Hans-Martin Zöllner: «Wenn der Patient macht, was wir wollen, nennen wir das Compliance»

Dr. phil. Hans-Martin Zöllner: Wenn man für die Patienten zu wissen glaubt, wo sie am besten wohnen, wie sie am besten Beziehungen gestalten, welche Psychoedukation sie brauchen und welches Wohnheim, oder auch nicht in ein Wohnheim, bei den Eltern oder nicht bei den Eltern, hat man schon verloren. Die Patienten wissen selber eigentlich, was sie brauchen. Manchmal muss man mit ihnen ein bisschen darüber reden, dass es klar wird, und dann müssen sie es tun. Ich habe nie, auch am Anfang nicht, mir für irgendeinen Patienten seinen Lebensweg ausgedacht. Und das passiert heute in der Psychiatrie so oft. Man sitzt zusammen, nennt das  Standort – ich  weiss auch nicht, warum man das so nennt, das ist eigentlich eine Verwirrungskampagne – und jedermann sagt, was er sich für den Patienten ausgedacht hat. Und dann wird der Patient da reingeholt, ganz verschüchtert,  wegen der vielen Menschen da; und dann sagt man: Wissen Sie, Herr Tobler, wir haben uns überlegt: Für Sie wäre doch das Beste, …… Und der Patient denkt: Die müssen es ja wissen, was das Beste ist. Na klar, ist ja … Und dann wird er wahrscheinlich in der nächsten Woche entlassen, weil er das macht, was wir wollen. Und das benennen wir dann mit dem Fremdwort «Compliance». So geht das heute in der Psychiatrie, und das macht mich zornig.

Boothe: Und was wollen die Patienten, wenn sie ihren eigenen Weg oder ihre eigene Situation selber bestimmen und jemanden wie Sie haben, der das dann auch wirklich hört, zur Kenntnis nimmt und respektiert?

Zöllner: Sie wollen wohl verstanden werden. Unter anderem wollen sie auch über Schuld und Scham reden. Was ist eigentlich passiert, dass ich, Hugentobler, schizophren geworden bin und du, Zöllner, ja offensichtlich nicht? Bist denn du der bessere Mensch? Bin ich der Schlechtere? Das ist so ein Thema, das Patienten interessiert (…)

Auszug aus einem ausführlichen und spannenden Gespräch zum Thema «Gute psychiatrische Praxis heute» zwischen Dr. phil. Hans-Martin Zöllner (Ehemals leitender Psychologe PUK Zürich) und Prof. Dr. phil. Brigitte Boothe im Rahmen des Forschungskolloquiums FS 11 vom 13. April 2011. Ganzes Gespräch lesen