Paul Hoff: Eine psychiatrische Diagnose ist ein Handwerkszeug, kein Gesetz

Wann ist jemand psychisch krank, wann ist jemand psychisch gesund? Diese Frage wird gerade wieder heftig diskutiert, denn demnächst soll das Diagnosehandbuch für psychische Störungen DSM in einer stark überarbeiteten Form erscheinen. Kritiker bemängeln, die Änderungen würden dazu führen, dass immer mehr gesunde Menschen psychisch krankgeschrieben würden. Stimmt das? Und warum wird ausgerechnet über psychiatrische Diagnosen so heftig gestritten?

Im Kontext-Gespräch «Die Krux mit psychiatrischen Diagnosen» beleuchtet Psychiater Paul Hoff sachlich und ausgewogen das Zusammenspiel der verschiedenen Interessengruppen (Patienten, Angehörige, Ärzte, Krankenkassen, Pharmafirmen) sowie den Einfluss des jeweils herrschenden Zeitgeistes auf die Psychiatrie.

Hörenswert.

4 Gedanken zu „Paul Hoff: Eine psychiatrische Diagnose ist ein Handwerkszeug, kein Gesetz

  1. Ich habe mir vor einiger Zeit das Buch „Saving Normal“ vom Psychiater und DSM IV-„Chef“ Allen Frances vorbestellt, welcher dem DSM V kritisch gegenüber steht. Es kommt im Juli heraus.

  2. Ich habe so den leisen Eindruck, Allen Frances nutzt die Aufregung um das DSM5 auch sehr geschickt als Werbung für sein Buch. Entgegen Amerika sehen Schweizer (od. in der Schweiz tätige) Psychiater das ganze eher gelassen. Finde die Darstellung von Hoff in obigen Beitrag wirklich sehr ausgewogen.
    Auch Wulf Rössler sagte neulich in der «Schweiz am Sonntag: «Wir suchen ja die Leute nicht und erklären sie für krank, sondern sie kommen zu uns, weil sie an einem psychischen Problem leiden und Hilfe suchen».
    http://www.sonntagonline.ch/ressort/aktuell/2905/

    • Wie jede/r AutorIn versucht Allen Frances sicherlich auch, sein Buch zu verkaufen, aber ich kenne ihn nicht aus den Medien. Mein Therapeut hat mir mal von ihm erzählt. Mich interessiert weniger sein Standpunkt zur heutigen Psychiatrie als die regenerativen Kräfte des Gehirns, um die es im Buch unter Anderem gehen soll. Davon wird in der Fachliteratur relativ wenig gesprochen. Dass man bei ausländischen Büchern auch die dortigen Verhältnisse beachten muss, ist natürlich klar. Was die Rösslers betrifft, so habe ich beide schon in Dokus, Interviews und Diskussionen gesehen, und sie überzeugten mich nicht.

  3. @Patrick. Im Bund war ein Artikel zum Thema. Ich finde ihn leider online nicht. Fazit: Schweizer Psychiater findet, dass man das nicht 1:1 auf Schweizer Verhältnisse anwenden kann. Hier hat die Sozialpsychiatrie einen viel stärkeren Standpunkt als Medikamente. In den USA ist das anders. Krankheit ist dort viel stärker auch an die Pharmaindustrie gebunden. Je mehr Diagnosen, desto mehr Chancen ein Medikament auf den Markt zu bringen.

    Ich denke, das ist ein Thema das man differenziert ansehen muss. Ganz bestimmt ist es auch so, dass wer nicht in unsere Gesellschaft passt und darin funktioniert, eine Diagnose braucht. Auch wenn die Mechanismen eher gesellschaftlicher Natur sind. Aber sehr oft lässt es sich ja nicht auf einen Punkt bringen, oft sind bei einem Menschen mehrere Aspekte, die zu einem nicht-funktionieren, bzw. Krankheit führen. Ich finde es wichtig, dass Betroffene für sich Klarheit finden und einen Weg mit den verschiedenen Aspekten umzugehen. Insofern ist es ja wirklich sehr wünschenswert, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen, ob als Einzelner oder als Gesellschaft. Bezüglich einfachen schwarz-weiss-Bildern bin ich aber skeptisch.

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