Sprachleitfaden Behinderung

Sprachleitfäden (beispielsweise auch für gendergerechte Sprache) wirken auf viele Menschen erstmal unangenehm moralisierend und rufen deshalb oft heftige Abwehrreaktionen hervor, wie etwa: «Sprachpolizei!», «Verschandelung der deutschen Sprache!» oder auch «Viel zu kompliziert!».

Ich selbst gehe im Blog ziemlich schlampig ungezwungen mit «politisch korrekter» Sprache um, ich benutze oft die männliche Form, manchmal auch das Binnen-I und schreibe von «Behinderten» oder «Menschen mit Behinderung» in buntem Durcheinander. Ich halte es nicht für so besonders wichtig, sich permanent zu 100% politisch korrekt zu verhalten, aber man sollte wissen, wie’s geht. So ähnlich wie es von Vorteil ist, über Tischsitten Bescheid zu wissen, auch wenn man sie je nach Situation strenger oder weniger streng befolgt.

Tischsitten wie Sprachleitfäden sind nicht dazu da, um unser Leben besonders mühsam zu gestalten (obwohl wir alle als Kinder beim Erlernen der Tischsitten wohl genau diesen Eindruck hatten), deren (ungefähre) Beachtung zeigt aber u.a. auch den Respekt im Umgang miteinander.

In diesem Sinne möchte ich hier den «Sprachleitfaden Behinderung» der Fachstelle Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen der Stadt Bern nicht mit erhobenem Zeigefinger präsentieren, sondern eher als Anregung, sich über das eine oder andere doch mal Gedanken zu machen, da die Sprache, die wir verwenden, auch unser Denken und Handeln als Gesellschaft prägt:

Einleitung
Menschen mit Behinderungen sollen einen respektvollen Umgang erfahren – auch dann, wenn über sie geschrieben oder gesprochen wird. Der Leitfaden soll aufzeigen, wie Menschen mit Behinderungen dargestellt werden möchten und auf welche Formulierungen zu verzichten ist.

Haltung

  • Stellen Sie sich vor dem Schreiben oder Sprechen vor, wie Sie gerne dargestellt würden, wenn Sie eine Behinderung hätten.
  • Menschen mit Behinderungen möchten ernst genommen und als Bürgerinnen und Bürger wahrgenommen und respektiert werden. Sie als hilfsbedürftig darzustellen mag zwecks Generierung von Spendengeldern attraktiv erscheinen, entwürdigt sie aber auch.
  • Überlegen Sie sich, inwiefern die Behinderung von Bedeutung ist und ob diese überhaupt thematisiert werden soll.

Benennung

  • Die Person resp. die Personen, über die Sie berichten, sind in erster Linie Menschen. Diese Menschen (resp. Arbeitnehmende, Bürgerinnen und Bürger, etc.) haben eine Behinderung. Folglich sollen sie auch so genannt werden: Mensch mit einer Behinderung, Menschen mit Behinderungen
  • Der Terminus «der Behinderte» oder «die Behinderte» sollte nicht benutzt werden. Er reduziert den Menschen auf seine Einschränkung.

Klischees

  • Vermeiden Sie eine Darstellung, die Menschen mit Behinderungen als leidende Wesen, Opfer oder Sorgenkinder charakterisieren. Das Leben mit einer Behinderung kann zwar schwierig sein, die Behinderung selbst stellt aber nur einen Aspekt des Lebens dar. Die Reduktion des Lebens auf ein tragisches, sorgenvolles Dasein, wirkt stigmatisierend und fördert die Angst vor Behinderung.
  • Auf solche und ähnliche Formulierungen sollte verzichtet werden: «Die Person mit einer Behinderung trägt ein schweres Los», «hat ein trauriges Schicksal», «leidet an ihrer Behinderung», «ist an den Rollstuhl gefesselt».
  • Vermeiden Sie eine Darstellung, die Menschen mit Behinderungen als Helden charakterisieren. Menschen mit Behinderungen überwinden Hindernisse nicht trotz, sondern mit einer Behinderung. Heldendarstellungen erwecken den Eindruck, dass für eine erfolgreiche Lebensführung der individuelle Effort allein ausschlaggebend ist. Hindernisse im Alltag (beispielsweise bauliche Hindernisse) rücken hierbei in den Hintergrund.
  • Auf solche und ähnliche Formulierungen sollte verzichtet werden: «Die Person mit einer Behinderung meistert tapfer und mutig ihr Leben», «verfügt trotz Behinderung über viel Lebensfreude», «bewältigt das Leben auf bewundernswerte Weise».

Begriffe und Redewendungen

  • Invalid: Verwenden Sie den Begriff «Invalidität» mit Vorsicht. Zwar wird dieser von der IV verwendet und ist zur Bezifferung des Grades der Erwerbsfähigkeit zulässig. Eine Person als «invalid» zu charakterisieren meint im Wortsinne jedoch, dass diese Person wertlos sei.
  • Handicap: Im deutschsprachigen Raum wird Handicap fast synonym mit Behinderung gebraucht. Der Begriff kommt in jenen Ländern, aus denen er stammt, aber kaum mehr zur Anwendung. Mit gutem Grund: Der Begriff «Handicap» verweist auf die mittelalterliche Praxis von alten und gebrechlichen Menschen, die ihren Lebensunterhalt mit Betteln bestreiten mussten, mit der Mütze in der Hand (cap in the hand).
  • Normale Menschen: Menschen mit Behinderungen werden oft «normalen» Personen gegenüber gestellt. Auch wenn unbeabsichtigt, so impliziert dieser Begriff dennoch, dass ein Mensch mit Behinderung «abnormal» ist.
  • Rollstuhl: Häufig werden Menschen mit Behinderungen mit ihren Hilfsmitteln gleichgesetzt. So wird oft gesagt, dass der Rollstuhl den Hintereingang benützen darf. Hierdurch wird der im Rollstuhl sitzende Mensch unbewusst zum geschlechtsneutralen Objekt degradiert.
  • An den Rollstuhl gefesselt sein: Normalerweise sitzt jemand im Rollstuhl und erlebt diesen als dienliches Hilfsmittel und fühlt sich nicht daran gefesselt. Falls Sie jemanden sehen, der tatsächlich an den Rollstuhl gefesselt ist – binden Sie ihn los.
  • Er verbringt sein Leben in absoluter Dunkelheit: Diese Charakterisierung von Blindheit wird von Menschen mit Sehbehinderungen in aller Regel nicht geteilt – sie sehen zwar nichts, aber dunkel erscheint ihnen die Welt nicht.

Obiger Leitfaden als PDF

Mehr zum Thema unter leidmedien.de

Ausserdem empfehlenswerter und (leider) immer noch aktueller Artikel von Cornelia Renggli im Medienheft vom 23. November 2004 über die stereotype Darstellung von Behinderung in den Medien.

Ein Gedanke zu „Sprachleitfaden Behinderung

  1. Danke dir Marie! Sprache sagt unbewusst viel. Darüber nachdenken und bei Bedarf in meinen Texten anwenden. Ein super Hinweis, danke!

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