Zimmerpflanzen reloaded

Im vorhergehenden Artikel habe ich einen weiteren wichtigen Grund für die geringe Verbreitung von Supported Employment in der Schweiz vergessen zu erwähnen: Die Vorurteile und Befürchtungen der Arbeitgeber gegenüber Menschen mit psychischen Erkrankungen. Im Interview erwähnt die Fragende zwar die KMU-Untersuchung, welche gezeigt hat, dass Unternehmen lieber wenig leistungsbereite gesunde, als leistungsbereite psychisch kranke Bewerber einstellen, Hoffmann weicht der Problematik der Stigmatisierung jedoch mit einer eher technisch orientierten Antwort aus und hebt finanzielle und organisatorische Anreize für Arbeitgeber hervor. Diese Anreize lösen das generelle Problem der Stigmatisierung natürlich nicht.

Und ein weiteres Detail (das ich eigentlich nicht erwähnen wollte, weil… man kann ja nicht immer meckern, aber es ärgert mich eben doch zu sehr) trägt da nicht unwesentlich dazu bei: Selbst Hoffmann als Eingliederungsprofi sagt diesen elenden Satz, den ich persönlich einfach nicht mehr hören kann: «Es gibt weniger sogenannte Nischenarbeitsplätze, wo Arbeit mit einer geringeren Qualifikation ausgeführt werden kann.»

Solange die Worte «Nischenarbeitsplätze» (Treue BlogleserInnen erinnern sich: Zimmerpflanzen!) sowie «geringe Qualifikation» (Again: Zimmerpflanzen!) geradezu zwanghaft im Zusammenhang mit der Arbeitsintegration von Menschen mit psychischen Erkrankungen bzw. überhaupt Behinderungen benutzt werden, braucht man sich dann aber nicht über eher zögerliches Engagement der Arbeitgeber wundern. Das Etikett «krank» bzw. «behindert» reicht ja schon, aber wenn das dann auch noch automatisch verbunden wird mit «niedrig qualifiziert» und «Extraanspruch für eine hübsche kleine Nische» – dann schlägt das selbst den wohlwollendsten Arbeitgeber in die Flucht.

Ich möchte ja niemandem böse Absichten unterstellen, aber es ist schon auffällig, mit welcher Vehemenz und Konstanz viele Eingliederungsfachleute (welcher Art der Eingliederung nun auch immer) dieses Mantra der Nischenarbeitsplätze/Niedrigqualifikation wiederholen. Man könnte fast den Eindruck bekommen, dass sie mit der Abwertung ihrer Klientel die eigene Notwendigkeit/Überlegenheit bekräftigen möchten. Frei nach dem Motto: «Es ist ja soooo schwierig für diese armen kranken und dazu auch noch dummen Geschöpfe einen Arbeitsplatz zu finden und zu behalten, deshalb braucht es uns, die echt tollen Eingliederungsfachleute, mit unseren geheimen Integrations-Superkräften».

Eingliederung ist ein Business. Klar. Und ja, Klappern gehört auch mit zum Handwerk. Aber die Abwertung der eigenen Klientel hat in einem professionellen Umfeld nichts zu suchen. Auch nicht im Sozialbereich. Das vermittelte Bild hat nämlich Signalwirkung. Da darf sich dann auch ein Direktor des Arbeitgeberverbandes (Thomas Daum anno 2010 anlässlich der Quotendiskussion) in aller Öffentlichkeit ganz selbstverständlich mit folgenden Worten äussern: «Wo soll eine Privatbank oder eine Ingenieurunternehmung Behinderte finden, um die Quote zu erfüllen?».

Denn wie wir ja alle wissen (und falls wir es wieder vergessen sollten, erinnert uns ein netter Eingliederungsexeprte daran) sind Behinderte und Kranke zimmerpflanzengleich ausschliesslich in Nischenarbeitsplätzen und bei niedrigqualifizierten Arbeiten zu finden. Und um jedem Arbeitgeber einzeln in hochbezahlten Coaching-Gesprächen zu erklären, dass der zu vermittelnde Klient zwar ein bisschen behindert aber doch gaaanz liiiieb und auch echt leistungswillig ist brauchen wir dann die Eingliederungs-Coaches. Ein sich selbst erhaltendes Sozialindustrie-Perpetuum-mobile.

Nicht falsch verstehen: Coaching ist eine ganz tolle Sache. Aber C.O.A.C.H so wie in Sportler-Coach, nicht wie in «der-Behindi-braucht-einen-Behindibetreuer-weil-er-selbst-zu-doof-ist».
Coach. Auf Augenhöhe. Einer, der den Klienten so gut coacht, dass der Coach sich selbst irgendwann überflüssig macht. Ja, ich weiss, das läuft der Geschäftsidee zuwieder, weil: Möglichst langwierige Abhängigkeit der Klienten zahlt sich natürlich aus. Selbständige Klienten sind Gift für die Geschäftsbilanzen der Eingliederungsfirmen. Aber eigentlich sollten das Ziel doch möglichst selbständige Klienten sein? Oder etwa nicht…?

Nachtrag 7. März 2013: Gestern wurde auf Tele Basel ein kurzes Interview mit Marcel Paolino gesendet. Paolino wechselte vom BSV (Bereich Eingliederung IV) zur Integrations-Stiftung ipt. Interessant u.a. anderem, wie er erwähnt, wie man bei der IV als Geldgeber ja das Geld denen geben wolle, die es am besten machen und die IPT hätte so von ihren Eingliederungserfolgen «geschwärmt»… Oder auch: wie toll es sei, wenn man es schaffe, die Leute auch nach langer Zeit ohne Arbeit wieder zu integrieren. (Wohlgemerkt: «man» schafft es, nicht «die Betroffenen schaffen es – mit unserer Unterstützung»).

3 Gedanken zu „Zimmerpflanzen reloaded

  1. Dass in Kasten 1 nichts von Lohn steht, dafür x-mal „sozial“, zeigt wieder einmal, dass Fachpersonen der Meinung sind, der Lohn sei für psychisch Kranke im Prinzip egal. Dabei ist er auch eine Form von Wertschätzung (oder eben nicht). Dass Hoffmann als einer, der „sich seit Jahren für das Supp. Empl. stark macht“, natürlich die Studien hervorholt, die dessen (einleuchtende) Überlegenheit zeigen, macht das Interview ein wenig zur Farce.
    Meine (private und berufliche) Erfahrung ist die, dass IV/Eingliederer sich schwer tun mit gut ausgebildeten KlientInnen, die ihre Leistung verbessern wollen. Diese sind aufgrund der längeren Ausbildung oft kritischer und erkennen auch Mängel in der Eingliederung, die sie thematisieren wollen (was unbeliebt ist). Und sie sind initiativ, was gerade die IV überhaupt nicht schätzt. Lieber hat man jemanden, der einfach froh ist, dass er/sie „eingegliedert werden darf“. Diese/r macht weniger Stress, man muss nichts überdenken, und das hat man gern in der Eingliederung.
    Eine Frage, die ich mir bei Serienmördern schon gestellt habe, kann man sich auch bei der Eingliederung stellen: Was passiert, wenn die Klientin/der Klient den Eingliederungspersonen fachlich überlegen ist?
    Oder, wie ich selbst bei Anderen beobachten konnte: Was ist, wenn er/sie sich erfolgreich anstrengt, aber die offensichtliche Unfähigkeit der Fachperson bringt die Eingliederung zum Scheitern?

  2. Ich habe zwei Punkte, die ich hier noch ein bisschen verspätet ansprechen möchte.

    Das mit den Zimmerpflanzen: Ich selber habe schon den Verdacht, dass in unserer Gesellschaft sozusagen eine Gruppe von Pflanzen bevorteilt und gefördert wird (die Hochleistungs-Kulturpflanzen, die viel schnellen Nutzen bringen) und dass andere Sorten (die alten „Bio“rüebli zBsp.) gefährdet sind, unter die Räder zu kommen. Und dass die vielleicht schon andere Bedingungen brauchen als eben die Hochleistungsrüebli, wo man mit viel Dünger schnell viel erreichen kann. Weisst du wie ich meine? Die alten Sorten haben auch ProSpecieRara die sie fördert, die brauchen einfach ein bisschen Werbung. Oder ein Beispiel aus dem Tierreich: Echsen und Blindschleichen brauchen auch ihre Ecke im Garten mit Steinen und Ästen. Das ist nicht sehr kompliziert und eigentlich für jeden Gärtner zu machen. Aber trotzdem nicht mehr selbstverständlich in der heutigen Zeit.

    Sind Zimmerpflanzen nutzlos, hast du das gemeint?

    Du bemängelst nun den Punkt, dass alle mit einer psychischen Erkrankung in dieselbe Ecke gedrängt werden. Das ist natürlich wirklich falsch. Kann ja gut sein, dass jemand wieder dort weitermachen kann und will wo er gewesen ist (Beispiel Politikerinnen die ein Burn Out hatten) und keine anderen Bedingungen braucht, also auch nicht als Spezialpflanze betrachtet werden wollen. Ich denke, da gibt es wohl sämtliche Grautöne. Dass gewisse Menschen Nischenarbeitsplätze brauchen, finde ich aber ziemlich unbestritten, du nicht? Es geht halt nicht, alle über einen Kamm zu scheren.

    Und zu den Coaches: Ich empfinde deine Aussage als ziemlich pessimistisch, auch wenn ich den Kern verstehe und bejahe. Ich glaube nicht dass Coaches derzeit daran denken müssen Klienten zu verlieren, dafür gibt es ja einfach genug zu tun auf diesem Markt. Und dass alle Coaches ihre Klienten von oben herab behandeln, das habe ich so auch nicht erfahren. Aber natürlich gibt es Unterschiede und ich finde den Sportlervergleich gut. Dafür braucht es natürlich Engagement, Erfahrung und ein gutes Gespür mit Visionen für den Menschen und die Gesellschaft. Ich glaube nur nicht, dass Generalverdächte und Aussagen die danach tönen als ob alle gleich (schlecht) sind, uns weiterbringen.

  3. Der Ausdruck «Zimmerpflanzen» stammt aus diesem Artikel: https://ivinfo.wordpress.com/2012/02/23/behindert-sein-ist-keine-qualifikation/ und ist dort auch ausführlich erklärt: Es geht darum, wie durch die Art der Kommunikation (dort: des BSV) impliziert wird, Betroffene wären sowas wie «Zimmerpflanzen» die einfach hin und hergeschoben werden können und selbst nix dazu zu sagen haben.
    Dito betreffend Coaches. Es geht nicht um einzelne Situationen zwischen Klient und Coach, sondern es geht um eine Aussage Hoffmanns, welche er in Zusammmenhang mit «supported Employment» tätigt, nämlich: «Es gibt weniger sogenannte Nischenarbeitsplätze, wo Arbeit mit einer geringeren Qualifikation ausgeführt werden kann.»

    Die Kommunikation über Betroffene sagt zum einen etwas darüber aus wie Fachleute/das BSV/Die Allgemeintheit sie sehen und prägt (wenn unwidersprochen) dieses Bild auch weiter. Darum geht’s mir.
    Nicht darum, ob es vielleicht auch Einzelfälle gibt, wo der Coach ganz toll ist (das sollte eigentlich der Normalfall sein) und der Arbeitgeber noch viel toller, weil er einen «Behinderten» einstellt (sollte auch normal und nicht Preisverdächtig sein).

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