OECD-Länderbericht Schweiz zur psychischen Gesundheit und Arbeit

Die Hauptfrage, die die Schweiz im Bezug auf Menschen mit psychischen Erkrankungen seit 10 Jahren bewegt, ist ja vor allem: Wie verwehren wir denen bestmöglichst den Zugang zur IV-Rente bzw. wie kriegen wir die aus der IV wieder raus? Der medial/politisch/juristische Lösungsweg dazu lautet: Wir erklären die einfach für gesund! Problem gelöst. (Oder auch nicht…)

Der Ansatz des heute veröffentlichten OECD-Länderberichts Schweiz zum Thema psychische Gesundheit und Beschäftigung ist ein komplett anderer. Nämlich: Was muss man tun, damit Menschen mit psychischen Problemen gar nicht erst aus der Arbeitswelt herausfallen, bzw. wie finden sie überhaupt den Einstieg (wieder)?

Das ist ein fundamental andere Sichtweise auf die ganze Problematik. Sie beinhaltet nämlich die Anerkennung, dass psychische Krankheiten tatsächlich in nicht unerheblichem Ausmass in der Bevölkerung vorhanden sind und sich in der Arbeitswelt sehr behindernd auswirken können. Ich zweifle ehrlich gesagt ein kleines bisschen daran, ob «Die Schweiz» wirklich schon an dem Punkt angekommen ist, endlich mal diesen Richtungswechsel zu vollziehen. Das würde nämlich bedeuten, dass eine ganze Menge Akteure ihr bisheriges Verhalten ändern müssten und die ganze Eingliederungsverantwortung (Stichwort Mitwirkungspflicht) nicht mehr einseitig den Betroffenen übertragen würde.

Nach einer eingehenden Bestandesaufnahme der aktuellen Situation und der beteiligten Akteure kreist die OECD sechs Problemfelder ein und formuliert entsprechende Strategieempfehlungen für die politischen Entscheidungsträger in der Schweiz:

1. Arbeitgeber sind für den Umgang mit psychisch erkrankten Arbeitnehmern nicht optimal gerüstet. In Sachen Krankheitsmonitoring und Vorgehensweisen bestehen grosse Unterschiede.

  • Den Arbeitgebern adäquate Instrumente und Unterstützung zur Verfügung stellen, damit psychische Risiken am Arbeitsplatz angegangen werden können.
  • Arbeitsplatz-Output überwachen (z. B. Personalfluktuation und krankheitsbedingte Abwesenheiten) anstatt den Input (z. B. Arbeitsbedingungen).
  • Finanzielle Anreize für Arbeitgeber stärken durch vermehrte Einführung von erfahrungsbasierten Versicherungsprämien.
  • Die Ankerkennung von psychischen Krankheiten als Berufskrankheiten in Erwägung ziehen.

2. Die Invalidenversicherung zieht die Arbeitgeber immer noch zu wenig mit ein und bietet zu geringe Anreize für die Arbeitnehmer.

  • Anstrengungen unternehmen, um sicherzustellen, dass mehr Arbeitgeber sich bei psychischen Problemen der Angestellten an die Invalidenversicherung wenden.
  • Arbeitsplatzbezogene Frühinterventionsmassnahmen auf reguläre Arbeitsplätze aus  dehnen und Frühinterventionen vermehrt auf psychisch Erkrankte anwenden.
  • Multidisziplinäre medizinisch-berufliche Abklärungen öfter berücksichtigen und die Qualität der medizinischen Abklärungen und Rentenneubeurteilungen im Allgemeinen verbessern.
  • Arbeit lohnenswert machen für alle, die weiterarbeiten oder ihr Pensum erhöhen, auch durch sinnvollen Einsatz von Teilrenten und der Beseitigung von Schwellen im IV-Rentensystem.

3. Regionale Arbeitsvermittlungszentren (RAV) und Sozialdienste bieten Personen mit psychischen Störungen begrenzt Unterstützung.

  • Psychische Probleme bei Klienten identifizieren und diese rasch und mit der nötigen Fachkenntnis angehen.
  • Leistungsumfang der RAV erweitern, um Ausrichtung auf Klienten mit psychischen Erkrankungen, kranke Arbeitslose und Ausgesteuerte zu ermöglichen.
  • Kapazitäten der Sozialhilfe dahingehend stärken, dass mit psychischen Problematiken umgegangen werden kann, auch durch neue regionale bzw. kantonale Dienste für kleine Gemeinden.

[Anmerkung der Bloggerin: Aufgrund der kürzlich erschienenen BSV-Studie über die Profile von neuen IV-Rentenbeziehenden, die ergab, dass fast die Hälfte vorher Sozialhilfe oder Arbeitslosengelder bezogen, schreibt der Arbeitgeberverband am 21. Januar 2014 unter demt Titel: «Früherkennung und Reintegration: Arbeitslosenversicherung und Sozialhilfe sind gefordert»: «Die Untersuchung wirft die Frage auf, ob sich Arbeitslosenversicherung und Sozialhilfe nicht zu wenig auf die Früherkennung von psychisch belasteten Menschen und deren Arbeitsmarktfähigkeit ausrichten.(…) Die Studie spielt den Ball einerseits dem Bundesrat (Arbeitslosenversicherung), andererseits den Städten und Gemeinden (Sozialhilfe) zu. Auf die Schlüsse, die Bundesrat und Sozialhilfe-Behörden ziehen, darf man gespannt sein.»

An dieser Stelle heisst es für den Arbeitgeberverband: Zurück zu den Punkten eins und zwei der OECD-Empfehlungen und den weitergereichten Schwarzen Peter mal schön wieder einpacken. VOR Sozialhilfe- oder Arbeitslosengeldbezug haben die Leute nämlich in der Regel einen Job – solange der ihnen nicht aufgrund ihrer Erkankung gekündigt wird. Das mit der Früherkennung und Prävention darf sich der Arbeitgeberverband also mal schön selbst gross auf die Fahne schreiben.]

4. Interinstitutionelle Zusammenarbeit (IIZ) wird den aktuellen Problemen nicht gerecht

  • Finanzielle Anreize zur Zusammenarbeit der Hauptpartner der IIZ (RAV, Sozialhilfe, IV) verstärken und angleichen.
  • Gesundheitswesen zum gleichwertigen IIZ-Partner machen, um systematische Zusammenarbeit mit den psychiatrischen Diensten zu ermöglichen und bessere Vernetzung zwischen IIZ Caseteams und Arbeitgebern aufbauen.
  • Zusammenarbeit der Dienste ergänzen durch Integration von Dienstleistungen innerhalb der involvierten Institutionen.

5. Das psychiatrisch-psychotherapeutische Versorgungssystem könnte durch eine bessere Nutzung der vorhandenen Ressourcen bessere Ergebnisse liefern.

  • Vermehrt erwerbstätigkeitsbezogene Module in der Grundausbildung von Ärzten miteinbeziehen.
  • Einführung von arbeitsbezogenen Richtlinien zur Behandlung von psychischen Problemen und verstärkte Zusammenarbeit mit den Arbeitgebern.
  • Verlagerung von stationärer auf vermehrte ambulante Behandlung und Tageskliniken und verstärkte Ausrichtung auf arbeitsbezogene Probleme.
  • Reduktion der Unterversorgung mittels verbesserter Zusammenarbeit und definierten Überweisungswegen zwischen der Allgemeinmedizin und der Psychiatrie und bessere Abgeltung der psychologischen Psychotherapeuten.

6. Die Ressourcen im Schulsystem werden zu wenig wirkungsvoll eingesetzt, um Schulabbrüche und häufige Wechsel in die IV anzugehen.

  • Den Schulen sollen Informationen darüber bereitgestellt werden, welche Angebote sie zur Verfügung stellen sollten und wie diese am besten zu nutzen wären um psychische Gesundheitsprobleme von Schüler/innen zu verhindern oder sie anzugehen.
  • Senken der vorzeitigen Schulabgänge auf Sekundarstufe II und der Lehrabbrüche durch systematisches Erfassen von Abbrüchen und verbesserte Zusammenarbeit mit RAV, IV  Stelle und den psychiatrisch-psychotherapeutischen Gesundheitsdiensten.
  • Übergänge in IV verhindern durch bessere Arbeitsanreize für gefährdete Jugendliche.

Die offizielle Medienmitteilung der OECD stellt das ganze unter dem Titel «Schweiz muss psychische Probleme in der Erwerbsbevölkerung angehen» kompakter und flüssiger lesbar dar, aber ich hatte den Artikel schon vor Erscheinen der Medienmitteilung geschrieben und bin zu faul das jetzt nochmal zu ändern. Ausserdem werden die meisten Zeitungen ja die Kurzform der Medienmitteilung publizieren – wie beispielsweise die Handelszeitung (erstaunlich flink) unter dem Titel «Jeder dritte Arbeitslose leidet an psychischer Störung».

. . . . . . . . . . .

Solche Empfehlungen haben natürlich immer auch etwas idealistisches (ist ja auch ok), besonders schön zeigt sich die Ideal vs. Realitäts-Schere angesichts der aktuellen Geschehnisse:

OECD zum Thema wie man bei der IV mit den Betroffenen umgehen sollte: «Dann sollten Leitlinien zu einer Reihe von Punkten ausgearbeitet werden, z.B. wie ein vertrauensvolles Verhältnis aufgebaut wird(…)»

Aktuelle Kommunikation der Schweizer IV: «Ihr kommt alle an den Lügendetektor, ihr Simulanten!»

Bei der «Vertrauensfördernden Kommunikation» gibt’s offenbar noch Entwicklungspotential… Wie in vielen anderen Bereichen auch. Mehr dazu im OECD-Bericht «Psychische Gesundheit und Beschäftigung».

Der Länderbericht zur Schweiz ist Teil des OECD Mental Health and Work Project.

. . . . . . . . . . .

Nachtrag 23. Januar 2014, 18.50 – Während man bei Pro Mente Sana oder dem Netzwerk für Psychische Gesundheit*offenbar noch über dem OECD-Bericht meditiert (Preview der Studie war bereits einige Tage im Vorraus für Pressseleute/Interessierte erhältlich) Kräutertee trinkt und darüber nachdenkt, ob man sich dazu vielleicht in ca. zwei bis drei Monaten mal auf der eigenen Website äussern könnte, nutzt der Arbeitgeberverband den OECD-Bericht unter dem Titel Unbestrittene Massnahmen der IV-Revision 6b jetzt umsetzen! bereits als Schützenhilfe: «Der Schweizerische Arbeitgeberverband will die mehrheitsfähigen Massnahmen der gescheiterten IV-Revision 6b schnellstmöglich umsetzen. Sukkurs erhält er nun auch von der OECD. Laut der Organisation sah 6b wichtige Massnahmen für den Erhalt der Arbeitsmarktfähigkeit und die Integration psychisch handicapierter Menschen vor. Viele Arbeitgeber engagieren sich diesbezüglich bereits – alleine können sie die zunehmenden Herausforderungen aber nicht meistern. Die erforderlichen Massnahmen müssen daher rasch umgesetzt werden, zumal sie unstrittig und bereits ausgearbeitet sind.(…)»

Ich werde die Bedächtigkeit der Schweizer Behindertenorganisationen nie verstehen.

*Nachtrag 24. Januar 2014, 18.00: Immerhin, das Netzwerk für Psychische Gesundheit verlinkt nun Medienmitteilung und Studie. Aber… Stellungsnahme? Wo denken wir hin!?

Ein Gedanke zu „OECD-Länderbericht Schweiz zur psychischen Gesundheit und Arbeit

  1. Endlich einmal Fakten und nicht Polemik um Scheininvalide
    und Betrug! Schon das tut gut. Der OECD-Bericht ist eine grosse Chance für die Schweiz. Er legt den Finger auf wunde Punkte, die vielen Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen ein gutes Leben verunmöglichen. Der Bericht macht konkrete Empfehlungen. Es lohnt sich für Gesellschaft und Politik sie genau anzuschauen und umzusetzen. Potenzial ist genug vorhanden. Nutzen wir es, statt viel Geld für fragwürdige Hirnscan-Tests auszugeben. Was die Rentenhöhe anbelangt, stützt sich diese auf die Bundesverfassung. Die 1. Säule – und die IV gehört immer noch dazu ! – hat die Existenz zu sichern und das allenfalls mit EL, wenn die Rente nicht reicht. Wenn heute 41,3% der IV-Rentenbeziehenden in der Schweiz bereits auf EL angewiesen sind, um über die Runden zu kommen, ist es sehr verwegen, tiefere Renten zu fordern. Die Anreize für die jungen Menschen müssen anders gesetzt werden.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.