Fehlanreize mal andersrum: Zum Schaden der Betroffenen

Fehlanreize mal andersrum, drei sehr lesens- und bedenkenswerte Artikel:

Zum einen aus der gestrigen Sonntagszeitung: Der Druck auf die Schwächsten steigt – ein Blick hinter die Kulissen zeigt, wie der wirtschaftliche Druck auch vor Behindertenwerkstätten nicht halt macht: Mit bedenklichen Folgen für die Betroffenen:
«Um die Produktivität unserer Werkstätte zu steigern, wurden bei uns gezielt schwach behinderte Personen, die viel leisten, bevorzugt», erzählt eine Frau aus Freiburg, die in der Administration einer Werkstätte arbeitete. Sie wurde angehalten, in der obligatorischen Probezeit der Behinderten gezielt die Leistungsfähigen auszuwählen. «Versuch einfach, die Perlen zu finden», hätten ihr die Leiter gesagt. Der Grund: In einer Zehnergruppe brauche es mindestens sechs «Leistungsträger», um das Tempo zu halten. Wenn einer von diesen später in den normalen Arbeitsmarkt gehen wollte, hätten die Leiter stets versucht, sie davon abzubringen.»

Zum zweiten im heutigen Migros-Magazin: «Ein Burn-out zu haben, gilt als legitim» Sehr klare Worte von Psychiater Thomas Ihde:
Die Versicherungsklasse gibt quasi vor, wie schnell man Zugang zur spezialisierten Burn-out-Station hat. Meine Erfahrungen: Für einen Privatversicherten erhalte ich morgen oder übermorgen ein Bett. Für einen Allgemeinversicherten muss ich alle zwei Wochen anrufen und dann dauert es am Schluss doch zwei Monate, bis er aufgenommen wird — viel zu spät. Ferner ist beim kosovarischen Patienten die Wahrscheinlichkeit viel geringer, dass er überhaupt eine Burnout-Diagnose erhält. Viel eher wird die Diagnose «somatoforme Schmerzstörung» lauten.

Warum?
Aus Kostengründen.

Dann lautet die Diagnose also «unerklärliche körperliche Beschwerden»?
Ja. Und der Patient kommt dadurch auf eine ganz andere Behandlungsschiene — obwohl er ähnliche Symptome hat wie ein Burn-out-Patient. Bei Menschen mit Migrationshintergrund wird nur selten Burn-out diagnostiziert — und wenn, dann nur bei solchen in Kaderpositionen.

Das klingt, als wäre Burn-out für den Patienten die vielversprechendere Diagnose.
Das ist sie, nüchtern betrachtet, tatsächlich. Denn für Burn-out-Patienten gibt es viel spezifischere Behandlungen, sowohl im stationären wie im ambulanten Bereich. Und auch hier geht es wieder um Stigmatisierung: ein Burn-out zu haben, gilt heute als legitime Störung. Wer hingegen die Diagnose «Somatoforme Schmerzstörung» erhält, gilt als Simulant.

Gibt es entsprechend auch bei den Versicherungsleistungen Unterschiede?
Selbstverständlich. Für die Invalidenversicherung (IV) gilt die Somatoforme Schmerzstörung als überwindbares Leiden. Es heisst, man müsse einfach auf die Zähne beissen, dann könne man auch arbeiten.

Ganzes Interview mit Thomas Ihde

Und dann noch Infosperber über Armut als Geschäftsmodell. Daniel Schaufelberger, Dozent und Projektleiter an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit: Für den wirtschaftlichen Erfolg benötigten die Sozialfirmen gute Arbeitskräfte, doch seien es genau diese Leistungsträger, die am ehesten die Chance auf eine Rückkehr in den ersten Arbeitsmarkt hätten.(…)

9 Gedanken zu „Fehlanreize mal andersrum: Zum Schaden der Betroffenen

  1. Den Artikel der Sonntagszeitung habe ich in meinem Blog kommentiert.

    Mich beschäftigt das Thema, dass Menschen aus dem 1. Arbeitsmarkt ausgegliedert werden, um im 2. Arbeitsmarkt Akkordarbeit zu einem minimalsten Stundenlohn (maximal 5.- Fr.) zu leisten. Zum Leben brauchen sie eine IV-Rente.
    Die Geldflüsse des zweiten Arbeitsmarkts aufzuzeigen wäre interessant. David Siems kann das sicher bildlich darstellen:

    Da sind die Aufträge aus dem ersten Arbeitsmarkt
    IV-Gelder für betreute Arbeitsplätze evtl. auch vom der Arbeitslosenkasse oder Sozialamt
    Einnahmen aus verkauften Produkten

    Diese drei kommen mir spontan in den Sinn.

  2. Den Artikel der Sonntagszeitung kann ich bestätigen. Der Kanton hat auch bei uns gekürzt und es ist teilweise ein ziemlicher Salat entstanden. Gepaart mit Umstrukturierungen, die seit längerem stattfinden, ist ein Klima entstanden, wo Leute, die zB etwas mehr nachfragen (müssen), unter die Räder kommen können, wenn sie sich nicht wehren. Der Druck kommt von ganz oben und wird mehr oder weniger nach unten weitergegeben. Je nach Charakter wird damit sehr unterschiedlich umgegangen: Wer selbständig ist, schätzt vielleicht den entstandenen „Freiraum“, wer etwas mehr Zeit und Unterstützung braucht, wird wohl zunehmend Mühe haben. Diese Entwicklung überrascht mich nicht, sie ist die logische Konsequenz von dem, was überall passiert. Meine sarkastische Prognose ist seit langem jene, dass in Zukunft geschützte Arbeitsplätze entweder verschwinden oder durch „Gesunde“ besetzt werden. Einzelne besonders leistungsfähige Behinderte werden noch „mitarbeiten dürfen“, sofern sie sich schnell anpassen. Diese Behinderte werden sich gegenseitig als reine Konkurrenten wahrnehmen, womit die Geldgeber ihr Ziel erreicht hätten.

  3. Unerklärliche körperliche Beschwerden:
    Nicht nur bei Menschen mit Migrationshintergrund sondern auch bei Frauen vor allem bei jenen mit etwas schwierigen Lebensgeschichten, wird gerne einfach abgeschoben (nicht ernst genommen). Anstatt die Lebensumstände zu verbessern, werden Medikamente verabreicht, die Person wird ruhig gestellt. Es wird daran verdient, anstatt mitzuhelfen die Umstände zu verbessern, da es mit Kosten verbunden ist (z.B. Gewalt, Mobbing, Stalking). Auf die Zähne beissen um die Schmerzen und Erschöpfung zu überwinden ist eine wunderbare Idee, sehr intelligent. Ist von Kosten her natürlich auch lukrativer (Ironie ende). Tut der Patient dies einmal einige Jahre, so hat er darauf nicht nur Beschwerden im Kiefergelenk, sondern auch noch zusätzliche Schmerzen im Kopf und Gesichtsbereich, von den zerstörten Zähnen gar nicht erst zu sprechen. Bezahlen (Zähne, Medikamente)und ertragen (Schmerzen)darf es schlussendlich der Patient selbst. Auf das hin rennt der Patient erneut herum, von Arzt zu Arzt, irgend jemand würde die langersehnte Diagnose ja schon stellen,die dem Patienten eine Verbesserung des Gesundheitszustandes ermöglichen würde, denn mit somatischen Schmerzen kann der Patient nicht viel anfangen. Das einzige was sich darauf einstellt ist noch stärkere Erschöpfung/ Resignation. Eigentlich würden die Schmerzen alleinig schon genug behindern, aber dann kommt die Persönlichkeitsstörung dazu, diese den Selbstwert gerade nochmals reduziert, (natürlich Systembedingt)!? Auf das kommen die Politiker aufs Tablett und es wird mittels kriminalisieren solcher Personen Druck gemacht. Darauf werden solche Menschen noch zusätzlich diskriminiert und beschimpft, usw. Und jetzt: „Hopp an die Arbeit“!

    Warum ist dies so? Liegt es am Rechtssystem? Überlastung der Ärzte? Schlechte Ausbildung derer? Oder ist dies einfach nur Systembedingt (Kosten sparen)?
    Vermutlich ist es einfach nur der einfachste Weg, für die nicht Betroffenen (Gleichgültigkeit)!
    Yvette

  4. Mich hat der Artikel über die Sozialhilfe speziell interessiert. Der Artikel ist gut und zeigt die Problematik, aber auch Lösungsansätze. Danke für den Link. Bei dir mitlesen ist fast ein Lehrgang :).

  5. Ich frage mich zunehmend, ob die Wirtschaft wie sie jetzt ist, überhaupt das Modell sein kann für die Zukunft wo wir uns hineinintegrieren wollen und können. Unser Wirtschaftsmodell ist auf Wachstum ausgerichtet. Wachstum bedeutet, dass wir immer produktiver werden müssen. Ein Rückgang des BIPs gilt als Rezession und hat dementsprechend Auswirkungen auf unser Dasein.

    Gerade die vielen psychischen IV Bezüger und die erwähnten Sockelsozialhilfebezüger sind für mich zumindest möglicherweise ein Indiz (ich drücke das jetzt sorgfältig aus, weil es eine Behauptung ist, die eigentlich mal wissenschaftlich geprüft gehört….ist er das schon?) dass dieser Wachstumszwang zunehmend schwierig wird.

    Natürlich wird es in Zukunft nicht einfach nur einen Weg geben. Soviele kranke Menschen es gibt, soviele Umstände, Pechstränen, glückliche Fügungen, Charakteren, verständnisvolle Chefs etc. wird es geben und dadurch in einem Fall vielleicht eine Integration klappen und beim anderen nicht.

    Sehr sehr vieles in unserem Leben ist an diesem Hineingepasst werden in die wirtschaftlichen Umstände ausgerichtet, auch zBsp. die Schule oder eben der 2. Arbeitsmarkt.

    Gehört da nicht mal grundsätzlich darüber nachgedacht? O.K., wir können die Welt nicht ändern und die Schweiz steht nicht alleine da, aber zumindest nachdenken könnte man ja? Womit wir wieder beim Reflektieren wären! Für mich wäre es zBsp. eine gute Idee die IV hätte ein paar Denker dabei, einen Rat der Weisen (wie in Deutschland ;-)) Da könnten dann innovative Ökonomen und Soziologen diese Punkt mal überdenken…..während Herr Ritler weiter genügend Zeit zum Arbeiten und Handeln bleibt.

  6. 2007 hat die liberale «Denkfabrik» Avenir Suisse mal über die IV «nachgedacht». Das Buch heisst: «Die IV – eine Krankengeschichte» hier eine Zusammenfassung als pdf: https://ivinfo.files.wordpress.com/2013/02/iv_summary_dt.pdf
    Das «Hauptproblem» der IV sehen die Autorinnen Bütler & Gentinetta hauptsächlich in den «Fehlanreizen», sprich: dass die Leistungen zu grosszügig bemessen wären. Würden die Leistungen gekürzt, wären die Betroffenen viel motivierter zu arbeiten.
    Das Buch hatte sehr grossen Einfluss auf die IV-Gesetzgebung und Gentinetta wurde letztes Jahr auch an die IV-Stellen-Konferenz (Thema: Zukunft der IV) eingeladen, wo sie u.a. folgende «Anregung» gab: «(…) Ausserdem wird, um der Erosion der Sozialstaatsmoral entgegenzuwirken, soweit möglich für jede Rente eine Gegenleistung gefordert, z.B. in Form von niederschwelligen Arbeiten im öffentlichen oder privaten Sektor.»
    Quelle: http://www.ivsk.ch/dynasite.cfm?dsmid=99538&ID=91&ViewDet=True

    Philosophin (sic!) Geninetta 2009 in der NZZ: «Auch eine gegenwärtig steigende Arbeitslosigkeit ist kein Grund dafür, aus der IV eine – notabene wesentlich komfortablere – verkappte Dauerarbeitslosigkeitsversicherung zu machen.»
    http://www.nzz.ch/aktuell/startseite/was-die-iv-erlaubt-wird-genutzt-1.3565866

    Die eine Seite (Wirtschaft, alle bürgerlichen Parteien) stellt es einfach so dar, als sei Leistungsfähigkeit eine reine Frage des Wollens (die selben Kreise, die dann aber rummjammern und sagen, sie können keine Behinderten einstellen wegen den wirtschaftlichen Anforderungen), die andere «linke» Seite hingegen macht einfach alle Betroffenen zu aaaarmen Opfern, die man versorgen und bevormunden muss. Die denken auch nicht innovativ, sondern jammern nur rum, wie schlimm das alles ist für die Betroffenen und die bräuchten ganz dringend ganz viele Betreuungs/Unterstützungs- und Versorungs-Programme. Wo dann ganz viele Arbeitsplätze für (traditionell eher Links-orientierte) Sozialarbeiter/Soziolgen/Psychologen geschaffen werden.
    Beispiel-Buch für linke Sicht: http://www.edition8.ch/buch/invalidenversicherung-und-behinderte-unter-druck/

    Was fehlt, sind die Stimmen derjenigen, um die es eigentlich geht: Die Betroffenen.

    • Ja, Mia, besonders Deine letzten Sätze haben das Problem treffend beschrieben. Du schreibst ganz richtig, dass vor allem die Stimmen derjenigen fehlen, um die es eigentlich geht, nämlich die direkt Betroffenen. Das Problem ist: Den meisten dieser Betroffenen hat es schon lange abgelöscht. Auf der einen Seite wurden/werden sie von bürgerlicher Seite permanent als „faule Sozialschmarotzer“ oder „Schein-Invalide“ kollektiv diffamiert und unter Generalverdacht gestellt. Das bürgerliche Lager plädiert unverändert vor allem für Repression und Erhöhung des Leidensdrucks, um von den eigenen, den wahren Missbräuchen in diesem Land abzulenken. Das hat bislang ja ausgezeichnet funktioniert.
      Auf der anderen Seite haben wir die „linken“ Lösungsansätze, wonach den armen Betroffenen unbedingt mit ganz, ganz vielen und intensiven Coaching-/Betreuungs-/Motivations- und Beschäftigungsprogrammen auf die Sprünge geholfen werden muss. In diesem Bereich hat sich eine primär sich selbst alimentierende Sozialindustrie etabliert. Diese Sozialarbeiter/Soziologen/Psychologen/Coacher sind die wahren Profiteure der heutigen Situation und haben kein allzu grosses Interesse an einer Änderung der Verhältnisse.
      Wer sich aber mit den BETROFFENEN unterhält, erfährt rasch, dass sich diese nichts anderes wünschen, als wenigstens einfach nur die dringendsten monatlichen Rechnungen pünktlich bezahlen zu können und ihre Nischenexistenz am Existenzminimum wenigstens selbstbestimmt leben zu dürfen, anstatt die ganze Zeit über noch mit in uneffizienten Schein-Beschäftigungs- und Schein-Eingliederungsprogrammen wie dumme Tierchen behandelt zu werden. Und da sind wir halt schon wieder beim Thema bedingungsloses Grundeinkommen.

  7. Ich erlaube mir hier die Adresse fürs Kuckucksnest reinzukopieren (ganz unten im Link). Es gibt sicher viele Formen des Sich-ausdrückens. Ich finde, das KuNe ist eine gute Plattform für Psychiatriebetroffene.

    http://goo.gl/wQnry

    Das Ausdrücken ist das eine. Das Wahr-Nehmen auf der anderen Seite das Andere. Und Lösungen finden dann noch einmal etwas anderes.

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