu schreiben, ohne diagnostische Untersuchungen durchzuführen.

    Das komplizierte System der Erwerbsausfallberechnungen, der vorallem Frauen mit Kindern benachteiligt, weil da angenommen wird, sie würden auch wenn die Kinder längst erwachsen sind, nie 100% arbeiten sollte durch ein reines auf dem Grad Invalidität basierendes System wie anderen Ländern auch ersetzt werden.

    Statt Anreize für die Wirtschaft mit Subventionierung von billigen Arbeitskräften durch die IV gehört abgeschafft. Andere umliegende europäische Länder verlangen von Betrieben mit 20 und mehr Angestellten eine Quote von Behinderten, die eingestellt werden müssen. Kann oder will das eine Firma nicht, zahlt sie einen Obolus. Eine solidarische Leistung für jene, die wirklich nicht in der Lage sind Menschen mit einer Einschränkung anzustellen.

    Invalidität durch Unfall und Krankheit sollten rechtlich und formal gleichgestellt werden. Ist es ein Unfall zahlt die SUVA oder Unfallversicherung der KK, ist es Krankheit zahlt die IV, aber nicht beide und nicht eine mehr als die andere. Wurde der Unfall durch Fremdverschulden ausgelöst entbindet eine solche Regelung die Haftpflichtversicherung des Verursachers nicht von der Zahlung einer Integritätsentschädigung.

    Bei IV-Rentern unabhängig davon, ob Geburtsgebrechen oder nicht, entfällt bei den Krankheitskosten (gerade wichtig für Chronisch Kranke) die Franchise und der Selbstbehalt und muss dann auch nicht aus der Kasse der Kantone (EL) bezahlt werden.

  9. Die Einhaltung bereits bestehender Gesetze und die Durchsetzung durch die Gerichte. Es ist anzumerken das oftmals Gesetze nach Nutzen gegen die Versicherten sortiert werden, solche die gegen die Versicherten sprechen werden mit Vehemenz befolgt, solche über die sich Versicherte wehren könnten -einfach unter den Stuhl gewischt und bei den Behörden Schubladisiert. Sehr gerne zum Beispiel die IV-Vorleistungspflicht (die ich hier in Glarus selbst mit grosser Schwierigkeit durchgesetzt habe bei der Arbeitslosenversicherung). Zudem gibt es keine Rechtssicherheit mehr für Behinderte, siehe die aufgehobenen Renten wegen „Somatoformer Schmerzstörungen“. Hier ist die Politik gefordert Rechtssicherheit zu verteidigen. Es gibt zwar von Ritler öffentlich erklärte Umstände, wann ein bei der IV angemeldeter Versicherter mit Eingliederungshilfen rechnen kann (z.B. 30% Teilarbeitsfähig durch den Arzt erklärt -während dem Rentenverfahren), aber in Wirklichkeit herrscht hier einfach nur Willkür bei der Zulassung von Eingliederungsmassnahmen.IIZ-Hilfe Interkantonal? Ein Witz -gibts nicht zwischen ZH und Glarus. Kennt jemand einen solchen Fall? So Mia -ich hätte noch viel mehr, aber ich verkneife mir es nun, zugunsten weiterer Ideen von Anderen :)

  10. Allem voran möchte will ich einige der oben aufgeführten Vorschläge unterstützten:
    1. Mia’s Forderung nach einer modernen Konzeption von Behinderung, nach der „International Classification of Functioning“ (ICF) der WHO soll die veraltete Begrifflichkeit der „Invalidität“ ersetzen. Aber wohlgemerkt: dann gibt es keinen „Invaliditätsgrad“ mehr – keine zweidimensionale Skala in welcher man einen genauen Punkt setzen kann, nach welchem dann Entschädigungen eingefordert bzw. erhalten werden können. Die ICF ist eben gerade darum als Denkmodell viel besser als die „Invalidität“, weil sie die Eigenschaften des Körpers (und des Geistes) der betroffenen Person in eine Beziehung setzt zu deren Umwelt (inklusive Vorurteile, Gesetze und Normen!) – und problemverstärkende Faktoren (wie z.B. diskriminierende Gesetze) genauso in Betracht zieht, wie problemvermindernde (wie z.B. hervorragende Persönlichkeitsmerkmale). Weder „Behinderung“ noch „Invalidität“ lässt sich „objektiv“ messen. Sie sind immer nur in einem bestimmten Kontext zu verstehen.
    2. Die Grundannahme jeder Versicherung ist jedoch ein „objektiv messbarer Schaden“. Der zugrunde liegende Fehler in der IV ist der Versuch, diesen Schaden einseitig am Körper (bzw. Geist) der versicherten Person feststellen zu wollen – gedanklich sozusagen auf dem Hintergrund einer perfekten Gesellschaft. Einfach ausgedrückt, findet eine versicherte Person eine Erwerbsarbeit so schliesst die IV daraus automatisch, dass sich der Gesundheitszustand der Person verbessert haben muss. Dass die reale Gesellschaft um diese Person herum einen mindestens ebenso ausschlaggebenden Einfluss auf die Erwerbs“fähigkeit“ der Person hat, wird gedanklich einfach ausgeklammert.
    Eine logische Schlussfolgerung aus diesen Überlegungen könnte durchaus das von den weiteren Kommentatoren (oben) ins Feld gebrachte BGE sein. In seiner gedanklich radikalen Form macht dieses Modell jedoch den genau umgekehrten Fehler: so wie die IV die Umweltfaktoren ignoriert, ignoriert das BGE-Modell die der betroffen Person innewohnenden Faktoren und ist damit auf seine Weise auch wieder ungerecht. So würde Faulheit genau gleich „entschädigt“ wie z.B. eine schwere körperliche Behinderung.
    So attraktiv angesichts der heutigen IV-Misere eine radikale Revolution auf den ersten Blick auch erscheint, so bin ich aus den dargelegten Gründen auch der Meinung von Mia, dass wohl oder übel die Kleinarbeit der Verbesserung des Bestehenden vielleicht doch der erfolgreichere Weg sein wird.
    3. INKLUSION, nicht nur der Menschen mit einer Beeinträchtigung sondern aller Menschen, muss zu einem Kernthema der Politik werden. Leider verstehen auch viele sogenannte BehindertenpolitikerInnen – ob selber betroffen oder nicht – den Begriff der Inklusion noch nicht (http://de.wikipedia.org/wiki/Inklusion_(Soziologie)). Praktisch bedeutet das, dass die Politik mehr Gewicht auf die Vermeidung bzw. Verhinderung von Diskriminierung legen muss um die Umweltfaktoren so zu beeinflussen, dass weniger Menschen behindert werden. Aus dieser Überlegung heraus halte ich die Idee einer Quotenregelung für Arbeitgeber für wenig zielführend. Bedeutend besser sind die (in den USA teilweise üblichen) Antidiskriminierungsmassnahmen. Das heisst, ein Arbeitgeber muss nicht nachweisen, dass er eine bestimmte Anzahl von (Quoten-) Behinderten, (Quoten-) Frauen und (Quoten-) MinderheitsvertreterInnen einstellt, sondern dass er aktiv für eine nicht diskriminierende Personalpolitik sorgt – von der Personalsuche, über Anstellung und Arbeitsplatzbedingungen bis hin zur Kündigung. Nicht-Diskriminierung (=Inklusion) muss zu einem verpflichtenden Prüfkrierium aller politischen Massnahmen werden. Die Erwerbsarbeit ist dabei nur eines von sehr vielen Feldern. So gilt das z.B. auch für den Wohnungsbau: „Universal design“ – also z.B. Wohnungsbau oder Gerätedesign der die Bedürfnisse aller Alters-, Geschlechts- und Gesundheitszustände mit einbezieht, wären andere.
    4. Aus denselben Überlegungen heraus würde ich auch das Votum von Kommentatorin Brigitte Obrist sehr unterstützen: das in der Schweiz so beliebte kleinkrämerische Sonder-Kässelidenken ist absurd und kostet uns alle vermutlich bedeutend mehr als alle „invaliditätsbedingten“ Ausgaben zusammen gezählt. Es schafft zwar Hunderttausende von (teuren!) Arbeitsplätzen für BuchhalterInnen und Kontrolleure aller Art – aber damit auch immensen Druck, bestehende Benachteiligungen und Diskriminierungen weiterhin aufrecht zu erhalten, damit all diese BuchhalterInnen weiterhin davon profitieren. Und es schaft immer neues Leid, weil die Menschen von einer Stelle zur nächsten geschoben werden bzw. zwischen Stellen hilflos hängen bleiben. So wäre zu fordern, dass alle verschiedenen Formen der Erwerbsausfallversicherungen (Alters-, Krankheits-, Unfalls-, Arbeitsplatzverlusts-, etc.) auf der Basis des ICF-Modells vereineitlicht würden.
    4. Auch innerhalb des bestehenden Versicherungsmodells IV gäbe es durchaus einleuchtende, sinnvolle Verbesserungsmöglichkeiten:
    a) Menschen mit einer Behinderung sind als erwachsende BÜRGERINNEN zu betrachten. D.h. es kann nicht länger angehen, dass Bund und Kantone diese Menschen faktisch entmündigen, indem sie Berufsverbände (unbehinderter) „Fachleute“ als legitime VertreterInnen der Betroffenen betrachtet. „Integration Handicap“ (früher SAEB), INSOS, PRO INFIRMIS, PRO MENTE SANA, und über 95% aller sogenannten Behindertenorganisationen sind nicht das, sondern Dienstleistungsunternehmen mit dem zentralen Interesse, die Benachteiligung von behinderten Menschen aufrecht zur erhalten um dann als „Helfer“ und „Retter“ ihre Brötchen (bzw. Subventionen in Millionenhöhe) zu verdienen. Wo immer Entscheide fallen die Menschen mit einer Behinderung tangieren, müssen diese Menschen selber als mindestens gleichberechtigte Partner in die Entscheidungsprozesse eingebunden werden.
    b) Das bedeutet unter anderem auch, dass der Gesetzgebungsprozess behindertengerecht zu gestalten ist. Gesetzesvorlagen sind in Zusammenarbeit mit behinderten Menschen zu erarbeiten – und so zu formulieren dass sie auch von intellektuell beeinträchtigen Menschen verstanden werden können (siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Leichte_Sprache).
    c) Die vom Kommentator David Siems geforderte gleiche Finanzierung von verschiedenen Lebensmöglichkeiten (im Heim oder zuhause) würde ich ausweiten zur Forderung nach durchgehend subjektorientierter Finanzierung. Nicht die Dienstleister (z.B. Heime, Pro Infirmis, INSOS etc.) sollen Geld bekommen um „Behinderte zu versorgen“, sondern die Behinderten sollen das Geld direkt erhalten und selber entscheiden, bei welchem Dienstleister oder wo immer auf dem freien Markt sie dieses Geld einsetzen wollen um ihren individuellen Bedürfnissen gerechte Dienstleistungen zu kaufen. Anstatt faule, innovationsfeindliche, qualitativ minderwertige Dienstleistungen in staatlich subventionierter Monopolstellung anbieten zu können, müssten Dienstleister für Behinderte in Zukunft – genau wie alle anderen Dienstleister auch – auf dem freien Markt gegeneinander konkurrenzieren und wären damit gezwungen, Preise zu senken und gleichzeitig ihre Qualität laufend zu verbessern.
    PolitikerInnen sind leider immer noch total im Almosendenken verhaftet und meinen dann immer, bei einem Systemwechsel zur Subjektfinanzierung zuerst mal einfach sparen zu können. Das gleicht einem Schuss ins Ofenrohr! Beim Systemwechsel muss zuerst von den bestehenden Marktpreisen (z.B. den Totalkosten eines Heimplatzes!) ausgegangen werden, damit ein freier Markt entstehen kann. Der Spareffekt setzt erst ein, wenn der freie Markt zu spielen beginnt. Er ist dann dafür umso nachhaltiger!

    d) Die von mir seit langem geforderte Möglichkeit der Rentensistierung: findet eine IV-RentnerIn einen Arbeitsplatz, kann sie oder er die bestehende Rente einfach sistieren lassen und ohne lange Verzögerung wieder aktivieren, sobald sie/er den Arbeitsplatz (ohne Veränderung seines Gesundheitszustandes!) verlieren sollte und bis ein neuer gefunden ist.

    Das mal soweit….Ideen gibt es genug!

    • @Peter Wehrli, ich lese zu viel Fremdbestimmung, zuviel Fremdverantwortung, zu viel delegieren an Politik, an andere, an Gesetze in Ihrem Beitrag. Warum soll ich „inkludieren“? Mir genügt es, wenn ich mein Gegenüber korrekt einschätze, seine Fähigkeiten, seinen Charakter,

    • @Peter Wehrli, noch vergessen anzumerken: Die IV- ist eine Einkommensversicherung.

      Den Schaden objektiv zu bemessen ist bei allem noch das einfachste: Man vergleicht das tatsächlich realisierte Einkommen mit dem Einkommen, das ohne Behinderung realisiert würde. Das sind Franken und Rappen, umgerechnet in einen Quotienten. Statt 50’000 verdiene ich nur noch 25’000 also bin ich zu 50% Rente berechtigt. Die IV Prozente beziehen sich darauf, nicht auf den körperlichen/geistigen Zustand des Versicherten.

  11. Ich füge ein paar Dinge an, die mir gerade so spontan in den Sinn kommen:

    -Verantwortungspflicht für Gutachter. Sie beziehen derzeit einen mehr als ordentlichen Lohn, ohne dafür verantwortlich zu sein, ob ihre Vorhersagen/Aussagen korrekt und langfristig fruchtbringend sind. Ich weiss nicht, wie eine solche Verantwortung aussehen könnte. Vielleicht dass behandelnde Psychiater/Ärzte/Sozialarbeiter 5 Jahre später eine Beurteilung abgeben könnten, wie hilfreich das Gutachten wirklich war.

    -Eine Möglichkeit, gegen möglicherweise fehlerhafte Gutachten vorzugehen. Denn: Im Moment sind die Verfügungen der IV anfechtbar, diese kann man anfechten. Das Gutachten aber nicht, und da es meist die Grundlage für den Entscheid ist, ist das schlecht. Soweit ich weiss, ist es heutzutage kaum mehr möglich, gegen Gutachten vorzugehen und wenn, dann nur für finanziell Vermögende.

    -Nicht-Diskriminierung der bisherigen Päusbonog Diagnosen. Darunter fallen nicht nur klassische psychische Erkrankungen und Schmerzpatienten, sondern auch weitere komplexe Erkrankungen.

    -Ich liebäugle auch mit der Einführung des BGE. Aber ich sehe da auch die Probleme und die nicht zuletzt auch die Grenzen. Trotzdem habe ich die Hoffnung, dass die Welt dadurch weniger leistungsorientiert würde, also ganz grundsätzlich wieder mehr Menschen andere Werte entdecken würden. Das wäre für alle gut, denn je mehr Gesunde es gibt, die sich von der Leistungsgesellschaft abwenden, desto mehr Ressourcen gibt es für Nachbarschaftspflege, einander mal zuhören, gemütliches Beisammensein, einfach Da-Sein. Das sind so weiche Faktoren, die für ganz viele Menschen, ob mit körperlicher.

    -Mehr lebenspraktische Hilfe für Menschen mit psychiatrischer Erkrankung. Hilfe/Coachings für den Alltag.

    -Mehr Forschung im Bereich der Päusbonog Diagnosen, insbesondere was Integration/lebenspraktische Veränderungen im Alltag angeht. Was bringt langfristig etwas? Womit fühlen sich Menschen wirklich geholfen?

    -Da ich auch nicht an Wunder glaube, sondern gerne realistisch bleibe, finde ich, dass die Sozialhilfe bei der Wiedereingliederung noch zulegen muss und noch besser (nicht wenige Sozialdienste geben sich schon Mühe) auf kranke Menschen eingehen können muss. Es gibt etliche Werkzeuge, die den Sozialdiensten verwehrt sind. Beispiel: Leistungslohn. Bei der IV ist es möglich, dass ein Arbeitgeber einen leistungsschwachen Menschen einstellt und soviel für ihn zahlt, wie er eben leistet. Der Rest übernimmt die IV. Ich glaube das wäre bei der Sozialhilfe schwierig, Arbeitgeber sind ja auch an gewerkschaftliche Vorgaben gebunden. Trotzdem gibt es bei der Sozialhilfe genauso Menschen, die eben nicht soviel leisten können wie andere und deshalb nur sehr schwer einen Arbeitgeber finden werden.

    Ich behalte mir vor, später noch mehr zu schreiben, es sind wirklich nur gerade so einige Beispiele, die mir in den Sinn kommen….

    • Einige Bemerkungen zur Sozialhilfe: Wer sich mit direkt Betroffenen der Sozialhilfe unterhält, wird rasch erfahren, wie sehr die aus kommunalen Steuermitteln finanzierte Sozialhilfe allzu häufig als frustrierender und entmündigender Repressionsapparat empfunden wird. Aus meiner Sicht gehört die Institution Sozialhilfe vollständig abgeschafft, denn es handelt sich dabei um ein nicht mehr zeitgemässes Vehikel aus dem letzten Jahrhundert, welches primär und unverändert auf Sanktionierung und Erhöhung des Leidensdrucks setzt. Bei einem Systemwechsel hin zu einem BGE würde gerade auch die für die allermeisten Betroffenen sehr belastende Sozialhilfe abgeschafft, was ich grundsätzlich als erstrebenswert und positiv betrachte. Denn eine weniger verwaltungsintensive Grundsicherung, welche den Menschen ein Leben am Existenzminimum zugesteht, ohne diese noch zusätzlich zu entmündigen, entwürdigen und als Verlierer dieser Gesellschaft zu verwalten, sondern ihnen Luft zum Atmen lässt, wird bei genau diesen Menschen Raum für Neues und für kreative Selbstinitiativen entstehen lassen. Aber vielleicht ist das ja gar nicht erwünscht….

    • @Stephan: Solange es keinen besseren Ersatz gibt (auch das BGE wäre kein vollständiger Ersatz – nur so nebenbei – ) finde ich die Schweizer Sozialhilfe zwar in gewissen Punkten noch entwicklungsbedürftig, aber weltweit gesehen, sicher eines der luxuriöseren Netze. Oder hast du mal in Deutschland geschaut wie toll es ist mit Hartz IV zu leben? Das ist ja wirklich sehr sehr schwierig. Hier happert es zwar auch an etlichen Punkten, aber es ist ein Fundament da, das ich so keineswegs einfach abschaffen möchte.

    • @ Nicole: Wenn wir von „Fundament“ sprechen wollen, trifft dies für das BGE bei weitem mehr zu, als für die „Sozial“hilfe. Das BGE nimmt nicht für sich in Anspruch, ALLE Probleme lösen zu können. Aber es wird unter dem Strich, gegenüber der heutigen Situation voller Leerläufe, Rechtsunsicherheiten und dem hin und her (ab-)schieben der Betroffenen zwischen den Institutionen, eine markante Verbesserung darstellen. Ich bin mir aber bewusst, dass das Thema BGE polarisiert. Noch.

    • @Nicole, Selbstverständlich sind Gutachten anzufechten: Man stellt den Gutachter in Frage, seine Qualifikation, seine Unabhängigkeit, seine korrekte Bearbeitung der Vorakten, die Vorakten, die ihm zur Verfügung gestellt wurden. Man kann selber ein Gutachten bestellen. Das alles wird im Beschwerdeverfahren verhandelt.

    • @Jürg, Sie schreiben an Yvette: „Man kann selber ein Gutachten bestellen. Das alles wird im Beschwerdeverfahren verhandelt.“

      Das Erste mag stimmen -man kann eine Parteiengutachten machen lassen, aber „verhandelt“ wird das bei der IV im Beschwerdeverfahren nicht.

      Ich hatte bei einem seriösen Gutachteninstitut (welches mir von meinen mich behandelnden Ärzten empfohlen wurde) ein Gutachten über die Beurteilung durch die IV-MEDAS machen lassen. Das waren drei Medizin-Professoren, Fachexperten für die Krankheit unter der ich leide. Zudem ist einer der Professoren selber Gutachter.

      Das Resultat der Eingabe an die IV zu den mehrere Seiten umfassenden Einwänden zum IV-Gutachten war folgendes:

      Die Einwände seien „nicht nachvollziehbar“.

      Ein einziger Satz war die Antwort durch die SVA-IV Zürich, da wurde gar nichts verhandelt und schon gar nicht eine medizinisch fundierte Antwort von der IV zurückgegeben oder irgendwo etwas argumentiert. Das Einzige wo die IV darauf eingegangen ist war die Bemerkung dass die MEDAS einen Fachexperten ohne Berufsausübungsbewilligung in der Schweiz eingesetzt habe. Hier schrieb die IV, der deutsche Neurologe SB habe in Deutschland einen gültigen Fachausweis und sei deshalb befugt Gutachten zu erstellen über mich.

  12. -Ups, ich habe noch vergessen meinen Absatz vom BGE fertig zu schreiben. Ich wollte gerne schreiben, dass eine weniger leistungsorientierte Gesellschaft viele weiche Faktoren für sowohl körperlich als auch geistig oder psychisch Erkrankte verbessern würde.

  13. Weg vom Denken in Defiziten bezüglich IV-Klienten, was dem Schema F von IV Sachbearbeitern entspricht. Denn auch IV-Klienten haben Qualifikationen und Stärken wie jedermann auch und nur mit diesem Ansatz lassen sich Menschen integrieren. Kein Arbeitgeber wird jemanden aufgrund eines angeblichen „Defizits“ einstellen.

  14. Die Unterstützung der Selbsthilfeorganisationen muss grösser sein als die der Fachhilfeorganisationen. Es kann nicht sein, dass Selbsthilfeorganisationen, in welchen viele Selbstbetroffene ehrenamtliche Arbeit neben ihrem sehr häufig 100% arbeitserwerb machen müssen, während Fachhilfeorganisationen Personal Zeit zur Verfügung stellen können und dabei erst noch regulären Lohn beziehen können. Oder auch anders ausgedrückt: Ich glaube, es ist keine Übertreibung zu behaupten, dass 90% der Gelder, die Behindertenorganisationen vom Staat zukommen, an Fachhilfeorganisationen gehen und nur 10% an Selbsthilfeorganisationen. Die Macht muss endlich jenen zukommen, die es auch selber betreffen.

    Ich glaube nicht an das BGE, weil das wiederum zu anderen Anreize führt. Man darf nicht vergessen, dass die IV (ein weiterer Wunsch: Endlich den Namen der „Ungültikgeits-„Versicherung abschaffen oder dann wenigstens so ehrlich sein, worum es geht: um ungültige) zwar eine Versicherung ist, aber es Anreize gibt, wie bei jeder anderen sozialstaatlichen Organisation auch, z. B. Taggelder usw. Ich fürchte dass das BGE nicht finanzierbar sein wird.

    Schaffung von besseren Märkten: Bei vielen Hilfsmitteln versucht die IV, sich die Sache sehr einfach zu machen und wenn möglich ein Monopol aufzubauen oder aber wie bei den Hörgeräten geschehen, schlicht Leistungen abzubauen. Zum Beispiel kann man heute Hörgeräte in Apotheken kaufen, die ohne einen entsprechende gute Akustiker-Ausbildung (Dpl. Akustiker) ein Hörgerät verkaufen dürfen. Viel besser wäre es, würde die IV den Selbsthilfeorganisationen Hand dazu bieten, Tests und (Preis-)Kataloge durch die Behinderten selber anzubieten, so dass sie in der Lage sind, den Markt selber zu verstehen und eine andere Verhandlungsposition erhalten gegenüber Ärzten und Akustikern.

  15. Finde es toll diese Vorschläge lesen zu dürfen. Alle Kommentare richten den Fokus in eine Richtung, Stärkung des Selbstwertes eines Kranken oder behinderten Menschen, dieser an erster Stelle zur Genesung beiträgt und nicht die Arbeit an sich. Auch würden Eure Vorschläge der Gewaltprävention dienen. An Euch sind gute Politiker verloren gegangen :-) Yvette

    • @Yvette, Sorry, aber den Selbstwert muss sich ein Mensch selber geben.

      Wenn es nämlich ein Fremder tut, dann ist es ein Fremdwert und nicht ein Selbstwert. Das kann man mit Geld nicht machen. Es ist eine Frage der Persönlichkeit.

      In der Schweiz haben vielleicht 2 bis 5% der erwachsenen einen Selbstwert – egal ob behindert oder nicht. Und wer seinen Selbstwert gefunden hat wird regelmässig angeschossen. Das erlebe ich regelmässig, sogar hier mit meinen Kommentaren im Blog. Selbstwert hat sehr viel mit Eigenverantwortung zu tun. So kommt es, dass ich selber einerseits mich sehr einsetze für kranke und behinderte in meiner Umgebung und andererseits mit voller Überzeugung SVP wähle.

  16. Vorab durfte ich hier sehr viel interessante Beiträge und Vorschläge lesen.
    Für mich müsste künftig primär die rechtlichen Möglichkeiten für Betroffene stark ausgebaut werden. Der erwähnte Ombudsmann wäre ein erster Schritt dazu . Hier liegt für mich der Knackpunkt, weil nach einem ablehnenden Bescheid, stehen die meisten ohne Unterstützung und Geldmittel für notwendige weitere Prozesse da. All die Pros ziehen sich zurück, wenn ab einem gewissen Zeitpunkt Geld in die Hand genommen werden muss. Ich sehe in der ganzen Problematik eine verweigerte Versicherungsleistung, wobei sich der Mensch gegen eventuelle Gesundheitsschäden versichert (muss) um im Erlebnisfall in seinem Alltagsleben keinen zu starken Einbussen zu erleiden. Würde das selbe Vorgehen zB. in der Autosparte passieren, würde man bei solch einem chaotischen Vorgehen der Versicherung das Referendum ergreifen. Wie meinen Vorschreiberin auch erwähnt fehlt es an Menschlichkeit. Nicht eine Patientin mit 60 Jahren fast eine Std. födiblut bei offenen Fenster im Februar neben dem Bodensee warten lassen. Die ganze Revision lässt Praktiker aus dem aktuellen Alltag vermissen. Schreibtischtäter dürfen ungestört ihr Unwesen treiben. Hier begrüsse ich auch die Stärkung von Selbsthilfegruppen. Jeder IV-Klient sollte wieder nur „seinen“ Sachbearbeiter haben um Leerläufe zu verhindern. Letztendlich müssen wir uns aber klar sein, dass es hier um menschliche und gesundheitliche Schicksale geht, die sich niemand selbst gewünscht hat. Sie zur Strafe noch zu entmündigen finde ich himmeltraurig. Es gibt sehr viele griffige Vorschläge in den Kommentaren. So bleibt uns nur die Hoffnung auf ein Umdenken bei unseren „Volksvertretern .

  17. Jürg. Wer sagt Ihnen, dass ich mir den Selbstwert nicht selber gebe? Von Fremden, wie Sie es nennen, erwarte ich Anstand und Respekt,(Eigenverantwortung) das was die SVP mit bestimmter Sicherheit nicht politisiert. Mangel an Eigenverantwortung sollten Sie mir bestimmt nicht vorkauen, den hatte ich zu genügend. Es sollte Euch einmal bewusst werden, was Ihr zu Gewalt beiträgt und das sich ein einzelner Mensch gegen Hetzte nicht zur Wehr setzten kann. Bin mit Ihnen einer Meinung, dass viele Menschen keinen genügenden Selbstwert haben, darum funktioniert auch die Manipulation über die Medien so gut. Haben Sie gewusst, dass Schmerzen/Krankheit zunehmen, je tiefer der Selbstwert sinkt. Vermutlich nicht, sonst würden Sie nicht die SVP wählen.

  18. Jürg. Auf Ihren weiteren Kommentar, dass es Ihnen genügt, das Gegenüber Fähigkeiten/Charakter, korrekt einzuschätzen, finde ich schon etwas gewagt. Wie können Sie wissen, dass es korrekt ist.
    Betreffend dem Geld und der Persönlichkeit stimme ich mit Ihnen überein sieht aber in der Realität etwas anders aus. Ein Ombudsmann fände ich auch sehr sinnvoll.

  19. Ich finds gut, wenn hier angeregt diskutiert wird, aber das Thema war usprünglich “Ideen zur Zukunft der IV“ – damit es nicht in alle möglichen anderen Richtungen ausufert, schliesse ich die Kommentare nun.
    Danke nochmal an alle für die vielen tollen & engagierten Beiträge!

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