Integration bedingt Motivation bedingt Wertschätzung

Unter dem Titel «Wir stellen die ganze Person an» berichtete das St. Galler Tagblatt am 14. Oktober 2013 über die geglückte Eingliederung der an einer Angststörung erkrankten Corinne Burlet in die Thurgauer Firma tät tat. Der Artikel liest sich ziemlich erfreulich, bis… die Eingliederungsspezialistin der IV-Stelle Thurgau zu Wort kommt: «Nicht unbedingt das Handicap bereitet Schwierigkeiten. Stolpersteine sind eher mangelnde Motivation, Selbstinitiative und Eigenverantwortung der zu vermittelnden Person», sagt Renate Haas. «Es ist auch die Anspruchshaltung, die oft im Wege steht, um einen Schritt in eine andere Richtung zu machen.»

Die Zeitung hat dann noch beim Chef von Frau Haas nachgefragt, wie’s denn so aussieht mit der Integrations-Willigkeit der Arbeitgeber und titelt dazu: «Der Pool an Arbeitgebern reicht nicht aus». (Man kann es den Thurgauer Arbeitgeber wahrlich nicht verdenken, wenn sie sich unter «idealen Arbeitnehmern» etwas anderes vorstellen, als von der Integrationsspezialistin so liebevoll beworbene «unmotivierte IV-Fälle»…)

Die Nationalrätin Maja Ingold (EVP/ZH) hatte in der Herbstsession zu diesem Thema die Interpellation «Die IV ist ein Stigma im Bewerbungsprozess» eingereicht. Darin schreibt sie: «Den ersten Schritt auf dem Weg zurück in den Arbeitsprozess bewältigen die Betroffenen gut mit Trainingsarbeitsplätzen und Arbeitsversuchen. Der zweite Schritt – also die erfolgreiche Suche nach einer neuen festen Arbeitsstelle gelingt sehr selten. Grund dafür sind die fehlenden Arbeitgeber, welche die Chance gebenüber einen Neustart nach einer oder zu einer Krankheit und bereit sind, für offene Stellen auch Personen mit IV-Bezug zu berücksichtigen.»

Der Bundesrat wird gebeten, sich da mal Gedanken zu machen, wie man die Situation verbessern könnte.

Der Bundesrat findet jedoch, das brauche eben alles seine Zeit: «Gegenwärtig ist es somit verfrüht, neue Konzepte zu entwickeln, wie dies die Interpellation fordert» Und: «Eine Gesamtevaluation der IV-Revision 6a ist für 2019 geplant».

Es soll tatsächlich evaluiert werden, ob die versprochene Integration funktioniert? Na, das hat Zeit…. Keine Zeit hingegen hat nach einer Motion von Ständerat Urs Schwaller (CVP/FR) und dem expliziten Wunsch des Arbeitgeberverbandes die Rückzahlung der Schulden an die AHV. Und eine bessere Betrugsbekämpfung bräuchte es auch dringend (Ähem… Was denn noch? GPS-Fussfesseln für alle IV-Bezüger?). Immerhin: Die psychisch Kranken möchte man auch besser in die Arbeitswelt integrieren.

Die Sache ist eben nur die: Wenn man nicht evaluiert, welche Methoden bei der nachweislich recht anspruchsvollen Integration von psychisch kranken Menschen tatsächlich funktionieren, kann man keine Best Practice-Richtlinien entwickeln und wurschtelt einfach mal so ein bisschen rum. (Und falls es nicht funktioniert, sind dann einfach die unmotivierten IV-Bezüger schuld). SO klappt das nie, meine Damen und Herren Politiker.

Und bei der IV «Integrationsspezialistinnen» anstellen, die ihren Titel offenbar an der Thurgauer Chilbi gewonnen haben ist auch keine gute Idee. Und sie in der Lokalzeitung unqualifiziert zu Wort kommen lassen (siehe oben) schon mal gar nicht. Stattdessen wäre es an der Zeit endlich mal auf echte Fachleute zu hören.

Zum Beispiel den Neurobiologen und Psychiater Prof. Dr. Joachim Bauer (Autor u.a. von «Arbeit – Warum unser Glück von ihr abhängt und wie sie uns krank macht») der in einer hörenswerten Sendung bei Radio Vorarlberg (gesendet am 11.10.13) u.a. anderem erklärt, wie Motivation zustande kommt:

«Wenn jemand Freude an der Arbeit haben und gesund bleiben möchte, dann muss er oder sie motiviert sein. Die Motivation wird nicht durch guten Willen erzeugt, sondern auch durch das Gehirn produziert. Im Gehirn funktioniert das so, dass das Gehirn einen Cocktail an Botenstoffen produziert: Dopamin – die Energiedroge des Körpers – ist für den Körper wie das Kerosin für das Flugzeug. Es ermöglicht, dass unsere „Batterien“ geladen sind. Körpereigene Opioide sind Wohlfühlbotenstoffe. Sie bewirken, dass alles gut läuft und dass wir uns wohlfühlen in unserem Körper. Oxytocin, ein Vertrauens- und Kooperationshormon, sorgt dafür, dass wir anderen Menschen vertrauen können und dass wir Lust haben, mit anderen zu kooperieren.

Was muss auf einen Menschen einwirken, dass sein Motivationssystem aktiv wird? Zuwendung, soziale Akzeptanz, Wertschätzung, Anerkennung, wohlmeinende Kritik.»

Kurz: Menschen sind motiverbar durch ein soziales Umfeld, dass positiv mit ihnen umgeht.

Und jetzt überlegen wir mal, wie unsere Gesellschaft mit den IV-Bezügern umgegangen ist in den letzten 10 Jahren (und grösstenteils immer noch tut). Bei dieser enormem sozialen Akzeptanz müssten die Motivationshormone in den Gehirnen der IV-BezügerInnen eine geradezu bombastische Party feiern… Naja, eigentlich gleicht die diesbezügliche Motivations-Hormonstimmungslage wohl eher mehr der eines schlecht besuchten Begräbnisses. Deshalb ist es auch kein Wunder, dass gerade die am stärksten stigmatisierte (= sozial am wenigsten annerkannte) Gruppe, nämlich die psychisch Erkrankten, die grössten Probleme bei der Arbeits-Integration haben. (Die Paraplegikerstiftung hingegen hat eine Integrationsquote von 90%. Will etwa jemand behaupten, die Paraplegiker seien per se die besseren Menschen als psychisch Kranke? Ah ja klar doch, die Weltwoche natürlich. Siehe: «Der sympathische Projektmanager im Rollstuhl mit der Katze vs. die anonyme psychisch kranke Kantinenmitarbeiterin mit Migrationshintergrund»)

Aber von der Wahnwoche zurück zu den Fakten. Es ist ja eben gerade die «Motivation», die bei psychisch Kranken oftmals bemängelt wird. Motivation aber ist, wie wir oben gesehen haben, auch bei gesunden Menschen an gewisse Bedingungen (Akzeptanz, Wertschätzung, Anerkennung) gebunden. Bei psychisch erkrankten Menschen ist das nicht anders, oder wie zwei weitere Fachleute ausführen:

«Psychisch Kranke möchten schon arbeiten, aber sie «wollen» mit der Zeit nicht mehr.« Wollen» ist das Resultat von positiven rehabilitativen Prozessen, die Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl geben konnten. Wie sehr psychisch Kranke Lust bekommen auf «Arbeiten- wollen» hängt von der Qualität der rehabilitativen Versorgung, ihren Rahmenbedingungen und der Qualität der dort stattfindenden Beziehungen ab.» (Domingo/Baer: Stigmatisierende Konzepte in der beruflichen Rehabilitation, in: Psychiatrische Praxis 2003)

Und noch eine Fachfrau, Dr. Imgard Plössl vom Rudolf-Sophien-Stift in Stuttgart, führt in ihrem sehens/hörenswerten Impulsreferat (Was bedeutet barrierefreies Arbeiten für psychisch erkrankte Menschen? Gehalten am 26.09.2013 in Stuttgart) aus, dass die grössten Barrieren bei der Integration psychisch Erkrankter vor allem emotionaler Natur sind und auf Seiten der Betroffenen sehr oft aufgrund bisher erlebter Stigmatisierung entstehen. Denn wer aufgrund seiner Erkrankung bei der Arbeit immer wieder ausgegrenzt (gemobbt, gekündigt ect.) wurde, der ist eben irgendwann auch nicht mehr «motiviert», diese Erfahrungen womöglich nochmals zu machen.

Die grössten Barrieren bei der Integration psychisch erkrankter Menschen sind also v.a. Ängste und Unsicherheiten – sowohl auf Seiten der Arbeitnehmer wie auch der Arbeitgeber. Funktionieren kann Integration nur, indem man diese Ängste auf beiden Seiten (an)erkennt, ernst nimmt und abzubauen versucht, aber sicher nicht, indem Schuldzuweisungen à la «unmotivierte IV-Bezüger» und ebenso «unwillige Arbeitgeber» gebetsmühlenartig wiederholt werden.

Und vielleicht merkt man ja auch bei der IV-Stelle Thurgau noch irgendwann, dass ein Denunziationsformular auf der Webseite denunz_tg(anonyme Hinweise höchst willkommen, man beachte: einziges Pflichtfeld ist das Mitteilungsfeld) und «Integrationsspezialistinnen», die öffentlich ein mieses Bild von IV-Bezügern zeichnen, nicht der goldene Weg zum Vertrauen der zu integrierenden IV-Bezüger ist. Und Vertrauen (hier in die IV-Mitarbeitenden) ist – siehe Joachim Bauer weiter oben – eben auch ein entscheidendes Faktum, ob jemand motiviert ist, sich auf einen Integrationsprozess einzulassen.

Oder das ganze komplizierte Fachgebrabbel für die eher handfesten «SpezialistInnen» aus den ländlichen Umgebungen wie dem Thurgau erklärt: «Wie man in den Wald hineinruft…»

Wenn man sich ein anderes Resultat (=bessere Integration) wünscht, sollte man vielleicht mal was anderes in den Wald hineinrufen. Etwas Wertschätzung und Verständnis für die Ängste der Betroffenen wären mal ein guter Anfang.

Ein Gedanke zu „Integration bedingt Motivation bedingt Wertschätzung

  1. Wieder mal ein ganz hervorragender Beitrag hier auf ivinfo. Chapeau und grosses Bravo!

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