Hirnstrommessungen – Die Presseschau

«Luzern leistet Pionierarbeit» – hiess der Artikel in der Zentralschweiz am Sonntag vom 5. Januar 2014, der den BlätterMedienwald ins grosse Rauschen brachte. Seither gab es unzählige Artikel/Fernseh- und Radiosendungen über die pionierhafte IV-Stelle Luzern, die mittels Hirnstrommessungen auf Betrügerjagd geht. Auf einige ausgewählte Artikel/Sendungen möchte ich hier hinweisen.

Da mir der ursprüngliche Artikel aus der ZaS bei meinem letzten Artikel zum Thema noch nicht vorlag, hier allerdings erstmal eine weitere Folge aus unserer unbeliebten Serie «IV-Direktor Locher nimmt es mit der Wahrheit nicht so genau», in der ZaS ist nämlich zu lesen:

«Die mit Abstand häufigste Invaliditätsursache in der Schweiz sind psychische Krankheiten. (…) Dies bereitet Donald Locher, Direktor der Luzerner IV-Stelle Sorgen: «In der Schweiz stellen wir in den vergangene Jahren eine deutliche Zunahme an psychisch bedingten IV-Renten fest» sagt er.
Das geht ins Geld. Ganz anders ist die Entwicklung im OECD-Raum. Hier ist die Anzahl an Renten aufgrund von psychischen Erkrankungen seit Jahren stabil. Deshalb entschloss sich die IV-Luzern vor zwei Jahren, bei komplexen Fällen neue Wege zu beschreiten(…).

Die OECD sieht das allerdings ein kleines bisschen anders als Herr Locher: «Over the past two decades, most OECD countries have seen a sharp increase in the number and share of people claiming disability benefit on the grounds of mental ill-health» (Quelle: «Sick on the Job? Myths and Realities about Mental Health and Work» OECD 2012) Deshalb untersucht die OECD im seit einigen Jahren laufenden Forschungsprogramm «The OECD Mental Health and Work Project» die Hintergründe der steigenden Invaliditätsraten aufgrund psychischer Erkrankungen in den OECD-Ländern.

Als einziges Medium im ganzen «Hirnscanrummel» deutet die WOZ  in ihrem Artikel «Anleitungen zur Kränkung» vom 16.1.2014 zumindest darauf hin, dass sich die Problematik der steigenden Invaliditätsraten aus psychischen Gründen wohl kaum mit – notabene unwissenschaftlichen – Abklärungsmethoden aus der Welt schaffen lässt. Psychiater Daniel Hell in der WOZ: «Noch in den fünfziger Jahren arbeiteten in der Schweiz 75 Prozent der Beschäftigten hauptsächlich körperlich. Logischerweise waren die Folgeschäden vor allem körperlicher Art. Heute arbeiten 75 Prozent der Beschäftigten vorwiegend mental. Die Belastungsstrukturen haben sich also vom Körperlichen ins Psychische verschoben – und damit auch von objektivierbaren zu weniger objektivierbaren Beschwerdebildern.»

Und ausserdem: «Eine nicht notwendige Hirnstrommessung kann eine weitere Kränkung in der Krankheitsgeschichte der Betroffenen bedeuten», sagt dazu Daniel Hell. «Der Patient befindet sich in einer schamvollen Situation, indem ihm misstraut wird und er zum blossen Objekt gemacht wird. Ich erlebe immer wieder, dass ein Patient nach einer solchen Abklärung noch bedrückter ist als vorher.»

Da liegt aus meiner Sicht der eigentliche Punkt an der ganzen Sache. Der Luzerner IV-Dirkektor Donald Locher wollte sich auf Kosten psychisch kranker IV-Bezüger mit seiner «innovativen Pionierarbeit» profilieren. Man hätte das Ganze aber auch ohne allgemeinen Missbrauchsverdacht und ohne Angaben falscher Tatsachen (Siehe oben, Stichwort OECD) kommunizieren können. Etwa so: «Wir machen hier aktuell einen (wissenschaftlich begleiteten) Versuch, indem wir bei IV-Antragstellern mit den Beschwerdebildern X, Y, Z EEG’s ergänzend zur genaueren Abklärung einsetzen. Das ganze basiert auf folgender Methode, die laut Studien A, B, C folgende Aussagen zulässt: (…)».

Aber nein, Locher und seine Kollegen Dr. Peter Balbi (Leiter RAD Zentralschweiz, Internist) und der Psychiater Horst-Jörg Haupt (der die Hirnstrommessungen innitierte und auch durchführt) wählten einen anderen Weg. Am Netzwerkapéro des Luzerner Forum für Sozialversicherungen und Soziale Sicherheit vom 4. November 2013 referierten sie zum Thema «Innovative IT-Diagnoseinstrumente bei der Abklärung von psychischen Störungen in der IV». Die entsprechende Präsentation (als PDF) fällt vor allem durch eines auf: keine einzige Quellenangabe, keine Studien oder sonstige Referenzen, nur leere Behauptungen. Aber schön bunte Bilder, die zb. eine Depression «zeigen»:
qeeg_depression

Kleine Rinks-Lechts-Schwäche haben sie auch die Autoren (Danke @vivereintristitiaetanxietas für den Hinweis) Wie gesagt, keine Angabe der Bildquelle. Das könnte daran liegen, dass das alles auf sehr wackligen wissenschaftlichen Beinen steht. Neurologe Jan Conradi von der psychiatrischen Uniklinik Zürich sagt es in der empfehlenswerten Puls-Sendung vom 13.1.2014 deutlich: Ihm sei keine wissenschaftlichen Untersuchungen bekannt, wonach man mittels eines EEGS spezifische psychische Erkankungen oder deren Schwerergrad nachweisen konnte. Aber hey, der Innerschweizer Feld-Wald-Wiesen-Psychiater Horst-Jörg Haupt, dessen fachlicher Schwerpunkt laut Internet vor allem im engagierten Kampf für die Rechte Transsexueller besteht, weiss da sicher mehr als der Kliniker Conradi. Nicht falsch verstehen, die Rechte transsexueller Menschen sind ein überraus wichtiges Thema, nur weiss ich nicht genau, inwiefern dieses Schwerpunktthema Horst-Jörg Haupt dafür qualifizieren soll, mittels EGG-Messungen bei IV-Antragstellern psychische Krankheiten zu erkennen.

Haupt gibt sich dann auch in der NZZ von heute 18. Januar 2014 unter dem Titel «Zusätzliches Puzzleteil für die IV» auf einmal betont zurückhaltend: «Bei dieser Beurteilung sei man zudem äusserst vorsichtig, ergänzt Haupt. So sei ein auffälliger ERP-Befund nur dann für den Rentenentscheid relevant, wenn andere Untersuchungen, allen voran die neuropsychologischen Tests, in die gleiche Richtung zeigten. Umgekehrt führten «normale» ERP-Werte nicht automatisch zur Verweigerung der Rente, solange andere Tests eine klare Sprache sprächen. Diese Zurückhaltung sei nötig, weil in rund zehn Prozent der Fälle die ERP-Untersuchung trotz Funktionsstörung «stumm» bleibe.»

10% Fehlerquote? Hatte Herr Locher zu Beginn der ganzen Debatte nicht stolz betont, man hätte mittels der Untersuchungen genau feststellen können, dass 60% der Untersuchten ihre Beschwerden übertrieben und 40% untertrieben hätten? Ergo sagen also laut Locher/diesen Untersuchungen genau 0% der IV-Antragsteller die Wahrheit (?)

Ich hoffe, der Reputationsschaden für Herrn Lochers Glaubwürdigkeit ist mindestens so gross, wie derjenige den er hier – einmal mehr – den IV-Bezügern mit einer psychischen Krankheit angetan hat. Aber wenn ich das heutige Interview mit Herrn Ritler in der NZZ lese, habe ich so meine Zweifel, denn Herr Ritler findet: «Es darf nicht sein, dass die IV wichtige Erkenntnisse der Wissenschaft verpasst».
Humor hat er ja. Oh, er meint das ernst? Nun dann, soweit ich weiss, forscht die Wissenschaft auch kräftig daran, Biomarker bei chronischen Schmerzen ausfindig zu machen. Viel Spass dann mit den entrenteten Schmerzpatienten, die plötzlich alle auf einem EPR bestehen.

Da wird die Firma HBimed, welche Software und Untersuchungsmaterial anbietet, noch gute Geschäfte machen. Falls die bannbrechende Forschung der Firmengründer Dr. Andreas Müller (Chur) und Prof. Dr. Juri Kropotov (Russland) irgendwann auch noch in der Fachwelt breite Annerkennung findet. Moment, wozu wissenschaftliche Anerkennung von Fachleuten, wenn’s Herr Ritler und Herr Locher «wissenschaftlich» finden, reicht das doch… Gibt ja noch genug IV-Stellen in der Schweiz, die man mit dem Equipement beliefern kann…

Ergänzung 16. Februar 2014: In der NZZ diskutieren der Psychiater Michael Rufer und der Neuroinformatiker Enno Stephan über die Chancen neuer Technologien zur Krankheitserkennung: Erfasst der Blick ins Hirn die Psyche?
Auszug: Die IV will damit beweisen, ob jemand simuliert oder nicht. Ist das möglich?
Rufer: Nein, das ist wissenschaftlich absolut unhaltbar. Im Einzelfall kann man nie sicher sagen, wie das Ergebnis zu bewerten ist. Und ausserdem müsste bei der Interpretation das ganze Setting mit einbezogen werden: Lässt jemand freiwillig seine Hirnströme messen, wie beispielsweise im Rahmen von Forschungsprojekten, funktioniert das Gehirn ganz anders als in einer Stresssituation. Steht jemand unter Druck und ist nervös, verändert das die biologischen Reaktionen des Gehirns.

6 Gedanken zu „Hirnstrommessungen – Die Presseschau

  1. In der Abbildung hat sich wohl nicht nur ein Fehler eingeschlichen. Aber wenn man der „Wärmebildkamera“ glauben kann, dann ist nicht wie beschrieben in der rechten Hemisphäre etwas statistisch relevant, sondern in der Linken. Vermutlich ist Pendeln im Kt. LU inzwischen auch eine wissenschaftliche Disziplin.

    • Danke für den Hinweis! Hab’s oben noch eingefügt. Aber hey, linke Hirnhälfte, rechte Hirnhälfte – ist doch Hans was Heiri. Wer wird denn da gleich kleinlich sein… wir haben es hier schliesslich mit – wie sagte Herr Ritler – «wichtigen Erkenntnissen der Wissenschaft» zu tun.

  2. Mir hats auch weh getan zu lesen dass Herr Ritler hier die Wissenschaft derart betont hat in diesem Interview. Die gesamten Päusbonog Diagnosen sind auch nicht einfach vom Himmel gefallen oder zwecks Missbrauch erfunden worden. Auch da gibts wissenschaftliche Publikationen und Forschung. Ich wäre echt froh Herr Ritler würde die eigene Praxis diesbezüglich auch mal wissenschaftlich hinterfragen.

  3. Ausgezeichneter Bericht, Danke!
    Die IV tut gerade so, als handle es sich bei psychischen Krankheiten um ein rein Biopsychische Störung (am liebsten hätte sie eine reine „Neuropsychiatrie“). Das sich diese schönen Bio-Träume grösstenteils in Luft aufgelöst haben und in der Wissenschaft (wieder) das Biopsychosoziale Modell Gültigkeit hat, interessiert die IV – und Bundesgericht – nicht, da vermutlich viel zu Komplex. Und diese schönen Bilder der „kranken“ Hirne beweisen gar nichts, da z.B. Antidepressiva den Hirnstoffwechsel zwar häufig schnell „anregen“, das aber keinerlei Auswirkungen auf den Zustand, bzw. Leiden haben muss. Weil, wie Prof. Asmus Finzen so schön schrieb: „Wir wissen alle, dass sich die Krankheit nicht in den Synapsen abspielt, die spielt sich in
    den Zellen ab, wenn wir ein biochemisches Äquivalent suchen.“

    Dass psychischen Krankheiten selten Statisch und Linear verlaufen sondern „Wellenförmig“ oder Schubweise, ist allgemein bekannt und anerkannt – einmal von der IV abgesehen. Die nimmt beiunterschiedlichen ärztlichen Gutachten lieber an, dass es sich um Betrug handelt – was auch sonst?

    Nehmen wir einmal an, die Ergebnisse dieser Tests wären absolut Zutreffend und wissenschaftlich anerkannt, welchen Sinn würden sie den machen? Kann man in diesen „2-tägigen Assessments“ das Ausmass und Auswirkungen des Leidens auf die Arbeitsfähigkeit Feststellen und Quantifizieren? In einer total künstlichen, weil rein theoretischen Situation (und abgesehen davon: Gibt es etwas Subjektiveres als Leiden)?
    Natürlich nicht! Das weiss die IV (hoffentlich) auch, dazu gibt es schliesslich die Abklärungstellen und – bei aller Künstlichkeit, ist da wenigstens etwas Realität vorhanden, Interaktion mit Menschen, was – ebenfalls bekannt, massgeblichen Einfluss auf psychische Leiden haben, eben gerne auch „Beziehungsstörungen“ genannt (Blockierung, Ängste, Dissoziative Gefühle etc.(nicht-da-sein-Gefühl). Praktisch für die IV, kann sie doch solche „Störelemente“ einfach bei Ihrer Beurteilung ausklammern. Lieber im Vakkum (fast hätte ich schwarzes Loch geschrieben) mit Apparaten untersuchen das geht schneller und ist berechenbar. Und eben, dieses „soziale Zeugs“ hat ja nichts mit der Krankheit zu tun oder ist halt nicht mitversichert, weil nur Biopsychisch.

  4. Ach ja, meine Partnerin „durfte“ auch mal so einen „Beschwerdevalidierungstest“ machen – sehr einfache neuropsychologische Tests (ohne EEG). Wer schlecht abschneidet, steht im Verdacht zu Simulieren. Diese Tests nennen sich „Forensche Testbatterie“ und wurden entwickelt zur Kontrolle bei Verbrechern ob diese Kooperieren. Na ja, was für Verbrecher gut und recht ist, kann ja für psychisch Kranke nicht Falsch sein…

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