Der sympathische Projektmanager im Rollstuhl mit der Katze vs. die anonyme psychisch kranke Kantinenmitarbeiterin mit Migrationshintergrund

Im Februar 2013 erschienen zwei Artikel zum Thema IV in der Weltwoche. Der erste Artikel von Peter Keller hiess «Ausweitung der Therapiezone» und der Lead begann mit den Worten: «Über 100 000 Menschen beziehen aus psychischen Gründen eine IV-Rente». Illustriert ist der Artikel mit dem Foto eines Mannes in einem monströs wirkenden Elektrorollstuhl. Das Bild wurde seitlich aufgenommen und das Gesicht des Mannes ist deshalb nicht sichtbar, sichtbar ist nur eins: die Behinderung. Die Bildunterschrift lautet: «Vergangenheit: Invaliditätsrente bei schweren Geburtsfehlern».

Der Artikel beginnt so: «Einen Nachnamen hatte er nicht. Für alle im Dorf war er einfach, selbst im hohen Alter noch, der «Walterli». Der weiteren Beschreibung ist zu entnehmen, dass «s‘ Walterli» offenbar eine geistige Behinderung hatte. Und für Menschen mit einer geistigen oder körperlichen Behinderung – so die Weltwoche – sei die IV ursprünglich geschaffen worden.

Im weiteren Verlauf des Artikels mäandert der Autor von der hohen Zahl der IV-Renten aus psychischen Gründen zu Schmerzstörungen und Schleudertrauma, verwebt diese mit der Kostenexplosion bei der IV und landet schliesslich bei der «1968 geborenen D.», deren Geschichte die Weltwoche offenbar einem BGE entnommen hat. D. war vor ihrer Berentung Kantinenmitarbeiterin, hat einen Migrationshintergrund und mehrere psychische Erkrankungen, welche Historiker Peter Keller fachmännisch als «fragwürdig» einstuft um dann nahlos dazu überzuleiten, dass in einem kürzlich in der Weltwoche publizierten Betrugsfall «dieselben Beschwerden vorgegeben worden seien».

Keller kritsiert im weiteren die Zunahme der Geburtsgebrechen, insbesondere der ADHS-Fälle: «Was früher salopp als ‚Zappelphilipp‘ bezeichnet und in der Allgemeinheit vor allem als Ausdruck mangelnder Erziehung wahrgenommen wurde, gilt heute als medizinische Diagnose (…)» Daraufhin wird die Erweiterung des DSM gegeisselt und der Artikel endet schliesslich mit dem Satz «Mit etwas Geschick kann sich der Zappelphilip bis zu Pensionierung als IV-Rentner durchschlagen».

Kurz: der Artikel ist eine Art Restemülleimer, in den scheinbar einfach mal wahllos alles reingeworfen wurde, was zum Thema IV/psychisch/Betrug grad so im Kopf des Autors rumlag. Abgesehen vom eingangs erwähnten (geistig behinderten) Walterli, enthält der Artikel keine Namen, keine näher ausgeführten Lebensgeschichten, keine Gesichter, alles bleibt im Anonymen und Ungefähren, psychisch Kranke sind einfach eine exorbitant gestiegene Zahl in der im Artikel ausgiebig zitierten IV-Statistik.

Als direkter Gegenentwurf dazu folgte zwei Wochen später der perfekt durchkomponierte Artikel «Störfaktor im IV-Apparat» von Alex Baur. Lead: «Mirosch Gerber ist seit einem Velounfall an den Rollstuhl gebunden. Wie viele Paraplegiker arbeitet er trotzdem zu hundert Prozent und verzichtet auf eine IV-Rente» Auf dem Foto lächelt Rollstuhlfahrer Mirosch Gerber sympathisch in die Kamera während seine Katze durchs Bild läuft (Foto siehe hier).

Baur zählt zu Beginn die schweren Verletzungen auf, die der heutige Rollstuhlfahrer Mirosch Gerber durch einen Mountainbikeunfall erlitten hat, erwähnt auch die hohen Dosen vom Morphium, die nach den schweren Operationen nötig waren, sowie die enormen Anstrengungen der Reha und wundert sich, «mit welcher Energie Gerber heute trotzdem sein Leben meistert».

Überhaupt, so der weitere Grundtenor des Artikels, möchte der Rollstuhlfahrer vor allem eins: Der IV möglichst wenige Kosten verursachen. Da sich Gerber aufgrund seiner früheren Tätigkeit in der Baubranche auskannte, fiel ihm auf, dass die Wohnungsumbauten (welche die IV bezahlt) scheinbar nach dem Motto: »Egal wie teuer, die IV bezahlt ja» gemacht würden. Auch bei der Autoumrüstung wurde ihm eine «Luxusvariante» angeboten, die er ablehnte, da er sie gar nicht benötigte.

Aufgrund einer von der IV bezahlten Umschulung konnte sich Gerber schliesslich auch beruflich als Projektmanager wieder erfolgreich eingliedern. Immerhin ist die Weltwoche so ehrlich, auch zu schreiben, dass die IV infolgedessen entschied, dass Mirosch Gerber zu hundert Prozent arbeitsfähig sei. Von einem im Lead erwähnten «Verzicht auf die IV-Rente» kann also keine Rede sein, was Autor Baur aber nicht davon abhält, zu betonen, wie finanziell benachteiligt arbeitende Behinderte wären und dass es für sie viel lukrativer wäre NICHT zu arbeiten. Das trifft in Einzelfällen möglicherweise zu, lässt sich aber nicht einfach verallgemeinern – zudem wird auch das Bild vermittelt, die Betroffenen hätten die Wahl, nicht zu arbeiten (obwohl sie könnten), täten es also bloss aufgrund ihrer hohen ethischen Ansprüche und dem Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Versichertengemeinschaft.

Ja, so klingt das in diesem Artikel, weil Baur es ganz bewusst so darstellt und falls man den tieferen Sinn der beiden Artikel bisher noch nicht verstanden hatte, wird Baur noch deutlicher: «Es ist eine verkehrte Welt: Die körperlich handicapierten, für die die IV einst geschaffen wurde, stellen heute eine kleine Minderheit der Nutzniesser – während die Leiden des durchschnittlichen modernen IV-Rentners für den Laien kaum noch erkennbar sind».

Ja, wir wünschen uns auch alle die gute alte Zeit zurück, als man Körperbehinderte noch «Krüppel» nannte und sie vor der Öffentlichkeit versteckte, statt sie in den Nationalrat zu wählen. Als es noch keine Polioimpfung gab und kein Paraplegikerzentrum mit ausgezeichneter Reha und man psychisch Kranke einfach in Armenhäuser steckte. Das waren wahrhaft zauberhafte Zeiten. Da war die Welt noch in Ordnung. So muss es unbedingt wieder werden. Ist übrigens auch echt super, dass die Weltwoche seit 10 Jahren so tolle Artikel über psychisch Kranke schreibt. Das positive Image, das da vermittelt wird, hilft denen nämlich auch richtig gut bei der beruflichen Integration.

Disclaimer: Ich möchte in keinster Weise die enorme Leistung von Mirosch Gerber nach einem so schweren Unfall wieder sein komplettes Leben neu erlernen müssen, herabmindern. Ebensowenig möchte ich den Eindruck erwecken, dass die Rückkehr in die Arbeitswelt mit den noch verbleibenden Unfallfolgen einfach «ein Pappenstiel» wäre. Das ist es ganz sicher nicht und das alles verdient sehr grossen Respekt. Mir geht es einzig um die unterschiedlichen Darstellungen, und welcher Stilmittel sich die Weltwoche dafür in diesen beiden Artikeln bedient.

Nachtrag: Mirosch Gerber hat mich in den Kommentaren darauf aufmerksam gemacht, dass er durchaus eine IV-Rente beantragen und mit hoher Sicherheit auch erhalten würde.

7 Gedanken zu „Der sympathische Projektmanager im Rollstuhl mit der Katze vs. die anonyme psychisch kranke Kantinenmitarbeiterin mit Migrationshintergrund

  1. In Ihrem Text unterstelle Sie Alex Baur indirekt, er würde sich die alten Zeiten wünschen, als man Körperbehinderte noch „Krüppel“ nannte und sie von der Öffentlichkeit versteckte.
    Dem ist wirklich nicht so. Ihr Vorwurf auf die Adresse von Alex Baur ist falsch. Ich kenne ihn. Er behandelt Menschen mit Behinderung, so wie sie behandelt werden wollen: spielt keinen Gutmenschen und täuscht Mitleid, schon gar nicht, vor. Er sieht die Person und die Behinderung ist sekundäre. Hat zum Glück keinen Helferkomplex ist aber Hilfsbereit, wenn man ihn braucht. Sein Umgang mit behinderten Menschen ist vorbildlich… Wenn Sie es mir nicht glauben, lernen Sie ihn persönlich kennen. Sie werden überrascht sein!… sollten Sie aber nicht ernst genommen werden wollen und von ihm Mitleid erwarten, werden sie ihn hassen…
    Behindertenfeindlich ist Alex ganz sicher nicht, aber gnadenlos ehrlich!

  2. Darum geht’s doch gar nicht. Es geht darum, dass früher nicht alles besser war, wie es die Weltwoche (auch Keller, nicht nur Baur) impliziert. Dass aber die vermehrte Beteiligung an der Arbeitswelt der Köper- wie auch Sinnesbehinderten nicht nur deren tollem Charakter & Willenstärke zu verdanken ist, sondern auch einer sich wandelnden Gesellschaft, die es einem stark körperbehinderten Mann wie beispielsweise Christian Lohr überhaupt ZUTRAUT, sein Amt als Nationalrat auszufüllen blendet die Weltwoche komplett aus. Ebenso wie auch medizinischer und technischer Fortschritt dazu beigetragen haben, dass diese Kategorie Behinderter heute vermehrt im Berufsleben integriert ist.
    Die Weltwoche zementiert einfach ein holzschnittartiges Schwarzweissbild vom guten würdigen Behinderten vs. dem schlechten bzw. eben aus ihrer Sicht gar nicht behinderten Scheininvaliden.

  3. Starker Tobak den Sie hier verbreiten. Sie unterstellen mir also, dass ich gar keine IV Rente zugute hätte. Sie irren, mit meinem Verletzungskatalog und den Spätfolgen könnte ich wenn ich wollte, 5 IV Renten beantragen und mit hoher Sicherheit auch erhalten. Sie können das in ihrem Denkmuster möglicherweise nicht begreifen aber:

    SOLANGE ES GEHT VERZICHTE ICH BEWUSST AUF EINE IV RENTE. ich möchte finanziell unabhängig, körperlich und geistig aktiv bleiben, sozial integriert bleiben. Eine geregelte Arbeit ist die beste Voraussetzung dafür. Daran hindern mich auch meine extremen Spasmen, die Überempfindlichkeit im Bruchbereich, die kaputte Schulter inkl. Schmerzen, die linkseitig deformierten Finger, Blasen und Darmstörung mit akuten Problemen und natürlich mein Rollstuhl nicht daran.

    Nachdem mein Entscheid gefallen war 100% in das Arbeitsleben zurückzukehren, hat mir zuerst die IV Arbeitsberatungsstelle geraten das nochmals zu überdenken(!). Im Wissen, dass eine qualitativ gute Arbeitsstelle nur mit einem Pensum von mindestens 80% verbunden ist, war meine Entscheidung klar für mich. In einer frühen Phase kurz nach dem Unfall riet man mir sogar ab eine Ausbildung Richtung Fachhochschule zu machen, mit der Begründung dass die IV dann verlangen könnte, den Arbeitsgrad so hoch anzusetzen, dass es nicht mehr für eine Renten reichen würden…

    Sie konstruieren hier eine breitseitige globale Unterstellung, die keiner Faktenlage standhält. Es ist ein Jammergebabbel, einer geschützen Werkstatt, die eine panische Angst hat, ihr „geschützt“ zu verlieren und ihr Verhalten zu der veränderten Realität neu zu definieren….

    Herzlicher Gruss
    Mirosch Gerber

  4. Es ist schön, dass es Menschen gibt, die, (wie Sie, Herr Gerber) die Möglichkeit haben, trotz Behinderung 100 % zu arbeiten. Leider ist dies die Minderheit, und nein, es sind nicht alles Scheininvalide (wie uns sie Medien eintrichtern wollen), die eben dies nicht können. In den Medien hört man meiner Meinung nach viel zu wenig von Menschen mit Behinderung, die nicht 100% arbeiten können und trotzdem ein erfülltes Leben (mit Hilfe des Staates, was kein Verbrechen ist) führen. Diese Menschen wären es meiner Ansicht nach auch wert, in der Zeitung oder im Fernsehen erwähnt zu werden.

    Freundliche Grüsse
    Dominique Ruesch

  5. @ Herr Gerber
    Es tut mir leid, dass Sie sich von meinem Artikel persönlich angegriffen fühlen, das war nicht meine Absicht. In der ursprünglichen Fassung enthielt mein Text noch folgenden Disclaimer: «Ich möchte in keinster Weise die enorme Leistung von Mirosch Gerber nach einem so schweren Unfall wieder sein komplettes Leben neu erlernen müssen, herabmindern. Ebensowenig möchte ich damit aussagen, dass die Rückkehr in die Arbeitswelt mit den noch verbleibenden Unfallfolgen einfach «ein Pappenstiel» wäre. Das ist es ganz sicher nicht und das alles verdient sehr grossen Respekt. Mir geht es einzig um die unterschiedlichen Darstellungen, und welcher Stilmittel sich die Weltwoche dafür in diesen beiden Artikeln bedient.»

    Ich habe diesen Teil weggelassen, weil mir kürzlich jemand gesagt hat, ich müsse meinen Lesern nicht wie kleinen Kindern immer jedes Detail vorkauen und erklären, die Leute könnten schliesslich auch selbst denken. Offenbar lässt aber die verknappte Form einen grösseren Interpretationsspielraum offen. Insbesondere dann, wenn man nur diesen einen Artikel liest und die vielen anderen, die ich hier zum Thema IV und Behinderung (und speziell deren Darstellung in den Medien) mittlerweile geschrieben habe, nicht kennt.

    Ich möchte Ihnen zudem auch Folgendes zu bedenken geben: Sie fühlen sich von meinem Artikel persönlich angegriffen, Sie wollen Dinge richtigstellen, die Ihrer Meinung falsch dargestellt wurden. Meiner Meinung nach tun Sie dies völlig zu Recht, denn es ist unangenehm, wenn jemand, der keine Ahnung von der wirklichen Situation hat, dazu öffentlich einfach mal irgendwas schreibt. Es ist aber ganz besonders unangenehm, wenn der «Angriff» nicht mal gekontert werden kann, weil er in der Art und Weise geschieht, wie es die Weltwoche seit Jahren mit denjenigen tut, die eine «nicht für jeden erkennbare Behinderung» haben: Nämlich – wie ich dies in meinem Artikel beschrieben habe – in einer verallgemeinerten, abwertenden, anonymisierten und sich über die Betroffenen lustig machenden Form. Genau so wie Peter Keller dies beispielsweise mit der angesprochenen Kantinenmitarbeiterin «D.» macht.

    Diese Betroffenen können sich alle nicht wehren, so wie Sie es hier können (und wie ich schon sagte: zu Recht auch tun). Sie müssen einfach stumm die Folgen tragen, die diese enorme Stigmatisierung unsichtbarer Behinderungen mit sich bringt. Diese äussert sich beispielsweise darin, dass selbst der junge Mann der trotz seiner Schizophrenie arbeitet, sich nicht getraut, sein Gesicht im Fernsehen zu zeigen.
    Oder auch darin, dass Arbeitgeber grosse Vorbehalte haben, Menschen mit psychischen Erkrankungen oder chronischen Schmerzstörungen überhaupt erst einzustellen. Darüber steht aber nie etwas in der Weltwoche. Stattdessen wird seit Jahren munter drauf gehauen, wenn es um psychische Erkrankungen geht, und wählt man zur Abwechslung mal keine anonymen «Opfer» so dann ein totes (das kann sich dann ganz sicher nicht mehr wehren). So geschehen nach dem Suizid des deutschen Torwarts Robert Enke, der jahrelang unter schweren Depressionen litt und den Peter Keller in der Weltwoche daraufhin als Feigling verhöhnte.

  6. @ D. Ruesch: Die von Ihnen erwähnten Menschen werden nie in den Medien erwähnt werden, weil sie die Mehrheit der Leute schlicht nicht interessieren. Der Durchschnittsmensch möchte nicht mit „unangenehmen Themen“ konfrontiert werden, und Behinderung und Krankheit gehören für ihn dazu.
    Und für viele Leute scheint es sehr wohl ein „Verbrechen“ zu sein, mithilfe des Staates zu leben. Wenn es nicht so wäre, wäre die IV-Diskussion nicht so ein „Schlachtfeld“, sondern viel pragmatischer. Deshalb versuchen manche JournalistInnen und PolitikerInnen, mit möglichst extremen Äusserungen das Thema regelmässig aufzuheizen. Dies wiederum schürt Misstrauen. „Divide et impera“. Und in diesem Klima ist es schwierig eine/n IV-BezügerIn zu finden, der/die nicht mind. 80% arbeitet und sich porträtieren lassen will. Eine ehem. Arbeitskollegin (mit IV) war vor vielen Jahren bei Aeschbacher und hat offen über ihre Krankheit erzählt. Selbst einzelne Arbeitskolleginnen (ebenfalls mit IV) kritisierten den Auftritt hinter vorgehaltener Hand. Es gibt also selbst in den eigenen Reihen Leute, die finden, man solle lieber schweigen.

  7. Letzthin fragte mich eine Bekannte: “ Was sind das nur für Menschen, was für Journalisten, die fortwährend einseitige Informationen verbreiten und das Leid anderer in Kauf nehmen indem sie diese abwerten? Auf das ich nur eine Antwort wusste: “ Es gibt eine „Leserschaft“, die wollen so etwas einfach lesen!“
    In diesem Sinne möchte ich Ihnen einmal noch Danke sagen für Ihre guten Texte, diese dagegen steuern.

    Yvette

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