Jahresbericht 2012 der SVA Zürich: #ilike

svazh

Foto: Annette Fischer, Basel

Stille und zarte Fotografien von Annette Fischer umranden den eben erschienenen Jahresbericht der SVA Zürich. Nicht nur die Bildsprache ist speziell, auch inhaltlich ist etwas spürbar, das man in den letzten Jahren im Bezug auf die IV-Thematik in der Öffentlichkeit oft schmerzlich vermisst hat; Reflexion, Ehrlichkeit und Respekt gegenüber den Betroffenen. Ein Auszug aus dem Jahresbericht:

«Es bedarf grosser Anstrengungen, Unternehmen für einen Eingliederungsversuch zu gewinnen (…). Besonders gross sind noch immer die Vorbehalte gegenüber Personen mit einer psychischen Problematik. Psychische Krankheiten lösen bei Arbeitgebern Unsicherheit und Vorbehalte aus. Die bestehenden Vorurteile werden vom Bild in den Medien bestätigt. Ist die Rede von IV-Rentnerinnen und IV-Rentnern, steht dies meist in einem negativen Kontext. Wer IV bezieht, wird «kriminalisiert», gleichzeitig werden Rentenaufhebungen skandalisiert (…)

Das Bild des IV-Rentners in den Medien steht fast immer im Widerspruch zu den Erwartungen des Arbeitgebers an seine Mitarbeitenden und im Widerspruch zu unseren Erfahrungen, denn die Mehrheit der IV-Rentnerinnen und Rentner möchte die Chance für einen beruflichen Neuanfang nutzen. Die IV-Rente ist ein Stigma für alle, die sich für eine Stelle bewerben. Damit die Eingliederung aus Rente gelingen kann, braucht es einen Sensibilisierungsprozess auf breiter Ebene. Es genügt nicht, wenn Personalverantwortliche offen eingestellt sind, denn es gilt, direkte Vorgesetzte und ganze Teams zu überzeugen, dass berufliche Eingliederung zur gesellschaftspolitischen Verantwortung gehört. Eine IV-Rente darf nicht länger ein Stigma für die berufliche Entwicklung sein. Krankheit kann jeden treffen, und deshalb braucht der Neustart nach oder aus Krankheit die Unterstützung von uns allen».

Besonders positiv aufgefallen ist mir auch, dass der Jahresbericht im folgenden (soweit es vom Verständnis her möglich ist) statt von IV-BezügerInnen von KundInnen spricht – und auch beim Abschnitt über den Assistenzbeitrag (der ja nicht nur IV-BezügerInnen offensteht) nicht von «Behinderten» sondern von «KundInnen» spricht.

Das von gewissen IV-Stellen quasi als ihre Hauptaufgabe in den Vordergrund gerückte «Betrüger jagen» wird im Bericht der IV-Stelle Zürich nur in einem kurzen nüchternen Abschnitt erwähnt und schliesst mit folgenden Zeilen: «Zu einer strafrechtlichen Verfolgung ist es nur in neun besonders dreisten Fällen gekommen. Mehrheitlich kann Arglist ausgeschlossen werden, da es sich meist um Verletzungen der Meldepflicht handelt.»

Natürlich gibt’s trotz allem auch ein bisschen Stirnrunzeln verursachende Abschnitte, z.B hier:

Im Jahr 2012 konnten 2400 Eingliederungen erfolgreich abgeschlossen werden. In 150 Fällen handelte es sich um eine Integration aus Rente. Das Verhältnis von Rentenzusprachen und Rentenablehnungen entwickelt sich aus Eingliederungssicht positiv, denn erfolgreiche Eingliederungen werden gemäss Weisung des Bundesamts für Sozialversicherungen als Rentenablehnung erfasst. Der Anteil der Rentenzusprachen hat sich von 46 Prozent auf 43 Prozent reduziert und entspricht damit exakt dem schweizerischen Durchschnitt. Gemäss BSV-Weisung wären dann also die restlichen 57% als «erfolgreich eingegliedert» zu bezeichnen…? Und bezüglich der 150 «erfolgreich abgeschlossenen Integrationen aus Rente» hab ich noch folgende Aussage von Harald Sohns, Sprecher des BSV im Ohr: «Wenn die IV gemäss ihrem Auftrag jemanden erfolgreich eingegliedert hat, heisst das nicht zwingend, dass diese Person eine Stelle im ersten Arbeitsmarkt gefunden hat».

Und… ich möchte ja nicht pingelig sein, aber am 14. Dezember 2012 war im Bund unter dem Titel «Langjährige IV-Bezüger lassen sich kaum integrieren» zu lesen: «So konnte die grösste aller IV-Stellen, jene des Kantons Zürich, von Anfang Jahr bis im November erst 20 Personen «rentenwirksam integrieren». Ich weiss ja nicht, was sie da noch gemacht haben, letzten Dezember in Zürich… (Haben die restlichen 130 «erfolgreich eingegliederten IV-Bezüger» urplötzlich alle einen Job als Weihnachtmänner und Christchindli gefunden?).

Nichtsdestotrotz, ich mag die «Grundstimmung» dieses Jahresberichtes. So diametral anders als diejenige des CSI IV-Stelle Aargau von 2011.