Let’s talk about… mental health

Dem Thema «psychische Erkrankungen» begegnete man bei der NZZ bisher gewohnheitsmässig mit einer Prise Süffisanz, sei es, dass Michael Schoenenberger zu den Reisekosten bei der IV anmerkte, dass «IV-Rentner mit einer psychischen Behinderung kein Behindertentaxi bräuchten, sondern öffentliche Verkehrsmittel benutzen könnten» (Das war zwar komplett am Thema vorbei, aber Hauptsache Seitenhieb) oder dass man den Anfang August veröffentlichten Artikel über die Obsan-Studie über psychiatrische Inanspruchnahme und Versorgungsbedarf mit «Trend zum Stadtneurotiker» übertitelte.

Da aber ebendiese Obsan-Studie aufgezeigt hatte, dass in der Schweiz fast eine halbe Million Menschen in psychiatrischer Behandlung sind, dämmert es offenbar langsam auch den werten Damen und Herren an der Falkenstrasse, dass man sich vielleicht besser mal von den süffisanten Seitenhieben verabschieden sollte, da es sich bei einer halben Million Menschen nicht mehr unbedingt um eine «kleine Randgruppe» handelt, auf deren Kosten man sich mal eben ein bisschen lustig machen kann (Nicht, dass es jemals lustig gewesen wäre).

Der am 12. August 2013 erschienene Artikel «Volkskrankheit Depression: Soziale Pille gegen den Trübsinn» ist jedenfalls… komplett süffisanzfrei – Ja, er ist sogar richtig gut (Wenn man mal vom kleinen Ausreisser mit der «Wundertherapie Botox» absieht). Bereits der Lead macht ein deutliche Ansage: «Depressionen bringen grosses Leid und kosten die Schweiz jährlich über zehn Milliarden Franken. Weil die Krankheit stark von sozialen Faktoren abhängt, ist ihre Linderung auch eine gesellschaftliche Aufgabe.»

Und er lässt die betroffene Christine Heim selbst zu Wort kommen. Eine Betroffene darf was sagen! Hurra! Und das sogar, obwohl sie eine IV-Rente aus psychischen Gründen bezieht. Zudem ist Heim Präsidentin von Equilibrium und (ehemals) Pharmazeutin und nicht etwa jemand, der in einer geschützten Werkstätte Schräubchen sortiert. (Nichts gegen geschützte Werkstätten und Schräubchen sortieren, aber dass zwischen geistiger und psychischer Behinderung ein Unterschied besteht, ist immer noch vielen Leuten nicht klar: Geistige Behinderung bedeutet, dass der IQ unter 70 liegt, eine psychische Erkrankung hat in aller Regel keinen Einfluss auf den IQ, trotzdem werden in den Medien oft «glücklich eingegliederte psychisch Kranke» portraitiert, die einer relativ anspruchslosen manuellen Tätigkeit nachgehen.)

Aber zurück zum Artikel, schon im Lead angetönt, wird im Text nochmals verdeutlicht: «Das beste Antidepressivum und die kompetenteste Therapeutin allein können Depressionen nicht aus der Welt schaffen: Immer ist das soziale Umfeld am Ausbrechen der Krankheit und damit auch an der Heilung beteiligt.»

Und Alfred Künzler vom Netzwerk psychische Gesundheit plädiert für ein gesellschaftliches Umdenken: «Jeder müsse lernen, mit Konflikten und Misserfolgen konstruktiv umzugehen, das individuelle soziale Umfeld bewusster zu pflegen und die eigenen Kräften haushälterisch einzuteilen. Die Krankheit müsse entstigmatisiert werden; weil sie häufig mit sozial aufgeladenen Schlüsselereignissen wie Job- oder Partnerverlust verknüpft sei, sollten solche Lebensereignisse, die in jeder Biografie vorkommen könnten, normalisiert werden. «Bei diesen Ereignissen ist es normal, sich belastet zu fühlen; und es ist Ausdruck von verantwortungsvollem Umgang mit sich selber und nicht von Schwäche, dafür Hilfe in Anspruch zu nehmen.» Weiter wünscht sich Künzler, dass die Grundlagen der menschlichen Psyche «in den Schulstoff integriert» und die Pflege der psychischen Gesundheit so selbstverständlich werde wie die Pflege der körperlichen «beim Sport oder beim täglichen Zähneputzen».

(Das mit dem Zähneputzen… das kennen wir doch von irgendwoher…)

Die NZZ liess es aber nicht dabei bewenden, sondern doppelte am Tag darauf nochmal nach mit «Burnout und Depressionen: Manager sind auch nur Menschen». Der Artikel liest sich zwar zu weiten Teilen wie eine etwas spät nachgereichte und unzureichend getarnte Analyse der Hintergründe zum Suizid vom Swisscom CEO Carsten Schloter. Zeigt aber vielleicht gerade deshalb auch auf, dass Menschen eben so einzigartig nun doch wieder nicht sind und viele mit ähnlichen Problematiken zu kämpfen haben.

Patrik Müller hatte zur öffentlichen Debatte über den Suizid von Carsten Schloter bereits am 3. August 2013 in der Schweiz am Sonntag gesagt: «Die Debatte sagt einiges aus über unsere Gesellschaft. Ganz offensichtlich besteht Diskussionsbedarf – wir wollen reden über die Grenzen, die wir bisweilen erreichen, über die Leistungsgesellschaft und ihre Folgen auch fürs private Leben. (…)
Die kollektive Auseinandersetzung ist aber auch eine Flucht: Es ist in unserer Mediengesellschaft einfach, mit Freunden und Kollegen anhand von öffentlichen Schicksalen zu diskutieren. Einfacher, als über eigene Probleme und über Probleme nahestehender Menschen zu reden.»

Siehe auch: Let’s Talk about mental health – Tipps

4 Gedanken zu „Let’s talk about… mental health

  1. Wieso braucht es immer erst einen Schloter, bis die Wirtschaftsbosse und die (mehr oder weniger) hörigen Medien ein Thema aufgreifen? Immerhin sterben in der Schweiz jährlich mehr Leute wegen Suizid als im Strassenverkehr.
    Wenn das jetzt auch noch die Politik begreifen täte, so bestände die Möglichkeit, dass dies Thema vielleicht auch mal nachhaltig angegangen wird.
    Andernfalls versinkt es in drei Monaten in der Schublade – bis zum nächsten Schloter. Und dann geht das Gejammer wieder los. Und ändern wird sich weiter nichts.

    • Doch doch, die Politik begreift das auch langsam, nachdem der Nationalrat letztes Jahr eine entsprechende Petition noch bachab schickte, hat der Ständerat die Wichtigkeit des Themas erkannt und das Postulat der SGK-SR (12.2037. Beabsichtigte Massnahmen zur psychischen Gesundheit in der Schweiz) in der letzten Session angenommen: http://www.parlament.ch/ab/frameset/d/s/4909/408042/d_s_4909_408042_408101.htm
      Bemerkenswert ist hierbei, dass sich zwei FDP-ler, nämlich Gutzwiler (Präventivmediziner ) und NR Eder (überlebte den Amoklauf in Zug) dafür einsetzen.
      Das heisst, es ist besser abgestützt, als wenn es als einseitig „linkes“ Anliegen wahrgenommen würde. Zurecht. Psychische Gesundheit geht alle an.

    • Marie, danke vielmals um die Ergänzung zu den politischen Aspekten. Es war ein weiterer schlimmer Tag, aber Du hast in gerettet – you made my day. Danke!

  2. Bravo, cooler Artikel – vor allem dass die Unterscheidung zwischen psychisch und geistig behindert mal wieder dargelegt wurde stimmte mich zuversichtlich, dass ich nicht der einzige bin, der da einen Unterscheid erkennt.
    So cool Dein Artikel und die Aussage, dass Betroffene Aussagen machten konnten – etwas missfiel mir doch:
    Mir schienen die Aussagen der Betroffenen etwas kurz zu greifen: „Psyche pflegen wie Zähne putzen“ und „Das soziale Umfeld ist Schuld“.
    Das ist in etwa so (wenig) konstruktiv wie wenn mein guter Freund sagt, ich müsse mich nur etwas am Riemen reissen und schnell gesund werden, dann würde alles wieder gut. Oder die Aufmunterungen „Sei doch etwas fröhlicher“, „Schau nicht wieder so ernst“, „Wieso verkriechst Du Dich wieder – komm geniesse die Sommerhitze“.
    Dass solche Allgemeinplätze eine komplizierte Krankheit wie Depressionen nicht heilen, sondern gelinde gesagt nur noch schlimmer machen, ist auch in div. Leitfäden angekommen.
    Ob hier Heim/Müller vereinfachten oder der Journalist weiss ich nicht, aber so simpel wie die Lösung im Artikel dargestellt wird, ist sie auf alle Fälle (leider) nicht.

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